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Juni 2009



“Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?” (Teil 2)


16. Juni 2009, 12:39 Uhr

(Bild entfernt)

Fortsetzung von Teil 1 >>>

IIPM: Können Sie sich an den Anruf aus Bukarest erinnern, der während des Prozesses kam und die Beschleunigung der Gerichtsverhandlung forderte?

Andrei Kemenici:

Ja, General Militaru intervenierte zwei Mal. Er erweckte den Eindruck, er sei der eigentliche Verteidigungsminister. Er fragte mich, was geschehen sei und warum er keinen Rapport erhalten habe. Ich teilte ihm mit, dass der Prozess hier statt finden würde, worauf er mich aufforderte, den Prozess zu beschleunigen. Ich ging zu Stănculescu und berichtete ihm, dass Militaru angerufen und befohlen hatte, den Prozess zu beschleunigen. Er antwortete darauf, dass dies unmöglich sei, was ich Militaru auch mitteilte.

Nach einer Viertelstunde oder 20 Minuten rief mich dieser erneut an und wollte wissen, ob wir das Verfahren denn nicht endlich abgeschlossen hätten. Ich saß die gesamte Zeit draußen und ging nicht in den Saal hinein. Also ging ich erneut in den Gerichtssaal und teilte Stănculescu mit, dass Militaru angerufen hatte. Er befahl darauf Oberst Gheorghe Ştefan ans Telefon zu gehen, um mit Militaru zu sprechen und ihm zu sagen, dass sie in Kürze fertig seien. Es sind also zwei Telefonate eingegangen.

Als ich in den Gerichtssaal trat, sagte ich zu Boieru – ich kannte ihn aus der Schulzeit in Braşov -, er solle mich ja nicht filmen. Man hört nur im Film, wie sich eine Tür öffnet und wieder schließt.

Ich ging also zu Stănculescu und sprach mit ihm, er war mein direkter Chef.

Wir hatten während der Revolution drei Minister: Guşă, mit dem ich ein einziges Mal ein Wort gewechselt hatte und zu dieser Zeit wusste er nicht, dass sich Ceauşescu in meinem Gewahrsam befand. Der zweite war Militaru, der dritte Stănculescu. Auch Ceauşescu hatte mich gefragt:

„Wer ist dein Oberkommandierender?“

Ich antwortete ihm, dies sei der Oberbefehlshaber der Armee, doch jetzt in der Revolution sei die Sache anders und ich stünde unter dem Kommando eines anderen Befehlshabers. Er wollte wissen, wer dies sei. Ich antwortete, dies sei dem Protokoll zu Folge Guşă, dem ich mich unterordnen müsse.

„Wie, diesem Verräter? Er ist genauso ein Verräter wie Milea!“, brüllte mich Ceauşescu an. Ich bemerkte, dass ihm dies nicht gefiel und erzählte ihm, dass ich im Fernsehen gesehen hätte, wie Generaloberst Militaru den Oberbefehl über die Armee übernommen hätte.

„Der Mann ist ein sowjetischer Spion unter KGB-Kommando!“, entgegnete mir Ceauşescu.

Ich antwortete ihm darauf, dass ich vom Oberbefehl der Armee, von Gheorghe Voinea den Befehl erhalten hätte, nur die Anordnungen Victor Stănculescus auszuführen. Ceauşescu wollte die ganze Zeit, dass ich ihm in die Augen schaue. Ich hielt es nicht die ganze Zeit durch und schaute zur Seite, weil ich genau wusste, dass ich ihn anlog und ihn nicht mit meinen Worten überzeugen konnte.

„Das ist sehr gut! Nehmen Sie nur Befehle von Stănculescu entgegen, denn ich habe ihn heute Morgen zum Verteidigungsminister ernannt!“, rief Ceauşescu.

Ich erfuhr später aus Dokumenten, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Nachdem Ceauşescu von Mileas Tod benachrichtigt worden war, ließ er Stănculescu zu sich rufen und ernannte ihn zum Minister. Das, was mir Ceauşescu damals also gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen.

