Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/w009437f/wp-content/plugins/wpseo/wpseo.php on line 12

Mai 2008



Marcel Bächtiger: In Tirgoviste (Manifesto III – Teil II)


16. Mai 2008, 13:35 Uhr

(Bild entfernt)
„Genau so sah meine Kindheit aus…“ (Filmstill aus Der Spiegel, Andrej Tarkowskij, 1975)

„Ganz genau so sah meine Kindheit aus….“, schrieb eine Zuschauerin an den Filmemacher Andrej Tarkowskij, nachdem sie seinen Film „Der Spiegel“ gesehen hatte – einen Film, den die Kulturfunktionäre als elitären „Bockmist“ abtaten und der auch bei grossen Teilen des Publikums auf Ablehnung oder unverhohlenen Widerwillen stiess. Zu unverständlich war der kühlen, am sozialistischen Realismus geschulten Kunstauffassung die assoziative Reise durch Zeit und Raum, zu undurchdringlich die hypnotischen Kamerafahrten, zu eigenwillig die anachronistische Montage aus Erinnerungsbildern und Archiv-Material. Der ganze Film, stellte die Moskauer Filmbehörde trocken fest, sei nichts anderes als eine „wertlose freudianische Nabelschau“. Überrascht es, dass an dieser Stelle der Seelendoktor aus Wien, der Erforscher des Unheimlichen bemüht wird?

In einer Zeit also, in der man Tarkowskij einreden wollte, dass niemand seine Werke brauche und verstehe, rührte der Film unmittelbar an die tiefsten Erinnerungen einer Zuschauerin in der fernen Provinz: Genau so sah meine Kindheit aus… „Nur“, fragt sie weiter, „wie haben Sie davon erfahren können? Genau so einen Wind gab es damals und so ein Abendlicht… Wissen Sie, als ich im dunklen Kinosaal auf die ausgeleuchtete Leinwand schaute, da fühlte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich nicht allein bin.“

Wenn ich im ersten Teil dieses „Manifestos“ von der Tiefe des Bildes gesprochen habe – von etwas wie der „Bildwahrheit“ des Films – dann ist sein Sinn wahrscheinlich eben dies: eine gemeinsame poetische Vision der Welt. So gesehen, ist der einzige Unterschied zwischen dem Filmemacher und dem Zuschauer, dass der eine auszudrückt, was unartikuliert auch im anderen verborgen liegt – die Überwindung der gegenseitigen Sprachlosigkeit durch die Kunst. Der Traum ist derselbe.

Bemerkenswert am obigen Beispiel ist, dass die Zuschauerin den Wind erwähnt, der doch gerade nicht sichtbar oder filmisch reproduzierbar ist (oder wenigstens nur mittelbar über die Bewegung eines Kornfeldes oder das Rauschen in den Bäumen). Es ist fast so, als hätte sie geschrieben: „Genau so dufteten die Blumen damals“, als wäre der Film also nicht mehr eine zweidimensionale Projektion, sondern eine sinnlich lebendige Erinnerung. Nicht mehr und nicht weniger zeigt dieses Beispiel, als dass die poetische, „unheimliche“ Aneignung der äusseren Wirklichkeit durch die Kamera jene in eine allgemeinere Wahrheit verwandeln kann. (Nicht umsonst wendet sich Tarkowskij in seinen Schriften auf nostalgische Art gegen den „modernen Künstler“, der die Selbstverwirklichung zum eigennützigen Prinzip erhoben und von seiner gesellschaftlichen Verpflichtung als „Vermittler ewiger Wahrheit“ keine Vorstellung mehr habe.)

