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September 2008



Wo liegt Amriswil? (Nachmittag eines Linksfaschisten)


25. September 2008, 13:19 Uhr

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Mein Grossvater, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Organisator von Lesungen tätig war, rief an einem Tag in den frühen 50ern Thomas Mann an, ob er bei ihm auftreten wolle. „Kommen Sie nach Amriswil“, sagte mein Grossvater zu Thomas Mann, „und lesen Sie was aus dem Doktor Faustus vor. Ich könnte Ihnen hundertfünfzig Franken plus Spesen anbieten.“ Denn aus Heimatliebe veranstaltete mein Grossvater die Lesungen nicht in Zürich oder immerhin in Frauenfeld, der Thurgauer Kantonshauptstadt, sondern in Amriswil, einem morbiden Fabrikdorf in der Nähe des Bodensees.
Thomas Mann antwortete: „Gern. Aber wo liegt Amriswil?“

Als ich heute früh am Concierge vorbeiging, um in mein Büro hochzufahren, las ich statt „Concierge“ das Wort „Connecticut“. „Wieso Connecticut?“, frage ich mich. Im Fahrstuhl fiel mir auf, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wo Connecticut eigentlich liegt. Während ich noch darüber nachdachte und den radikal konstruktivistischen Schluss zog, dass es ohnehin nicht feststellbar sei, ob Connecticut ausserhalb meines Kopfes existiere oder nur ein Phantasma meines Geistes sei (womit die genaue Lage keine Rolle mehr spielte), stieg eine Frau von vielleicht siebzig Jahren zu. Nach einer kurzen Begrüssung hielt sie zu meiner Überraschung eine längere Rede über den Herbst. Diese Jahreszeit, sagte sie mir, sei für sie „die schönste, die frischeste, aber auch die traurigste“, da ihr Mann in einem Herbst gestorben sei. Sie sprach mit einem angenehmen ostdeutschen Akzent, ziemlich laut, als stünden noch andere Leute dabei. Um sie zu trösten, sagte ich: „Auch mich, der keine Toten zu beklagen hat, macht der Herbst traurig. Immerhin gelegentlich.“
„Nein!“, rief die Frau, „wenn Ihre Liebsten noch leben, dann dürfen Sie nicht traurig sein!“
Ich lachte also und sagte, es sei nur ein Scherz gewesen. In der Höhe des zwölften Stockwerks entwich der Frau, die, wie sie mir erzählte, eigentlich nach unten hatte fahren wollen, ein kleiner schwefliger Furz. Ich fragte mich, wie er unter ihrem glockenförmigen Kleid hervor einen Weg hatte finden können. „Fürze sind findig“, reimte ich im Stillen.

In meinem Büro fiel mir ein, dass der Geruch nach Schwefel auch ein Hinweis auf einen epileptischen Anfall sein kann; deshalb die Behauptung von Besessenen, sie seien dem Teufel begegnet. Ich dachte ernsthaft darüber nach und entschied, die Frau im Fahrstuhl sei real gewesen und habe tatsächlich gefurzt. Eben machte ich mich über einen Band Luhmann her, da klingelte mein Telefon. Es war ein befreundeter Journalist. Er sei ein bisschen wütend, sagte er. Er fühle sich hintergangen, und dies auf eine Art und Weise, dass er sich nicht wehren könne. Seine Freundin habe ihn eben mit einem Kalabrien-Urlaub überrascht, und er hasse Kalabrien fast noch mehr als Sardinien. Sardinien, ja, Sardinien sei irgendwie geil, natürlich nur ausserhalb der Saison. „Leere. Weite. Steilküsten. Nihilismus. Mediterrane Klarheit“, erklärte er, „Camus.“ Aber Kalabrien sei ihm, wie jedem denkenden Menschen, zuwider.
„Kalabrien“, echote ich.
„Und? Was hast Du so vor?“, fragte er.
„Ich will die Macy Conferences von Kindern nachspielen lassen.“
„Die was?“
„Die Macy Conferences“, wiederholte ich geduldig. „Die Gründungskongresse der Kybernetik. Frühe 50er Jahre. Hochspannend.“
„Und worum gehts?“
„Um alles Mögliche. Wie lässt sich ein künstliches Bewusstsein bauen? Ist die Wirklichkeit wirklich? Was heisst Rückkoppelung für den Alltag? Können Maschinen lieben? Gibt es Individualität?“
„Verstehe.“
„Ja, diese ganze Thematik eben.“
„Und das willst Du von Kindern nachspielen lassen?“
„Von Erstklässlern, wenn möglich.“
„Wo findest Du die?“
„Wen?“
„Die Erstklässler.“
„Keine Ahnung. In Schultheatern. Es gibt so viele schauspielernde Kinder in Berlin.“