Mein persönliches Schicksal und das der erfolgreichen revolutionären Ereignisse lagen folgenden Umständen zugrunde: Ich erhielt von den Revolutionären aus Bukarest um Iliescu den Befehl, nur die Anweisungen Stănculescus auszuführen und mich niemand anderem unterzuordnen. Von Ceauşescu erhielt ich die gleiche Bitte. Ich bin demnach der letzte Offizier der rumänischen Armee gewesen, der seine Order ausführte. Angesichts dieser Tragödie, die Ceauşescu widerfahren ist, vergoss ich zwei Tränen für ihn. Heute habe ich ein reines Gewissen, denn ich führte das aus, was mir befohlen wurde. Diese Entscheidung wiegt noch heute schwer auf Stănculescu. Er war hierher geschickt worden, den Ceauşescus das Ende zu bereiten. Man wollte ihn damit testen und sehen, auf welcher Seite er stand – ob er für die Revolution war oder immer noch auf der Seite Ceauşescus. Noch heute ist seine Position zur Revolution umstritten. Man sagte ihm:

„Wenn du mit uns bist, demonstrier es uns!“, und schickte ihn hierher nach Târgovişte.

Meiner Meinung nach ist das, was er hier getan hat, ein Verbrechen. Er hat sie hier tot herausgeholt und gesagt: „Seht ihr, ich bin auf eurer Seite!“ Die Führung der Revolution war schlecht. In drei Punkten hat sie Ceauşescu vergessen, denn man hatte in Bukarest andere Pläne. Erstens, habe ich 68 Stunden, also vier Tage und drei Nächte über, immer wieder darum bitten müssen, man möge herkommen, um ihn hier heraus zu holen. Man ließ ihn also zu einem Zeitpunkt hier zurück, als alles Mögliche hätte passieren können. Er hätte auch sterben können, wenn sie es gewollte hätten. Seine Aburteilung interessierte sie nicht. Sie dachte nur daran, sich seiner zu entledigen. Sie ließen ihn also hier an diesem Ort unter meiner Aufsicht zurück und ich musste mit ihm auskommen – und das angesichts tausender Revolutionärer und Armeemitglieder, die gegen ihn waren. Das war also vier Tage und drei Nächte über die Situation.

Zweitens, ließ man sie nach der Hinrichtung nach Bukarest fliegen und vergaß ihre Kadaver auf einem freien Feld – auf dem Spielfeld der Fußballmannschaft Steaua. In der Nacht vom 25. auf den 26. lagen Ceauşescus unter freiem Himmel. Es hätten sie auch die Wölfe fressen können. Die ganze Nacht vom 25. auf den 26. baten wir das rumänische Fernsehen und die Revolution, das Filmband nicht auszustrahlen. Denn diese hatten bereits berichtet, dass Ceauşescu vor Gericht gestellt, abgeurteilt und exekutiert worden war. Auf unseren Wunsch hin wurden nur Fragmente des Prozesses gezeigt, denn wir befürchteten Vergeltungsmaßnahmen gegen uns. Es hätten seine ihm noch loyal ergebenen Kräfte hierher kommen können, um uns umzubringen. In Wirklichkeit wurde der gesamte Prozess erst im April des kommenden Jahres ausgestrahlt. Das Ausland hatte den vollständigen Film aber bereits vorher gesehen.

Drittens, wir sprechen über den Morgen des 26. Dezember: Stănculescu und die anderen fanden seinen Kadaver und brachten ihn zum Militärkrankenhaus von Bukarest, wo er bis zum 30. Dezember in der Kühlkammer des Leichenschauhauses eingelagert wurde. Und bedenken Sie bitte: Wir sind Orthodoxe. Nach zwei bis drei Tagen ist dem Glauben nach ein Begräbnis vorzunehmen. Vom 25., 26., 27., 28., 29, und schließlich bis zum 30., – das sind sechs Tage – sind sie dort abgestellt worden und niemand interessierte das. Das ist etwas sehr Hässliches. Erst am 30. kam jemand und holte sie da raus, um sie zu begraben. Ich glaube das waren Voiculescu und andere Revolutionäre. So wurden sie das dritte Mal vergessen. Das war also das Schicksal und gleichzeitige Tragödie dieser zwei Tyrannen.

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IIPM: Wurde während des ganzen Filmes über gefilmt oder gibt es Teile, die nicht aufgenommen worden sind?

