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März 2008



Jens Dietrich: Eröffnung (Manifesto II)


29. März 2008, 12:18 Uhr

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“So könnte ich dem drohenden Unglück entkommen” – Luis Jacobs Album III

Wir sind die Treppen hoch gegangen, ich weiß nicht, warum es immer Treppen sein müssen. Treppen lenken den erwartungsvollen Blick nach oben, und wenn ich nicht der erste bin, der hoch geht, ist der Blick versperrt, und ich denke daran, wie die Muskeln in dem Körper da vor mir arbeiten, den Körper nach oben verfrachten, ihn zuallererst einmal im Gleichgewicht halten, und wenn dieses Gleichgewicht nicht mehr da wäre, dann würden wir alle zusammen die Treppe runterknallen. Rechts ist ein Geländer, an dem würde ich mich festhalten, so könnte ich dem drohenden Unglück entkommen.

Unten stand ein Türsteher, der die Selektionen vorgenommen hat, wir haben ihn nicht mal wahrgenommen. R. war in ihrem Redefluss und erzählte von der Eröffnung in L.A. Eine Gruppe älterer Männer mit Gebetskäppis kam aus der Moschee nebenan, blieb stehen und betrachtete den Auflauf vor dem Laden. Dosenbier trinkende Rocker in Lederhosen grölten auf dem Gehweg, einige Punks saßen auf den Bänken der Bushaltestelle gegenüber und hörten Old School: Kill Kill Kill Kill Kill The Poor: Tonight. Einer der Türsteher stand bei ihnen und nahm einen kräftigen Schluck aus der rumgereichten Thermoskanne. Ein Mann mit Sonnenbrille, Bauarbeiterhelm und neongelber Arbeitsweste lief herum und filmte mit einer klobigen Kamera. Neben dem Eingang verlagerte ein Penner unsicher sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Warum er denn jetzt nicht rein dürfe? Er sei doch jedes Wochenende im Rockloch. Geschlossene Gesellschaft, ist die Antwort.

Der Türgriff ist ein abgebrochener Gitarrenhals in Pistolenform, R. zeigt darauf, lacht und zieht. Alle sind da. Das Publikum, das Geld, die Presse, die Künstler, Satelliten und Sterne, Untergegangene und Aufsteigende, die gelockerten Krawatten, die alten Muskelshirts über frisch gestählten Muskeln, die Leute auf Speed, der Champagner und die süßen Schneehäschen. In der Ecke direkt neben der Tür steht P., ich kann nie sagen, ob er sich abgedichtet hat, um die Distanzen in die richtigen Dimensionen zu bringen oder ob er bloß introvertiert ist. Seine Neurotransmitterausschüttung scheint einem eigenem Wetterkreislauf zu folgen, der eisig fern von uns allen hier nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Auf seinen Augen, mal in autistischer Stumpfheit versackt, mal in analytisch durchdringender Kälte die statistische Existenz des Gegenübers festschreibend, ziehen gerade die Emotionen wie Wolken vorüber, sein Blick wandert nach hinten, er verdreht dabei die Augen leicht spastisch und reißt sie dann auf, als habe er eine Erfahrung gemacht. Mein Blick folgt seinem: Weit hinten im schlauchartigen Raum auf der Bühne hat B., Ende vierzig, von napoleonischer Statur und mit kurzen, dichten, grauen Haaren, das Mikro vom Mikrophonständer gerissen und hält eine Ansprache.

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“Endlich wieder mal ordentlich authentisch” – Luis Jacobs Album III

“Leute, geil hier zu sein. Wir sind das Beste, was wir kriegen können. Das, was uns ausmacht, ist die Verbindung von Schwere und Leichtigkeit. Damit haben wir sie bisher immer alle aufs Kreuz gelegt, das versetzt ihnen einen Stich mitten ins Herz, weil sie da nicht hinkommen, wir sind immer schon weiter. Wir haben lange überlegt, wo wir denn jetzt als nächstes feiern sollten, das meiste ist durch, auf die schicke Schiene hattet ihr keine Lust mehr, die familiäre Art hätten wir nicht durchgestanden. Also endlich mal wieder ordentlich authentisch. Und deswegen heißt unsere Losung: Ab ins Rockloch! Wir haben hier einige Leute, die das alles auf Video aufnehmen werden, das gibt’s dann aufbereitet für eine Installation in London, da können wir noch mal ganz groß rauskommen. Danke P. für Deine Bilder, dank Euch allen, die ihr alles möglich gemacht haben. Die Jungs und Mädels hinter der Theke wissen Bescheid, ihr seid alle eingeladen! Viel Spaß!”

Danke, P., ich liebe Deine Bilder. Sie bereiten die Bühne, auf der meine Gedanken sich drehen und überschlagen. Ich liebe die Diskretion deiner Malerei, selbst wenn sie schreit, ist es ruhig, wenn ich mich umdrehe. Deine Bilder begleiten mich in meinen Träumen und Alpträumen, und sehe ich auf der Bühne Schauspieler, so sollen sie immer so sein wie in jenem Bild, dass ich vor zwei Stunden in den hohen, klinisch ausgeleuchteten Hallen der Galerie zum ersten Mal sah: Vor einem Kaufhaus in einer heruntergekommenen, mittelgroßen amerikanischen Innenstadt, Baltimore möglicherweise, hat sich eine Menschenschlange vor einem Mann gebildet, der einen Skizzenblock auf dem Schoss hält. Das oberste Blatt sticht mit seiner schmutzigen, hellen Farblosigkeit aus dem Bild heraus, eine aufmerksamkeitssüchtige, kleine Leerstelle.

Es geht um die Dokumentation der Schönheit. Der Maler wählt die Passenden aus, um aus ihnen das Urbild zu destillieren. Aus den Fenstern des Kaufhauses schaut eine Menschenmenge zu. Sie sind in den Rahmen zusammengepfercht, klatschen und johlen wie Gefangene aus ihren Zellen in einem Film, während die attraktive Profilerin die langen Gänge im Knast abschreitet. Der Maler schaut ungeduldig nach vorne, inspiziert die Frauen in der Schlange, allesamt die Variation des immergleichen ausdruckslosen Gesichts von maskenhafter Schönheit. Im Vordergrund rechts eine gebrochene Frau, sie wird von zwei weiteren gestützt, die sie aus dem Bild tragen. Der Maler mit dem Skizzenblock hat ihr wohl die Ablehnung mitgeteilt, dass er sie nicht für seine Dokumentation verwenden wird.

Die Frau, die gerade im Mittelpunkt steht, ist in fahles Licht getaucht, sie wendet den Blick demütig vom Betrachter ab und bietet zugleich ihren Hals zum Beißen. Die ängstliche Erwartung hat von ihr Besitz ergriffen, so dass sie nur mehr Oberfläche ist, Widerspiegelung des erhofften Begehrens, alles ist offensichtlich zwischen ihr und dem Maler, der aber ist noch gar nicht bei ihr angekommen, hat wohl noch die Gehende im Kopf und das Grauen vor all den zu fällenden Entscheidungen. Auf dem Skizzenblock, wenn man genau hinschaut, ist nur eine schmale Linie zu sehen, eine Andeutung, das war’s. Auf einem großen Werbebanner, das sich auf der oberen Etage des Kaufhauses von links nach rechts spannt, ist ein Transparent mit roter Schrift gespannt: “Es spielt keine Rolle, wer ihnen den Vorschlag gemacht hat, hierher zu kommen. Am Ende werden sie doch alle oben landen.”

Ich saß eine Stunde vor dem Bild, als sich U. neben mich setzte und mir sagte, er finde das alles reichlich überladen, früher habe P. das Geheimnis einfach gehabt und nicht wie jetzt herbeigekrampft. Wie es denn bei ihm so laufe, frage ich. Prima, er habe in den letzten Wochen endlich die Möglichkeit gehabt, seine Villa aufzuräumen. Das sei schon gut: Wenn einem gekündigt wird, habe man plötzlich unberechenbar viel Zeit. Und er habe sich auch auf die Herausgabe des Blogs von G. in Buchform konzentrieren können. G. sei ja wirklich der Einzige, der fürs Theater schreiben könne, da könne ihm keiner das Wasser reichen. Er habe die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität gewählt, um dadurch jede Möglichkeit auszuschließen, etwas anderes zu schreiben, als das, was eben gerade eben ist. Und das sei ja, mit Lasalle gesprochen, der revolutionäre Akt an sich. “Aber noch kein Theater”, erwiderte ich. U. startete zum Gegenangriff: “Wann hast Du denn das letzte Mal Theater im Theater gesehen?” “Und wann hast Du das letzte Mal Leben ohne Inszenierung gesehen?” U. lachte, an ihm tröpfelt alles ab, seine Laune in der Öffentlichkeit so blendend wie seine Zähne.

