Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/w009437f/wp-content/plugins/wpseo/wpseo.php on line 12

Dezember 2007



Theorie der Hundestadt


31. Dezember 2007, 11:12 Uhr

Zu den vielen kleinen und grossen Gemeinheiten, die wir den Tieren zumuten, gehört auch die Popkultur. Nicht zufrieden damit, die Verlierer der Evolution zu ermorden und aufzuessen oder – wenn sie uns ein bisschen sympathisch sind – halbgefesselt, d. h. “angeleint” durch die Strassen zu führen, schrecken wir auch vor jener Erniedrigung nicht zurück, die sich im Mittelalter ab und zu der Landadel mit seinen Leibeigenen gönnte: Wir machen sie zu Darstellern oder immerhin verwirrten Zuschauern kultureller Darbietungen, die sie unmöglich verstehen können.

Gibt es etwas Traurigeres als den Blick in die Augen eines stolzen Schäferhunds, den ein postdramatischer Theaterkünstler auf die Bühne gelockt hat? Kann man sich eine tiefere Melancholie vorstellen als jene des Zwergpinschers, der von einem Szenegänger gezwungen wird, sich in einem angesagten Hinterhofclub den neusten vierfach gezwirbelten Electro-Edelshit reinzuziehen? Erzählt nicht bereits Cechow, nach Kaminer und Stalin der bekannteste russische Spassmacher aller Zeiten, von der immensen Langeweile eines “Hündchens”, das von einer “Dame” ins Theater geschleppt wird? Da aber Mensch und Tier von einem unerbittlichen Schöpfergott gezwungen sind, die gleiche Erde zu bewohnen und die gleiche Popkultur zu teilen, stellt sich die Frage: Gibt es Gegenstrategien? Gibt es Stimmen, in denen das sogenannte “Andere”, die unterdrückte Kreatur spricht? Werfen wir einen Blick nach Berlin, wo neue soziale Experimente schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder eine interessierte, engagierte Mittäterschaft finden.

Von Frühling 2003 bis Herbst 2006 wohnte ich (aus Geiz und wissenschaftlichem Forscherdrang) in dem Berliner Asozialen-Bezirk Pankow – jenseits des S-Bahn-Rings, wo die schicke Berliner Innenstadt sich in urbaner négligence übt, d. h. übergangslos in Plattenbau, Billigmärkte und zerbombte Grundstücke ausfranst. Hier, wo gemäss einer Statistik der wip 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind, sind neue philosophische Strategien gefragt. Es verwundert deshalb nicht, dass ich sowohl die Parteizentrale der Jungen NPD wie auch der Ökologischen Rechtspartei, gemäss deren Theorie jede Rasse ihren arteigenen Boden braucht, in Pankow bequem auf dem Weg in den Penny-Markt besuchen konnte. Dort wiederum empfing mich das kontemplative Schweigen und sphärische Murren der Rentner, die derart depressiv und erloschen aussahen, als würde sich unter ihrem grauen Einheitswams nicht bloss eine verquollene Alkoholikerpersönlichkeit, sondern eine Sammlung sämtlicher Dissertationen zu Heideggers Theorie des “Seins zum Tode” befinden.

Aber kommen wir nicht vom Thema ab: Denn hier geht es um Tiere, nicht um Menschen, beziehungsweise um die Mischformen zwischen beiden – also um das, was der französische Soziologe Bruno Latour einen “Hybrid” oder ein “Gemenge” nennen würde. Berlin ist die hundereichste Stadt der Welt, und Pankow, schätze ich, hat sich innerhalb dieser hochkarätigen Konkurrenz mit Einsatz und Konsequenz die Siegespalme errungen.

