Oktober 2008
Was ist Klarheit?
11. Oktober 2008, 15:03 Uhr

Von einem Glas Wasser kann man sagen, es sei klar, wenn man durch es hindurch blicken kann, ohne dass sich ein dahinter liegender Gegenstand auf irgendeine Weise färbt. Natürlich muss man dazu wissen: Welche Farbe dieser dahinter liegende Gegenstand hat. Welche Farbe das Wasser hat. Ob ich selber farbenblind bin. Und wenn ja: wie.
Aber das ist offensichtlich erst der Anfang. Denn was meine ich mit „Klarheit“? Habe ich jemals etwas „klar“ gesehen? Was meine ich damit? Sicher eine Form von Transparenz. Klarheit ist wie das indikative „ist“ in einem Aussagesatz: „Dieses Wasser IST klar“. Es schiebt sich nichts zwischen das Wasser und seine Klarheit, so wie sich nichts zwischen meinen Blick und den hinter dem klaren Glas Wasser liegenden Gegenstand schiebt. Dieses Nichts „ist“ die Klarheit.
Niemand wird aber, wenn ich diese Frage stelle – „Was ist Klarheit?“ –, an ein Glas Wasser denken. Es ist doch so: Die Verzerrung, die ein Glas Wasser am dahinter liegenden Gegenstand bewirkt, ist das Gegenteil von dem, was man meint, wenn man „Klarheit“ sagt. Und dass der Gegenstand tatsächlich dort liegt, wie die realistische Interpretation annehmen muss, ist ebenfalls unwichtig. Der Satz „Die deutsche Kanzlerin ist eine Vollidiotin“ wird nicht weniger klar, weil er möglicherweise falsch ist. Er wäre nicht einmal weniger klar, wenn es keine deutsche Kanzlerin gäbe. Oder soll ich sagen: Er ist sogar noch „klarer“, weil meine Meinung an dem Gegenstand eine „Verzerrung“ vornimmt?
So könnte das jetzt weitergehen, ein ganzes Philosophenleben lang. Das ist die Methode Wittgensteins und überhaupt der „Philosophie von der gewöhnlichen Sprache“. Das Problem, das wir hier behandeln, ist also offensichtlich nicht eines der Klarheit. Es ist ein Problem der Philosophie, oder besser: der Sprechweise, der Syntax einer bestimmten Schule dieser Philosophie – der „analytischen“. Die Schönheit der Prosa Wittgensteins, Austins oder Searles, in beschränkterem Mass auch Dantos und Cavells, liegt in einem Irrtum, der die ganze Welt zu verzaubern fähig ist: dem Irrtum, die Welt oder die Sprache, in der wir über sie reden, könne „eindeutig“ sein.
Ich persönlich bin sehr leicht gerührt von dieser vielleicht etwas albernen philosophischen Stilrichtung. Wittgensteins Notizbücher oder Austins Vorlesungen rühren mich, weil sie sich Klarheit und Gewissheit zum Ziel gesetzt haben – und nicht Kritik oder Intensität, die beiden Geisseln der kontinentalen Philosophie. Ich ziehe es vor, wenn Klarheit und Expressivität (die sogenannte „Offenheit“) nicht durcheinander gebracht werden. Begriffe wie „embodiment“, „performance“ oder „appropriation“, die seit einiger Zeit den theatralen Aspekt der „natürlichen Sprache“ bezeichnen sollen – den physisch-emotionalen Verzerrungseffekt gerade in den Momenten ihrer grössten syntaktischen Einfachheit, zum Beispiel in einer betonten Wiederholung – lenken nur ab vom eigentlichen Problem: Was wäre Klarheit? Dass sie unmöglich ist, ist das zu beschreibende Problem. Das Problem muss aber nicht „intensiv“ sein, das heisst: es ist nicht die Lösung.