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“Effizienz und Fortschritt. Vorwärts!” – Luis Jacobs Album III

Jetzt steht U. mit seiner Freundin, die er von hinten umarmt, ganz vorne bei der Bühne, außerhalb des Tumults und schunkelt etwas langsamer als der Rhythmus der Musik vorgibt. Die Band aus N.Y. hat viele Tattoos, der Sänger grunzt Unverständliches, die Leute zwischen Dreißig und Vierzig toben, schubsen sich durch den Raum und lassen sich Bier über die Köpfe laufen. Mir ist es zu eng, ich gehe an der Bar entlang, mein Blick kalt, doch es gibt keinen Korridor, die Menschenmenge teilt sich nicht, ich dränge die Trinkenden zur Seite, die Köpfe drehen sich zu mir um, aber nicht wegen mir, wie ich draußen feststelle, sondern wegen des Lärms, der hereindringt. Zwei von den Punks laufen auf dem Gehweg vor den Türstehern aufeinander zu und knallen mit voller Wucht gegeneinander, während die anderen ihnen dabei zujubeln, einer brüllt ekstatisch in einer Schleife: “Effizienz und Fortschritt. Vorwärts!” Nach dem Aufprall liegen beide benommen auf dem Boden, einer scheint sich auf die Lippe gebissen zu haben und blutet. Sie rappeln sich auf und positionieren sich für die nächste Runde. Ein Kameramann hat sich professionell daneben postiert, beleuchtet den Vorgang mit seinem auf die Kamera fixierten Scheinwerfer.

Etwas abseits steht G., raucht hektisch und kümmert sich nicht um den Aufruhr. Er hebt den Kopf, schaut mich durchdringend an und hat mich dann verortet. Er will wissen, wie denn die Vorbereitungen laufen. “Wie es eben immer ist, bevor es angefangen hat: Ausweichen, Druck, Panik, Erleuchtung, Verzweiflung. Alles in unberechenbarer Reihenfolge.” Er meint, er werde schauen, und vielleicht komme er ja zur Premiere. Er erzählt von einer Fotografie, die er letzte Woche gesehen hätte. Eine Gruppe Jugendlicher mit Outdoorjacken und Rucksäcken, die auf einer Wiese übereinander stolpern, über ihnen ein schwarzer insektenpanzerartig glänzender Hubschrauber. Einige Leute helfen sich beim Aufstehen, der wildentschlossene Blick einer Frau mit buntem Halstuch in die Kamera gerichtet. Die Köpfe der anderen sind eng beieinander, sie schreien sich ihre Pläne zu, was als nächstes zu tun sei. Der Wasserwerferregen bildet einen kleinen Regenbogen, im Hintergrund eine Phalanx von Polizisten in voller Kampfausrüstung, die auf das Gewühl zuschreiten und die Ordnung wieder herstellen werden. Dieses Bild habe die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt gebracht. Ohnmacht sei immer personalisiert, Macht immer Demonstration, das Zeigen auf die Potentialität.

G. hat sich kurzatmig in Rage geredet, jetzt setzt er eine Pause, verschnauft. Ohne Bruch wechselt der Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wirkt ausgezehrt, verloren, vorsichtig und misstrauisch, und dabei glimmt unten in ihm das Unvorhergesehene, jeden Augenblick könnte er auf mich stürzen, mich umarmen oder zuschlagen. Er tritt einen Schritt auf mich zu. “Vergiss das beknackte Bild. Das interessiert keinen mehr. Weißt Du, was für die Entwicklung der Kunst in den nächsten Jahren entscheidend sein wird? Nicht die Macht und ihre Repräsentation. Das ist durch. Da hat das Theater sich schon abgearbeitet und reproduziert die abgenudelten Feindbilder, die zur Zementierung einer nur in der Fantasie der Theaterschaffenden existierenden dumm-dialektischen Parallelwelt dienen. Wie die Kunst zur Wirtschaft steht, das ist zentral. Es wird um das Begreifen von wirtschaftlichen Prozessen gehen.”

G. hat erneut Anlauf geholt und hechtet atemlos einem in rasender Geschwindigkeit fliehenden Gedanken hinterher. Er hört sich beim Reden zu, schaut schnurstracks an mir vorbei und registriert nicht, wie einer von den Punks sich neben die Rocker gestellt hat, und eine Bierflasche auf ein Fenster vom Rockloch wirft. Die Scheibe klirrt und von drinnen hört man aufgeregtes Kreischen. “Die Ökonomie hat viele Argumente der linken Kritik in ihr System integriert. Aber zugleich hat die Ausweitung des Warencharakters auf zwischenmenschliche Beziehungen eine Leerstelle geschaffen. In diesem Punkt stimmt die Analyse von Marx: Die bürgerliche Revolution macht alles quantifizierbar und befreit das, was zur Ware geworden ist.” Aus dem Rockloch sind Leute gestürmt, die eben noch auf der Tanzfläche herumgehopst sind. Einer der Rocker, ein dicker Typ mit langem Bart, hat sich neben der Treppe aufgestellt und haut mit einem Baseballschläger auf einen jungen, gut aussehenden Juristen in Jeans und Jackett ein.

“Diese Befreiung führt aber auch zur Dekontextualisierung. Es gibt keine verbindliche Grammatik mehr, die den Sinn der Abläufe konstruiert. Deswegen bedarf die einzelne Ware, die einzelne zwischenmenschliche Beziehung einer Strategie der Fetischisierung, damit sie überhaupt einen nicht-relativen Wert bekommt. Und die Mittel der Fetischisierung holt sich die Wirtschaft aus der Kunst und dem Theater. Und versucht gleichzeitig, damit die transzendentale Obdachlosigkeit zu überwinden, indem sie auch die Inhalte importiert.”

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“Alles wird seine Ordnung bekommen” – Luis Jacobs Album III

Andere Punks haben sich mehr Bierflaschen geholt und werfen auf die noch nicht zerbrochenen Fenster, eine Frau hat ihr T-Shirt hoch gezogen, präsentiert stolz ihre Brüste, und läuft ekstatisch vor den Fenstern des Rocklochs auf und ab, quietscht: “Wir brauchen einen größeren Spielraum.” Es kommen immer mehr Leute raus, zwei Anzugträger schleifen einen völlig betrunkenen Punk an den Armen aus der Gefechtszone, geben ihm einen Tritt in die Seite und lassen ihn liegen. P. steht bei den Rockern, die ihn entgeistert anstarren und kramt aus einer am Boden liegenden Motorradjacke ein Päckchen Zigaretten. Hilfesuchend torkelt er herum und quatscht jeden an, bis er Feuer hat. Eine Bedienung vom Rockloch ist auf U.s Sportwagen geklettert und hat sich die Aufgabe gesetzt, mit sanften Sprüngen ein gleichmäßiges Muster in das Dach zu stanzen. U. schaut aus sicherer Distanz von der Bushaltestelle zu, applaudiert: “Weiter so. Ist alles versichert!”

B. steht in einem Fensterrahmen und will die Menge beruhigen. “Das ist wirklich gut, was ihr macht, wir haben alles auf Tape. Wir werden daraus eine ganz große Kiste machen, da könnt ihr euch drauf verlassen. Kein Grund, schlechte Laune zu bekommen.” Eine Bierflasche fliegt direkt auf ihn zu, zersplittert an seinem Kopf. B. sackt nach unten, unter den Rahmen, ist nicht mehr sichtbar, und ein erschütternder Schrei übertönt die Szenerie. Der Kameramann lässt die Kamera sinken, der Jurist keucht zusammengekauert auf den Treppenstufen und spuckt Blut. Dann ist es kurz ruhig, die Leute auf der Straße schauen sich fragend an, an den Fenstern ist niemand zu sehen, die Band hat aufgehört zu spielen. Ich gehe in Richtung Hauptstraße auf einen Taxistand zu, zwei Sirenen kommen mir entgegen, das Blaulicht taucht die Kulisse der Fassaden in Theaterstimmung, gleich werden die Beamten alles wieder herstellen, alles wird seine Ordnung bekommen.