Kein Gang zum Dönermann, auf dem ich nicht einem Glatzkopf in Begleitung eines Schäferhunds oder einer Kampfdogge begegnete. Kein frühlingshaftes Lüftchen ohne das schwere, unverkennbare Parfum frischer Hundekacke. Da aber der Berliner und insbesondere der Pankower erst dann zufrieden ist, wenn eine Situation vollständig inhuman ist, verwendet er auch seinen Hund nicht als das, was man früher einen Gefährten nannte, also als Steigerung der eigenen Menschlichkeit, sondern als eine Art Aggressions-Akkumulator: Er quält ihn, lässt sich von ihm quälen, er zwingt ihn zu verzweifeltem Gebell und schreit ihn dann an, nur, damit der arme Hund noch lauter bellt. Aber nicht nur der Halter selber wird in Gesellschaft des Tiers erniedrigt und vertiert. Auch der Hund, mit dem Menschen durch eine Leine quasi intravenös verbunden, wird nach und nach der guten Eigenschaften seines Hundeseins entblösst. Es ist wie ein gegenseitiges Coaching, bei dem Hund und Mensch die niedersten Eigenschaften miteinander tauschen, um zu einer Metapher der Bösartigkeit zu verschmelzen.

Damit wären wir auch schon im Kern dieser interessanten mikrosozialen Strategie, die auf drei problematische Zustände zugleich antwortet: die durch die Arbeitslosigkeit bedingten Wutgefühle, das schwierige Nebeneinander von Mensch und Tier und jenes vage psychische Durcheinander, das Freud einmal, als wäre ihm der Hundehalter ein besonderes Anliegen, “das Unbehagen in der Kultur” genannt hat.

Der Hass, den der Ostberliner Nazi und der Hund von einem epistemologisch, also erkenntnismässig sehr ähnlichem Standpunkt auf die Kultur in all ihren humanen Ausformungen empfindet, kommt in dieser Hybridform von Mensch und Hund zu ganz ungeahnter Potenz und stellt eine reale gesellschaftliche Kraft dar, die sich immer lauter zu Wort meldet. Nach neuesten Schätzungen fünfmal pro Sekunde wird in Berlin ein Passant von diesem postmodernen Nazi-Hund-Gemenge, das “die Differenz zwischen Mensch und Ding leugnet” (Latour), angefallen. Schon ganze Strassenzüge werden in der Bundeshauptstadt von solchen Hybriden beherrscht, oder, um noch einmal die Worte des grossen postmodernen Soziologen Bruno Latour zu verwenden: “Die Gemenge und die Netze haben nun den ganzen Platz für sich.”

Wer handelt, frage ich mit Bruno Latour, wenn ein Hundehalter sein postmodernes Durcheinander aus Gezogenwerden, Ziehen, aus Befehl und Widerstand “praktiziert”: der Hund oder der Halter? Wer spricht, wenn ein Hybrid sein Neo-Deutsch aus Gekläff und Geschrei von sich gibt: der Mensch oder das Tier? Ja, lieber Leser: Wer begegnet uns, wenn uns ein deutscher Hundehalter begegnet?

(Bild entfernt)
“Von einem unerbittlichen Schöpfergott vereint”

Damit befinden wir uns an einem theoriegeschichtlich nie dagewesenen Punkt. Traditionell wurde die postmoderne Theorie nur von 20jährigen Studenten, der Berliner Volksbühne und einigen kleineren Offtheatern wörtlich genommen und von ernsthaften Intellektuellen unter dem Kapitel “gequirlter Edelshit” abgehakt. Nun, da die Hybriden in Berlin die Macht übernommen haben, ist die postmoderne Theorie erstmals sensu stricto für die Katz – beziehungsweise für den Hund. Beziehungsweise für das Gemenge von Hund, Halter und bodengerecht niederfallender Nazikacke.

Nur etwas betrübt mich dabei, obwohl ich mich natürlich für unsere vierbeinigen Freunde und ihre (noch) zweibeinigen Halter freue. Philosophische Stadtutopien hatten es nämlich früher an sich, dass sie, wie man in der Postmoderne sagte, “virtuell” waren und eher beiläufig, eher versuchsweise in die Wirklichkeit hineinragten. Platons Philosophenstadt, Speers Reichshauptstadt, Corbusiers Wohnmaschinen, die Hippiekommunen – alles bloss Gedankengebäude, die, wenn überhaupt aufgebaut, schnell wieder in sich zusammenkrachten.