Man könnte eine ganze „analytische“ Soziologie daraus machen: von der Klarheit zur Offenheit. Von einer theatralen zu einer „theatralen“ Kultur. Von einer Kultur, die in innerer Distanz zu ihrer Äusserlichkeit – der Sprache, der Welt und ihrer Snytax – steht und diese inszeniert, zu einer Kultur, die diese Distanz selber theatralisiert und „erlebt“. Das ist das Erbe Rousseaus: Ich bin innerlich nicht der, der ich äusserlich zu sein scheine. Ich „besitze“ mich nicht und die Welt schon gar nicht. Ich habe keinen „direkten“ Zugriff auf mich und die andern und kann mich deshalb oder meine Beziehung zu anderen nicht „verkörpern“. Die Welt da draussen ist kalt und fremd, vielleicht ist sie sogar elitär und zynisch, und da ich ehrlich bin, kann ich sie nicht ohne Ekel, implizite Kritik und konvulsivische Entfremdungsgefühle „aneignen“. Diese Form von tautologischem Sentimentalismus gilt heute als neomarxistischer Kunstdiskurs. Rousseau aber verstand nichts von der modernen Industriegesellschaft und er hasste das Theater, woraus er keinen Hehl machte. Rousseau war tatsächlich aufrichtig, als er schrieb: Schliesst die Theater! Verlasst die Städte! Nieder mit der modernen Gesellschaft und ihrer sogenannten Kultur!
Rousseau hätte sich deshalb vermutlich gewundert, dass seine Laienbühnen-Philosophie – während die Welt seit Rousseau immer moderner und die Städte immer grösser geworden sind –, heute an den Schauspielschulen professionell gelehrt wird und unsere Kunst genauso nachhaltig zerstört hat wie unsere Gesellschaft. Rousseau ist der wahre Erfinder unserer „Theatralität“ in Anführungsstrichen: der Ehrlichkeit der Herzen, der bitteren Ironie, der Depression, des verdeckten Hasses auf die Welt sowie des hysterischen Glaubens an eine Utopie, in der gemäss Rousseau „jeder sich selbst hätte“. Man könnte diese Ideologie auch Autismus nennen. Denn wirkliche Thetralität kennt keine Nähe, nur Genauigkeit. Sie ist der Umweg, den die Klarheit nimmt. Wirkliche Theatralität – und Theatralität ist immer Klarheit, nichts anderes als Klarheit – ist Distanz zum „Leben“, ist seine Dokumentation und eine Feier des dokumentierenden Bewusstseins. Wirkliche Theatralität heisst, das Glas Wasser „da draussen“ zu sehen und unser Bewusstsein zu beobachten, wie es nach „da draussen“ geht. Denn wo sollte das Bewusstsein sonst sein als in der Welt, im Unbewussten, in der Vergangenheit, in der Zukunft? Wo sollte das Hirn sonst sein als in unserem Kopf? Das alles steht doch fest. Das alles ist eine Tatsache. Wozu brauchen wir also „Offenheit“?

Ich persönlich ziehe es deshalb vor, wenn die Klarheit zurückhaltend ist. Die analytische Philosophie ist eine englische Tradition (England ist dabei, sie aufzugeben, Amerika hat es bereits getan), und wie einige vermuten, lehnt diese philosophische Richtung die postmoderne Metaphysik der „unmöglichen“ Präsenz und ihrer künstlichen Leiden nur deshalb ab, weil sie deutsch sind. Aber wie dem auch sei: Diese Ablehung ist produktiv, denn sie zaubert erst den realen metaphysischen Mangel als Drama hervor, als analytisch inszenierte (nicht „gesagte“ oder „gefühlte“) Unlösbarkeit der Frage, was denn „der Fall“ ist, was wirklich ist und was nicht, was in dieser und was nur in der Welt dahinter existiert. Austin und Wittgenstein sind Helden einer Gegenromantik, die die gedanklich so dichte Romantik eines Friedrich Hölderlin oder einer Emily Dickinson von neuem und ohne ihre spätromantische Re-Interpretation auferstehen lassen wollte. Dass sie heute im Namen eines neoromantischen Pseudomarxismus des „embodiments“, der „performance“, der „appropriation“ und der „Multitude“ wieder aus dem Bücherschrank geholt werden, ist die Form absurder Gerechtigkeit, die der Strategie des Revivals zugrunde liegt. Denn die analytische Philosophie hat, wie die Romantik, einen unüberwindlichen Hang zur Tautologie. Die ironische Wiederholung ist ihre Methode. Sie befasst sich mit dieser äussersten Merkwürdigkeit des Normalen, von der Freud irgendwo gesagt hat, sie sei „unheimlich“. Es ist deshalb zu erwarten, dass anhand des „performativen“ Austinrevivals der Marxismus endgültig in eine Folge von Privat- und Erkenntnisproblemen verwandelt wird: eine pseudo-dialektische Variante Rousseauscher Intensitätsphilosophie.