Andrei Kemenici: Es wurde alles gefilmt. Eine einzige Stelle – und hierfür war der Kameramann verantwortlich –, ist nicht aufgenommen worden: nämlich der Anfang der Exekution. Nachdem sich alle in Bewegung gesetzt hatten und Richtung Kasernenhof gingen, wollte der Kameramann die Kabel für das Aufnahmegerät herausziehen – denn damals funktionierte alles über Kabel. Er hatte keine Akkus dabei – und fragte uns nach einer Verlängerungsschnur. Doch woher sollten wir diese nehmen? Wir waren schließlich eine Militäreinheit. Bis er es schaffte, eine Kassette herbei zu holen, wurde schon geschossen. Wir hatten ja nicht damit gerechnet, dass die Exekution direkt vor Ort und Stelle durchgeführt werden würde. Wir rechneten damit, dass mindestens fünf Tage Einspruchsrecht gewährt würden – so sah es zumindest das damals gültige rumänische Strafgesetzbuch vor, da war nirgends die Rede von einer sofortigen Exekution.

Ich möchte Ihnen noch etwas sehr Wichtiges erzählen – und das ist meine persönliche Meinung: Nicht einmal der Präsident des Prozesses Gică Popa rechnete mit einer Exekution am selbigen Tag. Es wussten nur Voican Voiculescu, Stănculescu und Măgureanu, dass es zu einer Exekution kommt, denn sie hatten sie ja organisiert. Alle anderen wussten nichts davon.

Popa notierte sich in den 15 Minuten Vorbereitungszeit vor dem Prozess, was er während der Verhandlung zu tun hatte. Schauen Sie sich den Prozess erneut an und achten Sie darauf, dass sich auf Popas Tisch keinerlei Unterlagen befanden. Sie führten den Prozess aus dem Gedächtnis heraus. Er hatte nur seine Brille dabei. Als er hinauslief, fragte er mich nach den Dokumenten und ich führte ihn in ein Zimmer und übergab ihm die Dokumente. Da Popa die Exekution nicht gesehen hatte, sagte ich zu ihm:

„Herr Oberst, Sie haben nicht gesehen, was Sie getan haben.“

Er sagte mir nur, dass er es gehört habe. Er nahm seinen Hut vom Kopf und sagte nur:

„Gott vergib mir.“

Er sagte mir, dass es nicht legal sei, was hier abgelaufen sei, doch sie hätten es verdient. Meine Meinung ist also nach wie vor, dass er nichts von der Exekution wusste, und dass er sich deshalb umbrachte, weil er Gewissenbisse hatte. Das Schlimmste in dieser Revolution war diese Exekution. Ich bedauere, dass er nicht am Leben geblieben ist, denn er hätte Ihnen diese Dinge selbst erzählen können. Als orthodoxer Christ kann ich wohl sagen, dass man ihm verzeihen muss für diesen Prozess und für die Aburteilung, die nach den gültigen Gesetzen der damaligen Zeit durchgeführt wurden, denn es gab ein Gesetz in Rumänien, eines unter den letzten, das – vielleicht gab es ein ähnliches noch in Afghanistan – die Todesstrafe vorsah. So starb Ceauşescu auf Basis seiner eigenen Gesetze. Was ich Voiculescu und Stănculescu vorwerfe, ist, dass sie Ceauşescu das Recht auf Berufung verweigerten.

IIPM: Als ihnen nach dem Prozess die Hände gebunden und sie den Gang entlang geführt worden sind, wieso mussten sie den weiteren Weg gehen, statt – wie bisher angenommen – den direkten zu nehmen?

Andrei Kemenici: Weil der kürzere durch Soldaten versperrt war. Die gesamte Kaserne war zwischen 12.30-14.00 Uhr, im Grunde nachdem man gesehen hatte, wer aus den Hubschraubern ausgestiegen war, auf den Beinen und wollte wissen, was sich hier abspielte. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer – schneller als über Telefone -, dass sich Ceauşescu in unserem Gewahrsam befand. Alle waren darauf fixiert zu erfahren, was sich hier abspielte. Es war eine Grabesstille. Alle schauten und hörten nur in unsere Richtung. Alle warteten das Ende ab und dementsprechend, dass wir die Ceauşescus zum Hubschrauber brächten, denn so war die allgemeine Erwartung: dass man sie hier aburteilen, also zum Tode verurteilen würde – denn nach dem Strafgesetzbuch gab es keine andere Strafe als die Todesstrafe, das war klar. Sie begingen nur den Fehler, dass sie die beiden hinrichteten, ohne ihnen die Möglichkeit auf Berufung einzuräumen. Eine andere Strafe war undenkbar.

