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Juni 2008



“Der Weltgeist zu Pferde!”


7. Juni 2008, 12:33 Uhr

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“Ganz da, ganz real, ganz offen” – Jacques-Louis Davids Napoléon

Rolf Bossart: In Reenactments werden Ereignisse wiederholt. Was können wir uns darunter vorstellen?
Milo Rau: Im eigentlichen Wortsinn meint Reenactment die bewusste und genaue Nachstellung eines historischen Ereignisses. Da geht es in erster Linie um Dokumentation, auch um Imitation. Das Interessante ist aber die Frage, ob die Wiederholung etwas anderes freisetzen kann als bloss die Kopie des Originalereignisses. Ursprünglich kommt das Ganze übrigens aus der Populärkultur. Wenn du bei Google „Reenactment“ eingibst, werden erstmal Seiten von Leuten gelistet, die alte Schlachten in historischen Kostümen nachstellen – von Mittelalterspielen in Bayern bis zum amerikanischen Bürgerkrieg.

Sie arbeiten an der Nachstellung der Verurteilung und Hinrichtung des Diktatorenpaars Ceausescu, als Theaterstück und TV-Film. Ein Ereignis, dass sich 2009 zum 20. Mal jährt. Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Alle, die genug alt sind, kennen die Bilder des Prozesses und der toten Ceausescus aus dem Fernsehen. Das ist das Merkwürdige an der Sache. Es ist ein reines Fernsehereignis geblieben. Obwohl es sozusagen die blutige Unterseite der Bewegungen von 1989 ist, haben diese Bilder keine Geschichte. Das heisst, sie sind nicht oder nur wenig untersucht worden. Einerseits ist es für die westlichen Zuschauer ein wichtiges TV-Bild, das in einer Linie steht mit dem Fall der Twin Towers oder der Ermordung von Kennedy, wovon es übrigens auch ein Reenactment gibt. Andererseits geht es darum, diesen Vorgang in Rumänien selber zu wiederholen – das Stück und der Film werden auch dort gezeigt. Ich habe kürzlich mit zwei rumänischen Künstlern geredet. Auch für sie war die Hinrichtung ein reines TV-Ereignis. Man hat gejubelt, der Diktator war tot, aber das wars dann auch.

Die rumänische Revolution als reine „TV-Revolution“?
Gewissermassen ja, weil alles übers Fernsehen passiert ist, sogar die Befehle der Generäle zur Ergreifung der Ceausescus. In den Köpfen sind zwar die Bilder vom „Ende des Regimes“, aber im Grund war das nur ein inszeniertes Reinigungsritual. Die Leute, die im Tribunal gegen die Ceausescus sitzen, haben ein paar Tage vorher noch auf Demonstranten schiessen lassen. Weil die Kader aber ahnten, dass es bald vorbei sein würde, gingen sie in die Offensive und präsentierten der Welt das wirksam inszenierte Ende des bösen Diktators. Die Welt sah diesen Tod und nahm ihn für den Sieg der Demokratie.

Was kann da ein Reenactment bewirken?
Meine These ist, dass die Katharsis, das befreiende Gefühl einer Reinigung, das durch die Hinrichtung bei den Zuschauern ausgelöst worden ist, ungenügend ist, weil es sich nicht deckt mit den realen Alltagserfahrungen nach der “Revolution”. Vielleicht kann eine genaue Wiederholung der Szenen, eine neuerliche Inszenierung mit dem Wissen von heute eine Korrektur in der Geschichte der „rumänischen Revolution“ und der „Wende“ bewirken. Wir arbeiten mit vielen zusätzlichen Fakten, mit Vor- und Rückblenden. Es könnte sein, dass der Mythos einer spontanen Revolution von unten dadurch erschüttert wird.

Warum der Ceausescu-Stoff?
Ich habe vor einiger Zeit ein Theaterstück gesehen, in dem plötzlich zwei Figuren angefangen haben, Sätze aus diesem Prozess zu zitieren. Die Aura der Angst des Ehepaars hat mich sofort zurückgeworfen auf diesen 25. Dezember 1989. Die Flucht der Ceausescus, der Verrat ihrer Generäle, das Intrigenspiel, der Volksaufstand, der brutale Tod – das ist ein Königsdrama shakespearschen Ausmasses.
Die Kunst des Reenactments besteht nun darin, den Zuschauer in eine Situation zu bringen, die die unheimliche Aura einer Wiederholung hat, aber trotzdem ganz da, ganz real, ganz offen ist. Eigentlich ein Situationismus rückwärts. Es geht darum, das emotional besetzte historische Ereignis als lebendiges Bild zu beschwören – mit jenem erhabenen Erschauern, das der Philosoph Hegel hatte, als er beim Anblick Napoleons ausrief: „Der Weltgeist zu Pferde.“ Durch das Wiedererleben dieses abgelagerten Gefühls im Kontext des Theaters oder Kinos, ist es vielleicht möglich, eine neue Sicht auf ein Ereignis zu erhalten.
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“Die Wahrheit des Gefühls” – Jeanne d’Arc blessée, Tableau vivant

