Dezember 2007
Free Mandela oder Wie ich lernte, das deutsche Theater zu lieben
28. Dezember 2007, 15:51 Uhr
“Weisst Du”, sage ich, “diesen Effekt zu erzeugen. Wie zum Beispiel Albee das gemacht hat. Oder Bauer. Oder manchmal auch der Goetz Rainald. Wenn Dies-und-Das passiert, eben auch einfach Dies-und-Das aufschreiben. Sich nicht zu gut sein für einen Witz. Sich nicht zu gut sein für die Beschreibung der laufenden Ereignisse. Wenn einer ins Zimmer kommt, dann sagt man dem zum Beispiel: Ach so, Du bist das. Hallo. Ist es kalt draussen? Und der antwortet: Naja, es ist ein Scheisswetter, es regnet. Aber ich habe mir diese linksfaschistische Tages-Zeitung da über den Kopf gehalten. Undsoweiter. Gefasel. Geblödel. Dümmliche Scherze. Auch Gefühle, von mir aus. Aber nicht so ausgestellt. Nicht so ein zusammengestoppelter Style-Realismus. Nicht diese komische Kurzsatz-Sprache, womöglich alles klein geschrieben, womöglich ohne Komma, womöglich immer nur ein paar Wörter pro Zeile, diese deutsch-deutsche Sprache, bei der man sich immer ganz unfreiwillig zusammengekniffene Arschbacken vorstellen muss. Fleischlose, zusammengekniffene, deutsche Arschbacken. Wo man gar nichts mehr versteht vor lauter Theater-Arschbacken… Nein, einfach mal einen Vorgang erschöpfend schildern. Natürlich nicht ohne Humor. Nein-nein. Das wäre ja tödlich. Nicht ohne Angeberei. Nicht ohne das letzte Wort zu behalten. Nicht ohne die allerkläglichste Gefallsucht. Nicht ohne die sogenannte Dialektik. Nicht ohne l’Amour. Warum auch? Jeder, wie er kann, aber niemand, wie man muss.

“Nicht ohne Humor. Nein-nein. Wäre ja tödlich…”
Was ich nicht ertrage, das ist dieser Formalismus. Dieses Theaterdeutsch, das es nur auf den deutsch-deutschen Bühnen gibt. Diese Theatergefühle, die nur das deutsch-deutsche Theater kennt. Diese deutsch-deutschen Theatergesten und “Bilder” und “Themen”, diese deutsch-deutsche Theaerpoesie, die jede humane oder bloss theoretische Schönheit restlos unterminiert… das Schlechteste von Pinter, das Schlechteste von Fosse, das Schlechteste von Müller, das Schlechteste von Artaud, dazu etwas blödsinnige Schweigsamkeit, deutscher Protestantismus, deutscher Expressionismus, hysterische Verkrampftheit und eine ganz verblödete Vorstellung von Figur, Story, Handlung… darüber eine Prise Feuilletonhysterie gestreut… die Nazis aus dem Schrank geholt… die alten Vorwürfe ausgepackt… krass abgefeiert… den Bataille oder den Sennett oder die RAF oder den Wie-hiess-er-noch-gleich-diesen-Hirnforscher zitiert… die Themen von der Startseite von gmx geklaut… das ergibt die Deutsch-deutsche Dramatik… Die Schönheit des Erkennens, die ganze sanfte verworrene anspielungsreiche Verborgenheit der Bedeutung im Ereignis… die Schleichwege der Selbstverliebtheit… die Fluchtwege der Seele in der Sprache und im Dasein… darum sollte es dem Theater doch gehen, denke ich… Oder wie? Und da die Wirklichkeit nicht mitbekommt, dass wir uns für sie interessieren, haben wir freie Hand. Main libre! Mano libro! Free Hand! Free Mandela! Man kann nicht immer düster und deutsch herumlaufen und nach dem richtigen deutsch-deutschen Theater-Wort suchen wie in einem elisabethanischen Königsdrama… und man sollte lügen, ab und zu. Aber ehrlich lügen! Ohne Pathos lügen! Aus Schwanzlosigkeit lügen! Aus Gefallsucht lügen! Aus Schwäche lügen! Aus Wut lügen! Lügen aus Rechthaberei! Aufrichtig lügen!”