Auf dem Rücksitz des Taxis fahre ich durch das nächtliche Berlin, die Straßen wirken prachtvoll, die Stadt in Erhabenheit getaucht, im Vorbeigleiten jeder Schimmer ein Versprechen, jedes Haus ein Monument der Zuversicht. Die Laternen auf den Brücken über die Spree führen den Blick in all die Möglichkeiten des Kommenden, jede Straßenkreuzung ein Knotenpunkt, durch den die Gedanken rauschen, sich überkreuzen und mich mitnehmen.

“Eröffnung” von Jens Dietrich ist Teil einer Reihe von künstlerischen Manifesten verschiedener Autoren aus dem Theater-, Literatur-, Musik- und Filmbereich, die in unregelmässigen Zeitabständen und in unterschiedlicher Form auf den Seiten von AlthussersHände.org erscheinen. Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant.

Jens Dietrich – Ambassador des IIPM und Mitglied des Leitungsteams des Dokufictionprojekts “The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu” – studierte Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen, u.a. bei Heiner Goebbels, Hans Peter Kuhn und John Jesurun. Nach dem Studium arbeitete er an Richard Foremans Ontological Theater in New York, an den Städtischen Bühnen Köln und am Theater Freiburg und ist seit 2004 freier Dramaturg in Hamburg und Berlin. Neben zahlreichen Einzelprojekten ist er Chefdramaturg der Fleetstreet Hamburg und Tanzdramaturg bei der Compagnie Veronika Riz in Bozen. Momentan arbeitet er mit Angela Richter, Dirk von Lowtzow und Jonathan Meese an “Berlin Bambilon: Rainald Goetz’ Jeff Koons“, das ab dem 9. Mai 2008 am HAU in Berlin zu sehen sein wird.

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vistit IIPM



Hymne auf Nikolai Evreinov (III)


28. März 2008, 13:28 Uhr

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“Seltsame Erfahrung, bloss abgezeichnet zu sein” – Skizze Leonardos

1. ÜBER DIE KINDHEIT DES WIEDERHOLERS ODER DER GEIER ICH. In seiner allerfrühesten Kindheit, schreibt Leonardo da Vinci, dieses Ungeheuer an reinem Geist, der „ein vaterloses Kind war und die Welt in Gesellschaft einer unglücklichen Mutter kennenlernte“, in Leonardos allerfrühesten Kindheit also, schreibt Leonardo selber, „ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und ihn viele Male gegen meine Lippen gestossen.“

Der Wiederholer (wie wir den russischen Wiederholungskünstler Nikolai Evreinov der Einfachheit halber nennen wollen) sah aber keinen Geier, sondern sich selber zu sich herabkommen, bekam vom Geier ICH den Auftrag oder die Einflüsterung, sich selber zu wiederholen als eine Fälschung oder als ein Plagiat seiner selbst. So kam der Wiederholer, sich selber möglichst genau wiederholend in den Gesten und den Verhaltensweisen, schon in frühester Kindheit immer wieder mit der seltsamen Erfahrung in Kontakt, bloss das Double oder der Schauspieler eines Kindes zu sein, ein bloss schnell abgezeichnetes Kinder-Ich, das immer wieder zu verfertigen der Wiederholer also fortan gezwungen war.

Da Kinder nicht Shakespeare spielen, wartete der Wiederholer Nikolai Evreinov mit Shakespeare bis zu seinem achten Jahr. Um seine Eltern zu erfreuen, mischte er kindliches Vokabular in seine ersten Dramen und stiess, schon die erste Premiere seines ersten Einakters voller Langeweile wiederholend, spitze Schreie der Nervosität aus, solcherart in der Hoffnung auf Erlösung den totalen und umfassenden Täuschungszusammenhang „Kindheit“ und „Entwicklung“ und „Kunst“ aufrecht erhaltend. Das bestimmende Gefühl des Wiederholers war also dieses: den Abstand zum Original als ein seltsames, leicht zwanghaftes Spiel zu erleben, welches sich im zukünftigen Glück einer vollendeten Wiederholung auflösen, das heisst entspannen würde. Der Wiederholer durchlebte oder durchlitt seine Kindheit nämlich in der Hoffnung, das Erwachsensein gleichsam wie eine Leinwand für sein wahres Ich benutzen zu können.

2. WIE DER WIEDERHOLER SICH IN SICH VERLIEBT UND ENTTÄUSCHT WIRD. In seinen besten Momenten denkt der Wiederholer (wie wir Nikolai Evreinov der Einfachheit halber nennen wollen), er würde sich selber dem Original nicht bloss nachinszenieren, sondern dieses rauschhaft und gleichzeitig ganz spielerisch übertreffen: So, dass das Original, wie auf einer Art existenziellen Rennstrecke in Rückstand geraten, seinerseits gezwungen ist, sich in Bezug auf die eigene Wiederholung oder Fälschung zu verhalten, da diese in einer Umdrehung aller Verhältnisse auf einmal zum eigentlichen, bisher verborgenen Original geworden ist.

Beispiel: Nikolai Evreinov, als Jugendlicher im russischen Staatszirkus auf einem Ball laufend, empfindet auf einmal das Auf-dem-Ball-Laufen als eigentliche Wahrheit seiner Existenz, als Kern, von dem aus alles andere bloss ausstrahlt und deduzierbar ist wie bei einer Gleichung. Den auf dem Ball laufenden Wiederholer überkommt eine Art Liebschaft mit sich selber, ein Schimmer umgibt ihn, jener Schimmer, den nur – erkennt der Wiederholer – das wahre Original an sich hat, ein Original, das aber die in eine plötzliche Selbständigkeit wie durch ein Wunder völlig eingeschlossene Wiederholung ist. Warum, denkt der Wiederholer, habe ich bisher nicht erkannt, nicht gewusst, dass ich die ganze Zeit dieser Geier ICH war? Wie war es möglich, dass ich derart blind war für die grundsätzliche Geierartigkeit des Wiederholens?

(Denn in dieser völligen Freiheit ist es dem Wiederholer, auf einem Ball balancierend, von tausend russischen Augenpaaren verfolgt, dennoch möglich, philosophische Erwägungen anzustellen: Er steht, da er – gewöhnlich durch das bedrückende Gefühl der Wiederholung völlig gelähmt – endlich das Tuch vom Kunstwerk ICH heruntergerissen hat, wie als inspirierter Kritiker neben sich, sich selber zugleich darstellend, beobachtend und in einem luziden, herrlichen Selbst-Gespräch verstehend.)

Doch dann, als der Wiederholer am nächsten Tag auf dem gleichen Ball läuft und der gleiche Jubel des russischen Zirkuspublikums ihn umtost, ist er auf einmal wieder völlig aus dem Mittelpunkt des Geschehens herausgenommen. Die Schwerkraft zieht am Wiederholer, gelangweilte Blicke treffen ihn im Rücken. Schon kommt es dem Wiederholer so vor, als habe er jede Fähigkeit, noch einmal und zugleich zum ersten Mal auf einem Ball, das heisst: auf sich selber zu laufen, vertan. Aller Glanz, alle Ekstase ist vom Wiederholer abgefallen, und sogar der Zirkus, Evreinovs geliebter Zirkus umgibt ihn mit dem ganzen, unendlichen Elend des empirischen und des sozialen Lebens: Sand. Schwerkraft. Lärm. Stickige Luft. Schlechte Bezahlung. Pferdekacke. Vertane Zeit. Zufallsfreundschaften. Zwerge. Eingebildete Fräuleins. Die dumme, einfältige Polka-Musik von der Empore…

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“Zufallsfreundschaften, Pferdekacke, vertane Zeit…” – der letzte Zar

3. WIE DER WIEDERHOLER SICH AUS NOTWENDIKGEIT EINE PHILOSOPHIE ZULEGT. Da der Wiederholer (so nennen wir der Kürze halber Nikolai Evreinov) erkennt, dass er aufgrund seiner Veranlagung gezwungen ist, seinem Ich nicht bloss täglich etwas hinzuzufügen, sondern es immer wieder von Anfang an zu wiederholen, das heisst: sich täglich von Null her aufzubauen, ein Sisyphos des Ich, schreibt er sich (nicht ohne Ironie und Leidenschaft) die “Rolle des Wiederholers” zu.