Doch er starb heroisch – heroisch! Die russischen Kommunisten sangen auf den Schlachtfeldern die Internationale. Er, der diese internationalistische Richtung abgelehnt und einen nationalistischen Kurs eingeschlagen hatte, sang die Internationale als er zur Exekution geführt wurde. Und bevor er starb, sagte er:

„Es lebe die freie und unabhängige Sozialistische Republik Rumänien!“

Er starb also heroisch, vielleicht kann ich dies in Anführungszeichen setzen, aber ich bleibe dabei: heroisch – im Sinne, dass er den Tod akzeptierte und auch seiner Frau damit Mut machte. So starben sie im Glauben, sich für ein sozialistisches Rumänien geopfert zu haben. Ich glaube, er hätte das Recht auf Berufung auch dann abgelehnt, wenn man es ihnen gewährt hätte, ganz so wie Antonescu.

Er war kein Patriot, er war ein Fanatiker, der sich für einen Gott und Herrscher Rumäniens hielt. Wir waren seine Sklaven, die seine Befehle ausführten.

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IIPM: Zwischen Elena und den Soldaten gab es ein Gerangel. Erzählen Sie bitte hiervon.

Andrei Kemenici: Ja, da hat es auch einen kleineren Zwischenfall gegeben. Doch ich möchte auf ihren Fanatismus zurückkommen – an diesen Irrglauben an den von ihnen geschaffenen Kommunismus. Ihr Tod war unausweichlich. Unter allen Staaten des sozialistischen Blockes herrschte in Rumänien die extremste Variante des Kommunismus. Wir hatten in Rumänien einen viel härteren und strengeren Kommunismus als in Ungarn, Bulgarien, der Tschechoslowakei oder anderswo. Bei uns konnte es keine „samtene Revolution“ geben wie in der Tschechoslowakei. Ceauşescu hätte seine Macht nie aufgegeben. Erzählungen, man hätte mit ihnen die Aushändigung eines Flugzeuges verhandeln können oder dass sie eine Flucht ins Ausland planten, sind alles nur leere Worte. Die Wahrheit ist doch, wenn wir ihnen ein Flugzeug zur Ausreise zur Verfügung gestellt hätten, wären sie nicht aus Rumänien geflohen. Er hätte die Führung des Landes nie aufgegeben.

Wissen Sie, was er zu mir sagte?

„Oberst, bitte verraten Sie nicht die Sache des Kommunismus und Sozialismus! Denn wenn wir Rumänien jetzt nicht zusammen vor den Banden, die aus der USA, der Sowjetunion und von den Ungarn geschickt worden sind, retten, wird es ein Rumänien nicht mehr geben.“

Nach den revolutionären Ereignissen bin ich mit der Entwicklung bis zum heutigen Tag zufrieden, denn die Szenarien, die Ceauşescu gezeichnet hat, sind nicht eingetreten. Vielmehr haben sich seine Prophezeiungen vollständig im ehemaligen Jugoslawien erfüllt. Wir haben das getan, was die Jugoslawen und die Iraker nicht getan haben. Wenn nämlich Jugoslawien seinen Diktator Milosevic nach Den Haag ausgeliefert hätte oder der Irak Saddam Hussein und seine Garde vor Gericht gestellt hätte, dann wäre es in diesen Ländern nicht zu den Kriegen gekommen, die wir gesehen haben. Hätten wir anders gehandelt, wären die Amerikaner und die Russen in unser Land gekommen, und nicht einfach nur mit geheimen Beobachtungseinheiten. Ceauşescu sagte mir damals, um uns von seiner Sache zu überzeugen:

„Oberst, das rumänische Moldawien werden sich die Russen nehmen. Die Ungarn werden uns Siebenbürgen nehmen. Das Banat Jugoslawien. Die Dobrodscha wird an Bulgarien gehen. Und von Rumänien wird nur noch die Walachei übrig bleiben!“