Nicht dass mich das stören würde. Unsere Zeit schreitet voran, und es geschieht, was geschehen muss. Es sind vielleicht die Dümmsten, aber nicht die ganz Hoffnungslosen, die Austin heute wiederlesen – ich selber gehöre dazu. Wenn Rousseau und Marx mit Wittgenstein eine wilde Ehe eingehen müssen, damit etwas Neues entsteht, damit die Fenster der stickigen, abgestorbenen postmodernen Ästhetiktheorie aufgestossen werden, dann ist mir das nur recht. Trotzdem ziehe ich es vor, wenn Klarheit nicht expressiv ist. Sie war es jetzt lange genug. Man muss nicht so weit gehen wie Wittgenstein, aber es ist ganz hilfreich, immerhin so zu tun. Es hilft, Wittgenstein „im Ohr“ zu haben, auch wenn man bloss sagt: „Heute morgen fühle ich nichts als Hass auf die Dummheit und den Lärm dieser Welt.“ Oder: „Diese Installation erinnert mich irgendwie an Duchamps Ready-Mades.“ Wittgenstein ist ein lächerlich weiter Umweg, um wieder auf das Selbstverständliche zu kommen, auf das Sichtbare und Vorliegende und seine Verzerrungen. Es ist aber der Umweg, den das Bewusstsein sowieso macht. Man kann ihn mitgehen oder nicht. Nur sollte man sich, wenn man ihn nicht mitgeht, bewusst machen, dass man dann weder praktisch noch theoretisch denkt, sondern dort, wo hätte ein Nachdenken sein können, ein Wort eingesetzt hat. Im Übrigen habe ich keine Ahnung, was das alles bringen soll. Vielleicht werden in fünf oder zehn Jahren wieder nur die gleichen Gemeinplätze aufgetischt werden, die uns die Postmoderne vor vierzig Jahren aufgetischt hat. Aber die Leistung von Columbus war seine Fahrt. Nicht die lächerliche Tatsache, dass er, als er nach Amerika kam, es für Indien hielt und seinem König deshalb ein paar Indianer nach Hause brachte. Columbus erfand Indien, indem er es in Amerika neu entdeckte.
Doch heute gehört es zum guten Ton, nicht weiter als vor die eigene Tür zu gehen, wo Wörter wie „appropriation“, „embodiment“ oder „performance“ schön abgepackt der Morgenzeitung beiliegen. Aber vor der eigenen Tür entdeckt man das Selbstverständliche nur als solches. Unsere Generation ist die Generation der Ängstlichen, der Nachplapperer, der Verzagten, der Auswendiglerner, der hektischen Dissertations- und Programmheftschreiber. Doch Wörter sind, auch wenn sie von Rancière, Agamben, Badiou oder Negri – von Foucault, Butler und Deleuze gar nicht zu reden – angeliefert werden, keine Gedanken. Immerhin sind es nicht UNSERE Gedanken, denn wir müssen selber welche haben, auch wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass es die gleichen sind. Es macht keinen Sinn, die abgewetzten Diskursbälle, nur weil sie uns von alten Männern zugeworfen werden, mit roten Wangen weiter in die Luft zu schleudern. Wen wollen wir damit beeindrucken? Wer belohnt uns dafür? Aus alten Wörtern wird keine neue Sprache, sondern bloss das, was man in der Schule auch schon getan hat: Nachsagen, was der Lehrer gesagt hat, aus Angst vor schlechten Noten. Es gibt keine Erkenntnis ohne Umweg, das unterscheidet die Mimesis von der Mimikry, das Merken vom Nachvollzug, die Beschreibung eines Glases Wasser von der Bemerkung: „Ach so, ein Glas Wasser.“
Aber ich bin in Fahrt gekommen und wiederhole hier nur die persönlichen Vorurteile, die ich schon in vielen anderen Artikeln aufgesagt habe. Ganz eindeutig macht es keinen Unterschied, ob man den Wittgensteinschen oder, zum Beispiel, den Deleuzianischen Autismus nachplappert - was ich übrigens gleich tun werde. Die Intensität zu geisseln, um sie geisselnd zu beschwören, ist mein privates kleines Steckenpferd. Mein „Ventil“, hätte vermutlich meine Grossmutter gesagt. Aber Schluss damit und noch einmal: Was ist Klarheit?