Ich erzählte weiter von der Sache. Irgendwann sagte mein Bekannter: „Das Projekt ist sicher ganz lustig.“ Aber ihm würde dieses Kybernetik-Revival je länger je mehr auf die Nerven gehen. Überhaupt habe er die Faxen langsam dicke. Vor drei Jahren seien der Neo-Situationismus und die Arbeitslosen dran gewesen, vorletztes Jahr der Operaismus und die Klimakatastrophe, letztes die Multitude und die Vergreisung Deutschlands, und jetzt also wieder mal die Kybernetik. „Immer die Kybernetik!“, schrie er. „Immer der Punk! Immer die 80er! Immer die Informationsgesellschaft! Immer die Realität! Immer das Imaginäre! Immer die Aussage! Immer die Verweigerung! Immer Osteuropa! Immer Afrika! Immer die Kommunikation! Immer das Geheimnis! Immer das Wissen! Immer die Intuition! Immer das Unfertige! Immer die Präzision! Immer der Kapitalismus! Immer der Untergang Amerikas!“ Er holte tief Luft und sagte: „Die wahren künstlerischen Themen sind meiner Ansicht nach: die Zukunft, das Wirtschaftssystem, die Macht und das Primitive. Darin fühle ich mich der klassischen Moderne verwandt.“
„Die Zukunft des Wirtschaftssystems?“, fragte ich dazwischen.
„Die Zukunft UND das Wirtschaftssystem.“
„Was willst Du über die Zukunft gross erzählen?“, blaffte ich. Die Art, wie er das UND betont hatte, machte mich aggressiv. „Die Zukunft ist – ich zitiere mal Heisenberg – die Zukunft ist eine black box. Ein schwarzer Kasten. Keine Ahnung, was drin ist. Ja? Die Zukunft ist die reine narzisstische Kraftmeierei. Da können wir gleich Neofuturisten werden und die Chaostheorie mit der Pfeife rauchen. Die Frage ist nur: Macht das künstlerisch Sinn? Will das überhaupt noch jemand sehen? Haben wir was damit zu tun? Und was die Wirtschaft angeht: Warum sollen wir zwei halbgebildete Würstchen so tun, als würden wir die Börse verstehen? Warum tun wir ständig so, als hätten wir Ahnung von irgendwas?“
„Naja, die Macy-Conferences verstehst Du vermutlich auch nicht so ganz“, konterte er, „ausser auf so eine verworrene, indirekte-“

„Aber die Erstklässler! Die Kinder!“, rief ich. „Das ist ja der Witz! Hör Dir mal diesen Satz an: Mein genetisches Erbe wurde ein für alle Mal durch die Begegnung einer Samen- mit einer Eizelle festgelegt. Jede meiner Zellen weiss, wie ich herzustellen bin; noch bevor sie eine Zelle meiner Leber oder meines Bluts ist, ist sie deshalb eine Zelle von mir. Ist das nicht grandios? Eine Zelle von mir. Ist das nicht schöner als Celan? Und jetzt stell Dir das mal aus dem Mund eines-“
„Weißt Du was? Ich finde das grausam egozentrisch. Die Kinder müssen sonst schon genug auswendig lernen.“
„Wieso? Wenn wir die Zeit haben, lasse ich sie noch ein kleines Interview zwischen Godard und Fritz Lang nachspielen.“

Wir redeten noch eine Weile so weiter, bis wir beide unabhängig voneinander merkten, dass es an der Zeit sei, damit aufzuhören. Wir verabschiedeten uns, indem wir uns versprachen, uns demnächst anzurufen, um uns zu verabreden, und ich las wieder Luhmann. „Man muss darauf gefasst sein“, schrieb Luhmann in seinem unnachahmlich verkrampften Stil, „dass es in absehbarer Zeit zu atomaren Explosionen kommen wird, die den Erdball verwüsten. Das wäre zweifellos ein markantes, einschneidendes, epochenwirksames Ereignis. Vorher und Nachher liesse sich deutlich unterscheiden.“

Als ich diese Sätze las und sich vor meinem inneren Auge Atompilze türmten, packte mich ein unwiderstehliches Verlangen nach den 80er Jahren. Ich hatte seit 1989 nicht mehr an die Atombombe gedacht, und da war ich gerade zwölf Jahre alt gewesen. Helligkeit, Wut und eine kraftvolle Traurigkeit um die Welt durchtosten mich. Datenströme rasten mein Rückgrat hinunter, verkrampften die Unterschenkelmuskeln und richteten die Zehenspitzen himmelwärts.