Die Hundestadt, wie sie in Berlin entsteht, ist stabiler, da sie auf keinem Quentchen Grössenwahn, auf keinem Milligramm Utopie, sondern ausschliesslich auf den niedersten Instinkten ruht: auf sozialem Neid, auf dem Hass, der Einsamkeit und der Verzweiflung einer ständig wachsenden Unterschicht, die nur noch im Tier ein genauso erniedrigtes Objekt findet. Die Berliner Hundestadt ist – neben dem Faschismus, der aber die Hundefrage nicht löste und (ein verhängnisvoller Fehler!) auf der Sprache und kulturellen Symbolen als Kommunikationsmittel beharrte – die erste deutsche Sozialphilosophie, die Realität geworden ist.

Tiere aller Arten – vereinigt Euch!

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | 1 Kommentar »



vistit IIPM



Wünschen Sie die Erlösung Europas?


30. Dezember 2007, 13:47 Uhr

Nicht mal zu träumen wagt man sich im Ich, immer steht man bloss halb ausserhalb, das Ich aus dem Kreis der Schaulustigen oder irgendwelcher Sinnzusammenhänge anstarrend. Nur die Angst und die Euphorie oder nur die Verwunderung, die dieses Ich erleben muss, die fühlt man mit, die ist ein eigenes Etwas: ein atmosphärisches Gefühl zum Beispiel, also ein Nachgefühl, eine Erinnerung an diese Seltsamkeit, SICH-SELBER-ZU-SEIN, ein Hirn in einem Körper, ein Leben in einer Situation, die man, dann auf einmal wach und mit kratzigem Hals, noch eine Weile mit sich rumträgt.

Heute Nacht wieder einen dieser nervösen, düsteren Träume gehabt: Irgendwelche Kunst-Beauftragte bereiten ein Schauspiel vor in einem gewaltig grauen Theaterspielhaus, in Polen oder Lettland oder Weissrussland, ein grossartiges Ereignis, irgendwas Absurdes, vermutlich Havel, Mrozek oder Majakowski, und mir ist, träumend, sogar träumend ist mir halb schlecht, wenn ich an den langweiligen, aufgesetzten Kunst-Blödsinn denke, den diese professionellen polnischen oder lettischen oder weissrussischen Spass-Vernichter sich vermutlich ausgedacht haben, aber dann geht mir, träumend, ein Feuilletongedanke durch den Kopf, nämlich: “Bei den Polen ist das Theater sicher ganz anders.” Während ich also da in meinem Traum stehe und auf die Exotik des polnischen Theaters hoffe, während ich mir ausmale, dass es in Polen oder Weissrussland diese blöde angelernte Regie- und Schauspielkunst möglicherweise nicht gibt, so wie es, denke ich mir, in diesen Ländern vermutlich auch kein “funktionierendes Gesundheitssystem” gibt oder an jeder Ecke ein “funktionierendes Kulturzentrum” mit zwanzig Jungdramaturgen und Kunststudentinnen, die an irgendeinem Programmheft feilen, in dem die Popkultur und die Hochkultur und die Wissenschaft und der Punk und die kleingeschriebene Poesie und die immer gleiche französische Theorie Debord/Derrida/Deleuze wieder einmal eine ihrer biederen kleinscheisserischen Hochzeiten eingehen, so wie es (denke ich) DORT, im Polen/Weissrussland/Lettland meiner Träume auch eine “funktionierende Kanalisation” nicht gibt oder eine “funktionierende Demokratie” und den ganzen Quatsch, so gibt es DORT eben auch keine “funktionierende Theaterkunst”, Gott sei’s gedankt – und während ich all das so denke, mitten in meinem Traum stehend, von Feuilleton-Hoffnungen beruhigt, während ich da so stehe und meine kleine Tochter auf dem Arm halte: sehe ich, wie auf meine Frau, die etwas abseits steht und ein polnisches/weissrussisches/lettisches Bier trinkt, plötzlich ein osteuropäischer Intellektueller zutritt, vermutlich ein Schauspieler. Er grüsst sie sehr höflich, bleibt wippend, den Kopf etwas vorgestreckt und freundlich nickend stehen und fragt sie: Wie ihr das Stück denn gefallen habe – Did you enjoy our play?