Klarheit ist: Unter der Differenz, die sich zwischen uns und der Welt (oder: der Welt und unseren Träumen) auftut, nicht zu leiden, sie auch nicht zu irgendeinem Prinzip zu erheben, sondern sie als dokumentarisches Spiel zu betrachten. So zu tun, als wären wir bloss Spieler und nicht auch noch „Menschen“ oder „Künstler“ oder „Dramaturgen“ oder „Kritiker“ oder „Theoretiker“ oder was auch immer. Und dann die Regeln dieses Spiels, die Hoffnungen und die Schrecken unserer Spielzüge so genau zu beschreiben wie möglich. Mit den Begriffen des Herzens und der Tradition, mit den Wörtern der Wissenschaft und der Kunst, mit der Umgangssprache, mit der Mathematik, mit Gedichten, mit Dialogen, mit Essays, mit Reportagen, mit Reisen, mit Gesprächen, mit Romanen, mit Scherzen, Hohn und Aufrichtigkeit, mit dem Diktaphon, mit sozialen und anderen Plastiken – und immer so weiter, bis in alle Ewigkeit.
Klarheit ist: die genaue, die feierliche, die spielerische Beschreibung unseres Von-uns-selbst-entfernt-Seins, unseres Da-draussen-Seins, unseres Zusammen-allein-Seins. Klarheit ist: Zu sagen, was der Fall ist, aber es entspannt, mit dem nötigen Pathos und den kleinen irren Schreien des Genusses und des Abscheus zu tun, die uns diese Welt abnötigt. Wie sollten wir auch nicht schreien, angesichts soviel professioneller Ängstlichkeit? Angesichts soviel Schönheit und verwirrender Pracht? Sovieler Wege und Umwege, die alle noch zu gehen sind?
Oder wie Valéry über einen der ersten modernen Sucher nach der Klarheit, Leonardo da Vinci, sagte: „Er beschreibt die Dinge der Natur mit einer Genauigkeit, in der sich Zartheit, Vertrautheit, Feierlichkeit seltsam mischen. Und bisweilen ruft er seine Gottheiten an.“
Die Unst ist eine Kunst ohne K
3. Oktober 2008, 16:21 Uhr

Was ist Unst?
Die Unst bevölkert die Gesellschaft und schlägt ihr Gedächtnis auf. Die Unst sammelt, kopiert, zeigt. Die Unst ist der Resteverwalter jener Wirklichkeit, die im Vorwissen der Kunst vergessen gegangen ist. Die Unst ist die reine Wiederholung. Denn wir haben begriffen, dass die Kunst sich loswerden muss, um wieder eine zu werden.
Was bedeutet Unst?
Die Unst ist ein Wort. Es schreibt sich wie Kunst, nur ohne K: Unst. Sagt jemand: „Kunst“, so antworten wir ihm wörtlich: „Unst“. Schreibt jemand: „Kunst“, so benutzen wir den Radiergummi und gelangen zur Unst. Begegnet uns ein Künstler, so bekehren wir ihn durch ein einziges Wort. Denn die Unst ist die Wörtlichkeit. Und die Liebhaber der Unst sind die Ünstler.
Was begeistert den Ünstler?
