März 2008
Oh, Catatonia! (Versuch über die Stroke-Boys)
8. März 2008, 15:23 Uhr

“Wie die Kinder haben die das einfach so kopiert” – die Strokes
Die Pop-Kultur hat es an sich, uns mit immer neuen Akteuren zu konfrontieren, die irgendwo hinter unserem Rücken ganze Biographien angehäuft haben, ganze Welten der Abgefucktheit und des Ennui. An dieser Stelle wurde vor etwa zwei Monaten über die “Stroke-Boys” gespottet. Es war Bobby La Boum – mit bürgerlichem Namen Markus Popp – der sich an einen Abend im Sommer 2004 erinnerte und mir in einem Kommentar schrieb: “Damals ging es doch los, dass sich diese schwäbischen Studenten alle wie die “Strokes” angezogen haben, mit engen schwarzen Hosen und engen Jacken und so betont schlacksig in den Bewegungen, wie die Kinder haben die das alle einfach so kopiert.” Und Bobby schloss melancholisch: “Diese Boys heutzutage haben einfach keine Balls mehr.”
Damals, in diesem herrlichen Sommer, als wir Averna trinkend und Krawatten zwirbelnd an der Schlesischen Strasse sassen, wurden aber noch die eher fröhlichen Momente der 80er wiederholt, bzw. verklärt – und nur Bobbys scharfes Auge konnte den heraufziehenden Stroke-Style erkennen. Die Stroke-Boys und ihr depressiver, übernächtigter Schick waren noch dünn gesät, die Kleidungsordnung forderte noch eine gewisse Punkyness, einen gewissen fröhlichen Dilettantismus. Denn die popkulturelle Grosserzählung, der sogenannte Mainstream, dessen unfreiwillige Akteure wir sind, verachtet die narrative Collage: Alles wird schön nacheinander abgewickelt. So hat die grosse Menge auch brav bis 2007 gewartet, um die Nietengürtel, Skijacken, selbstgedruckten T-Shirts und sonstigen Ironie-Accessoires im Geheimen abzulegen und dem Stroke-Style endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. Wenn man heute, an einem atmosphärisch komisch zweideutigen Samstagmorgen auf die Strasse geht, wird man augenblicklich von ihnen umzingelt: von müden, gelangweilten, in sehr engen schwarzen Hosen und zu hoch sitzenden dünnen Jacken steckenden Boys, die ihren The-Day-After-Rock-n-Roll-Stil mit einigen sehr hübsch gesetzten Abgefucktheits-Zitaten der klassischen Bohème überhöhen (Seidenschals, Hüte, katatonisch entspannte Gesichtszüge).
Dass “schwäbische Studenten ohne Balls” gern aussehen wie amerikanische Post-Folk-Rockstars, die nach einem Europakonzert in einem Pariser Café sitzen und versuchen, sich von den Nebenwirkungen irgendwelcher Drogen und ihres langsam nervenden Ruhms zu erholen – das ist ja grundsätzlich nichts Neues. Vor einigen Jahren kämmten sie ihre Haare schräg und gründeten Punk-Bands mit ironischen Namen. Vor einigen Jahren bewegten sie sich energetisch, da war noch diese seltsame Sportlichkeit der frühen Punks angesagt und die untergründig aggressive Lockerheit der New-Wave-Nerds. Jetzt ist es mal wieder vorbei mit der Selbstironie, jetzt ist mal wieder echte Depression angesagt. Man bewegt sich eckig, man guckt übernächtigt – was natürlich insbesondere sehr jungen schwäbischen Studentinnen gut steht, so wie es schon den Romantikerinnen gut stand. Aber was mich trotzdem verwirrt: Gerade war noch seelische Fitness angesagt, mit der die (wiederholten) Punks den (wiederholten) Hippies ihr “Spürst-Du-mich”, ihr “Mal-gucken” um die Ohren hauten. Und auf einmal ist der Mainstream wieder müde, fertig, kaputt, entmutigt vor jedem Kampf – warum eigentlich?