Es gibt also im Leben des Wiederholers Evreinov ein Erlebnis oder einfach eine Stunde, in der er, vom Leiden und der Langweile des Wiederholens ermüdet, sagt: Wenn ich schon leide, dann muss mein Leiden immerhin professionell sein. Es gibt einen Moment, in dem der Wiederholer sich entschliesst, die Technik des Wiederholens berufsmässig über die Fälschung und das die Fälschung begleitende Gefühl der Melancholie hinaus ins Wirkliche, das heisst ins Verstandes-Gefühl der vollendeten Situation zu treiben. Der Wiederholer entschliesst sich, aus perfekten Fälschungen (also völliger Geschlossenheit) perfekte Situationen (also völlige Offenheit) herzustellen, das heisst zu einem professionellen Darsteller dessen zu werden, was existiert.

Es muss, nehmen wir deshalb an, im Leben des Wiederholers Evreinov eine Phase gegeben haben, in der er sich selber mit den quasi-heroischen Eigenschaften des absoluten Wiederholers ausstattete. Es muss, vermuten wir weiter, im Leben des Wiederholers die bewusste Entscheidung zur Ich-Verdoppelung, das heisst zur Schizophrenie gefallen sein: die Entscheidung, die Schizophrenie des Wiederholens – nämlich: dass der Wiederholer aktiv an seiner Wiederholung arbeitet, um in in vollkommener Passivität wiederholt zu werden – von einem depressiven Beobachter-Leiden zu einer radikalen Ich-Technologie zu machen. So schafft sich der Wiederholer aus einem ursprünglichen Leiden eine kontrollierte Alltags-Schizophrenie, einen Zeitplan und eine Flucht von Räumen, Arbeitstechniken und Beziehungen, in denen er immer wieder von neuem künstliche Ich-Entführungen inszeniert, sich selber gleichzeitig als zugreifender Täter und ergriffenes Opfer besetzend.

Wenn der Wiederholer also sagt: „Ich arbeite“ oder „Ich wiederhole“, dann spricht er in Wirklichkeit von einem unendlich detaillierten Ich-Drehbuch, einer dramatischen Abfolge von Gesten, emotionalen Zuständen und äusserlichen Begebenheiten (Orte, Tageszeiten, imaginierte oder reale Situationen), in dem der Moment des „Von-sich-selbst-entführt-werdens“ kein abgrenzbares Ereignis des Arbeitens, sondern eine gewissermassen unablässig parallel laufende zweite Bedeutung aller Begebenheiten und (scheinbar) dokumentarischen Planungen dieser einen, seltenen, auch für den Zuschauer ereignishaften Entführungs-Szene darstellt.

Die Wiederholung, als künstlerische oder theatrale Aktion verstanden, ist so eine durchgehende, rein technische und absurd pedantische Daseinsform der Existenz-Spionage, die (falls sie gelingt) keine Aussage über die empirische Seite der beobachteten Zustände macht, sondern uns wie bei einem elektrischen Schlag in jenes Zentrum entführt, in jene totale Situation, in die Erfahrung der Ereignishaftigkeit, von der alles Empirische oder Dokumentarische wie von einer Kraftquelle ausstrahlt.

Die Philosophie des Wiederholers lautet also: Sei in Dir, indem Du dich nur draussen suchst. Gelange zum Unbeobachtbaren deiner selbst, indem Du dich nicht aus den Augen lässt.

4. WIE DEM WIEDERHOLER ZWEIFEL KOMMEN ODER DER ZWEITE BESUCH DES GEIERS ICH. Aber, denkt sich da der Wiederholer auf einmal, gibt es etwas Deprimierenderes anzusehen als die völlig erkaltete Aussenwelt des professionellen Ich-Wiederholers, der in jedem Ausser-Sich, lässt es sich nicht zur Selbst-Wiederholung nutzen, bloss Sand im Getriebe seiner Ich-Technologien sieht? Gibt es, denkt der Wiederholer, etwas Unschöneres, Anmutloseres als die verkniffene und verkrampfte Gestik des von sich selbst (und nur von sich selbst) absorbierten Ich-Technologen? Werden die Besucher des russischen Staatszirkus nicht eher beiläufig von der Hitze des Ball-Wanderers angefasst, wird die Bevölkerung von St. Petersburg nicht bloss gegenständlich benutzt in der gewaltigen Nachstellung, das heisst Erfindung des Sturms auf den Winterpalast: ohne überhaupt mehr als eine imaginäre Zutat zu sein, bloss eine kinematographische Verzierung der Ich-Euphorie des Wiederholers?

Die Wiederbelebung der Anderen, der Welt (denkt der Wiederholer), die Erwärmung aller menschlichen Beziehungen im Glanz von globalen Wiederholungs-Situationen jenseits irgendwelcher Ich-Euphorien ist aber das eigentliche Ziel des Geiers Wiederholung.

Willentlich und bei völligem Bewusstsein die Wiederholung eines völlig Anderen zu sein, denkt sich der Wiederholer, das wäre der zweite und erlösende Besuch des Geiers ICH.

Auszug aus “Notizen zum Wiederholer. Nikolai Evreinov als psychologische Installation”. Zitate im ersten Abschnitt aus Maurice Merleau-Pontys Essay “Le doute de Cézanne”.

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vistit IIPM



Sie wissen ja, wie es in den Träumen ist


14. März 2008, 12:49 Uhr

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“Warum nicht schnell über die Weiden laufen vor der Stadt?”

“Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Ich war ein Ingenieur für Brückenbau, und gleichzeitig war ich ein Pferd, ohne aber wie eines auszusehen. Hochkonzentriert sass ich in meinem kleinen Ingenieursbüro, das zuoberst in einem Hochhaus lag, und zeichnete Brücken in einem halb traditionellen, halb funktionalen Stil. Weit weg sah ich die trägen Ströme glitzern, die von meinen Brücken einst überspannt werden sollten, es waren: die Wolga und der Nil. Denn diese beiden Flüsse lagen brüderlich in einer gewaltigen Ebene, die Das Gebiet hiess. Sie wissen ja, wie es in den Träumen ist.

Die Fenster meines Büros waren angekippt, und so drang ein Duft von frischem Grün an meinen Arbeitsplatz, was mich froh und zugleich traurig stimmte. Ich dachte mir: Warum nicht kurz ausgehen? Warum nicht schnell über die Weiden laufen vor der Stadt? Warum nicht die Birken beschnuppern am Waldesrand? Ich sehnte mich auf einmal unsäglich nach der Natur, die doch meine eigentliche Heimat war. Ich wollte mit meinen Händen die Erde vor der Stadt aufwühlen und mit gespitzten Ohren nach dem Wind in den Bäumen lauschen. Ein derart mächtiges Verlangen spürte ich nach den feuchten Wiesen und den schlammigen, geheimnisvollen Ufern der Flüsse, dass ich es nicht mehr aushielt. Ich legte also mein Zeichengerät ordentlich auf den Tisch und lief in grossen Sprüngen die Treppe hinab.

Doch unten fand ich die Eingangstür vermauert und den Conciergeschalter unbesetzt. Die Luft roch süsslich, nach Abfall. Nicht einmal ein Zettel, der diese Vorgänge erklärt hätte, war zu finden. Aber im übrigen hätten auf einem solchen Zettel sowieso nur Lügen gestanden, denn unser Concierge war ein fauler und, wie es bei faulen Menschen häufig der Fall ist, hochmütiger Mensch. Als ich noch über den Charakter unseres Concierges nachdachte, hörte ich aus dem Keller ein Geräusch. Ich beschloss, dort nach Rat zu suchen.

Wieder stieg ich eine gewundene Treppe hinab. Hinter einer Ecke traf ich auf einen sehr jungen Mann, eigentlich noch ein Kind, das an einem grob geschreinerten Tisch sass und in einer Zeitschrift las. Ich sagte zu ihm, ich würde gern auf einen Spaziergang ins Gebiet hinausgehen, die Haustür sei aber vermauert – wo der neue Ausgang sei? Doch der Junge lachte nur, als hätte ich etwas völlig Sinnloses gesagt, und hielt sich die Zeitschrift vors Gesicht. Mit einer Stimme, die mir wie eine schlechte Nachahmung eines Horror-Film-Bösewichts vorkam, hörte ich ihn sagen: Komm rein. Ich ging also weiter in den Keller hinein.