Meine Frau sagt etwas, das ich nicht verstehen kann, es muss aber was Lustiges, was Kluges gewesen sein, denn beide lachen. Ich fühle einen ganz sanften Stich und will auf die beiden zugehen. Immerhin ist sie meine Frau, und wenn sie was Lustiges sagt, dann sollte zuallererst ICH darüber lachen. Und wieso eigentlich: Did you enjoy the play? Dieses play hat doch, denke ich mit etwas Verachtung, noch gar nicht stattgefunden. Dann bleibe ich aber doch stehen, denn ich habe keine Lust, mich in meinem schlechten Englisch abzumühen (obwohl natürlich, beruhige ich mich, das Englisch dieser Osteuropäer mit Sicherheit noch ein bisschen schlechter ist. Es sei denn, es handelt sich um Polen, die ja vor Amerika auf den Knien kriechen und deshalb, um die Befehle der ambassadors in Warschau/Krakau/Danzig auch richtig verstehen zu können, gutes Amerikanisch sprechen müssen.)

Ich bleibe also – da ich den Moment jetzt endgültig verpasst habe – wie angewurzelt stehen, in eifersüchtige, immer antipolnischere Gedanken versenkt, und meine Tochter, die auf meinem Arm eingeschlafen ist, kraust kritisch die Stirn und zieht ihren Mund zu einer Art beleidigtem “Oh” zusammen, als die zwei Schauspieler – denn auf einmal sind es zwei! – bei meiner Frau in ein völlig übertriebenes, ja: weibisches Salon-Löwen-Lachen ausbrechen und sich in irgendeinem Slawisch kleine Satzfragmente zurufen, vermutlich Auszüge aus dem, was meine Frau gerade gesagt hat. Einige weitere osteuropäische Künstler, die zufällig vorbei schlendern und das Lachen gehört haben, gesellen sich dazu. Sie begrüssen meine Frau wie eine alte Bekannte – das erstaunt mich kaum mehr, macht mich nur noch verbitterter -, um mit ihr über dieses verdammte Stück zu sprechen, das, soweit ich weiss, noch gar nicht gespielt wurde.

Quälend langsam vergeht meine Traum-Zeit. Nun hat sich schon eine ganze Horde von Polen oder Weissrussen um meine Frau geschart – “Rundköpfe”, wie ich sie bei mir nenne -, ich sehe meine Frau nur noch für Sekundenbruchteile, spotartig, wenn die Körper dieser weibischen osteuropäischen Künstler zufällig eine Lücke lassen. Bei dem ganzen Lärm um ein nichtgespieltes Stück ist meine Tochter aufgewacht, und ich fahre ihr mit dem kleinen Finger über die Augenbrauen, damit sie wieder einschläft, während ich weiter Ausschau halte nach einem Gesichts- oder Haarfragment meiner Frau in den mal hier, mal dort sich auftuenden Zwischenräumen in der polnischen Kunstszene. Als meine Tochter kurz aufschreit und sich zwei osteuropäische Künstler nach mir umblicken, fühle ich Scham, vermischt mit etwas Wut: weil mein Kind schreit und weil sich niemand zu mir gesellen will. Ich bekomme ernsthafte Lust, ein wenig an der Bar herum zu zündeln, ziehe eine Brandlegung in Erwägung, erinnere mich dann aber, dass ich ja nur eine Hand frei habe – was höchstens für ein Degen- oder Pistolenduell ausreichen würde, bei dem ich wiederum einem Polen, der ja zwangsläufig adlig ist, weit unterlegen wäre. Als hätte ich bereits Blei im Körper, gehe ich langsam auf eine offen stehende Verandatür zu.

Draussen, wo ich die Taiga erwartet habe oder immerhin einen scharfen russischen Wind, liegt das Thurgau. In sanften Schwüngen fallen die Hügel ab bis zum Bodensee. Die Zweige der Obstbäume biegen sich in einem ganz nachlässigen Morgenwind, die Früchte sind von der ersten Sonne wie verzinkt. Meine Tochter schläft wieder. Ich höre einen Ast brechen, da reiten zwei Schulmädchen auf mich zu. Steif aufgerichtet sitzen sie in den Sätteln, kleine, ernsthafte Mädchen mit gesteppten Windjacken und riesigen Nasen. Bei mir bleiben sie stehen und blicken in die Landschaft hinaus.