“Euphorie eines Alkoholikers” – Frau vor Rothkos White Center
Anlässlich der Rothko-Retrospektive in der Hypo-Kunsthalle München hiess es gestern in der taz, Rothko sei ein “depressiver Alkoholiker und Raucher” gewesen. Ein für mich doch etwas überraschender Satz. Natürlich: Dass die abstrakten Expressionisten Alkoholiker waren, ist ungefähr so überraschend wie der Hinweis, John Lennon und Bob Marley hätten Hasch geraucht und die SS-Leute auf dem Russlandfeldzug ständig “Champagner” und “einen guten Cognac” getrunken. Dass Ed Harris in seinem “Pollock” pausenlos Wein aus kitschig bauchigen Flaschen trinkt und mit irrem Blick in zerbrochenem Glas herumrutscht, dass der halbe mexikanische Mittelstand “Under the Volcano” gelesen hat, ist nur allzu verständlich. Die Intensität, die heilige Euphorie des expressionistischen Alkoholikers bringt dem Bürger Trost. Mein ganzes Erwachsenenleben hindurch war ich von Mädchen umzingelt, die in Trinker verliebt waren und über ihrem Küchentisch Rothkos “Rot, weiss und braun” hängen hatten (“White Center”, das in letzter Zeit so berühmt geworden ist, war weniger beliebt). Denn obwohl natürlich jeder Idiot trinkt, umgibt den begabten Säufer nach wie vor eine Aura der Heiligkeit.
Aber darauf hinzuweisen, dass Rothko “Raucher” war? In den späten Neunzigern liebten es Kulturwissenschaftler, uns mitzuteilen, dass im Kino plötzlich nur noch Wendeverlierer, Bösewichte oder schwangere Frauen aus den unteren Schichten rauchend zu sehen waren – dass Rauchen also wieder böse war. Im film noir – lange vor dem Sieg der Popkultur – hatte aufsteigender Rauch auf eine femme fatale oder einen Auftragsmörder hingewiesen, im besten Fall auf einen abgetakelten, leicht soziopathischen Bogart-Typen. Als in den 90ern die Noir-Konnotation des Rauchens gewissermassen durch die Hintertür eines neuen Gesundheitsbewusstseins wieder aufkam, war es deshalb in, eher für als gegen das Rauchen zu sein – weil man dadurch automatisch auch ein wenig noir, ein wenig böse, ein wenig verdammt war. Neben Knight Riders K.I.T, in dem es um das Thema der Freundschaft zwischen Mensch und Maschine geht, war die bestimmende popkulturelle Denkfigur meiner Kindheit der Marlboro-Mann, der an Lungenkrebs stirbt: New Frontiers und ein sehr unheldenhafter, ekliger und langsamer Tod, vereint zur Idee des Rauchens. (Ich erinnere mich, dass ich mich noch als junger Student nur deshalb in eine Dozentin der FU verliebte, weil sie während der Pausen im Seminarraum jeweils eine Zigarette rauchte – eine Mischung aus lockerer Übertretung und kühler Todesglamour, die ich noch aus meiner Kindheit sehr zu schätzen wusste.)
Dass das Rauchen aber insgesamt zu einer Bohème-Praxis werden würde, dass es wieder eine ästhetische Sozial-Idee des Rauchers geben würde (so wie es eine ästhetische Idee des Trinkers gibt), hätte doch wohl niemand vermutet. Meine Grossmutter beispielsweise war noch Raucherin in diesem Sinn, sie verfügte über eine Praxis des Rauchens, in der sich erwachsener Genuss und eine sehr entspannt angedeutete Verruchtheit die Hand gaben. Nach Familienessen pflegte sie jeweils eine Zigarette anzuzünden und sie – wenn sie sie nicht gerade zum Mund führte – in einer für heutige Verhältnisse etwas zu kurzen Entfernung vor ihrem Gesicht in der Luft zu halten, in quasi-ritueller Erstarrung, die Finger leicht abgespreizt, so, als würde sie die Zigarette nicht bloss festhalten, sondern zeigen wollen. Meine Grossmutter kam aus der Noir-Zeit, hatte noch vor dem Krieg in Paris Malerei studiert, konnte noch, wenn ihr danach war, diese Marlene-Dietrich-Stimmung voll kühler, sehr aristokratischer Abgefucktheit verbreiten: eine freiwillige Katatonie, ein glamouröses, sanft mit Endzeit geschmücktes Erstarren in dieser ewig-weiblichen Überlegenheit über alle männliche Hektik.
Dass die Stroke-Boys dieses stark an das androgyne Weiblichkeitsideal der 20er angelehnte katatonische Ich-Erlebnis wiederholen – dieses dunkel gekleidete “I wanna be forgotten, and I don’t wanna be reminded”, das von den Existenzialisten in den frühen 50ern als Mischung aus nihilistischer Action und seelischer Unberührtheit reanimiert worden ist -, weist auf eine völlig paradoxe kulturelle Situation hin: In einer Welt, in der jeder sich als Verdammter der Gesellschaft verkleidet und zugleich eine völlige Nebensächlichkeit wie “Rauchen” ein Bohème-Stigma ist, funktioniert Revolte, funktioniert “Jugend” nur noch als Verweigerung im ganz klassischen, im totalen Stil der maudits. Der neurotische Indie-Boy, der Retro-Punk, die mit weich gewaschener Männlichkeit kokettierenden Vespafahrer und Feierabendboxer oder der New-Wave-Klon haben sich noch damit begnügt, ironisch, aggressiv oder bloss – im Fall der Vespafahrer – mit ergebenem Hundeblick auf die sehr fragwürdige “Individualität” ihres Styles hinzuweisen. Das “Ich” war eben eine Freizeitbeschäftigung und bloss aus alter Gewohnheit von einem existenziellen Sound unterströmt (oder hat man jemals von einem tödlichen Vespa-Unfall gehört?).

