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Januar 2009



Alexandre Kojève: Willkommen in Afrika


25. Januar 2009, 12:43 Uhr

(Bild entfernt)

Meine Damen und Herren,

vor nicht allzu langer Zeit hat man mich von einem ausserordentlichen Vorkommnis in der Kunst unterrichtet. Man unterrichtete mich von einer Reihe von Ausstellungen, die sich zum Ziel genommen hätten, nicht die Natur oder die Gesellschaft – nicht die Schönheit, nicht die Ideologie – und auch nicht deren Kritik auszustellen. Man berichtete mir, diese Ausstellungen würden sich weder für die Form noch für den Inhalt und auch nicht für den ewigen Kampf zwischen ihnen interessieren. Ich sagte mir also, diese Leute müssten wohl Situationisten sein. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als man mir sagte, diese Leute seien keineswegs Situationisten, denn sie würden die Orte ihrer Kunst maskieren und deren Präsenz leugnen; als man mir sagte, diese Kunst würde sich nicht einmal für den Künstler selbst oder sein Double, den Kritiker interessieren, denn auch diese würden dort bloss in Masken auftreten. Das hat man mir vor nicht allzu langer Zeit mitgeteilt. Ich fragte mich also: Was bleibt an diesem Ort noch zur Darstellung übrig?

Ein wenig später stellte man mir eine Figur namens Walter Benjamin vor. Ich sagte mir, Walter Benjamin sei tot und es müsse sich also um ein Double handeln. Aber man unterrichtete mich, dieser Walter Benjamin-2 würde Walter Benjamin-1 in keiner Weise gleichen. Höchstens ein bisschen, da sich alle Menschen untereinander gleichen würden, so wie sich die Mineralien oder die Pflanzen untereinander gleichen. Ich fragte mich: Wenn dieser Walter Benjamin-2 Walter Benjamin-1 nicht mehr gleicht als eine Pflanze der anderen, was stellt er dann dar? Man sagte mir, man wisse es nicht. Niemand habe es bis anhin herausfinden können. Man sei sich nicht einmal sicher, dass Walter Benjamin-2 überhaupt existiere. Denn manchmal werde Walter Benjamin-2 von einem Double dargestellt, das weder Walter Benjamin-1 noch Walter Benjamin-2 gleichen würde. Und des weiteren würde sich Walter Benjamin-2 auch nicht immer „Walter Benjamin“ nennen. Diese Maskerade ergibt keinen Sinn, sagte ich. Jedermann weiss, dass Walter Benjamin tot ist. Das alles stellt nichts dar – ausser der Abwesenheit (absence) Walter Benjamins. Und eine Abwesenheit, sagte ich, kann nicht dargestellt werden. Ja, antwortete man mir, das wissen wir. Jedermann weiss das, aber trotzdem…

(Bild entfernt)

Nochmals einige Zeit später führten mich zwei Freunde der modernen Kunst in ein Museum im äussersten Osten Berlins. Ich war nicht mehr in Ostberlin gewesen, seitdem die Mauer gebaut worden war. Es regnete, und die düstere Atmosphäre dieser Stadt deprimierte mich, so wie sie mich auch schon zur Zeit des Grossen Kriegs und der Guerre Froide, die ihm folgte, deprimiert hatte. Das Museum war in einer kleinen Wohnung untergebracht und hiess Museum of American Art. Ich fand dort die ganze Moderne Kunst wieder, all diese Bilder, die ganze philosophische Klarheit, diese unbequemen Möbel der 50er Jahre und den Bebop, den ich so liebe. Alles war da, alles war wiederholt, diese ganze mitreissende und heroische Epoche – Gertrude Stein, Jackson Pollock, Alfred Barr – all diese Priester und Götter der wahren Geburt der Moderne. Stellen Sie sich meine Begeisterung vor, als ich an jenem Ort sogar eine kleine Rekonstruktion der ersten Ausstellung des Museum of Modern Art vorfand. Ja, ich gebe es zu: Ich war ein wenig nostalgisch…

Also – fragte ich mich nach einigen Augenblicken – was ist dieses Museum? Sicherlich eine Wiederholung. Aber eine Wiederholung von was? Der Modernen Kunst. Aber von welcher Qualität dieser Kunst? Seiner materiellen Qualität, sagte ich mir, denn alles war tatsächlich da: die Bilder, die Intérieurs, die Dokumente, die Musik, die Kritik, die Theorie – sogar ich, der Besucher. Alles war ausgestellt, dokumentiert. Alles war anwesend. Alles betraf mich (me regardait). Ja, sagte ich mir, dies ist das wahre Tableau vivant der Modernen Kunst.