Nun planen wir die Re-Inszenierung der letzten Tage des Ehepaars Ceausescu – die dramatische Verdichtung eines historischen Umbruchs, das düstere Negativ-Bild der „Wende“, das mit der hektischen Hinrichtung des greisen Ehepaars endet: Wir befinden uns in der Kaserne von Tirgoviste, einige Kilometer nördlich von Bukarest, es ist der 25. Dezember des Jahres 1989. Das Diktatorenpaar Nicolae und Elena Ceausescu wird in einem dunklen Panzerspähwagen festgehalten. Drei Tage zuvor sind sie mit einem Hubschrauber vom Dach des Parteigebäudes aus Bukarest geflohen, wurden vom Piloten im Stich gelassen, kidnappten das Auto eines einfachen Landarbeiters, irrten verloren durch die verschneiten Wälder Rumäniens und wurden schliesslich „zu ihrer eigenen Sicherheit“ von der Miliz festgenommen und nach Tirgoviste geführt.

(Bild entfernt)
„Verloren in den verschneiten Wäldern“ (Ausschnitt aus C. D. Friedrichs Jäger im Wald)

Man braucht an dieser Stelle nicht auf die politischen Hintergründe einzugehen, um bereits die Grundzüge einer mythischen Erzählung zu erkennen. Frappierend ist die Universalität des Bildes: Eben noch bewohnte der Diktator den gigantomanischen „Palast des Volkes“, umgeben von eilfertigen Parteifunktionären und gefürchtet vom gemeinen Volk, um sich wenige Stunden später von allen verlassen in einer kargen Winterlandschaft wieder zu finden – mit den Worten des Biographen Thomas Kunze gesprochen: „Der Alptraum hatte begonnen.“

Begonnen hat aber auch eine Erzählung, deren Bilder merkwürdigerweise der Symbolsprache des Traumes entsprechen: Die beschriebene Szene ist einerseits historisch, sie ist richtig und authentisch, und man wird sogar den Landstrich präzise ausfindig machen können, wo sich die Ereignisse abspielten. Wahr ist aber andererseits auch das vom konkreten Kontext losgelöste Bild, und zwar in seiner – wenn auch alptraumhaften – Poesie. Es ist eines der wieder kehrenden Symbole, das vom plötzlichen Umbruch, von der unerwarteten existenziellen Einsamkeit erzählt, es ist eines der zahlreichen mythischen Elemente, mit der die historische Geschichte das Ende von Nicolae und Elena Ceausescu konstruiert hat.

Fast symbolisch reihen sich die Stationen aneinander, führen von der Weite der Landschaft in die dunkle Enge des Panzerwagens, vom improvisierten Gerichtssaal in einer notdürftig hergerichteten Militärbaracke hinaus auf den Kasernenhof von Tirgoviste, wo drei Soldaten panisch das Feuer eröffnen. Es sind Szenen von parabelhafter Kraft, die sich abspielen und deren Rekonstruktion eine wahrhaft unheimliche Wirklichkeit zu Tage treten lässt. Denn die surreale Scheinwelt von Ceausescus Herrschaft, einem düsteren Märchen nicht unähnlich, hat sich unter umgekehrten Vorzeichen in der Geschichte seiner Hinrichtung fortgesetzt.

Es geht dabei nicht um eine Aufteilung in symbolische und historische Wirklichkeit oder deren Wertung. Die Beunruhigende an der Geschichte ist vielmehr die Tatsache, dass die eine Wahrheit vollständig in der anderen enthalten ist: Genau so einen Wind gab es damals und so ein Abendlicht.

“In Tirgoviste” von Marcel Bächtiger ist Teil einer Reihe von künstlerischen Manifesten verschiedener Autoren aus dem Theater-, Literatur-, Musik- und Filmbereich, die in unregelmässigen Zeitabständen und in unterschiedlicher Form auf den Seiten von AlthussersHände.org erscheinen. Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant.