“Stylemässig ausgebrannt” – Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Der Stroke-Boy oder das Stroke-Girl – mager, jungenhaft, katatonisch, stylemässig gewissermassen bis auf die Fundamente der Gegenkultur ausgebrannt: die kühl von innen leuchtende Farbe schwarz, dieses “soleil-noir”-Gefühl, diese “impassibilité”, die den französischen Neoromantikern derart wichtig gewesen ist – der Stroke-Boy, von einem müden Mainstream nach vierzig Jahren Ironie in schwarze Jeans und einige Bohème-Accessoires gekleidet, besteht nur noch aus dem Grundbestandteil der Subkultur: einem locker dahingesagten, unkörperlichen, nicht einmal deutlich formulierten Nein.
So werden wir in den nächsten Jahren viele magere Männer sehen, viele Frauen in engen Hosen, viele Hüte und viele Schals – viele junge Bob Dylans. Viele Mädchen werden wir kennen lernen, die uns aufreizend blasierte Blicke zuwerfen werden. Wir werden mit Leuten reden und nicht mit Sicherheit feststellen können, ob sie uns zuhören. Wir werden wieder Bands haben, die nach den Namen ihrer Musiker benannt sind. Wir werden Kompositionen aus Müdigkeit und Schweigen hören, und die Stars werden sich mit Tabak, Schlaflosigkeit und Verzweiflung töten, wie im vorletzten Jahrhundert.
Einige Kulturwissenschaftler werden darauf hinweisen, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau so gering geworden sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr, wie seit jenen Tagen in den frühen 50ern nicht mehr, als die Frauen ihr Haar kurz schnitten und begannen, Hosen zu tragen, als Sarte und Beauvoir “wie zwei liegengelassene Marionetten” (Capote) im Café Flore sassen und jedermann Rotwein trank, Gauloise ohne Filter rauchte und Aufputschmittel nahm.
Ja, Freunde: Es wird ein neuer Existenzialismus kommen und ein neuer Rothko wird unseren Mittelstand entzücken – schon arbeitet er, in einem geheimen Atelier – stark in den Farben, rein in den Gefühlen – mit dunklen Ringen unter den Augen und einem Zigarettchen im Mundwinkel.
Denn dies ist das Ungeheuerliche am Menschen: Mag er auch noch so bedingt sein von seiner Zeit, mag auch eine ganze schwäbische Studenten-Generation vom Mainstream in enge schwarze Hosen gesteckt und “wie die Kinder” zu “komisch schlacksigen Bewegungen” gezwungen werden (um die prophetischen Worte Bobby La Boums zu zitieren), so bleibt doch etwas Unberührbares, etwas Einsames, etwas Katatonisches, etwas schizophren Rothkohaftes in uns. Oder um es mit den Worten Jean-Paul Sartres zu sagen:
“Wir können uns ohne Schwierigkeit vorstellen, dass ein Mensch, obwohl er von seiner Situation vollkommen bedingt ist, ein Zentrum irreduzibler Nichtdeterminiertheit sein kann.”
Wir sprechen wie die Papageien, kein Wort ist neu. Und trotzdem sind wir wir. Denn etwas in uns, irgend etwas ist von dieser Welt nicht zu bewegen.
Es gibt keine Kühe
7. März 2008, 13:35 Uhr

“So habe ich meine Heimat vollständig ausgelöscht” – mittelgrosse Kuhherde
Wenn man einen Text schreibt, umgibt er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt – etwa in der Hälfte – mit einer unsichtbaren Schattenlinie. Szenen und Bilder, die man am Anfang geplant hat, passen nicht mehr, und oft sind es die Bilder, für die man überhaupt erst zu schreiben begonnen hat. Dafür drängen sich neue Bilder auf, von denen man nicht sagen könnte, woher sie kommen.
Das ist auch der Grund, warum man, bevor diese Linie, diese Hälfte des Textes erreicht ist, besser nicht mit einem Lektor spricht: Sie muss aus dem Inneren der Arbeit zu einem kommen. Es handelt sich um eine bestimmte Erlebnisweise, um eine Art, sich zu orientieren – und nicht um eine analytische Entscheidung. Man muss zuerst die Schönheit einer Landschaft entdecken. Erst dann wird sie sich wirklich ausmessen lassen.