Der süsse, ekelhafte Geruch, der mir schon oben in der Eingangshalle aufgefallen war, wurde hier durchdringend. Es war einer dieser Gerüche, von denen man fürchtet, sie nie mehr aus der Nase zu bekommen. Im Kopf formulierte ich deshalb einen Brief an die Hausverwaltung, in dem ich darum bat, den Abfall mindestens einmal wöchentlich zu entsorgen – jetzt, da es doch bald wieder Sommer und heiss würde. Wütend dachte ich an den Concierge, der seinen Aufgaben in keiner Weise gewachsen war, als ich in einer Nische eine Gruppe Kinder entdeckte. Sie schienen sich mit etwas zu beschäftigen, was zu ihren Füssen lag.

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“Der süsse, ekelhafte Geruch wurde hier durchdringend…”

Ich trat näher heran. Zwischen den schlanken Körpern der Kinder erkannte ich den Concierge. Er kniete am Boden und hielt den Kopf gesenkt. Da mir nichts besseres einfiel, sagte ich: Aha, hier sei er also. Die Kinder um mich herum lachten fröhlich, als hätte ich einen Witz erzählt. Daraus schloss ich, dass die Vorgänge in diesem Keller sicher einen einleuchtenden, letztlich banalen Grund hätten. Ich fuhr fort: Ich sei wegen des Geruchs erstaunt, warum denn der Abfall nicht entsorgt würde? Wieder lachten die Kinder, und eines von ihnen sagte, indem es wie der Junge beim Eingang die tiefe Stimme eines Horror-Film-Bösewichts nachahmte: Wir werden den Abfall schon entsorgen. Und kaum hatte es das gesagt, spuckte es aus und schrie viel zu laut: Dreckiges Pferd! Es versetzte dem Concierge mehrere Tritte ins Gesicht. Plötzlich waren alle Kinder von einer unbegreiflichen Wut übermannt und schlugen auf den am Boden knienden Mann ein. Dem Concierge aber schoss unter den Schlägen das Blut aus der Nase, welches er immer wieder ungeschickt mit dem Handrücken abwischte.

Mir wurde unheimlich. Ich begriff, dass in dieser Stadt ein Pferdehass ausgebrochen war und viele von uns den Tod finden würden. Wie es in den Träumen ist, war ich nicht erstaunt, sondern alles erschien mir wie ein ganz zwingender und längst erwarteter Vorgang. Ich vertraute aber darauf, dass meine Pferdeartigkeit niemandem bekannt war, und dieses Bewusstsein erfüllte mich mit plötzlicher Genugtuung. Hatte nicht der Concierge, seine Aufgaben vernachlässigend, diese Raserei erst zum Ausbruch gebracht? Sicher war ich, der ich sozial weit über diesen Kindern und ihrem Opfer stand, unberührbar. Ich sagte also: Sehr schön, dann werde ich jetzt wieder hinaufgehen. Und weil mir nichts Besseres einfiel, fügte ich hinzu: Ich muss nämlich dringend auf die Toilette.

Doch eines der Kinder, vermutlich der Anführer, hielt mich an der Schulter fest und sagte: Dann mach es über ihn. Jedermann brach darauf in ein fröhliches Lachen aus. Ich antwortete, ich wüsste nicht, was er damit meinen würde, überhaupt gehe mich das Ganze nichts an, ich würde jetzt (wie erwähnt) wieder in mein Büro hinaufgehen. Das Kind wiederholte: Machen Sie’s über ihn. Für Ihre eigene Sicherheit. Ich antwortete: Oh, ich fühle mich sehr sicher, keine Angst. Ich habe keine Angst, sagte das Kind ruhig. Ich bin Ingenieur, erklärte ich. Ich baue Brücken. Ich bin mitten in einem öffentlichen Auftrag! Aber als ich zornig lachen wollte, um meine Worte zu unterstreichen, versagte mir die Stimme. Ich versuchte zu reden, aber kein Wort mehr kam aus meinem Hals, nur ein schriller Ton, der dem Gewieher eines Pferdes glich. Keines der Kinder verzog eine Miene.

In diesem Moment verstand ich, dass man mir schon längst auf die Schliche gekommen war. Fortan musste ich tun, was die Kinder von mir verlangten. Ich verstand, dass dies nur die erste Demütigung in einer langen Reihe von Demütigungen war. Und wie es in den Träumen ist, sah ich plötzlich einen Plan vor meinen Augen und sah mich selber darin eingezeichnet: Die Kellerräume, in deren oberstem ich mich befand, reichten wie eine Pyramide bis zum Erdmittelpunkt hinab, angefüllt von den Schreien und dem Gestank meiner Rasse. Wie hatte mir das in meinem Ingenieursbüro verborgen bleiben können? Wieso war mir dieser Plan nie in die Hände gekommen? Wieso hatte ich mich nicht gegen den zugemauerten Ausgang geschleudert, mit aller Kraft, als noch Zeit dazu gewesen war?

Ich knöpfte also meine Hose auf. Der Concierge hielt dabei die ganze Zeit den Kopf gesenkt, wobei mir in seinem Nacken einige rote Stellen auffielen, als sei er eben erst rasiert worden. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit mein Geschäft gemacht. Deshalb dachte ich, wie ich da so zwischen diesen Kindern stand, zur Entspannung des Schliessmuskels an die grosse Ebene draussen, an die feuchten Ufer der brüderlichen Ströme Wolga und Nil. Ich dachte an die Bäume und an das Geräusch, das der Wind in ihnen macht, und wieder sehnte ich mich nach der Natur. Mit einer Art Belustigung sagte ich mir, dass das Unglück nun seinen Lauf nahm. Doch da wich der Keller auf einmal vor mir zurück. Die Kinder und alles andere verschwand, und ich wachte auf, fassungslos vor Glück, weil es nur ein dummer Traum gewesen war.”

Auszug aus: “Der dunkle Kontinent“. Weiterführende Lektüre: “Two Lectures to the Florentine Academy. On the Shape, Location and Site of Dante’s Inferno. By Galileo Galilei, 1588“.

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vistit IIPM



Deconstructing Deconstruction (Pour un nouveau futurisme)


12. März 2008, 11:12 Uhr

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“Hier, wo nicht einmal Sommer und Winter das Bild wandeln” – die Alpen

Wer sich wirklich gut unterhalten will und sich gleichzeitig nach der Postmoderne zurücksehnt, liest Meinecke, den einzig wirklich essayistischen Autor Deutschlands, der deshalb weder übertrieben vieldeutig noch eindeutig Pop ist. Ich habe seit einiger Zeit Meineckes “Musik” auf meinem Tisch liegen, das vor bald vier Jahren erschienen ist, und in dem überdrehte Musikbetrachtungen, Genderdiskussionen im Judith-Butler-Stil und Naturschilderungen einander ablösen.

Zum Beispiel schreibt er: “Gemsen durchstreifen das bläuliche Plateau, unmittelbar vor der schwindelerregenden Abbruchkante zur Schlucht, über der sich, wie ein Tableau, das gewaltige Felsmassiv erhebt.” Dann: “The Darlings of Rhythm waren, wenngleich unter der Leitung des als süss und romantisch geltenden Clarence Love, die weniger glamourösen, in derben, bisweilen als abgerissen beschriebenen Uniformen auftretenden, auf offiziellen Fotos nicht einmal lächelnden, in musikalischer Hinsicht dagegen aufsehenerregenden, mit Hingabe spontan improvisierenden Konkurrentinnen der International Sweethearts of Rhythm. Wen wundert es, dass ihre Musik als maskulin wahrgenommen wurde?” Und dann: “Das Firnrevier, notierte Georg Simmel in seinem Aufsatz zur Ästhetik der Alpen, ist sozusagen die absolut unhistorische Landschaft; hier, wo nicht einmal Sommer und Winter das Bild wandeln, sind die Assoziationen mit dem werdenden und vergehenden Menschenschicksal abgebrochen, die alle anderen Landschaften in irgendeinem Mass begleiten.”