Der Ünstler ruft ausser sich: „Süsse Schönheit!“, wenn das Mikrofon des Diktators rauscht, wenn der Kies unter den Füssen des Zeugen knirscht, wenn ein Flugzeug ein verlassenes Braunkohlegebiet überfliegt, wenn der Scherz dem Erzähler entgleitet, wenn die Quellen sich widersprechen, wenn der Dezember für Klarheit sorgt, wenn ein Berg ein Echo wirft, wenn ein Unbekannter einen Einkaufszettel schreibt.
Denn das alles ist Unst, und die Unst ist das ureigene Gebiet des Ünstlers.

Warum feiert die Unst das Leben?
Die Unst feiert das Leben nicht, weil es widersprüchlich ist (aber auch). Die Unst feiert das Leben nicht, weil es lustig ist (aber auch). Die Unst feiert nicht das Tragische, nicht das Wahre, nicht die Geschichte, nicht die Revolution, nicht die Melancholie, nicht das fremde Geschlecht und nicht die Naivität (aber manchmal schon). Die Unst verkündet nicht die Lehre der Hysterie, der Poesie oder des Understatement (nur ab und zu). Die Unst gründet seine Belehrungen nicht auf die Armut oder den Reichtum, die Jugend oder das Greisenalter, die Bildung oder den Pop, die Linke oder die Rechte, die Tradition oder die Revolution, Hollywood oder den Iran, das Rätselhafte oder das Klare (all das zwischendurch). Die Unst ist weder elitär noch mittelständisch, weder gründlich noch oberflächlich, weder dramatisch noch episch, weder poetisch noch kalt (höchstens zum Spass).
FRAGE: Für welche Qualität aber feiert die Unst das Leben?
ANTWORT: Die Unst feiert das Leben, weil es GENAU SO ist. Die Unst liebt den Iran, das logische Rätsel, den Dezember und die Revolution, weil sie GENAU SO sind. Die Unst erforscht die Geschichte, die Hysterie, das Lustige und das Wahre, weil all das GENAU SO ist. Die Unst liebt sogar die Zukunft, weil sie GENAU SO ist.
FRAGE: Was also ist die Unst?
ANTWORT: Die Unst ist die Betrachtung des GENAU SO.
Wie löst die Unst das Zeitproblem?
FRAGE: Wie steht die Unst zur Jetztzeit, zur Geschichte und zu den Problemen der Zukunft?
ANTWORT: Die Unst ist die Analyse des GENAU SO der Jetztzeit, welche aber im Augenblick ihrer Betrachtung bereits eine vergangene, also eine Vorzeit ist.
FRAGE: Die Jetztzeit ist eine Vorzeit?
ANTWORT: Oder umgekehrt.
FRAGE: Und weiter?
ANTWORT: Gegeben das gestische Voranschreiten der Unst im jeweils gegebenen Moment in beide Richtungen der Vor- und der Nachzeit, ist jede Erkenntnis des Ünstlers über das GENAU SO der Jetztzeit zugleich eine Handlungsanweisung für eine ebenfalls völlig gleichzeitig sich ereignende Nachzeit.
FRAGE: Die Gegenwart des Ünstlers ist also eine Handlungsanweisung an die Zukunft?
ANTWORT: Richtig. Unter der Voraussetzung natürlich, dass diese Anweisung nicht in irgendeiner übertragenen Weise, sondern ausschliesslich GENAU SO, also FÜR DEN GEGEBENEN MOMENT, also WÖRTLICH gemeint ist. Aber ein Ünstler spricht immer wörtlich, sonst wäre er kein Ünstler.
FRAGE: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden durch die Arbeit des Ünstlers ein und dasselbe?
ANTWORT: Natürlich.
FRAGE: Produziert ein Ünstler also Nachzeit?
ANTWORT: Selbstverständlich. Jeder Ünstler ist eine völlig objektive Weisungsagentur der Nachzeit.
FRAGE: Der Ünstler kennt die Zukunft?
ANTWORT: Richtig. Aber nur für den jeweils gegebenen Moment. Nur innerhalb der jeweiligen Recherche. Nur wörtlich.
FRAGE: Was also liefert der Ünstler der Gesellschaft?