Marcel Bächtiger – Ambassador des IIPM und Mitglied des Leitungsteams des Dokufictionprojekts “The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu” – wurde 1976 in St. Gallen (CH) geboren. Nach seiner Matura studierte er Architektur an der ETH Zürich. Seit seinem Diplom 2002 arbeitet er als freischaffender Filmemacher und Architekt. Er realisierte zahlreiche Filmprojekte als Regisseur und Cutter, u.a. Architekturfilme, Theatervideos für das Schauspielhaus Zürich, den Dokumentarfilm „Ein Tor für die Revolution“, Musikvideos sowie Auftrags- und Werbefilme. Sein Kurzfilm „Dr. Strangehill“ (2007) wurde an renommierte Filmfestivals in aller Welt eingeladen. Momentan arbeitet Marcel Bächtiger am Drehbuch für den Fernseh-Spielfilm „Luchs“ und an der Konzeption des Kurzfilms „Romantik“.

Teil I des Manifestos trägt den Titel “Die Konstruktion des Unheimlichen” und erschien am 28. April 2008 auf den Seiten von AlthussersHände.org.

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | 6 Kommentare »



vistit IIPM



Claudia Zweifel: Gegen halb zwei! Für die Sehnsucht! Gegen mich! Für Frau Meier! (Manifesto IV)


9. Mai 2008, 17:12 Uhr

(Bild entfernt)
“Was für ein Jauchzen! Ich bin schizophren! Halleluja!” – Werbebild

“Ja, es bringt einen tatsächlich zum Zerspringen, und gleichzeitig sieht man die Buchstaben und Sätze in einem Buch abgebildet, denn sie sind verdammt fertig geformt. Keine Arbeit brauchts mehr dafür. Es ist die rohe und gelungene Arbeit, was für ein Schmerz! Was für ein Jauchzen! Halleluja! Ich bin schizophren. Halleluja! Oh wie göttlich, dies abgedruckt zu sehen. Halleluja, Schmerz, der nie endet.”

Nein Frau Meier, jetzt tun Sie doch nicht so, auch in Ihnen steckt ein kleiner Schriftsteller. Lassen Sie’s raus, lassen Sie’s nur raus. Seit ich denken kann, hat Frau Meier nichts anderes tun wollen als malen und schreiben. Raten Sie mal wo sie sich jetzt befindet? Ja, ganz genau. Direkt hinter diesem weissen Vorhang, dessen Ränder unten von Dreck gelblich sind. Nein, nicht ablenken. Aber natürlich nicht. Frau Meier befindet sich hinter dem Vorhang, und hier haben wir die Talkshow. Sehen Sie? Hier.

Aber Herr Nagli, Talkshow, ich bitte Sie. Na gut, auch wenn’s nicht mehr so modern ist wie vor ein paar Jährchen – ich will Ihnen mal etwas sagen: Ich werde Ihnen und Frau Meier trotzdem zuschaun. Aber – und das müssen auch Sie respektieren – ich kann Talkshows nicht ausstehen. Wie peinlich erst recht für mich, dass mir, bevor ich mich überhaupt setzen konnte, ein kleiner Furz entwichen ist. Aber ich habe das Geräusch verdoppelt und man könnte auch annehmen dass es sich um meine hochmodernen Plastikhosen handelt. Sehen Sie? Da ist ein farblicher Verlauf drin. Ja! Wahrlich, wie raffiniert, ruft Herr Natter aus und dreht ihr auf der Stelle den Rücken zu, um die Talkshow besser verfolgen zu können.

Frau Meier, Sie sind jetzt 42, haben zwei Kinder und sind geschieden. Nein, entschuldigen Sie, aber ich bin 52. Ha, was? Sie sehen aber wie 42 aus. Janaja, haben Sie diese billige Anmache gehört, Herr Kollege? Dieser Nagli wird nie mein Freund werden. Und in Sachen Kunst kennt sich der sowieso nicht aus. Sie sprechen mir aus der Seele. Wahrlich, denn dieser Herr ist eine Banause und kennt sich leider nicht aus.