Ist das vergleichbar mit der Psychoanalyse, wo man versucht, eine blockierte Situation durch ihr bewusstes Wiedererleben zu öffnen?
Entscheidend ist der Moment der Künstlichkeit. Ich habe Theater immer am intensivsten erlebt, wenn die Künstlichkeit, die Unmöglichkeit am stärksten war. Dort, wo man merkt, es wird etwas extra hergestellt oder hingestellt, um etwas auszulösen: die Couch beim Analytiker, ein historisches Gemälde im Theater. Mir liegt viel daran, dass die Details stimmen, die Bewegungen Ceausescus, die Gegenstände, dass die Schauspieler Rumänen sind und das Ganze übersetzt werden muss. Es muss inszeniert wirken, aber mit dem Willen, echt zu sein. Durch die Genauigkeit im Detail wird die Künstlichkeit der Situation transzendiert. Nur dadurch ist das Eintreten in die geschichtliche Situation möglich.

Das geht wohl nur mit Ereignissen, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Das alte Theater hat mit Bildungsbürgern funktioniert, die alle so ziemlich dasselbe gelesen haben. Arbeitet nun das historische Reenactment mit dem Bildungskanon der TV-Generation?
In einem bestimmten Sinn ja. Für die Rumänen und auch für das Bild, das der Westen sich bis heute über Rumänien macht, ist diese Hinrichtung wohl im selben Mass geschichtsmächtig geworden, wie für die Ostdeutschen die ersten Einkaufstouren auf dem Kurfürstendamm mit den 100 Mark-Begrüssungsgeld. Den Ossis hängt die naive konsumistische Schmarotzerrolle immer noch an, und die Rumänen haben bis heute im Westen ein gewisses barbarisches Image.

Wiederholung als Dranbleiben und Insistieren, andererseits als Unterbrechung von etwas, das ansonsten bliebe, was es ist. Wie kann eine alternative Handlungsmöglichkeit aufscheinen, wenn nur nochmals gezeigt wird, was gewesen ist?
Es geht um den alten Zwang zur Authentizität auf der Bühne. Dieser mythisch unterlegten Behauptung, dass in jedem Stück etwas Echtes, Neues stattfindet, ist durch das Arrangement der Wiederholung von Anfang an jeder Boden entzogen. Dagegen hat schon das postdramatische Theater protestiert mit der ironischen Geste, dass alles gespielt ist, dass wir in Zitaten reden. Ich hatte das Bedürfnis nach einer Form, mit der sich eine Aura des Erlebens herstellen lässt.

Indem man die Kopie als Original erlebt?
Mit dem Reenactment versuche ich, die Einsicht fruchtbar zu machen, dass die Wahrheit der Gefühle auch auf Basis einer recherchierten und dann wiederholten Handlung herstellbar ist. Die erste Frage ist ja immer: Wie kann ich etwas machen, das Kraft hat und funktioniert? Das dokumentarische Theater mit seiner kühlen Faktenbesessenheit war für mich in den letzten Jahren deshalb wichtig. Aber im reinen Dokumentartheater hat mir die Dichte einer wirklich erlebten Situation gefehlt. Die kannst du nur erreichen, indem du für einen Moment ins Zentrum der Bilder hineinkommst, dorthin, wo dich etwas angefasst hat – jenseits aller Fakten. Ich glaube, dass dafür das Dokumentarische mit einer Art Ritual verbunden werden muss.