Lieber Maler, male mich (the Weltgeist says)
28. Dezember 2007, 14:13 Uhr
In einem Leserkommentar zur Literaturbeilage der NZZ am Sonntag beklagt sich ein Leser, das Bildmaterial sei nicht richtig recherchiert. Er hat recht: In einem Text der Gulagforscherin Anne Applebaum, in dem sie sich wieder einmal über die Gewalttätigkeit der Kommunisten beklagt (und eigentlich der Russen überhaupt), ist ein Bild mit dem Untertitel “Die Erstürmung des Winterpalasts am 25. Oktober in St. Petersburg” abgedruckt. Es handelt sich dabei aber um ein Bild, das drei Jahre später anlässlich eines Proletkult-Festivals gemacht wurde: “Festivals wie diese sollten der Identifikation der Zuschauer mit dem re-inszenierten Ereignis dienen – durch das Spektakel selbst und durch die kollektive Erinnerung, die es verkörperte und hervorrief.” Es ist übrigens eines der ganz wenigen Bilder dieses Festivals, dessen Organisator Nikolai Evreinov die DFG kürzlich ein Forschungsprojekt gewidmet hat. Als Eisenstein sieben Jahre später seinen Film Oktober drehte, liess er das Ereignis noch einmal nachspielen – Evrenovs Version, selbstverständlich. History is a tramp.
Die Erstürmung des Winterpalastes
27. Dezember 2007, 21:18 Uhr
Wer ist hier dumm? Nachdem ich die Kritik zu Wes Andersons The Darjeeling Limited geschrieben habe, stöbere ich wild und ziellos im Netz und meinem Büchergestell herum. Bestelle Bücher in der Staatsbibliothek. Der Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf, dass meine Kritik hämisch ist (jedenfalls nicht besser als das, was ich in Die Dummheit der Kunst beschrieben habe), apodiktisch einfach deshalb, weil mir die nötige Zeit gefehlt hat – und weil man vor dem Schreiben nicht wissen kann, was man denkt. Man wird von seinem Denken überrascht. Und so, kaum vorbereitet, will man sich rechtfertigen. “Du schreibst immer gegen etwas”, hat mir mal jemand gesagt.
Klaus Lemke vs. Reinhart Koselleck. Ein Klaus-Lemke-Interview gelesen: “In Undercover Ibiza geht es um einen 67-jährigen Oberst a. D. Den spiele ich. Der tut so, als würde er seinen Sohn aus dem Sumpf der Ibiza-Drogen retten. In Wirklichkeit will er nur dessen Freundinnen ficken. Und das klappt.” Oder: “Ich bin der Meinung: Jeder sollte reiche Eltern haben und jedes Mädchen einen grossen Busen. Ist aber nicht so.” Daneben liegt Reinhart Kosellecks Aufsatz Über die Verfügbarkeit der Geschichte – “Geschichte als Kollektivsingular ohne Bezugnahme auf ein zugehöriges Subjekt”, oder: “Der Niedergang des britischen Empires ist zum Ereignis geworden.” – ich springe da so hin und her. Beides grossartige Unterhalter, Koselleck bevorzugt rein thematisch Napoleon, Roosevelt und Hitler, Lemke “die Mädchen”. Man sollte immer einen Lemke und einen Koselleck parallel lesen, um den im Kopf noch viel zahlreicher parallel und durcheinander laufenden Denkströmen immerhin ab und zu etwas Passendes vorlegen zu können. (In was für eine Maschine man das alles hineintut. Und man liest ja einen Satz, damit von innen her vielleicht ein anderer antwortet.)
