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August 2008



Aus der Kindheit des Odysseus


27. August 2008, 12:57 Uhr

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“Wer hat damals meine Rolle gespielt?” – Odysseus

Wie alles mit mir losgegangen ist, weiss keiner, am wenigsten natürlich ich selber. Meine Eltern erzählen Geschichten (entweder haltlose Propaganda oder üble Nachrede), die Fotografien zeigen durchaus charmante, aber von der eigenen Erfahrung völlig unabhängige Szenen. Meine Kinderfotos: Das alles ist passiert, als ich woanders war, man kann Kinder so wenig fotografieren wie die Irokesen. War ich jemals ein Jahr alt? Bin ich jemals auf den Schultern meines Vaters gesessen? Habe ich tatsächlich an der Brust meiner Mutter gelegen? Bin ich nackt ins Mittelmeer gesprungen, mit einer blauen Plastikschaufel in der Hand? Wer hat damals meine Rolle gespielt?

Aber von Anfang an erinnere ich mich an die Bücher und an die Dinge, zusammenhangslos, ich erinnere mich an eine ständige Übersteigerung des Ich, an eine Art Heroismus der Erfahrung. Alles war hautnah, von Kollektivkräften durchzogen, von schmeichelhaften Drohungen und bitteren Versprechungen umstellt – eine futuristische Zeit. Mit sieben, acht Jahren war ich der reine Held einer zukünftigen Geschichte, ich war Existenzialist voll und ganz, Schande über den, der dafür untauglich war. Meine Mutter wurde nervös: Ihr Sohn hatte nur zurückgebliebene Kameraden, kräftige, treue und unbeschwerte Kinder, deren Eltern zu allem Übel auch noch rechtsradikal waren. Aber was sollte ich machen? Die intelligenten, sanften, bebrillten, nah ans Wasser gebauten Kinder, die die Freunde meiner Eltern mitbrachten, ärgerten mich, sie drosselten das Tempo, sie brachten zuviel Persönlichkeit ins Spiel. Hatten sie nicht Körper, Hände, Augen? Standen wir nicht mitten im Gewitter der Atome? Wie konnte man sich für Computer und Schach interessieren, wenn es Flüsse, Bäume, Märchen gab?

Gelesen habe ich schon immer, glaube ich, und als ich noch nicht lesen konnte, trug ich immerhin ein dickes Buch mit mir herum. Meine älteste wirkliche Leseerfahrung spielt in einem kleinen Garten, Mitte der 80er Jahre. Ich lese in einer Kinderausgabe von „Tausend und einer Nacht“, manchmal fallen mir die Augen zu, dann blättert der Wind für mich weiter: ratsch-ratsch-ratsch, ich höre das Umschlagen der Seiten wie durch Watte… (Das Buch selber ist nur ein Requisit – wie das Buch, das auf dem Treppenabsatz einer meiner Grossmütter eine Mönchsstatue in der Hand hält -, wichtig, bedeutsam ist die Hängematte, die hin und her schwingt, der Wind, der ein Hitzegewitter ankündigt, die Geräusche von der Strasse, dieser geheime Stolz, ein „Leser“ zu sein, ein „Denker“. Solche Szenen lagern in meinem Kopf zu Hunderten, zu Tausenden: wie ausgediente Mähmaschinen stehen sie am Rand meiner Kindheit, unzerstörbar.)

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“Mein Krieg ist überall, er ist makellos, homerisch” – Helena

Dann aber beginnt eine vollgestopfte Zeit, ich sehe mich unten am Fluss spielen, tief im Wald, die Welt tritt in jedem Augenblick nah an mich heran, während meine Seele in schaukelndem Singsang über sie hinweggeht. Eiskaltes Wasser spült über die grünen Steine, rot leuchtet die Taschenlampe durch meine Hand. Für immer will ich in diesen Wäldern bleiben oder lesend unter der Bettdecke. Unbemerkt wird es Abend und Nacht, ich habe den Heimweg bis auf die Minute berechnet, um keinen Augenblick zu verlieren. Aber Worte können das nicht einfangen: wie sich das Wasser auf der Haut anfühlt (weil diese Haut zu einer Hand gehört, die einen Staudamm im Fluss baut), wie die Kälte unter einem Stein ist (weil dieser Stein von jemandem aufgehoben wird, der nach römischen Münzen sucht). Die Hitze unter der Daunendecke, der erregende Duft, wenn der Stoff fast Feuer fängt, die Verborgenheit, die Entrücktheit… Ich war später nie mehr so sehr und so wenig ICH, ganz ausser und ganz in mir, beides gleichzeitig. („Das Irdischste ist dem Irdischen ähnlich und doch nicht ähnlich.“)