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Wie ein Süchtiger griff ich nach Meineckes Mode & Verzweiflung und las sein berühmtes Pamphlet, mit dem er – ohne es damals selber zu wissen – im Jahr 1981 das glorreiche kybernetische Jahrzehnt eröffnet hatte: „Nur die dümmsten und also die meisten unserer Generationsgenossen machen uns immer wieder den Vorwurf, Faschisten oder Kommunisten zu sein. Während diese dümmsten und dennoch bemerkenswerten Generationsgenossen ihr endgültiges Weltbild schnell erreicht haben, überprüfen wir Kybernetiker unsere Denk- und Handelsweisen durch ihre Anwendbarkeit auf die Moderne Welt, welche ja ihrerseits in permanentem Wandel ist; und so müssen wir unsere Wachsamkeit in Spiel und Revolte der ständig veränderten Situation anpassen: Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle. Es gilt, gerade die Sensibelsten Westeuropas für die Revolte zu gewinnen. Die Schwierigkeit ist nur, von den Sensibelsten das Härteste zu fordern.“

An dieser Stelle musste ich kurz auflachen. „Linksfaschist“, zischte ich. Und noch einmal: „Linksfaschist.“ Ich hatte dieses lustige Wort noch nie laut gesagt. Aber Meinecke hatte alles völlig richtig formuliert. Wieso sollten die Sensiblen nicht mal hart sein? Wieso sollten immer nur die Unsensiblen hart sein? Wem war eigentlich damit gedient? Ich erinnerte mich an einen kleinen Urlaub, den ich vor zehn Jahren in der Bretagne gemacht hatte, im westlichsten Dorf Europas: Le Conquêt. Dort warf ich mich mit einem Taucheranzug ins Meer, denn ich war irgendwie zur Überzeugung gekommen, dass Europa grosse Veränderungen bevorstanden. Stählern musste man werden. Bereit musste man sein. Tagsüber las ich, abends trank ich mit ein paar deutschfeindlichen Meeresbiologen Wein und Schnaps. Um sie zu provozieren, behauptete ich, mein Grossvater sei bei Stalingrad gefallen. Sie brausten auf, sie tobten, aber einer stellte sich auf meine Seite und sagte: „Sein Grossvater hatte nicht die Wahl.“ Ich nickte heftig, leibhaftig sah ich meinen imaginären Grossvater vor mir, wie er nach Osten marschierte. Mir traten die Tränen in die Augen, wie ich so allein im Gewühl dieser Meeresbiologen stand, ohne Grossvater. Unter perfekter Verwendung des Konjunktivs sagte ich: „Hitler hätte ihn erschiessen lassen, wenn er nicht nach Stalingrad gegangen wäre.“

Mein richtiger Grossvater war, als mein erfundener von einer russischen Kugel getroffen wurde, damit beschäftigt, vom Amriswiler Kirchturm aus die Bombardierung Friedrichshafens zu beobachten. Verbrannte Zeitungen wehten bis auf die Schweizer Seite, und die Menschen fuhren mit kleinen Booten auf den See hinaus, wo sie sich, sagte mein Grossvater, „noch in den Booten auf den Boden legten.“ Er erinnerte sich an all diese Kleinigkeiten, ganz plastisch, aber so, als hätten sie eine tiefere Bedeutung gehabt. Das war immer so bei ihm: Alles Äusserliche war für ihn ganz äusserlich und trotzdem ein Symptom von etwas völlig Innerlichem, Verborgenem. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der erzählen konnte wie er.

In seinen Tagebüchern widmete Thomas Mann dem Besuch in Amriswil (der übrigens ungefähr gleichzeitig zu den Macy Conferences stattfand und ein grosser Erfolg war) eine ganze Seite. Er lobt die Apfelplantagen und beklagt sich, dass das Amriswiler Publikum immer nur Auszüge aus den Buddenbrooks habe hören wollen und an der „modernen Wortkunst“ seines Faustus keinen Gefallen gefunden habe. „Sein ganzes Leben lang hat er aus den Buddenbrooks vorlesen müssen“, lachte mein Grossvater. Besonders aber freute ihn die Passage, in der Thomas Mann ihn und meine Grossmutter als „warmherziges, citierendes Schweizer Studentenpaar“ bezeichnete. Denn mein Grossvater hatte weder studiert noch war er ein geborener Schweizer, sondern hatte sich beides als Autodidakt angeeignet.