Das war das von den Amerikanern und Russen in Malta vereinbarte Szenario für Rumänien. Ich spreche von dem Treffen zwischen Bush und Gorbatschow. Die Geschichte Jugoslawiens und des Irak lässt mich immer mehr daran glauben, dass Ceauşescu Recht hatte. Die Ceauşescus haben für all das Schlechte, das sie begangen haben, mit ihrem Leben bezahlt. Für all das Gute, dass er begangen hat – er war schließlich auch nur ein Mensch -, wird ihm die Geschichte Recht geben. Hierher an diesen Ort sind bereits viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern angereist, auch aus Japan oder China. Denn Nicolae Ceauşescu war eine außergewöhnliche Persönlichkeit in der Geschichte Rumäniens. Durch ihn haben Europa und die Welt von Rumänien erfahren. Viele wusste nichts über das Land, kannten aber Ceauşescu. Wenn es ihn nicht gegeben hätte und er nicht hier gestorben wäre, sondern in Braşov, Galaţi oder Sibiu umgekommen wäre, hätten Sie nicht diesen Ort hier aufgesucht, um sich mit mir zu unterhalten.

Die meisten Rumänen wollen sich nicht mehr an die Revolution erinnern. Es gibt aber auch welche, die die Ceauşescus beweinen. Hier an der Mauer, an der die Exekution stattfand, finden Sie heute immer wieder Kerzen, die für die beiden niedergelegt werden. So wie die Rumänen schon immer gläubig waren und ihre Toten beweint haben. Nach den vielen Jahren müssen wir so ehrlich sein und negative, aber auch positive Aspekte unterstreichen: Für ihre schlimmen Taten wurden sie zu Recht erschossen – sie wurden schließlich nicht für ihre gute Taten, wie den Schwarzmeerkanal, den Metrobau in Bukarest oder den Bau des Hauses des Volkes erschossen. Nein, seien wir gerecht und korrekt, aber für diese Übeltaten hat er mit seinem Leben bezahlt. Er ist nicht in seinem Bett gestorben, sondern an dieser Mauer. Die Geschichte war gerecht mit den beiden, denn viele Rumänen sind unter seiner Diktatur gestorben. Doch das Haus des Volkes wird einmal das Symbol Rumäniens sein, so wie es der Eiffelturm in Frankreich oder das Brandenburger Tor für die Deutschen ist. Man wird fragen:

„Wo steht dieses Gebäude?“ – „In Rumänien“, wird man antworten.

„Und wer hat es bauen lassen…?“ – “Wir haben es gebaut!”, werden die Rumänen antworten. “Ceauşescu hat nur die Peitsche geschwungen.”

Zweiter Teil eines Gesprächs, das das IIPM mit General Andrei Kemenici am 23. Februar 2009 in der Militärkaserne von Targoviste führte. General Kemenici war zur Zeit der rumänischen Revolution Kommandant der etwa sechzig Kilometer nördlich von Bukarest gelegenen Kaserne, in der Elena und Nicolae Ceausescus zu Tode verurteilt und erschossen wurden. Mehr zum Besuch des IIPM in der Targovister Kaserne hier.

Die dem Gespräch beigegebenen Illustrationen zeigen den von Jan van Eyck 1432 für die Genter St. Bravo-Kathedrale geschaffenen Flügelaltar. Thema des Altars ist die Anbetung des Gotteslammes - die Schlussszene der Apokalypse des Johannes und der Einzug der Auserwählten nach dem Jüngsten Gericht in das Neue Jerusalem. Die in Ausschnitten gezeigten Adam und Eva, nackt und übergroß dargestellt, erinnern an den Sündenfall und an die Vertreibung aus dem Garten Eden.

Die Transkription des Gesprächs aus dem Rumänischen besorgte Cristian Capotescu.

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vistit IIPM



“Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?” (Teil 1)


11. Juni 2009, 23:44 Uhr

13

IIPM: Die erste Frage betrifft den historischen Ablauf der Ereignisse in Târgovişte. Wann wurde Ceauşescu in jenen Tagen hierher gebracht?

Andrei Kemenici: Am 22. Dezember um 18.30 Uhr. Einer meiner Stellvertreter holte sie von der Polizei ab und brachte sie hierher. Sie hielten vor dem Gebäude, Ceauşescu stieg als Erster aus und fragte Major Mare, wohin sie ihn gebracht hätten. Dieser antwortete, dass sie sich in unserer militärischen Einrichtung aufhielten – diese befand sich damals unter meiner Führung, ich war Garnisonskommandant und militärischer Oberbefehlshaber der Stadt Târgovişte und der gesamten Region.