Meinecke (Jahrgang 1955) wohnt in einem bayrischen Dorf, durchstreift aber – wie Volker Weidermann schreibt und insofern den zuerst zitierten Gemsen ähnlich – die Republik, bzw. Deutschland “mit einem tonnenschweren Plattenkoffer”. Er ist nicht nur postmoderner Gender-Veteran, sondern auch DJ und “legt auf”, wie man früher zu sagen pflegte. Meinecke hat in den 80ern die Band “FSK – Freiwillige Selbstkontrolle” und die Zeitschrift “Mode & Verzweiflung” gegründet – zwei ziemlich intellektuelle, ziemlich postmoderne Titel, ein hübsch gezwirbelter campy Scheiss, der aber trotzdem als “Lass all Deine Hoffnungen fahren” über dem Eingang auch zu meiner Generation stehen könnte.

Aber dann denke ich: Nein, meine Generation – “die der heute 30jährigen”, wie Biller in seinen “100 Zeilen Hass” jeweils präzisierte – ist dann doch schon (und ganz ohne sich dessen bewusst zu sein) einen Schritt weiter, bzw. weniger weit als Meineckes, und es würde, um unseren Pop-Höllenkreis zu beschildern, doch eher das Simmel-Zitat passen: “Hier, wo nicht einmal Sommer und Winter das Bild wandeln.” Simmel spielt, was Meinecke nicht erwähnt, in dem Essay auch auf die schiere Grösse der Alpen an, aus der er die Idee des Erhabenen ableitet. Denn man hört in den Alpen nicht bloss auf, eine “heterosexuelle Frau” oder ein “New-Wave-Fan” zu sein, sondern die ganze Wahrnehmung verändert sich. Als Semi-Kantianer gibt es für Simmel eben bei einer Alpendurchwanderung nicht nur ein popkulturelles oder lebensweltliches “Abbrechen der Assoziationen”, sondern auch ein rein erkenntnismässiges. Die Alpen sind so gross, dass Begriffe wie gross und klein unbrauchbar werden, bzw. zur Beschreibung ihrer Wahrnehmung nichts mehr taugen (so wie Speer, Hitlers Bauleiter, seinem Chef irgendwann klarmachen musste, dass ab einer gewissen Grösse “die Wahrnehmung des Grossen absolut ist, man also nicht sagen kann, ob eine Halle jetzt hundert oder hundertzehn oder zweihundert Meter hoch ist.”) Und tatsächlich ist weder über das Erlebnis noch über die Physik der Alpen etwas gesagt, wenn man sagt, sie seien “gross” (Tschechows Lieblingssatz dagegen war: “Das Meer ist gross.” – aber das nur nebenbei.)

Müsste man nun alle (alle!) Autoren in zwei Gruppen einteilen – sagen wir: die Meinecke- und die Simmel-Gruppe -, dann gibt es solche, die gewissermassen im Hintergrund ihrer Texte immer ein “Firnrevier” stehen haben und solche, bei denen man die Alpen nirgendwo sieht. Das hat natürlich mit geografischen Gegebenheiten nicht viel zu tun. Meinecke wohnt in den Voralpen, es gibt bei ihm deshalb ständig “Landschaften” (warum ihn ab und zu ein Kritiker mit Arno Schmidt vergleicht, und wirklich kann kaum jemand die Metaphysik eines vom Abendrot angestrahlten Hügelzugs besser beschreiben als Meinecke), aber “die Assoziationen mit dem werdenden und vergehenden Menschenschicksal” werden nie abgebrochen. Alles, was bei Meinecke geschieht, geschieht in einem postmodernen Raster der Wiederholung, der Dekonstruktion, des Styles, der Meinung und des Zitats: der Ich-Produktion in Anlehnung an anderes, aber immer sinnhaftes, menschliches Material.

Man guckt bei Meinecke nie durch eines dieser Stifter- oder Majakowski- oder Alexander-Kluge-Fernrohre, die uns den Helden einer Erzählung plötzlich weit weg – in der Geschichte, in einem gesellschaftlichen Vorgang, in der Landschaft – und sehr klein sehen lassen (ich erinnere mich an William Wylers Western “Big Country”, wo mitten in einer Schlägerei zwischen Gregory Peck und seinem Widersacher die Kamera einen halben Kilometer zurückspringt, ins epische Schweigen des Westens – und Peck zur Ameise wird.) Kleinheit, bzw. Vorläufigkeit, bzw. Dekonstruktion entsteht bei Meinecke eher dadurch, dass seine Protagonisten ohne alle landschaftlichen oder geschichtlichen Fokus-Geschichten wie die Zwerge auf den Schultern der Popkultur stehen und deshalb gezwungen sind, ständig zu erklären und zu analysieren, was sie gerade über sich “erzählen”, mit welcher Sub-Kultur, mit welchem so oder so queeren Geschlechterverständnis sie gerade sympathisieren, durch welche grössere Erzählung und welchen Style sie gerade inszeniert werden: die Popkultur als Geister- und Besessenheitsgeschichte.

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“Was ich beabsichtige, ist Geschichts-Alpinismus” – Elena Ceausescus Hände

Natürlich hat diese Erzählhaltung etwas mit Meineckes Jahrgang zu tun, der ja tatsächlich postmodernen Generation, die in den 70er und 80ern jung war, für die die Alpen oder auch die Geschichte – dem Gefühl nach ohnehin in einer völlig unhistorischen oder posthistorischen Landschaft lebend – nur ein unnötig klobiges Hindernis für den popkulturellen Durchblick waren. Meine Generation hingegen, behaupte ich, lebt wieder im Schatten, im kühlen und erfrischenden Hauch der Simmelschen Alpen, hat ein Gefühl für Aura jenseits der Popkultur, versucht wieder, dem Leben mystische oder futuristische Momente abzutrotzen (in Deutschland gibt es leider eher eine Tradition der Melancholie, bzw. verwechseln die deutschen Künstler den Futurismus gewöhnlich mit einer hysterisierten Variante des Expressionismus, dem Teuto-Futurismus, meistens auch noch, da ja der Expressionismus von den Nazis geschändet wurde, in der Guido-Knopp-Variante, weshalb ich vorschlage, einfach an die Russen oder die Italiener zu denken: Majakowski, Evreinov, Limonow, und, ja: Pasolini!)

Wenn wir also den Prozess gegen das Ehepaar Ceausescu wiederholen wollen, dann tun wir das nur in zweiter Linie aus dokumentarischem Interesse. Gewisse Dinge muss man wissen (wer war dort, wer sagte was), andere Dinge muss man rekonstruieren (die Räume, die Gesten, die Kleider), damit die Wiederholung wahr wird. Aber es ist seltsam: Obwohl mich nichts, wirklich gar nichts interessiert, von dem ich nicht spüre, dass es wahr ist, dass es, wie Max Frisch gesagt hätte, stimmt, hasse ich im Grund die Wahrheit – sie interessiert mich nur als Kern, als Grundbedingung der Kunst. Was ich mit “The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu” beabsichtige, ist Geschichts-Alpinismus. Was ich beabsichtige, ist eine theatrale Geschichts-Wanderung.

Ich spreche – damit man das nicht missversteht, denn in Deutschland lauert überall der Expressionismus, diese stumpfe, brutale Theater-Variante des Futurismus, so wie hierzulande ja auch aus Mussolinis Kabarett-Faschismus ein bürokratisches System der Vernichtung wurde – ich spreche also von einer impressionistisch vorgehenden Strategie. Der Wanderer erlebt die Landschaft als Abfolge von Schritten und sinnlichen Mini-Erlebnissen, bei denen die Kühle und die Frische der Alpen nur ein ständiger Hintergrund sind, eine Rahmung der Wahrnehmung, und so fügt sich auch das alpine Ereignis der Realgeschichte aus den kleinsten Gesten ihrer Vollzieher. Wer denkt, er müsse “Geschichte” oder “Grösse” mit gepressten Stimmen und quasi ins Geschichtliche vergrösserten Gesten darstellen, der ist kein Künstler, sondern ein verspiesserter, kleinhirniger Kunst-Vollzieher, ein Eichmann der Kunst. Aber letztlich, ja, am Ende aller Kleinigkeiten, Dokumente, Impressionen – da geht es ums Alpine, um den Mythos, um die Aura der Real-Geschichte.