Wie eine Ameise läuft man dann auf der unsichtbaren Duftspur der wahren Konzeption, die unsere Intelligenz übersteigt. Wenn ein Text begonnen hat zu sprechen, ist man gerettet. Das Leben ist niemals einfach. Alles ist austauschbar, nichts ist nötig, auf allen Seiten lockt das Unglück – nur die Kunst, nur ein Text kann uns eine Richtung geben.
Sobald man diese Linie das erste Mal gesehen hat, ist das Leben ohne Arbeit natürlich eine schreckliche Sache. Es kommt einem vor, als wäre es von einer Dummheit des Instinkts, von einer Unschlüssigkeit des Geistes erfüllt, die wirklich unerträglich sind. Kein Umgang mehr ist zu finden mit der Welt, und man ist einfach so hingeworfen – sich selber zum Elend. Man träumt deshalb von einem Balzac’schen Seinszustand: Man sitzt in einem unendlich ruhigen Zimmer im Herzen von Paris, und ein Diener kocht Kaffee, damit man unablässig schreiben kann. Man muss immer von Neuem lernen, anzufangen und aufzuhören.
Wenn der Übergang geschafft ist, dann ist alles einfach – sogar der Verzicht. Für jeden Text, den ich schreibe, gibt es zwei bis dreimal soviel Material, das diesen unerklärlichen Sprung über die Linie nicht schafft und zurückbleibt. Ich sehe diese Fragmente manchmal vor mir, wie sie kleiner werden, während der Text weiterwächst. Ich sehe, wie sie geringer werden, wie sie ganz bedeutungslos werden und schliesslich verschwinden – in dieser emotionalen Perspektive eines abfahrenden Zuges, die künftige Generationen vielleicht nur noch aus Filmen kennen werden. (Wie muss es erst für einen Schauspieler sein, der Gesten zurücklässt?)

“Hätte ich als Förster Frieden gefunden?” – Waldstück mit Hirsch
Hier ein kleiner Monolog, der für ewig am Bahnsteig stehen wird. Er wird gesprochen von Beat Friedli, einem Werbegrafiker, einem jungen Schweizer Bürger aus Bern, der zu seinem Unglück auf den Dunklen Kontinent gerät:
“Ich bin aus dem Berner Oberland und habe von Kindsbeinen an Angst vor Kühen gehabt. Jede Wanderung, sogar jeder Spaziergang durch meine Heimat wurde mir durch diese Angst vor der Unberechenbarkeit der Kühe verdorben, die ohne Vorwarnung und mit gesenkten Hörnern auf mich zugestürmt kamen. Bis in meine stillsten Träume verfolgten mich diese Tiere, deren Milch weiss und deren Seele schwarz ist.
Hätte ich Seemann werden sollen, um ihnen zu entgehen? Nein, denn ich hätte ihr Muhen noch im Tosen der Weltmeere gehört. Hätte ich als Förster, im tiefsten Wald Frieden gefunden? Wieder nein, denn sogar das Klopfen des Spechts wäre mir vorgekommen wie ein einziges Getrappel von Hufen.
Als ich achtzehn Jahre alt geworden war, sprach ich: Jetzt ist es genug! Es reicht! Es gibt keine Kühe! Zuerst liess ich aus meinem inneren Kuhbild alle Farbe entweichen. Dann vernichtete ich das Muhen der Schnauzen und das Getrappel der Hufe. Schliesslich löschte ich auch die übrigen Eigenschaften der mir verhassten Kühe aus, bis das Konzept Kuh insgesamt verschwunden war, zog nach Zürich und wurde Werbegrafiker.
Dort löschte ich alle anderen Tiere auch aus, in erster Linie natürlich den Berner Sennenhund, welcher öfters nach mir geschnappt hatte. Dann waren die Pflanzen an der Reihe, dann die Kristalle, dann die Mischwälder, die Gebirgsbäche, die Wanderwege und Gletscher. Ich löschte die Kleinbauern aus, die Pharmaindustrie, die Grossbanken, die Lawinen, die Klauenseuche, die rhätischen Bergstämme, die Halbkantone und die Baumgrenze.
Am Ende vernichtete ich den Aufgang der Sonne zwischen den Bergspitzen, den Morgennebel über den Almwiesen und den feuchten Schnee an den Wegrändern. Ich arbeitete hart, bis der allerletzte Rest der Schweiz aus meinem Kopf verschwunden war.
So habe ich, noch vor Erreichen meines 25. Geburtstags, meine Heimat vollständig ausgelöscht.”
