IIPM: Und wie reagierte Ceauşescu darauf?

Andrei Kemenici: Er hielt noch immer an der Idee fest, die Armee sei auf seiner Seite. Bei der Polizei war er noch von einem Revolutionär untersucht worden und man hatte ihn verhaftet. Hier dagegen stand er unter militärischer Aufsicht und man sicherte ihm Sicherheitsschutz zu. Weil Elena nicht aus dem Auto steigen wollte, sagte er zu ihr:

„Steig aus dem Wagen aus. Wir sind in Sicherheit.“

IIPM: Und wo wurde er dann untergebracht?

Andrei Kemenici: Sie stiegen beide aus und draußen wurden die Lichter gelöscht. Man brachte sie auf ihr Zimmer – diese Räume waren bereits für sie vorbereitet und alle militärischen Einrichtungsgegenstände entfernt worden. Hier in diesem Zimmer war alles leer. Dieses Büro nutzte man auch als Nachtlager für vier wachhabenden Offiziere. Die ganze Zeit über stand er unter meiner persönlichen Aufsicht, während sie von zwei Offizieren und zwei Soldaten direkt bewacht wurden.

Vom 22. Dezember, um 18.30 Uhr, bis zum 25. Dezember kam hier niemand herein – bis auf sie und die Soldaten. Hier schliefen sie, hier hielten sie sich die ganze Zeit über auf. Bis auf eine Ausnahme: Das war in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, als sie zu den Kampfeinheiten gebracht worden sind. Man drohte uns mit Militärschlägen aus der Luft oder chemischen Angriffen – deshalb hatten wir Angst, hier zu bleiben und steckten sie in drei gepanzerte Wagen, mit denen wir die Nacht über aufs Feld hinausfuhren. Sie sind in einem mobilen Kommandowagen untergebracht worden, welcher im Kriegsfall unsere Kommandozentrale war – insofern waren die Unterkunftsbedingungen für sie annehmbar.

IIPM: War Ihnen damals bekannt, von wem diese Drohungen stammten?

Andrei Kemenici: Nein, wir wussten es nicht. Man hatte uns keine näheren Informationen darüber zukommen lassen. Wir standen die ganze Zeit über unter enormem Druck. Man schoss aus der Richtung des gegenüber liegenden Gymnasiums auf uns – wir feuerten mit leichten Handfeuerwaffen zurück und beschädigten nur die Fassade des Gebäudes. Weil die Entfernung zur Straße nur 25 Meter betrug und wir große Angst hatten, traf ich die Entscheidung, sie von hier weg zu bringen. Sie mussten schließlich geschützt werden, weil man sie lebendig vor Gericht stellen wollte.

IIPM: Was dachten Sie, wohin das führt? Wie lauteten Ihre Befehle?

Andrei Kemenici: In erster Linie waren wir für ihren Schutz zuständig. Ich war persönlich für Sie verantwortlich. Es kamen permanent Anfragen, ob ich mich ihrer nicht endlich entledigt hätte, denn es gab keine explizite Anweisung, sie am Leben zu lassen. Es durfte sie nur niemand lebendig hier herausholen. Angesichts der Ereignisse, die sich zwischen dem 22. und 25. abgespielt hatten, war niemand, daran interessiert – weder aus den Reihen der Revolutionäre noch aus denen der Konterrevolutionäre -, Ceauşescu am Leben zu lassen. Ich kann mich auch nach 20 Jahren nicht daran erinnern, dass es irgendjemanden gegeben hat, der auf seiner Seite gestanden ist und sich für seine Sicherheit eingesetzt hat. Alle wollten ihn umbringen. Stellen Sie sich vor, wie sich dieser Mann aus historischer Perspektive den Hass des gesamten Volkes zugezogen hat, einschließlich der Securitate. Denn diese glaubte, wir stünden auf seiner Seite – so wie Ceausescu glaubte, die Armee befände sich unter einem Oberbefehl und kämpfe damit für ihn. Beide Seiten wünschten sich seinen Tod.

Wir zehn Offiziere wachten zwischen zwei Fronten auf – die übrigen 1200 Mann wussten von nichts. Beide Seiten wollten seinen Tod, was sie nur erreichen konnten, indem sie uns zuerst töteten. Ich befand mich also die ganze Zeit in ihrer Umgebung, auch als wir mit ihnen aufs Feld hinausfuhren. Denn ich sagte mir, meine Soldaten würden sie so lange unbehelligt lassen, solange ich mich in ihrer Nähe befände. Ich war ihr Kommandant. Im Reglement der Armee kommt zuerst das Vaterland, dann der Befehlshaber, für die der Soldat mit seinem Leben einzustehen hat.