Ich denke, es ist an der Zeit, dem Westen wieder als futuristischer Künstler entgegen zu treten. Es ist dümmlich, aber auch wunderbar, wenn z. B. der Neo-Futurist Limonow in “Fuck off, Amerika” schreibt: “Rosanne war die erste Amerikanerin, mit der ich schlief. Es war ein Ereignis von symbolischer, zukunftsträchtiger Bedeutung, deshalb hatte ich den 4. Juli dafür ausersehen, den zweihundertsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit.” Und es ist jetzt zwei Jahre her, als ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, einen kulturkritischen Text mit dem Titel “Pour un nouveau futurisme” zu veröffentlichen, wobei mir natürlich klar war, dass das deutsche Denken, das aus dem Futurismus oder dem Faschismus immer sofort einen Nationalsozialismus machen will, jede einigermassen ernsthafte Rezeption verunmöglicht hätte – und dass der Futurismus oder der Faschismus oder der frühe russische Kommunismus eben deshalb nicht funktioniert haben, weil dem Faschisten vor der Grösse der Alpen seltsamerweise nicht die eigene Person, sondern immer die anderen vorgekommen sind wie die Ameisen, wie ein Ungeziefer, sich selber “assoziativ” nicht mit-dekonstruierend oder mit-deportierend, sondern aufblasend und mit der kalten Masse der Alpen identifizierend. (Boris Groys schreibt dazu, man kann das Ironie nennen: “Die Stalinzeit verwirklichte den Traum der russischen Avantgarde, das gesamte gesellschaftliche Leben nach einem künstlerischen Gesamtplan zu organisieren: das sowjetische Reich als Staatskunstwerk, der Sozialistische Realismus als Einheit von Kultur und Macht, Stalin als der herrschende Künstler-Tyrann.” Wobei man hinzufügen müsste, dass Stalin ab einem gewissen Zeitpunkt (spätestens, nachdem er die Futuristen hatte deportieren lassen, Gorki und Eisenstein verblödet waren, Malewitsch an Krebs gestorben war und Majakowski sich umgebracht hatte) der einzige war, der noch träumen durfte.)

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“Dieser Bauchnabel interessiert mich keinen Deut” – Nike von Samothrake

Das Problem ist: Man muss bourgeois sein, man muss der Überzeugung sein, dass Gesten wahrer sind als Feldzüge, die von allerlei Persönlichem zerfranste Diktion grösser als der stählern-höhnische Reichs-Sender-Ton unserer normalen Theaterinszenierungen, um die Wahrheit der Grösse zu erfahren. Man muss den Alltag lieben, um die geschichtliche Ausradierung des Alltags zu verstehen, man muss den Klang von irgendwelchem Geschwätz im Ohr haben, um die formale Poesie zu begreifen, man muss Meinecke sein und in hundertfach verzwirbelte Diskurse vernarrt, um eine futuristische Sprache oder eine futuristische Inszenierungsform zu finden. Wenn man keinen Blick hat für Kleinigkeiten, dann ist alles Grosse eine Anti-Kunst, eine Formwerdung der Dummheit und des künstlerischen Vor-Urteils, und wie schon so oft, so muss ich es hier wieder sagen: Es gibt keine einfachen Zusammenhänge, es gibt nur einfache Sätze. Jeder Futurismus entspringt aus einem Impressionismus, ist eine dekonstruierte Dekonstruktion.

Georg Simmel, Theoretiker des “Lebens”, Verächter der Massenkultur und Erfinder des Aura-Begriffs, ist zugleich der Erfinder der Mikrosoziologie und der Urvater aller postmodernen Assoziations-Künstler. Simmel, der gern in Goethes Weimar gelebt hätte und den “ganzen Menschen” feierte, war zugleich ein Theoretiker, der das Ich als Kreuzungspunkt zahlloser Diskurslinien beschrieb, der so “jüdisch” dachte (in der 30er Jahren der Begriff für: “postmodern” oder “modernistisch”, was ja sowieso das gleiche ist), dass ihn sogar Benjamin und Adorno hassten – und Lukacs natürlich sowieso. Der Weg zum Grössten geht nunmal vom Kleinsten aus, Abkürzungen führen bloss zur Aufgeblasenheit des Teuto-Futurismus, wie er in den Stadttheatern zelebriert wird.

Das Übersoziale ist in seinem Kern sozial, die Geschichte ist persönlich, die Aura ist detailliert, der “Künstler-Tyrann” Ceausescu, so ein Mitglied des rumänischen Erschiessungskomitees, riecht “wie ein Zigeuner”, das Rattern der rumänischen Maschinengewehre erinnert mich an ein Stück der “Deutsch Amerikanischen Freundschaft”, ein Soldat sammelt Briefmarken, Nicolae Ceausescu schnitt sein Haar nach dem Vorbild eines Renaissance-Herrschers und bevorzugte (wie Botho Strauss) amerikanische Science-Fiction-Filme, seine Frau Elena war Analphabetin und zugleich Philosophieprofessorin, es war eiskalt in Rumänien an jenem zweiten Weihnachtstag und aus einem mir unerklärlichen Grund sind die Fesseln um Elenas Hände, wenige Sekunden vor ihrem Tod, nicht richtig verknotet…

So ist das, liebe Freunde: Die Erstarrung im Kunstwerk, das wiederholte Bild ist das Resultat unablässiger Interaktion. Der Weltgeist hört Popmusik und riecht unter den Achseln hervor, der Weltgeist sind wir – und trotzdem wandern wir ameisenhaft und fasziniert in ihm wie in einem ewig kalten Bergmassiv. Ich verstehe und ich erlebe die Nike von Samothrake anhand ihres Bauchnabels, der mich an Shakira erinnert und mich ganz leise “Underneath your Clothes” hören lässt – Shakira ist mein Massstab – auch wenn mich Shakira am Ende, wenn die Samothrake sich in ihre endgültige, ihre zwingende Aura hüllen wird – in die Wahrheit ihrer Entfernung zu mir – in ihre Distanz, die wie eine mathematische Grösse zwischen uns ist – in diese Alpenartigkeit der Geschichte – auch wenn mich dann Shakira keinen Deut mehr interessieren wird.

Ja, so ist das. Vom Kleinen zum Grossen. Vom Nächsten zum Weitesten. Über die Hügel in die Alpen. Deconstructing Deconstruction. Die Aura, liebe Freude, ist dem Detail seine Diva. Der wahre Futurist ist Impressionist. Alles andere ist schwachsinniger Spiesserquatsch und verdient keine Sekunde unserer Aufmerksamkeit.

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vistit IIPM



Ich kaufte mir eine kleine Stadt (Introducing Donald Barthelme)


10. März 2008, 13:42 Uhr

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“Am Ende des mechanischen Zeitalters” – amerikanische Kleinstadt

Donald Barthelme – wer ist das eigentlich? Vielleicht kennt jemand Richard Brautigan: Barthelme hat als Erzähler eine ganz ähnliche Haltung wie Brautigan, der bei uns viel berühmter geworden ist. Beide sind selbstironisch, beide sind von wahrer romantischer Sensibilität, die ihren Sitz im Hirn und nicht im Herzen hat. Barthelme und Brautigan kümmern sich nicht wirklich darum, ob ihre Welt und die Welt da draussen zusammenpassen – es ist die Differenz, um die es ihnen geht. Und vor allem: Beide geben ihren Büchern und Geschichten wirklich gute Titel.

Kann es bessere Titel geben als “Du bist so tapfer wie Vincent van Gogh” (Barthelme), “Forellenfischen in Amerika” (Brautigan) oder “Am Ende des mechanischen Zeitalters” (Barthelme)? Die Tiefe solcher Titel liegt in einer Gleichzeitigkeit, die man auch Humor nennen könnte: sie sind zugleich ein bisschen blödsinnig und ganz entschieden allegorisch. “Am Ende des mechanischen Zeitalters” ist ein Titel, der über einem Bild von Max Ernst oder der Leipziger Schule stehen könnte, es liegt darin die Ahnung eines epischen Desasters – und zugleich das Versprechen, dass es nur Literatur ist, dass niemandem was passieren wird. Denn wie ein Ding hat auch das Verstehen eines Worts oder eines Satzes (das, was beim Lesen in uns geschieht) einen Umriss, eine Präsenz, die man nicht beschreiben, aber dafür evozieren, aufrufen kann: “Am Ende des mechanischen Zeitalters” wirkt auf den Leser befreiend – da ganz und gar gemacht, eben rhetorisch -, birgt aber zugleich ein Geheimnis, das gelöst werden muss.