Aber in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames mit mir. Ich trank eben einen Kaffee, den mir eine junge Museumshüterin gereicht hatte. Ich sass auf einem Sofa, ich hörte Charlie Parker, ich blätterte in einer alten Ausgabe des Journals Life gegenüber einer schönen Reproduktion eines Bilds von Jackson Pollock, die ihrem Original nicht völlig glich. Ich dachte an nichts, an nichts Spezielles. Es war in diesem Augenblick, als ich plötzlich den Eindruck hatte, dies alles zu verlassen. Wie eines dieser Tiere, das des Nachts eine Fernstrasse überquert und von den Scheinwerfern eines Automobils erfasst wird, erstarrte ich. Ich könnte es nicht besser beschreiben: Etwas öffnete sich inmitten dieser Wiederholung, und ich verliess das Museum of American Art, ich verliess Berlin, Deutschland und dieses doppelte Zeitalter meiner Nostalgie. Von einem Augenblick zum anderen, als hätte ich Prousts Madeleine in meine Tasse Kaffee getaucht, sah ich mich selbst, eingefroren, wie ich Jackson Pollock betrachtete. Ich sah mich selbst in der Life blättern und Charlie Parker hören, als wäre ich bloss eine zusätzliche Figur in diesem seltsamen Spiel der Doubles, die sich nicht vollständig gleichen, die ihre Namen tauschen und ihre Existenz leugnen. Ja, was ich in jenem Moment erlebte – völlig distanziert und zugleich völlig anwesend, als würde ich an einem afrikanischen Ritus teilnehmen – war die Kunst.

(Bild entfernt)

Meine Damen und Herren, wie ist das möglich? Wie ist es möglich, nicht ein bestimmtes Kunstwerk, nicht nur eine bestimmte Epoche und unsere Nostalgie für sie darzustellen – sondern die Kunst selbst? Wie kann diese tiefste Qualität der Kunst – Kunst zu sein – dokumentiert, ausgestellt werden? Von welchem Ort aus ist die Kunst sichtbar? Nicht einer ihrer Akte, nicht einer ihrer Schöpfer oder ihrer Geschöpfe, sondern die Kunst als Kunst? Dieser Ort, sagte ich mir, ist unmöglich, da er sich ausserhalb der Kunst selbst befinden müsste. Ausserhalb ihrer Geschichte. Ausserhalb ihrer Spiele. Ausserhalb ihrer Begierden und ihrer Ökonomie. Diese Kunst wäre keine Kunst mehr, sie würde ihr auf keine bestimmte (decidée) Weise mehr gleichen. Dieses unheimliche Ding würde der Kunst bloss noch so gleichen wie ein Mineral oder ein Tier dem andern, so wie Walter Benjamin-2 Walter Benjamin-3 gleicht und beide Walter Benjamin-1, der tot ist. So wie dieses Kabinett der Abstrakten-3 dem Kabinett der Abstrakten-2 gleicht, welches eine Rekonstruktion des Kabinetts der Abstrakten-1 ist, das im Grossen Krieg zerstört wurde. Und hier sind wir, inmitten dieser Ähnlichkeiten.

Was präsentiert uns also eine solche Ausstellung? Was erzählt uns diese Installation, diese unperfekte Wiederholung? An was nehmen wir hier und jetzt Teil? Ich würde sagen, dass uns dieser Ort eine Naturgeschichte der Kunst präsentiert, so wie uns Darwin vor nicht allzu langer Zeit eine Naturgeschichte des Menschen präsentiert hat. Ich würde sagen, dass wir an diesem Ort an einer geographischen Expedition durch die Kunst Teil nehmen, die der Suche nach den Quellen des Nils gleicht. Wir sind auf dem Weg, wir sehen unser Ziel noch nicht. Aber man wird dort ankommen, früher oder später. Man wird ans Ziel kommen, das ist gewiss. Dass die Kunst selbst diese Expedition nicht überleben wird, ist gut möglich. Und ich werde der letzte sein, der sich darüber lustig machen oder den Kritiker spielen wird.