Wunsch, einen Helikopter zu besitzen. Punktgenaue Landungen wären möglich. Bild: Schneeverwerfungen in Form kleiner Häufchen am Rand der Landezone. Bild: Polizisten mit Wintermänteln, die von allen Seiten geduckt auf den Helikopter zulaufen. Geräusch: das Knirschen und das heisere Geschrei in verschiedenen Bergdialekten, das aus dem Funkgerät dringt. Theorie: Ein Helikopter gehört, zwangsläufig, nach Vietnam oder in die Schweizer Alpen. Fünf technische Fragen: Kann man einen toten Dichter lieben, wie man einen lebenden Hund liebt? Kann man ein Haus komplett nach aussen drehen? Kann man eine Strasse, die steil einen Schweizer Berg hinaufgeht, als eine Strasse betrachten, die schnurgerade entlang der französischen Atlantikküste führt? Kann man die Wartung des Helikopters einem Einheimischen, d. h. einem Rätoromanen anvertrauen?
Die Erstürmung des Winterpalastes. Der Bürgermeister von Petersburg, der von dem geplanten Aufstand gehört hatte, liess nachfragen, ob nun bald etwas geschehen würde. Schliesslich machte sich Lenin mit einer billigen Perücke und einem schnell übergeworfenen Kopftuch auf den Weg zum Smolny-Gebäude und befahl den Start der Aktionen. Niemand leistete Widerstad.
Als der Führer der Übergangsregierung, Kerenski, am nächsten Morgen feststellte, dass der Winterpalast von den Bolschewisten besetzt worden war, entschloss er sich zu fliehen. Da die Revolutionäre aber aus allen Autos die Verteiler entfernt hatten, musste er den amerikanischen Militärattaché bitten, im seins zu leihen, was dieser nur gegen Ausstellung einer Quittung tat.
Kerenski entkam unbemerkt aus Petersburg, schnell und in Gedanken verloren, Zigaretten rauchend, seinen kurz geschorenen Kopf seitlich aus dem Fenster gereckt, weil die Frontscheibe vereist war. Die Erstürmung des Winterpalastes war so unbemerkt vor sich gegangen, dass es sogar nach der Einnahme noch Führungen gab. Ein paar Ministerkollegen Kerenskis, die sich Stunden nach der Oktoberrevolution im Westflügel des Gebäudes aufhielten, wo es ein ein paar sehr bequeme Rauchzimmer gab, wurden eher zufällig von jungen Soldaten angetroffen und über die Ereignisse aufgeklärt. Sie hielten es für einen Witz und beleidigten die Soldaten auf französisch, damit sie es nicht verstanden.
Kerenski war zu dem Zeitpunkt 36 Jahre alt und plante, ein paar Wochen später, wenn der Aufruhr vorbei wäre, wieder in die Hauptstadt zurück zu kehren. Aber schon als er, kaum hatte er die finnische Grenze überquert, wie unter dem Einfluss eines Nervengifts halbtot in einem billigen Pensionsbett lag, fühlte er, “wie mein Herz klein wurde” – so beschrieb er es später in seiner Autobiographie. Draussen ging die Wirtin vorbei und fragte probehalber durch die Tür, ob der Gast einen Schluck Wasser haben wolle. Der junge Russe, der aussah wie ein Lehrer, gefiel ihr nicht. Sie war erst beruhigt, als sie hörte, wie Kerenski durch die Tür leise rief: Nein.
Als Kerenski 1970 in New York starb, verweigerte ihm die russisch-orthodoxe Kirche ein christliches Begräbnis. Sie machte Kerenski dafür verantwortlich, dass Russland, über ein halbes Jahrhundert zuvor, an jenem kalten Herbstmorgen dem Kommunismus anheim gefallen war.