Ritual?
Die Hinrichtung der Ceausescus hängt eng zusammen mit dem ersten Weihnachtstag, an dem der Schauprozess stattgefunden hat. Ich möchte, dass die Schauspieler Choräle singen. Dieses Element der rituellen Austreibung des Bösen gehört dazu, im Stil eines Passionsspiels. Ich glaube, dass ein Nachdenken gerade dadurch ausgelöst werden kann, indem man das allzu bekannte und unhinterfragte Bild bis ins Kleinste nachstellt und als ritualisierte Handlung vorführt. Da ist es am Besten, ein Bild zu nehmen, das schon viele emotionale Bindungen mit sich bringt. Nach einem erschütternden historischen Ereignis wird ja von den Machthabern immer versucht, bestimmte Interpretationen durchzusetzen. Das geht nur über die rituelle Wiederholung von ausgewählten Bildern. Aber auch der spätere Versuch, diese Interpretationen aufzubrechen, funktioniert nur übers Ritual.

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“Rauschhafte soziale Erfahrung” – Jeremy Dellers Battle of Orgreave

Fast wie bei der katholischen Messe. Das Reenactment des letzten Abendmahls mal als klerikale Machtdemonstration, mal als klassenlose Tischgemeinschaft.
Das Problem bei der Ceausescu-Geschichte ist Folgendes: Wir hinterfragen die Ereignisse von 1989, aber wir müssen das zunächst mit den herrschenden Bildern tun. Deshalb ist die exakte Recherche genauso wesentlich wie das Hinzuerzählen dessen, was die Bilder verschweigen. Ein Beispiel dafür ist das Reenactment des letzten grossen Bergarbeiterstreiks in England, das der Turnerpreisträger Jeremy Deller vor ein paar Jahren gemacht hat. Aufgrund tendenziöser TV-Bilder war man empört über die Aggressivität der Arbeiter und machte sie für die Schliessung der Betriebe verantwortlich. Zwanzig Jahre später bewirkte ein Reenactment aus der Sicht der damaligen Akteure eine Korrektur in der öffentlichen Wahrnehmung. Der Streik wurde posthum zu einem berechtigten Kampf gegen die verheerenden sozialen Konsequenzen des frühen Thatcherismus. Aber die Reaktionen sind nicht absehbar, man muss das Glück des günstigen Moments haben.

In Ihren Arbeiten ist immer der Wille präsent, Theorie und Praxis, Gesellschaftliches und Privates zu verbinden…
Meine Eltern waren in einer trotzkistischen Bewegung, ich war als Kind oft auf Demonstrationen. Etwas vom ersten, was ich gelesen habe, war „Der junge Lenin“ von Trotzki. Das waren meine Kinderbücher. Davon geblieben ist mir der vermutlich sehr postmoderne Wunsch, ab und zu vom Schatten der Weltgeschichte gestreift zu werden. Aus diesem Bedürfnis heraus bin ich später als Journalist nach Chiapas gefahren. Oder wir haben während des Jugoslawienkriegs diese Studentendemos in Zürich organisiert. Einmal kamen wir an einer solchen Demo an einem Gewerkschaftshaus vorbei, da hat uns der Sekretär zugejubelt, die Gewerkschafter sind rausgelaufen und haben sich uns angeschlossen. Das war eine rauschhafte soziale Erfahrung.

Sind das die Momente, die Sie in Ihrer Arbeit suchen?
Ich schreibe ja auch Boulevardkomödien. Wie jeder bin ich mit Tarantino gross geworden, Retro-Chic, Helge Schneider und den Teletubbies. Das war genauso wichtig. Aber ich glaube, dass meine Arbeit inspiriert ist von der Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einer sozialen Plastik im Sinn der Futuristen. Das ist in den letzten Jahrzehnten leider eher für ein spezifisch faschistisches Element gehalten worden. Tatsächlich aber besteht das Theater und die Kunst im Kern aus etwas, was man den Rausch des Sozialen nennen könnte.

Sie könnten sich also auch vorstellen, die Zürcher Opernhauskrawalle zu reenacten?
Das wäre ein schöner Einfall. Ich glaube aber, das wird schon auf der Nachdemo am 1. Mai gemacht. Und zwar bis ins Design der Flyer hinein.

Womit wir wieder beim Paradox des Reenactments wären: Die Kopie wird als Original erlebt.
Ja. Was unbewusste Reenactments angeht, verneige ich mich ehrfürchtig vor dem Künstlerkollektiv des „Schwarzen Blocks“.

Das Gespräch erschien zuerst in der WOZ – Die Wochenzeitung vom 22. Mai 2008 unter dem Titel: “Jener 25. Dezember 1989″. Weitere Informationen zu dem besprochenen Reenactment-Projekt finden sich auf diesen oder auf den Seiten des IIPM und seiner Partnerinstitute.

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Chronik | 3 Kommentare »



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