Denn erinnern wir uns, dass Darwin gläubig war. Erinnern wir uns, dass Darwin das Reich Gottes nicht kritisiert hat, so wie Livingstone Afrika nicht kritisiert hat. Er hat es betrachtet. Er hat es bereist. Er hat seine Formen dokumentiert und die Logik seiner Transpositionen enthüllt. Und in dieser nüchternen Wiederholung hat sich die religiöse Geschichte des Menschen ins Museum seiner natürlichen Evolution verwandelt. Dass der christliche Gott seine darwinistische Wiederholung möglicherweise nicht überlebt habt, macht mich traurig wie der ewige Regen auf Berlin. Aber so viele afrikanische Götter sind gestorben, ohne dass einer es bemerkt hätte. Ohne dass einer sie betrauert hätte. Wir müssen bessere Götter finden.

Meine Damen und Herren, ich habe gesagt, dass ein Ort ausserhalb der Kunst nicht möglich ist. Ich weiss. Aber trotzdem: Hier sind wir.

Willkommen in Afrika.

Vortrag, gehalten von Alexandre Kojève am 23. 1. 2009 in der Halle für Kunst Lüneburg im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung Kabinett d. Abstrakten. Original und Facsimile (mit Werken der Sammlung des Museum of American Art Berlin). Der französische Originaltitel des Vortrags lautet “Bonjour en Afrique” und steht unter dem berühmten Hegel-Zitat: “Afrika hat keine Geschichte.” Sowohl die deutsche wie die französische Fassung können direkt über das IIPM angefordert werden.

Alexandre Kojève (IIPM, Berlin), geboren in Moskau, liess sich nach Studien in Berlin und Heidelberg in Paris nieder, wo er als Philosoph und Wirtschaftsberater tätig war. Insbesondere bekannt geworden ist Alexandre Kojève durch seine 7jährige Relektüre von Hegels “Phänomenologie des Geistes” an der École Pratique des Hautes Études in Paris. Es ist sein erster Vortrag im wieder vereinten Deutschland überhaupt.

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vistit IIPM



Onitsch/Schuscha: Abgesang


16. Januar 2009, 16:43 Uhr

1:

ich wurde als schwan geboren. Darum bin ich ein schwan. ich schwimme auf dem Wasser und lasse mich treiben. Das Wasser trägt die Bilder von mir auf Wellen, die Wellen tragen mich und meine Bilder davon wie einen schwan. Im Bild, das meine Sehnsucht ist und nicht mehr aufhört, sieht man meine weisse Silhouette zuerst. Meine weisse Silhouette auf einer schwarzen Wasseroberfläche, weiss wie schwarz, so weiss sind meine Federn in der Dunkelheit ganz weiss.

Und um mich liegt wie ein Geheimnis nackt das dunkle Wasser, schweigt. Im Bild das uns vereint, sehe ich mich meine Flügel aufrecht halten, verschränkt ineinander gefaltet, aufrecht wie einen schwan, grazil, und abermals in weiss, den Körper wie die Seiten eines Buches, weiter ineinander verschränkt, gefaltet und nach innen gerichtet. So auch meinen Kopf, den Hals, den weissen Nacken. Alles halte ich aufrecht aber nach innen gerichtet. Mein Gesicht ist das Bild, das mich nicht wiedergibt. ich halte darin meinen Kopf fest, ihn und auch den Rest von mir. Suchen. mich vielleicht. Vielleicht.

Und ja,

in mir, es ist so, verliere ich mich selbst. Zuerst meinen Blick als schwan, den weissen schwan, dann das Kleid der schwarzen See. Den Schleier nasser Dunkelheit, die Wellen mit den Spiegelungen von mir selbst, all meine Erinnerungen, alle Bilder. Bilder von dem was ist und nicht geworden ist aus mir.