“Was haben wir als erstes?”

“Reli.”

“Ach, Jesus Maria.”

Dann bückt sich die eine, die einen grossen Fleck am Hals hat und vermutlich Geige spielt, zu mir herunter: “Guten Tag.” Ich nicke ihr zu. Ihr Pferd schnaubt und schüttelt den Kopf. Nachdem sie es kurz gezüchtigt hat, blickt das Mädchen mich ironisch an und fragt:

“Wünschen Sie die Erlösung Europas?”

Da seufzt meine Tochter im Schlaf und lässt ein Fäustchen hochzucken, das langsam, ganz langsam wieder auf ihren Bauch hinunter sinkt. Mir wird so unendlich leicht ums Herz. Ich gucke zu dem Mädchen hoch und sage: “Nein, danke.”

(Bild entfernt)
Konstruktionsplan für ein absurdes polnisches Theaterstück

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | kein Kommentar »



vistit IIPM



Voltaire in Tunis


29. Dezember 2007, 09:58 Uhr

Gestern Abend dachte ich mir: Das Theater, wie lustig das doch ist! Heute früh lese ich, um mir die Zeit bis zu Ludwigs Umzug zu vertreiben, in Gides Kriegstagebüchern. Es ist erstaunlich, wie selbst Gides Sprache, der den Krieg verachtet und zur Entspannung Hölderlin im Originaltext liest, vom Faschismus durchdrungen ist. Die Zwangsvorstellungen von Dekadenz und Stärke, von der “Jugend” Deutschlands und der “Müdigkeit” Frankreichs. Trotzdem: Hitler darf nicht siegen! “Soll die ganze Arbeit eines Descartes, eines Montaignes von vorne angefangen werden?”

Dann bombardiert die Royal Air Force den Hafen von Tunis, ein starker Wind trägt die Bomben in die Stadtmitte, es gibt viele Tote, darunter sind fast keine deutschen Soldaten. Bei den Räumungsarbeiten stürzt eine Mauer zusammen und tötet noch einmal zehn, zwanzig Menschen. Gide seinerseits findet in den Trümmern einen Bücherkoffer: darunter der Dictionnaire Philosophique von Voltaire! “Der Artikel über Ravaillac, in Dialogform, ist besonders hervorzuheben.”

Bei Gide steht auch der perfideste Satz, den ich zum Holocaust jemals gelesen habe. Wie vieles aus diesen Tagebüchern stammt er aus einer ganz vergessenen Welt, aus diesem (wie der arme Gide sagen würde) “zermalmten” Europa der Vorkriegsjahrhunderte, in dem man über “das Jenseits” noch sprach wie über ein Spezialproblem der Hirnwissenschaft. Gide zitiert den Satz, ich weiss nicht, woher – ich las ihn gestern vor dem Einschlafen und zitiere ihn aus dem Kopf: “Warum sollten die nicht in dieser Welt brennen, die es in der nächsten ohnehin müssen?”

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | kein Kommentar »



vistit IIPM



Die Sanftmut des Franz Biberkopf


28. Dezember 2007, 23:52 Uhr

Spielplan Deutschland im Theaterdiscounter, Berlin. Das meistgespielte Stück in Deutschland: Gott des Gemetzels von Yasmina Reza. Gleich darauf Arsen und Spitzenhäubchen, irgendwo dahinter Lutz Hübner, Goethe, dann Musicals, die Comedian Harmonists… Einige Schauspieler nutzen jede Gelegenheit, in den oberen Brustkorb zu atmen, mit aufgerissenen Augen ins Unendliche zu gucken, den Kopf etwas vorzustrecken, getragen zu sprechen, ganz bereit, an ihre Workshop-Ergriffenheit zu glauben, an ihre billige Ironie, diesen Denkersatz, den irgendwelche Dozenten ihnen vorgemacht haben. Als wäre ein Gefühl oder ein Gedanke eine Art Tonlage, die man halt besser oder schlechter trifft. Wem machen sie was vor? So ist das deutsche Theater.