ANTWORT: Der Ünstler liefert: eine völlig wörtliche Wiederholung der Gegenwart durch die Vergangenheit für die Zukunft.

Fragen der Methode I.
Der Ünstler unterscheidet sich vom Künstler durch seinen wissenschaftlichen Eifer und seine vollkommene Objektivität. Für den Ünstler ist jeder Augenblick seiner privaten Arbeit ein Teil der grossen Arbeit am Welt-Objekt, welches wiederum bloss Voraussetzung des Augenblicks ist. Schauspiel, Beleuchtung, Sprache, Musik. Der Blick der Zuschauer, der Diktatoren, ihrer Verräter, der Statisten, der Kameras. Die Kleinschreibung, die Grossschreibung, das Exposé, die Recherche, die Kritik, der Absatz und die Abweichung. Die Kosten des Schauspiels, die künstlerische Wahrheit, das Husten im Publikum. Das Gerede, die Urteile, die Benachrichtigungen, die Plötzlichkeit, die Montage. Die Komik, die Unsicherheit, die Wut, das Missverständnis und die Absicht. Die Glut des Dokuments, des Augenblicks und der Zukunft. Die Gerechtigkeit, die Ironie und das Geld. Die drei Akte, die Übergänge und das Fragment. Die Dramaturgie, die Geschichte, die Zeugnisse und der Zufall. Alle Stimmen, alle Reisen, alle Fahrpläne, das Frühstück, der tiefere Sinn, die Tugend, die Witterung und die Geometrie. Der aktuelle Krieg und der persische, der Nebensatz, die Dialektik, die Erdanziehung, die Pause, der Schlaf. All das ist Teil der grossen Arbeit des Ünstlers. All das gehört zur Methode der Unst. Die Hilfsmittel des Ünstlers sind also zahllos in ihrer Art und unendlich in ihrer Wirksamkeit.
Fragen der Methode II.
Wir wiederholen (um der Wiederholung willen): Die Arbeit des Ünstlers ist niemals subjektiv, sondern immer völlig objektiv. Denn der Ünstler vertraut auf den GEGEBENEN MOMENT, der die Lehrsätze der Kybernetik, des Variétés, der Kriminologie, der Evolutionstheorie, der Quantenphysik, der Gesprächsanalyse, der Mystik, der Autobiographie undsofort bis ans Ende der Wissenschaften in sich vereinigt. Der Ünstler handelt wie jener Weise, der das Fleisch nicht teilt, indem er es schneidet – sondern das Messer dort ansetzt, wo das Gewebe sich WIE VON ALLEINE teilt.
FRAGE: Aber woher nimmt der Ünstler dieses Messer, welches WIE VON ALLEINE teilt?
ANTWORT: Jeder Moment enthält das Messer, mit dem er vom Ünstler WIE VON ALLEINE geteilt werden kann.
FRAGE: Wie erkenne ich das Messer?
ANTWORT: Das Messer zeigt sich erst in der ünstlerischen Teilung.
FRAGE: Es geht also darum, das Messer, das den Moment WIE VON ALLEINE teilt, in diesem selben Moment zu finden, indem er sich dank des Messers teilt?
ANTWORT: Natürlich.
FRAGE: Und wie komme ich zu diesem Moment?
ANTWORT: Wie von alleine. Das ist die Objektivität der Unst.
Genau dies.
Was ist in einem Wort das Ziel der Unst?
Was ist der Lebenszweck des Ünstlers?
Sich zu erheben
Zu hören
Und zu sehen.
Was?
Alles, aber nur DIES.
Wann?
Immer, aber nur in DIESEM Moment.
Wie?
Auf alle Arten, aber nur GENAU SO.
Wo?
Überall, aber nur HIER.
Denn GENAU DIES
Ist das Ziel.
“Die Unst ist eine Kunst ohne K” ist ein Auszug aus dem längeren, progressiv entwickelten Pamphlet “Was ist Unst?”. Es wird in den nächsten Wochen auf den Seiten des “IIPM – International Institute of Political Murder” erstmals in vollständiger Form erscheinen.
