History will repeat itself
21. Dezember 2007, 13:20 Uhr
In seinem Video “80064″ (2004) zwingt der polnische Künstler Artur Zmijewskis den Holocaust-Überlebenden Jósef Tarnawa, die in seinen Unterarm tätowierte, mittlerweile etwas verblasste KZ-Nummer nachstechen zu lassen. Der alte Mann will nicht. Er fürchtet, die Glaubwürdigkeit der Nummer dadurch zu zerstören. Aber Zmijewski besteht darauf. Man habe das vorher doch so besprochen. Warum er jetzt, vor laufender Kamera, sein Versprechen brechen wolle?
Schliesslich gibt Tarnawa nach. Zmijewski desinfiziert, tätowiert, wischt das Blut ab. Die Nummer ist schön geworden: sehr klar, sehr schwarz, von angenehm kühler Schärfe, ein wenig wie die Augenbrauen Marlene Dietrichs. “Sure, it looks nicer now”, sagt Tarnawa, “It’s more visible, more eye-catching.” Er sagt es ohne Freude, aber auch ohne Bedauern.
Das eigentlich Erstaunliche dieses Videos ist nicht der krasse Naturalismus des Tätowierens – dass man etwas über Auschwitz erfährt. Ich erinnere mich, wie Zuschauer geweint haben, als sie “Schindlers Liste” sahen oder “Shoa”. Die plötzliche Erkenntnis, dass das alles wirklich geschehen ist, riss sie mit.
Die Qualität von “Auschwitz”, die Zmijewski in seinem Video beschwört, ist eine andere. Auschwitz ist als Realität in dem Video ganz abwesend. Die Geschichten, die Tarnawa in der ersten Hälfte erzählt, verschwimmen zu einer Art Hintergrundrauschen. Weil die Situation fehlt, werden die Handlungen, von denen er berichtet, leer. Sie gehen uns nichts an: der deutsche Lagerkommandant, der willkürlich Menschen ermordet. Die Kälte. Der Hunger. Das sind eben so Geschichten. Schreckliche natürlich, wahre auch, sicher – aber Geschichten. Das sagt uns die erste, sehr klassische Hälfte des Videos.

Und auf einen Schlag ist alles da. Auf einmal will Zmijewski Tarnawa eine Nummer auf den Unterarm tätowieren. Der Übergang funktioniert als Bruch: Zmijewski argumentiert nicht. Vorher wurde über Auschwitz gesprochen, wie man das eben so macht in Dokumentarfilmen, und jetzt wird tätowiert.
Zmijewski gibt sich keine Mühe, Tarnawa zu überzeugen. Er erinnert ihn nur an die Vereinbarung. Der ganze Aufwand gibt ihm übrigens recht. Man hat sich in einem Tätowierstudio getroffen, die Sache hat vermutlich viel Geld gekostet. Wenn man sich auf ein Spiel eingelassen hat, sollte man es auch zu Ende spielen.
Tarnawa sucht nach Ausflüchten: Bei seinen Freunden komme das schlecht an, die KZ-Nummer “aufzufrischen”. Aber Zmijewski lässt sich nicht darauf ein. Er erinnert Tarnawa bloss nochmal an die Spielregeln. Als Tarnawa schliesslich tätowiert wird – “Tatsächlich, warum sollte ich es nicht tun, wenn ich es versprochen habe.” – kann man fast nicht anders, als sich ein wenig für ihn zu schämen.
“I was put in Auschwitz for no reason”, sagte Tarnawa etwas früher im Video. Und jetzt ist er in diesem Tätowierstudio. Weil es so ist, weil man es so abgemacht hat, wird Tarnawa tätowiert. Weil man nach Auschwitz kommt, wird man ermordet.
Ich glaube nicht, dass Tarnawa diese zweite Tätowierung, für die Zmijewski sehr berühmt geworden ist, lange überlebt hat.