Aber Liliom, was ist das für ein Stück! Mit jedem Satz blickt man direkt ins Zentrum der Figuren, als kämen diese, mit jedem einzelnen Satz, von aussen in die Schauspieler hinein, als würden die Schauspieler ihre Figuren, redend, inhalieren, selber ein bisschen erstaunt…

Der schönste Moment: Als Heiko Senst als Franz Biberkopf auf die Vorderbühne tritt, den einen, den verlorenen Arm in die Hosentasche gesteckt. Nachdenklich, aber ohne Gedanken. (“In Gedanken” bedeutet ja eigentlich: “ohne Gedanken”.) Um ihn herum: das Proletariat. Die Weltwirtschaftskrise. Dieses Berlin, das nicht bereit ist, irgendeine Schwäche zu verzeihen. “Ich bin kein Mann mehr”, sagt Franz Biberkopf, mit unendlicher Sanftmut. Ja, ich glaube, er sagt das ohne Bestürzung. Erlöst, fast mit einer Begeisterung…

Wenn ein wirklich guter Schauspieler vor einem steht, dann ist es wieder so märchenhaft wie als Kind – man muss schweigen und zuhören. Natürlich kann das sonst keine Kunst.

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | kein Kommentar »



vistit IIPM



Was ist Soul?


28. Dezember 2007, 16:48 Uhr

(Bild entfernt)
“Allein in gefährlicher Umgebung” – Otis Redding

“Soul ist nicht einfach die Musik der Seele, sondern eine emotionale Musik, die zugleich um die Gefahren eines ungehemmten seelischen Exhibitionismus weiss. Eine Musik, die sich durch Style schützt. Gerade weil ich mich nicht auf die Anteilnahme meiner Umgebung verlassen kann, habe ich ja die Empfindungen, die ich habe. Wer Soul hat, empfindet tief, ist aber auch allein oder in gefährlicher Umgebung. Er braucht daher einen Style, der ihn schützt, der seine Öffnung abschirmt mit einer latenten Androhung, selber kalt zu werden.

Die Gegenposition – die Position des ungeschützten Tiefsinns – ist in der Regel zu narzisstisch, um sich über die anderen Gedanken zu machen, zu narzisstisch, um paranoid zu sein. Oder zu jung. Oder einfach behütet aufgewachsen. Dieser Typus will beichten, es rauslassen, alles sagen, von Identität und Todesangst erzählen und anderen Psychomüll für Gleichgesinnte in Moll- und Kirchentonarten verbreiten.”

(Bild entfernt)
“Er brüllt… brüllt…” – Diedrich Diederichsen

So erklärt das absolut korrekt Diedrich Diederichsen in seinem hübschen Band Musikzimmer. Wiederaufgenommen wurde der Text ins eben erschienene, auch ganz nette Alphabet der polnischen Wunder. Meine Empfehlung! Übrigens habe ich Diederichsen zum ersten Mal in Kippenberger – der Film bewusst gesehen. Ich hatte ihn mir bis dahin, aus welchen Gründen auch immer, als grossgewachsenen schlanken Adonis vorgestellt. Manchmal sah ich ihn auch als blondgelockten Löwen vor mir, wie er in den Spex-Räumlichkeiten, von irgendeiner hippen Idee hinterrücks angefallen, den Kopf in den Nacken schleudert und brüllt… brüllt… Aber er gleicht merkwürdigerweise mehr einem sympathischen Hamster. Einem Hamster mit Max-Frisch-Brille, der in herrlichen, wie aus Glas geformten Sätzen zu uns spricht.

“Was jetzt? Du hast Diederichsen wirklich noch nie gesehen?”

“Nie bewusst.”

“Ich dachte, Du hast den schon mal getroffen.”

“Unbewusst. Nur unbewusst. Nur im Traum.”

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | kein Kommentar »



vistit IIPM

Navigation: »


« Vorherige Einträge
projekte

iipm channel