(Bild entfernt)
“Mich interessiert tatsächlich nur die Technik” – Werbebild

Hoppla, jetzt hab ich nicht aufgepasst und vergessen, das Schild fürs Klatschen hochzuhalten. Hören Sie, wie da hinten ein Auto quietscht? Ich sag Ihnen, Kollege, das ist die Lamprecht, eine ganz Heisse. Aber dass so einer wie ich existiert, weiß die doch gar nicht, denn sie wird denken, wir haben alle nur unsere Technik im Kopf. Dabei sind wir doch Männer. Hohoho. Ich bitte Sie, Geschwitz, ihre schmierige Schmutzfinkart – Pardon- interessiert mich herzlich wenig. Wenn Sie’s wissen wollen? Mich interessiert tatsächlich nur die Technik. Die Befriedigung finde ich in der Arbeit. Oho, nicht dass ich wüsste, dass Sie ein Junggeselle sind. Aber egal, Ihre Frau wird’s Ihnen verzeihen, so dumm, wie die ist. Schauen Sie nur, wie der Nagli diese Meier wieder anbaggert.

Frau Meier, ich möchte ja nicht indiskret sein, aber haben Sie mit zwei Kindern überhaupt noch Freizeit, um Ihr Hobby, die Malerei auszuführen? Ja, meine Kinder wohnen nicht mehr zuhause, da ist das schon möglich. Ich habe jetzt viel Zeit. Aber die Malerei ist für mich kein Hobby. Frau Meier, darf ich denn fragen, was Sie gelernt haben? Ja, ich habe in einer Schneiderei meine Lehre gemacht, und wurde nachher Krankenschwester im Zürcher Kantonsspital. Allerdings ist das nie mein Traum gewesen, meine Eltern haben mir schlichtweg verboten Künstlerin zu werden – heute ist das nicht mehr so – die haben es viel schöner, die Jungen – allerdings hat meine älterer Sohn ein Musikstudium abgeschlossen und meine Tochter ist auch in einem Beruf, den ich nicht so ganz verstehe.

He Sie da, pst, haben Sie gehört? Die weiß nicht mal was ihr Kind für einen Beruf hat. Kein Wunder, sind die Plätze im Publikum so leer. Das Thema von Frau Meier ist einfach zu kompliziert. Ich habe es von Anfang an gesagt. Zwei Leute im Publikum, nein, so was! Sie, jetzt muss ich mich wegen Ihnen auch noch umdrehen. Hören Sie bitte auf, ich möchte mich nicht mit ihnen verbrüdern, ich bin anderer Meinung. Auch wenn ich ihre Plastikhose sehr anzüglich finde, ich bin anderer Meinung, was diese Talkshow angeht.

Frau Meier, wieso sind Sie geschieden, ich meine, wieso ist Ihre Ehe zerbrochen. Sie ist nicht zerbrochen, wir haben uns einfach auseinander gelebt. Wie – “einfach”? Herr Nagli, man kann sich so was manchmal selbst nicht erklären. Für mich hörte sich das früher wie ein Klischee an – „sie haben sich auseinander gelebt“ – aber wenn man älter wird, merkt man, dass so etwas möglich ist. Plötzlich sieht man den anderen objektiv. Aha, das ist jetzt aber interessant. Wie meinen Sie dieses „objektiv“, Frau Meier?

Jemanden objektiv zu betrachten, bedeutet, ihn nicht mehr zu lieben, denn man hat sich ein Urteil gebildet. Das hatte ich gemacht. Mein Mann kam mir so hohl und langweilig vor, so zäh wie diese Luftmatratze mit der Palme oben drauf, die wir im Swimmingpool hatten, und die meine Tochter so unbedingt wollte. Sehr schön, sehr bildlich liebe Frau Meier. Moment, ich war noch nicht zu Ende. Bitte. Danke. Ich schäme mich sehr wenn ich das sage, weil ich es für widerlich und ungerecht halte. So ging’s auch los. Der Selbsthass, der hat mich dazu getrieben, ich musste mich trennen, weil ich mich dafür hasste, ihn nicht mehr zu lieben. Aber lassen wir das, ich habe alles tausendmal durchgedacht, und bin mir immer noch nicht sicher, was mein Problem wirklich war. Aber, auseinander gelebt haben wir uns schon. Das schon. Besonders nachdem die Kinder gegangen sind.