Ich könnte deshalb auch sagen: Die Geschichten von Barthelme haben etwas damit zu tun, wie wir als sprechende und lesende Wesen in der Welt sind. Es hat etwas mit der Instrumenthaftigkeit der Sprache und unseres Denkens zu tun, mit unserer Trauer um eine grosse, noch sprachliche Vergangenheit voller “Tapferkeit”, “Mechanik” und irgendwelcher Dinge, die man in ganz “Amerika” tat. Das Vertrauen, dass die Dinge und die Wörter zusammengehören oder einmal zusammengehört haben, treibt Barthelmes Poesie an. Als Kind pflegte ich vor dem Einschlafen an einem Haus zu bauen: ein heroisches, durch vielerlei besondere Vorrichtungen gegen Angriffe und zu erwartende Bandenkriege geschütztes Gebäude, in dem es für jedes meiner damaligen Hobbies ein Zimmer gab. Ich sehe das Haus, das es nur in meinem Kopf gibt, in diesem Augenblick sehr deutlich vor mir – mein Blick wird sogar von einigen Unkräutern verstellt, so realistisch ist diese Fantasie – viel klarer und detaillierter jedenfalls, als all die Hütten, die ich in Wirklichkeit baute. Eine ähnlich kindliche, ganz fantastische Bausucht findet man auch in den Geschichten von Brautigan und Barthelme.

Während aber Brautigan trotz all seiner zerebralen Ironien als gutmütiger Hippie gilt, ist Barthelme hierzulande als universitär, “postmodern” und “schwierig” verschrien. Das ist natürlich nicht nur in Deutschland ein schlechter Ruf, wo die Literaturkritik entweder in studentischer Naivität Deleuze- und Musil-Zitate aufeinander häuft oder sich im Gegenzug in pseudo-populären Ekstasen des Nicht-Verstehens und des “Erlebnisses” überschlägt: Der Mittelweg des Essays, wo Erlebnis und kritische Fantasie sich zusammentun und auf dem ein Mann wie Barthelme anzutreffen wäre, ist in Deutschland versandet, von vielerlei Vorurteilen überwachsen – obwohl es der Weg der wahren Poesie ist, der Poesie unserer Kindheit.

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“Rund um mich herum wurden Städte gekauft” – katholische Kleinstadt

Aber warum schreibe ich das alles? In Barthelmes Buch “Amateure” gibt es eine Geschichte – “Ich kaufte mir eine kleine Stadt” -, in der Barthelmes Held genau das tut: Er kauft sich eine Stadt. Er will zuerst “alles umkrempeln”, gibt sich dann aber Mühe, es “sachte angehen” zu lassen. Er redet mit den Einwohnern, setzt deren Vorschläge um, solange sie “nicht zu phantasievoll” sind – denn so gehört es sich für einen Stadtbesitzer. Es läuft auch ganz gut, bis Barthelmes Held sich fragt, ob er “auch genug Spass bei der Sache hat”. Er geht also auf die Strasse und knallt 6000 Hunde ab. Dann verliebt er sich in “Sam Hongs Frau”, die Betreiberin eines Krimskramsladens. Sam Hongs Frau will aber von ihm nichts wissen, worauf Barthelmes Held ein “extra knuspriges Wienerwald-Hähnchen” bestellt und die Stadt “bis auf den letzten Dachziegel” weiterverkauft. “Wie ging es weiter? Es ging so weiter, dass ich die andere Hälfte meines Vermögens nahm, nach Galena Park, Texas, ging und dort zurückgezogen lebte, und als man mich bat, für den Elternbeirat zu kandidieren, sagte ich nein, Kinder hätte ich keine.”

Ich glaube, das ist eine typische Barthelme-Geschichte: kindliche Allmacht gepaart mit einem ausgeprägten Gefühl für Kleinigkeiten. In meinem Haus, das ich früher vor dem Einschlafen baute, achtete ich sehr auf die Details – Türknäufe, Schlösser, die Leitern zu den Ausguckpunkten. Umgeben von einem pubertären Literatur- und Theorieverständnis, bei dem immer irgendwas bewiesen oder gefühlt wird, tut ein wahrer, heroischer und wirklich freier Erzähler wie Barthelme unglaublich wohl.

Und aus diesem Grund werde ich bald auch eine Geschichte schreiben mit dem Titel: “Ich kaufte mir eine kleine Stadt”. Ich liebe Kleinstädte. Umso kleiner, desto besser. Wobei, wenn ich genauer drüber nachdenke: mittelgross, das ist am besten. Wenn ich schon in keiner leben kann, will ich wenigstens in meinem Kopf eine besitzen. Die Geschichte, in der ich diese Kleinstadt (meine Heimatstadt) kaufen werde, wird mit folgenden Sätzen beginnen:

“Es war im Sommer letzten Jahres, als mich ein Mann namens Göll anrief und fragte, ob ich am Ankauf St. Gallens Interesse hätte, einer mittelgrossen Stadt im Osten der Schweiz, “in idyllischer Lage mitten in den Voralpen”. Die Absichten des Stadtrats, ihre Gemeinde zu verkaufen, seien noch geheim, ich sei der erste, den er anrufen würde. Ich antwortete kühl: “Nun, in den Alpen zu wohnen, das kann ich mir weniger vorstellen.”

“Die Voralpen”, korrigierte Göll, “es ist eher eine Art Hügellandschaft. Fünzig Kilometer bis zum Bodensee.” – “Alt?” – “Mittelalterlich. Und viel Jugendstil.” – “Bautätigkeit?” – “Anständig.” – “Ausländer?” – Göll zögerte: “Für Schweizer Verhältnisse normal. Wie gesagt: Wir wollten zuerst Sie fragen.” Ich notierte Gölls Nummer und versprach, es mir zu überlegen.

Zugegeben, ich war geschmeichelt, dass dieser Göll zuerst mich angefragt hatte. Seit der letzten Anfrage war fast ein Jahr vergangen. Es war damals um eine ganz indiskutable, windige Kleinstadt an der Nordseeküste gegangen, ich hatte vielleicht etwas zu sehr von oben herab “Nein” gesagt, aber wie auch immer, das Desinteresse an meiner Person seither hatte mich mit einer Art Aggressivität erfüllt, einer Art Verzweiflung. Rund um mich herum wurden Städte gekauft, sogar Weltstädte, von ganz jungen Leuten, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Die meisten Städte wollen heutzutage jugendliche Besitzer haben, am besten noch Kinder, und wenn man 30 oder 40 ist, dann glauben die Leute, man habe keine frischen Ideen mehr, man würde nur das machen, was überall sonst auch gemacht wird. Naive Sehnsucht nach ewiger Jugend entscheidet so über Fragen, die das Schicksal von Hunderttausenden angehen.

Ich sah mir St. Gallen auf dem Netz an: So klein war die Stadt gar nicht. Es gab jedenfalls kleinere Städte. Für die Schweiz war St. Gallen gross, ein Zentrum. Und die Stadt war katholisch, was mir besonders sympathisch war. Ich liess also zwei Tage verstreichen, in denen ich ein stichwortartiges Konzept entwickelte, und rief Göll an…”

Donald Barthelme, geboren 1931 und gestorben 1989 in Texas, Held und Anführer der amerikanischen Postmoderne, veröffentlichte seine erste Kurzgeschichte 1963. Er schrieb Hunderte von weiteren Kurzgeschichten, zahlreiche Essays, vier Romane und ein Kinderbuch, für das er den National Book Award erhielt. In Deutschland erschienen seine Bücher, nachdem ihn Brinkmann in “ACID – Neue amerikanische Szene” vorgestellt hatte, einige Jahre im Suhrkamp Verlag. Anfang der 70er Jahre, als die deutschen Beatniks Dozenten wurden, wurde Barthelme zum Seminarthema und verschwand vom Buchmarkt. Momentan sind nur noch zwei Bücher von ihm auf deutsch lieferbar: “Der Tote Vater” und “Der König” – in dem die Ritter der Tafelrunde die Nazis bekämpfen…

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