Und dann wispert mir der Mond zu. Mut nur Mut und weiter, ausgeweint mein schwaches Herz. Und fröstelnd rennt er damit in vielen kleinen weissen Zuckungen davon. Davon und hell ist diese Nacht vor lauter Dunkelheit ein Rauschen wie das Licht.

Einer bin ich keiner, ein schwan, der in der Nacht auf einer Wasseroberfläche liegt, als wär ich eine Seifenblase, liegt, träumt und von der Zeit davongetragen wird. Vom Licht einer Nacht, vom Mond, getragen von der Nacht, die ein Gedanke ist. Ein Wort, ein Ort dem noch, erst oder wieder nur die Sprache fehlt und vielleicht gar nicht existiert. Ein Glitzern das verraspelt wie die Sterne um aus dem Wasser steigt und schweigen macht.

Und wie gesagt über mir lächelt der Mond so sanft auf mich herab.

Lächelt auf alles was er sieht herab, zwischen den Wolken herab, auf das plätschernde Ufer, das Seegras, die schlammige Böschung. Er lächelt mir zu, zu dem der mir am ehesten im Wege steht, lächelt er zu und sagt dann guten Abend du schöner schwan, der Mond in einer Stimme ohne Ton. In seiner leisen feinen Stimme, fein wie Glas, guten Abend lieber schwan.

Und ich sag, guten Abend, guten Abend lieber Mond und brauche diesen Gruss nur zu denken. Du bist so weiss wie ich und um dich ist es dunkel wie bei mir und ich bin fröhlich weil ich mit dir bin und nicht allein aber mit dir. Aber er lächelt nur, und darum nickt er nickt, und sagt, er sagt, er sagt, du bist dein einsamstes Geheimnis schöner schwan und schweigt während im Wolkenmantel eingehüllt mich sein Gesicht für Augenblicke aus dem Blick verliert.

Und ich frage mich, ist man nicht immer einsam mit sich selbst oder allein? Aber da strahlt er wieder, strahlt mich freundlich an und stiehlt sich weiter mit mir weg. Stiehlt sich in die Angst aus feinem Plätschern, Ufergras und Böschung, Glitzern, schwarz und Nacht. Er zieht mein Bild in eine Weite, eine Leere, rast dahin, es rast dahin wo meine Liebe wohnt.

Und unter den ruhigen Stössen meiner Flossen, zuerst der einen, dann der anderen, schlage ich die Dunkelheit um mich und unter mir über mir auf. Wie einen schweren Baldachin. Wühlt alles auf so wie ein Schweigen auf den ersten Blick. Und dann oder darin verliert sich mir das Bild vom Bild vom schwan vom Mond im Nichts das meine Sehnsucht ist und platzt. Splitter. Verzeihst du mir, dass ich noch nicht so weit bin. Aber ja, ich lieb dich doch. Und dann verschwindet alles, alles auf einmal. Alles weg in einer hohlen Nacht, blind und schwarz. Als obs geträumt wär eines schwanen traum, der sich in seinem Traum verlor und nie wieder gesehen wurde.

Cornelius Onitsch, Jahrgang 1977, ist Exil-Österreicher und beendet derzeit sein Regiestudium an der Hochschule für Film und Funk ‘K. W.’ in Babelsberg. In außergewöhnlichen experimentellen Arbeiten findet er eine eigene poetische Bildersprache. Dieser Entdeckungsarbeit angemessen ist auch seine Übersetzung von Filippe Tommaso Marinettis scatole d’amore in conserva ins Deutsche.

Mottel Schuscha, Jahrgang 1976, ist Exil-Schweizer, Regisseur und Autor. Gemeinsam mit Cornelius Onitsch hat er in den letzten Jahren eine heterogene künstlerische Ausdrucksform entwickelt, u. a. in der Volksbühnenproduktion Professor Y, die im November 2008 am 6. Internationalen Monodramenfestival in Kiel mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Schuscha arbeitet derzeit an einem Opernlibretto für das Berliner Ensemble.

Die lyrische Textnote „Abgesang“ von Mottel Schuscha wurde zuerst in der Literaturzeitschrift SPELLA 05 im Mai 2008 veröffentlicht. Cornelius Onitschs Film “Vogel” erscheint hier zum ersten Mal.

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