Die Dummheit der Kunst
18. Dezember 2007, 21:10 Uhr
Ich habe eine Freundin, sie ist Kritikerin. Ich erzähle ihr von meiner aktuellen Arbeit, sie antwortet: “Interessant… jaja… aber das ist doch schon mal da gewesen… das haben die Dadaisten in den 20er Jahren bereits ausprobiert… dann natürlich die Situationisten, die Spur-Leute… und letzte Saison, als das dann der… dieser junge Kanadier gemacht hat, war es nicht mehr neu… ganz und gar nicht… war es, naja, langweilig war’s, angeranzt muss man leider sagen, humorlos und… Hoppla, bekommt er natürlich einen Preis dafür! (lacht auf)… Gut, als Handke das gemacht hat… an der Documenta 66… gut! Das war wie Rap, Hip-Hop war das… Da sind uns schon die Ohren aufgegangen. Ich hab den Handke ja letzten Herbst in Ljubljana wieder getroffen, wir haben ein Glas Wein getrunken… Handke hat Cicero zitiert, natürlich falsch… kann ja kein Latein, hat das nie gelernt… Grünbein übrigens auch nicht… und erst Sloterdijk, mit seinen Fremdwörtern. Lieber gleich selber erfinden! (lacht auf) Naja, der Handke ist aufgestanden und weggegangen, hat sogar noch einen Tisch umgeworfen, dabei habe ich ihn nur ganz freundlich drauf hingewiesen, dass sein Cicero-Zitat nicht ganz korrekt war… Aber das ist natürlich auch nur Pose, dieses: “Aus-dem-Weg-ich-bin-ein-wilder-Hund”. Dieses “Sich-nicht-unter-Kontrolle-haben”. Ich meine, Artaud, der WAR verrückt. Oder Lenz. Oder Robert Walser. Die WAREN verrückt. Nietzsche hat ein Pferd geküsst. Céline war Faschist. Nur mal zwei Beispiele. Und was hat Handke gemacht? Einen Tisch hat er umgeworfen. Und der Wein hat umgerechnet 80 Franken gekostet. Sowas ist doch langweilig…”
Recht hat sie natürlich, meine Freundin: Handke war immer schon vorher da, und vor Handke war Robert Walser da, und wenn das alles nicht reicht, dann gibt es immer noch Nietzsche und Céline, denn die waren schon immer da (keine Ahnung, wie). Es ist alles schon mal da gewesen, nur krasser, ehrlicher, stilvoller. Als Balthus seine ersten Bilder ausstellte, nannte ihn die Kritik einen Imitator der Surrealisten, und zwar einen schlechten, einen minderwertigen, einen angestrengt pornografischen. Heute muss man aufpassen, dass man nicht Balthus imitiert. Von Balthus aus sind aber höchstens noch Böcklin oder Vermeer sichtbar, so hoch ist auf einmal sein Blickpunkt geworden, von dem aus er, seltsam, noch vor vierzig Jahren seine viertklassigsten Zeitgenossen von schräg unten gesehen hat.
