Januar 2008
Soyez gentil avec vos critiques
2. Januar 2008, 16:10 Uhr
Angefangen zu rauchen habe ich relativ spät, mit zwölf Jahren ungefähr. Das war aber nicht mein einziges Hobby, das “zu einem langsamen und qualvollen Tod führt”, wie man dank der Forschung heute weiss. Neben meiner Raucherei war ich weiteren, weitaus gefährlicheren Lastern ergeben, die typisch ostschweizerisch sind: Radkunststücke im Sittertobel, Schlägereien im sogenannten “Menzlenwald”, das Durchkriechen von Abwassersystemen, die Lektüre von Trotzkis gesammelten Werken, Speed-Onanie in katholischen Buchhandlungen. Mein gefährlichstes Hobby war aber sicher, den Kraftprotz meiner Klasse regelmässig zur Weissglut zu reizen. In seinem Schwitzkasten ging mir die Luft derartig aus, wie sie einem auch nach vier Schachteln Camel ohne Filter nicht ausgehen kann, wobei natürlich auch jeweils die in meiner oberen Hemdtasche verborgenen Zigaretten zu Bruch gingen. (Was man alles mit “gehen” formulieren kann – faszinierend!)
Meine Eltern dagegen führte ich mit einem einfachen Trick hinters Licht: Ich kaute Tann- oder Kiefernadeln, um den Rauchgeruch zu vertreiben. Einzige Nebenwirkung war, dass ich in höllischer Angst lebte, irrtümlich Eibennadeln zu erwischen, die hochgiftig sind. Da meine Mutter, wie ich später erfahren habe, den Trick aus eigener Erfahrung kannte und genau wusste, woran sie mit ihrem nach Waldesfrische riechenden Sohn war, hatte ich nichts davon – ausser Todesangst. Aber mit der muss man früher oder später sowieso fertig werden. Oder wie Friedrich Kittler anlässlich des Rauchverbots in der taz ausführt: “Die Summe der Todesarten bleibt jedenfalls strukturell auch für die Krankenkassen gleich, also auch die Kosten des Todes. Der Tod ist sowieso unvermeidlich.”

“Langsamer, qualvoller Tod” – die Eibe
Angesichts der Unvermeidlichkeit des Todes frage ich mich: Was macht eigentlich Alain Robbe-Grillet? Der älteste lebende Avantgardist? Der Erfinder des Nouveau Roman, dessen Bücher mit Sätzen anfangen wie: “Nun scheidet der Schatten des Pfeilers – des Pfeilers, der die Südwestecke des Daches stützt – den entsprechenden Winkel der Terrasse in zwei gleiche Teile.” Der u. a. Peter Weiss und Peter Handke das Schreiben gelehrt hat? Ja, was macht eigentlich Robbe-Grillet, oder wie man ihn in Frankreich nennt: “Robbe”?
Nun, er wurde vor ein paar Jahren in die Académie francaise gewählt, hat es aber seither abgelehnt, den Degen und die Uniform zu tragen. Verständlich, denn mit Uniform und Degen sahen sogar Literaturtitanen wie Paul Valéry oder Victor Hugo ein bisschen albern aus. Schon etwas unverständlicher ist es, dass Robbe-Grillet auch seine Eröffnungsrede, die man nach alter Tradition vom Blatt liest, “improvisieren” will – an den Rändern des Sinns, des Nonsense, am Nullpunkt des Schreibens entlang quasi. Sonst, droht Robbe, will er überhaupt keine Rede halten. Sonst ist le plaisir du texte weg! Sonst kann man gleich zum psychologischen Roman zurückkehren! Hélas!

“An den Rändern des Sinns” – Uniform Robbe-Grillets
Und jetzt hat er also – nach einem Film mit dem freudianischen Titel “C’est Gradiva qui vous appelle” (2006), in dem ein Architekt in Pompeij eine Statue ausgräbt und von ihr verfolgt wird – einen Pornoroman geschrieben. Nein, keinen Pornoroman, sondern eine Folge von ziemlich lose verknüpften, nouveau-romanesk unterkühlten Hardcoreminiaturen. Kunst- und literaturgeschichtlich hochgradig vernetzt natürlich, voller Hinweise auf Bataille, de Sade und das eigene Romanwerk: Aus einer Bildbeschreibung entspringt eine Folge von Szenen, in der die Heldin – das Mädchen Gigi – von ihrem selbstlosen Vater und seinen beiden Beratern (Dr. Müller und Dr. Sorel) in die Freuden des Sadomasochismus eingeführt wird. Nachdem sie u. a. in einem Beichtstuhl gezüchtigt worden ist und ein Harem besucht hat, darf sie sich endlich auch – das ist der Höhepunkt – mit Daddy “vereinigen”.
Auf der Frankfurter Buchmesse sollen, nachdem man eine halbe Stunde hat in das Buch reinblättern dürfen, immerhin drei Angebote für die deutsche Lizenz eingegangen sein. Suhrkamp, der vor ein paar Jahren Robbe-Grillets Comeback-Roman “Die Wiederholung” publiziert hat, schweigt. Nur Robbe-Grillet spricht: Pädophil seien höchstens die Leser, die sich die Szenen absurderweise “real” vorstellen würden. Er selber befinde sich, schreibend, ganz entspannt im imaginären Raum des Phantasmas, wo er, nebenbei bemerkt, schon seit seinem zwölften Lebensjahr in ständig anhaltender erotischer Verzückung lebe und wohin sowieso alle ernsthafte Literatur gehöre. Eingesperrt gehörten nicht er oder – zum Beispiel – der göttliche Marquis, sondern seine Kritiker, erzählt er auf France 3; diese Kritiker, die sich das alles ekelhafterweise in farbigen Bildern ausmalen würden: “Pädophilie interessiert mich nicht! Provokation auch nicht! Diese gefährlichen Verrückten gehören hinter Schloss und Riegel!”
Aber zum Glück untermalt Robbe diese schreckliche Drohung mit einem melodischen Altmännerlachen. Er war ja Granatendreher in Nürnberg, Agronom in den Kolonien… hat in den 50ern den psychologischen Roman erlegt… selber ist er den Mädchen erlegen, was kann Robbe schon noch passieren… ich hätte ihn mir übrigens längst ausgedacht, hätte er das nicht schon selber erledigt… Aber als der Talkmaster andeutet, das sei doch alles schon mal dagewesen, nur krasser, nur besser geschrieben, eben “biographischer”… rappelle-toi, Robbe-Grillet: Apollinaire, Nabokov… da überfliegt ein bitterer Zug Robbes Lippen, als habe er auf einen Eibenzweig gebissen. Ah, das Gift der Kritik! Ah, der langsame, quälende Tod des Schon-mal-dagewesen-nur-besser! Aber recht geschieht Dir, Robbe! Was für ein unfreundlicher Gedanke – die Kritiker einsperren! Nur weil sie rummäkeln! Nur weil sie sich pädophile Szenen ausmalen! Nur weil sie real sind! Ist doch auch bloss ein Job!
Ich fordere: Soyez gentil avec vos critiques! Hoch alle Eiben! Hoch Robbe-Grillet! Hoch die unbesiegbare französische Zivilisation! Einen Säbel und eine Uniform für jeden imaginären Pädophilen! Und eine Nelke aufs Grab des psychologischen Romans!
