(Bild entfernt)
“Halten Sie die Spannung!” – Werbebild

Ja, Frau Meier, kommen wir noch mal auf das Bild zurück, das Sie in den Händen halten. Sie haben uns zu Beginn der Show, was da drauf steht, vorgelesen. Man hatte Sie noch nicht gesehen, dann ging der Vorhang auf, und Sie wirken doch eher wie eine sehr vernünftige Hausfrau. Weder schizophren noch sonst irgendwie verrückt – aber wenn man das hört, bekommt man direkt Angst. Wieso haben also Ihre Bilder solche Texte drauf, oder besser noch gefragt, wie kommen Sie auf solche Ideen? Dann erklären sie uns doch bitte mal dieses Bild.

Also, ähm, ja. Gut so, Frau Meier, schauen Sie noch mal in die Kamera, halten Sie die Spannung! Wir gehen gleich in die Werbung. Entschuldigung, was flüstert der Moderator da? Das ist doch jetzt aber völlig unprofessionell. Hallo, Sie? Haben Sie’s gehört? Schauen Sie nicht so bitterböse. Machen Sie doch bitte nicht so ein Gesicht! Sie sitzen doch schliesslich näher dran, da kann man ja wohl annehmen, dass Sie’s gehört haben. Nein, ich habe nichts gehört und mir ist das auch egal. Dank Ihnen habe ich jetzt verpasst, zu klatschen.

Das ist nicht so schlimm, man kann das technisch manipulieren. Kann ich Ihre Stimmung verbessern, indem ich Sie in die Cafeteria zu einem Tee oder vielleicht auch einem Kaffee einlade? Achso, wir müssen sitzen bleiben. Wissen Sie, wenn ich nach der ersten Pause schon ein Resumee ziehen darf… Frau Meier, so habe ich zumindest den Eindruck, Frau Meier ist sich Ihrer Sache nicht bewusst. Die weiß doch gar nicht, was Sie da tut.

So, hier sind wir wieder, Frau Meier hat uns eben ein klein wenig in ihre Welt eingeführt, und nun haben wir eine Überraschung parat. In der Pause haben wir einen Experten aufgetrieben, der das Bild gleich für Sie, meine lieben Zuschauer, analysieren wird. Guten Abend Herr Tutsli. Herr Tutsli ist Kunstexperte. Herr Tutsli, um was geht es hier?

Ja. Ich möchte erst einmal meinen Dank aussprechen, dieser wunderbaren Sendung beizuwohnen. Die Frage ist für mich, wohin will Frau Meier damit? Was will sie erreichen? Es kann ja nicht sein, dass sie einen solchen Kraftaufwand betreibt, der dann ins Leere schiesst. Moment, darf ich Sie kurz unterbrechen? Wenn es eine Freizeitbeschäftigung von ihr ist, was ich eher annehme, dann wäre es ja kein Kraftaufwand der ins Leere schiesst. Verstehen Sie, was ich meine? Aber neinnein Herr Nagli…Hihi. Möglicherweise will Frau Meier sogar damit Geld verdienen. Oder? Ja, ich bin zwar bisher nicht auf die Idee gekommen, weil es mir in erster Hinsicht darum ging zu malen, aber ja, es wäre natürlich schon schön, damit Geld zu verdienen.

plattenbaudomi.jpg
“Das Kuckuckskind” – Courtesy Claudia Zweifel

Meine Damen und Herren, wir haben hier eine hochkarätige Jury, die Frau Meiers Bild beurteilen wird. Frau Meier, stellen Sie sich schon mal auf den violetten Teppich vor den samtenen Vorhang. Nein, noch ein bisschen nach vorne. Vorhang auf, für die Jury! Wie billig, jetzt holen die auch noch eine Jury.