Aber so ist das. Der Gott der Kritik blickt zu uns herunter aus seinen ewigen Bezügen, sieht seine Geschöpfe auf den Feldern stolz die Hände in die Hüften stemmen, die frisch umgepflügt irgendwie uncool aussehen, irgendwie so physisch, irgendwie so hingedaddelt, irgendwie auch noch moralisch und geschwätzig, wie riesige Mengen Fair-Trade-Schokolade sehen diese gerade erst umgepflügten Felder aus, und der Gott der Kritik schüttelt ironisch den Kopf: Wieso freuen die sich? Wurde hier vielleicht zum ersten Mal gepflügt? Sind das vielleicht die ersten Ackermänner? Das ist doch jedes Jahr so. Man lese die Bibel. Die Odyssee. Alles über die Landwirtschaft wurde doch schon bei Homer gesagt! Und besser! Die eigentliche Frage (sagt der Gott der Kritik) ist doch: Macht Pflügen im Zeitalter von MTV, Second Life und Irakkrieg noch Sinn? Ist nicht die Unmöglichkeit des Pflügens das eigentliche Thema? Die Ironie des Pflügens, die Kritik des Pflügens, das Baudrillardsche des Pflügens, die Science-Fiction des Pflügens, das Pflügen in seinen Bezügen zur Lage der polnischen Saisonarbeiter? Zum Operaismus? Zu Guy Debord? Kann man in dieser geschwätzigen Artaudschen Pose heute überhaupt noch von der Landwirtschaft sprechen? Kann man mit dieser schwitzenden Schultheater-Selbstgerechtigkeit heute, zehntausend Lichtjahre nach Brecht, noch über Landwirtschaft sprechen? Heute, da die Landarbeit verschwindet? Und wenn überhaupt, Kinder: Man lerne erstmal richtig pflügen! Man gehe erstmal aufs Land und lebe dort mit den Bauern! Fühle, was sie fühlen! Denke, was sie denken! Wünsche, was sie wünschen! Und majestätisch zeigt der Gott der Kritik auf ein Feld, das zufällig vor zwanzig oder fünfzig Jahren umgepflügt wurde, und ruft: Das, Kinder! Das ist Landwirtschaft!
Nun… warum eigentlich Kunst? Warum trotzdem Kunst? Was zwingt uns zu dieser Wiederholung der immer gleichen Fragen und Dinge? Oder: Warum gibt es das nicht, in der Praxis – eine Wiederholung? Einen Bezug?
Vielleicht so: Jede Jahreszeit hat dieses eine magische Scharnier, diese Woche, in der die Luft sich nicht entscheiden kann, ob sie noch Herbst oder schon Winter sein will. Es ist wie eine Anrufung aller Sinne. Auf einmal ist da der Geruch von Kohleöfen in den Strassen, manchmal schon im frühen Oktober, die Geräusche tragen weiter, das Licht wird unmelancholisch, und eines Morgens dann, wie eine plötzliche Befreiung dieser Ahnungen, dieser geheimen Diskussionen zwischen Herbst und Winter, die schneidende Kälte – eine erste, schlagende Ankündigung, eine Theorie des Schnees, so klar wie ein Satz. Als hätte die Natur einen Sinn, den ich, ein kluger Hund, mit der Nase, mit dem Gesicht lesen muss… in dem ich alles Neue verstehe, in dem das Neue mir gegeben wird, in dem die Materie mit mir spricht, gerade weil sie sich wiederholt… und trotzdem: nur kalte Luft… kalt in einer bestimmten Gradzahl… und jedes Jahr ist das so (nun lächelt der Gott der Kritik), jedes Jahr tritt er auf: der Winter, dieser Pseudoavantgardist! Sticht dem Herbst, der wie ein abgehalfterter Hamlet im November steht, sein eiskaltes Florett in den Leib. Oho! Über Jahrtausende eingeübtes Todesgeschrei! Die immer gleichen pubertären Möchtegernerkenntnisse des Untergangs… übrigens war es früher ja viel kälter, gradmässig…. und erst in Russland, wie kalt es dort ist, aber wer liest noch Tolstoi… ach, wie langweilig… wie beleidigend dumm… wie gottverdammt kindisch!
Zugegeben, ich kann nicht erklären, wie mich das anrührt, diese Geistigkeit des Materiellen. Aber wie diese Leute, die das nicht verstehen wollen (natürlich nur als Kritiker nicht verstehen wollen, denn ohne diesen Instinkt wäre ein physisches Leben ja ganz unmöglich), über Kunst sprechen, die ganze Zeit, gehetzt, fahrig, wütend, voller Leidenschaft, über die Kunst, die doch gerade in der Dialektik, in der Auslegung dieses komischen inneren Widerspruchs unseres Hunde-Denkens besteht. Was nimmt die (absolut einsichtige) Unmöglichkeit, die Undenkbarkeit und Unmachbarkeit des Neuen seiner paradoxen Tatsächlichkeit? Was ändert die ganze Kunstgeschichte an unserer Hundenase, die (ein unbelehrbarer Don Quijote) in jedem Loch nach dem Glück schnuppert?