Als Thomas Manns Tagebücher irgendwann in den 80ern erschienen, schickte mein Grossvater uns eine Kopie der betreffenden Seite. Meine Mutter, der die Angebereien ihres Vaters schon seit ihrer frühesten Kindheit auf die Nerven gingen, sagte: „Dass er einen so kurzen Eintrag in einem so dicken Buch hat finden können – Respekt.“ Ich aber konnte es nicht fassen, dass der Name meiner Familie in einem Buch stand. So wie irgend ein anderes Wort („Haus“, „Paris“, „Sonne“), das jemand vor langer Zeit erfunden hatte.

Was bleibt noch zu sagen? In regelmässigem Rhythmus folgen Zeitalter der Ironie und der Melancholie aufeinander. Poesie und Prosa liefern sich pausenlos Gefechte um das Reich der reinen Anschauung. Die Wahrheit tritt nicht in unser Leben, um uns mit Küssen und Tränen zu wecken, aber wir alle sind unruhig, wir alle sind bereit. Manchmal denke ich: Die Welt ist nicht gross, sie ist ein kleines Zimmer, umgeben von Abgründen. Darin sitze ich und sehe aus vierzig Metern Höhe auf Berlin hinab

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vistit IIPM



Die Befreiung


1. September 2008, 14:02 Uhr

(Bild entfernt)
“Alle Vorkehrungen gegen Diebe waren getroffen worden” – Mexico City

Einem Mann aus meiner Bekanntschaft widerfuhr in einer südamerikanischen Grossstadt Ende der 90er Jahre Folgendes: Er schloss sich gemeinsam mit einer von ihm heimlich geliebten Frau in ein Hotelzimmer ein, wo sich beide im gleichen Bett, aber geschwisterlich und voll angekleidet zur Ruhe legten. Das Zimmer lag im zehnten Stockwerk eines Hochhauses. Alle Vorkehrungen gegen mögliche Diebe waren getroffen worden, mein Bekannter hatte sogar, wie er später erzählte, einen Stuhl unter die Türfalle geschoben.

Wie die Königsgeschwister legten mein Bekannter und diese Frau sich also zur Ruhe, aber als sie am nächsten Tag gegen Mittag erwachten, waren sie nackt, war ihr Zimmer völlig zerstört, schmerzte ihr Kopf wie nach einer durchzechten Nacht. Ihre Uhren, ihr Geld, sogar ihre Kleider, alles war wie durch Zauberhand verschwunden. Gleichsam auf den Kopf geschlagen habe er sich gefühlt, erzählte mir mein Bekannter. „Die Diebe“, erläuterte er, „müssen ein Schlafgas in unser Zimmer geleitet haben, welches umso verheerender wirkte, da die Fenster aus Sicherheitsgründen bloss angekippt waren. Erst als wir dann ohnmächtig waren, haben diese Menschen die Fenster ganz geöffnet und sind eingestiegen.“

Aber das sei eigentlich noch nicht das Wunderbare an seinem Erlebnis. „Denn um überhaupt erst bis vor unser Fenster zu gelangen, müssen die Diebe wie die Affen an der Fassade hoch geklettert sein, über zwanzig Meter senkrecht in die Höhe, ohne jede Hilfe und ohne jeden Vorsprung. Kann man sich einen derart lebensgefährlichen Aufwand überhaupt vorstellen, für zwei Uhren und ein paar Kleider?” Noch heute verspüre er  eine Art Schauder, wenn er an dieses sinnlose Wagnis denke.

Was er aber empfunden habe, als er nackt neben dieser Frau, die er doch heimlich liebte, aufgewacht sei, fragte ich ihn schliesslich. “Ach”, antwortete mein Bekannter nach kurzem Nachdenken, es sei an dem besagten Morgen eher etwas Trennendes zwischen sie gekommen, sogar etwas uneingestanden Vorwurfsvolles, das sich später nie mehr ganz verzogen habe. Nach diesem nächtlichen Überfall sei es mit aller Verliebtheit seinerseits vorbei gewesen, was er im Übrigen als Befreiung empfunden habe.

“Die Befreiung” ist ein Auszug aus “Tausend Tage”, einem Notiz- und Schreibbuch, das genau tausend Tage umfasst.

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