Frau Meier. Wir wissen, dass Ihnen diese Sache am Herzen liegt. Aber Sie wissen auch, dass Sie nur eine von vielen sind. Ich schaue Sie so streng an, weil Sie noch einen langen Weg vor sich haben werden. Erstens. Sie haben noch gar nichts erreicht, Sie sind noch lange nicht am Ziel. Zweitens. Wir sehen nicht, dass Sie sich entwickelt haben. Wollen Sie wirklich die prüde Hausfrau verkörpern? Ich glaube nämlich nicht, dass Sie mit dieser Rolle weit kommen werden. Oder Bruce, du siehst das doch genauso?

Ja. For me du bist noch am Anfang. Aber ich glaub, das weißt du auch. Ich weiß, da steckt was in dir, zeig es uns, bring es raus, Baby! Schau mal, du hast soviel Ausdruck in deinem Gesicht, da ist was ganz besonderes, Mädel. Du packst das, ich glaub an dich. Geht’s dir nicht auch so, Heidi? Ja, ich weiß nicht so recht. Mich überzeugt sie nicht so ganz. Ich mein, sie ist auch schon relativ alt.

Diese arrogante Sau, diese verdammte Kühnheit von Frau, diese grinsende Fresse, schauen Sie nur, wie die Jury Frau Meier vernichtend und schadenfroh anschaut. Frau Meier, die Arme, sie kämpft mit den Tränen. Frau Meier, Sie müssen sich das nicht bieten lassen, ich glaube an Sie. Sie machen das schon richtig, Sie sind auf dem richtigen Weg. Husch husch. Knister knister. Uh, diese Hosen knistern ja! Und wie sich dieser Plastik anfühlt, ahhhh, jaaa! Machen Sie schnell, dass diese Frau aus dem Publikum verschwindet!

Herr Moderator, Ihr Techniker! Helfen Sie mir, man will mir den Mund zukl…

Moment, Kamera bitte wieder auf die Meier, sie will was sagen. Ups, die Sendung geht nicht mehr lange, machen Sie gleich einen schönen Schwenk über die Jury auf mich. Gut Frau Meier, legen Sie los, was ist Ihr Problem! Ja, ich möchte nur sagen, dass ich es schön fände, überhaupt auf einem Weg zu sein. Entschuldigung, ich breche leider wieder in Tränen aus. Die Wirtschaft macht aus den überflüssigen Menschen Konsumisten. Die Leute können nicht umgehen mit Freiheit. Sie wissen schlichtweg nicht, wo hineinstecken. Wieder in die Arbeit? Oder etwa in ein Hobby? In Freunde, Beziehung, Ehe? Also ähm… das Leben ist Inhalt. Ähm… So bitte, nehmen Sie doch endlich diese Kamera weg, Sie stechen mir mit der Linse ins Auge!

“Gegen halb zwei! Für die Sehnsucht! Gegen mich! Für Frau Meier!” von Claudia Zweifel ist Teil einer Reihe von künstlerischen Manifesten verschiedener Autoren aus dem Theater-, Literatur-, Musik- und Filmbereich, die in unregelmässigen Zeitabständen und in unterschiedlicher Form auf den Seiten von AlthussersHände.org erscheinen. Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant.

Claudia Zweifel, 1981 geboren in Zürich, studierte an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern und an der Universität der Künste Berlin (UdK) Bildende Kunst. Sie lebt als Malerin und Videokünstlerin in Berlin. Zu Ihren schönsten Werken gehört “F. DICK I-III“, eine enigmatische Porträttrilogie über die gleichnamige Schauspielerin. Demnächst erscheint in “Spella. Kunst- und Literaturmagazin” eine Strecke mit Claudia Zweifels Computermalereien.

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg

Chronik | 2 Kommentare »



vistit IIPM



projekte

iipm channel