Und auf einmal bin ich acht Jahre alt. Ich lebe am Rand von Zürich, in einer Vorstadt, neben einer Schnellstrasse, hinter der ein tiefer, feuchter Mischwald voller Bunker liegt. Sogar an den heissesten Tagen schwärmen hier die Mücken, und aus vergessenen Gründen (Beleidigungen, städtebauliche Gegebenheiten, Tradition) herrscht zwischen mir und einigen Kindern aus der Nachbarschaft Krieg. Wir stehlen uns die Fahrräder und zerlegen sie umständlich, wir zersägen sie, werfen sie Schluchten hinunter, brechen ihnen jede Speiche einzeln, foltern sie, als wären es tatsächlich Gefangene. Alles gehört zu meinem Krieg, er ist makellos, homerisch: die Mädchen mit ihrem aristokratischen Lachen, die Väter mit ihren Mittelstandsberufen, die bronzenen Schlachten aus dem Geschichtsbuch, die Tagesschau. Ich träume nachts davon, meine Feinde in unterirdische Verliesse zu sperren, und an den freien Nachmittagen sammle ich Brennnesselblätter, um sie dort nach allen Regeln der Inquisition zu quälen. Als im Osten ein Atomkraftwerk explodiert, balle ich (zwergenhaft klein, der Kleinste der Klasse) meine Hände zu Fäusten: die Möglichkeit ergibt sich, meine Widersacher mit verstrahltem Lammfleisch zu vergiften.

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“Nächte, Vogelrufe, aufkeimende Leidenschaften” – aus Eders Die Armen

Seltsam: In meiner Erinnerung ist es immer Sommer, der Sommer ist die eigentliche Jahreszeit meiner Kindheit – sein Licht, seine Nächte, seine Vogelrufe, seine aufkeimenden Leidenschaften, seine grosszügige Verneigung vor den Ausreden der Taugenichtse, seine Luxusdampferhaftigkeit. Auf dem genauen Schnittpunkt von Abenteuer und Wissenschaft lebe ich, viele Jahre lang, die ganze Welt liegt wie ein geologischer Aufriss vor mir: die Feuer der Erde, die mineralischen Zeitalter, die Dinosaurier, die Siedlungen der Pfahlbauer, die römischen Thermen, die Schlachten des Mittelalters, die Helden der Leichtathletik, Phantomas, die türkischen Reiterhorden, die Piraten, griechische, germanische und amerikanische Ungeheuer, Trotzki, Allende, Castro, dazwischen verwirrende weibliche Statuen und ganz zuoberst, fast wie ein Fleck, das braun verputzte Reihenhäuschen, in dem ich wohne. Jeder hat unendlich viel Zeit, die Leute lungern nächtelang herum, zanken und vertragen sich, lachen betrunken draussen im Garten. Lautlose Abgase zerstören die Wälder und schwärzen die Fassaden der Kirchen. Unbekannte Leute umarmen mich und brechen plötzlich in Verwünschungen aus, als ihnen der Teufel in der Gestalt von Ronald Reagan im Fernsehen erscheint. Tamilische Tiger klingeln an der Tür, Trotzkisten fegen Gläser vom Tisch, die Katzen suchen sich heisse Steine zum Schlafen: das Heerlager einer Revolution, die siegen wird – jeder weiss es. Und doch, vor dem Spiegel, hinter verschlossenen Türen, bin ich bereits weit fort, beschwöre ich listenreich meine verräterische Zukunft, mache ich mich bereit für die Reise, ich – ICH! – dieses Mischwesen, dieses spindlige, windzerzauste Unkraut auf dem Komposthaufen der Geschichte…

Ich rufe Euch:
Ihr Flüsse
Ihr Katzen
Ihr gemarterten Fahrräder
Ihr Vorgärten, prächtig geschmückt
Mit bronzefarbenen Männern
Ihr Reihenhäuser, Hängematten
Ihr glühenden Nächte
Der Tugend und der List!

Ihr sterbenden Wälder
Und sanft verstrahlten Jahre
Ihr makellosen Verliesse
Der Vorstadt
Da unser Heer noch
Unbezwingbar betrunken
Vor Troja lag…

“Aus der Kindheit des Odysseus” ist ein Auszug aus “Tausend Tage”, einem Notiz- und Schreibbuch, das genau tausend Tage umfasst. Dies ist der heutige Eintrag. Es wird darum gebeten, den scheinbar privaten Charakter des Inhalts nicht weiter zu beachten. Er ist in Wahrheit rein objektiv.

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