Kritiker (sagte einmal Joan Didion) sind Menschen mit geringem Selbstvertrauen. Das ist doch eigentlich sympathisch. Sie stellen sich abseits, dorthin, wo man redet, ohne dass geantwortet wird. Man spricht, aber über die Köpfe hinweg, also zu niemanden. Denn was ist ein anderer, wenn er nicht antworten kann? Theaterkritiker (zum Beispiel) verlassen nach der Vorstellung das Haus, als wäre Feuer ausgebrochen. Auf Briefe antworten sie nicht. Wie Kinder wundern sie sich, dass ihre persönlichen Wahrheiten, die sie als allgemeine ausgeben, eben auch persönlich genommen werden. Ich habe einmal eine meiner Kritikerinnen besucht: Sie hatte Angst vor mir, wie vor einem Gespenst, das auf einmal einen Körper hat. Ohne es zu merken, wich sie vor mir zurück und setzte sich dann auf einen Stuhl, der ganz hinten an der Wand stand. So sprachen wir eine Weile miteinander. Sie sah müde aus, so wie man es nach langen Wochen ohne Schlaf ist. An einem Pinboard hingen Kinderfotos. Ich hatte auf einmal Mitleid mit der Frau: Sie hatte doch nur ihre Arbeit erledigt, sie hatte sogar noch bis spät in die Nacht recherchiert – weil ihr etwas nicht klar geworden war, „ein Bezug“. Warum stand auf einmal dieses Gespenst in ihrem Büro? Warum plötzlich dieser existenzielle Ernst? Warum diese komische Besserwisserei? Warum war auf einmal alles so persönlich? Sie war ja selber nicht ganz einverstanden mit ihrer Kritik, mit diesen Verhältnissen, die einem zum Nachdenken keine Zeit lassen, in denen man in zwei Stunden viertausend, fünftausend Zeichen schreiben muss…
Nicht nur das Denken ist abstrakt, sogar die Dinge sind es. Die Menschen, vor allem die Menschen füreinander. Erst ihre Begegnung ist konkret: beleidigend, verwirrend, schmerzhaft. Das zwingt uns, die gleichen Konstellationen immer wieder zu wiederholen, damit wir sie noch einmal erleben und, möglicherweise, verstehen. Oder eher: damit wir sie noch einmal zu verstehen versuchen und, möglicherweise, erleben. Wir müssen die Dinge nicht abstrakter machen, denn das sind sie von sich aus; wir müssen sie konkreter machen. Wir alle sind angewiesen auf Sympathie. (Das ist der grösste Irrtum: dass die Dinge konkret sind, dass sie mit uns sympathisieren.) Aber die meisten Kritiker schreiben sich ihre fertigen Gedanken bereits während der Aufführung aufs Papier, immer die gleichen Vergleiche, die gleichen zweigliedrigen Adjektive, die gleiche hundertfach verkorkte Sprache, die gleiche professionelle Häme, die sich hinter Abstraktionen versteckt. Wie die Prinzessin auf der Erbse leiden sie am Verfehlen einer Absicht, die sie dem Kunstwerk zuerst eigenhändig untergeschoben haben: nämlich dem, über sich selber hinaus (und zu “sich selber” gehört auch der Kritiker) gültig zu sein. „Nichts leichter als das: man schneidet sich eine Kartoffel zurecht, bis sie wie eine Birne aussieht, dann beisst man hinein und empört sich vor aller Öffentlichkeit, dass es nicht wie eine Birne schmeckt, ganz und gar nicht!“
