IIPM: Gab es nicht die Befürchtung, dass etwas schief gehen könnte, was zu Konsequenzen geführt hätte? Es war schließlich eine gefährliche Situation und der Umsturz hätte scheitern können.

Andrei Kemenici: Ich hatte nie Angst vor einer solchen Situation, weil ich in Bukarest gesehen hatte, was passiert worden war und wusste, dass die Armee in Temeschburg bereits die Fronten gewechselt hatte. Ich war fest vom Sieg der Revolution überzeugt. In der konkreten Situation hier wusste ich, dass er nicht entkommen konnte. Diejenigen Offiziere, die Ceauşescu bewachten, hatten den direkten Befehl von mir erhalten, diesen im Falle einer für uns auswegslosen Situation, in der wir unser Leben lassen sollten, als ersten zu erschießen. Wir befanden uns in der Situation eines Zweikampfes und wir dachten, entweder es trifft sie oder uns. Da ist eine Art Überlebenswillen in jedem von uns. Wir wussten genau, wenn es Ceauşescu gelingen sollte zu fliehen, hätte man uns dafür an die Wand gestellt. Da gab es also keinen anderen Ausweg, entweder sie oder wir, das war die Parole.

2

IIPM: Und dann kamen am 25. die vielen Leute mit den Hubschraubern an. Wie genau ist das abgelaufen?

Andrei Kemenici: Ich hoffte und forderte es auch immer wieder, dass man sie abholen kommen und sie bis zum Prozess an einen geheimen Ort schaffen würde. Denn für das vergossene Blut war es der gerechte Wunsch des Volkes, Ceauşescu den Prozess zu machen. Ich wollte, dass sie nur nach einem Prozess sterben. Das war die Diskussion zwischen uns und Bukarest. Denn entweder sie oder wir wollten Ceauşescus vor ein Gericht schaffen – das war unser sehnlichster Wunsch. Es war vereinbart worden, dass die Hubschrauber hier landen und sie abholen sollten. Es war nie die Rede von einem Prozess, der hier stattfinden sollte, man wollte sie mitnehmen und an einen anderen Ort bringen.

IIPM: Und wann war Ihnen klar, dass es hier zum Prozess kommen sollte?

Andrei Kemenici: Als die Hubschrauber gelandet waren, stieg Stănculescu als erster aus, währen die Insassen der anderen Hubschrauber drin blieben. Ich ging zu ihm hin und stellte mich vor – er war zu dieser Zeit ja Verteidigungsminister. Er sagte zu mir:

„Komm, lass sie uns holen gehen.“

Während der ganzen vier Tage und drei Nächte hatte ich Bukarest nicht mitgeteilt, dass Ceauşescus hier seien, denn ich befürchtete, dass man unser Telfon abhören würde. Stattdessen behauptete ich, dass ich sie an einem Ort 25 km von hier untergebracht hätte.

Nachdem ich mich also vorgestellt hatte, wollte ich in den Hubschrauber steigen, um mit ihnen weg zu fliegen. Bevor ich den ersten Fuß in den Hubschrauber setzte, fragte ich, wohin wir denn flögen. Man antwortete mir:

„Wir holen sie jetzt ab.“

„Ja, aber sie sind doch hier,“ antwortete ich und gab dem Fahrer des Panzers, in dem sich die Ceauşescus aufhielten, ein Zeichen sie herzufahren, damit wir sie in den Hubschrauber bringen konnten. Der Panzerwagen fuhr bis auf die andere Straßenseite und Stănculescu rief: „Zurück, zurück, zurück!“

Ich schickte den Panzerwagen an diese Mauer zurück, um eine Lösung zu finden, wie wir sie anders in den Hubschrauber bekommen konnten. Ich sagte, dass ich Rauchgranaten vorbereitet hätte, um die Übergabe der beiden zu tarnen. Denn es gab die Befürchtung, dass angesichts der mehr als 500 anwesenden Soldaten, die sie alle im Augenblick ihres Ausstieges aus dem Panzer hätten sehen können, möglicherweise etwas hätte geschehen können. So konnte man ihre Übergabe unbemerkt durchführen. Stănculescu sagte mir daraufhin:

„Lass sie dort, wo sie sind. Wir machen den gesamten Prozess hier.“

Er gab den Befehl, dass die Fallschirmjäger, Richter und alle anderen Insassen der Hubschrauber aussteigen sollten. Wir gingen zusammen durch das Gebäude und ich sollte es ihm zeigen, denn er war vorher noch nie hier gewesen. Hier war alles leer. Ceauşescus befanden sich ja noch im Panzertransporter. Sie werden im Film sehen, dass sie bevor sie hergebracht worden sind aus dem Panzerwagen ausgestiegen sind. Wir kamen also mit ihnen hierher. Hier saß Ceauşescu und Stănculescu fragte mich, was sie in diesem Raum befände. Ich sagte ihm, dass dies ein Sitzungssaal sei. Er versammelte daraufhin alle, die ihn begleitet hatten.

Hier saßen die Repräsentanten der Armee: Oberst Gheorghe Ştefan, Oberstleutnant Mateitschuk und die Staatsanwälte. Ich kannte sie damals alle nicht, heute ist das anders. Es waren drei Militärstaatsanwälte anwesend, alle in Uniform gekleidet: Gică Popa als Oberst, Nistor als Oberst und als Major Florescu. Es waren als Zivilsten und Vertreter der Revolution anwesend: Major Dan Voinea, Lucescu – der die Armbinde der Revolution trug -, Teodorescu, die zwei Verteidiger, die später zu Anklägern wurden, Tănase, der Protokollant und die wichtigsten: Voiculescu und Măgureanu. Ich hatte sie mit ihren Armbinden bereits zuvor alle im Fernsehen als Anführer der Revolution von Bukarest gesehen.

Hier an diesem Ort hat der Gerichtshof erfahren, über wen er richten würde. Stănculescu gab Voiculescu ein Zeichen und sagte ihm:

„Die beiden Terroristen, über die du richten wirst, sind Nicolae und Elena Ceauşescu.“

Alle waren sprachlos, man sah ihnen förmlich an, dass sie dieser Umstand fassungslos machte. Alle waren überrascht, die Ankläger, Verteidiger und Magistraten. Lucescu beispielsweise schreibt in einem Buch, dass er hier erst erfahren habe, über wen er da zu richten hatte. Nach allem, was sich ereignet hatte, nahm ich an, er sei der Anführer der Revolution, während der Oberbefehlshaber über die Armeestreitkräfte Stănculescu sei. Voiculescu forderte seine Kollegen auf, kein Mitleid mit den beiden zu haben, sondern sie wie zwei Kriminelle zu behandeln.

3

IIPM: Und was geschah dann mit den Ceauşescus?

Andrei Kemenici: „Ihr habt 15 Minuten Zeit, um alles vorzubereiten“, ordnete Stănculescu an und gab mir die Order, einen Raum auszuwählen, an dem der Prozess vorbereitet werden konnte. Ich stellte ihnen mehrere Büros zu Verfügung und Stănculescu sagte Folgendes:

„Hier werden wir die medizinische Untersuchung durchführen.“

Damit war mein Büro gemeint, das zu einer Ärztepraxis umfunktioniert wurde. Doch waren dort keinerlei medizinische Geräte vorhanden. Der Raum war schließlich dazu eingerichtet worden, um eine Militärbasis zu leiten. Stănculescu ordnete an, sie einzeln und der Reihe nach ins Büro bringen zu lassen, um die medizinische Untersuchung an ihnen durchzuführen. Ein Arzt aus Bukarest und einer aus unserer Basis wurden in das Büro gebracht. Dann wurde Ceauşescu ins Zimmer geführt und einer der Ärzte bat ihn, sich auszuziehen. Er reagierte überrascht darauf. Es musste ihm jemand dabei helfen, denn er war ja schon recht alt. Niemand aber traute sich, ihm zu helfen. Und er selbst hatte sich wohl seit geraumer Zeit – seit vielleicht 20 oder 30 Jahren – nicht mehr selbst entkleidet.

Er zog Mütze und Mantel aus und legte sie auf den Tisch. Der Arzt bat ihn Platz zu nehmen und Ceauşescu setzte sich auf das Bett, wo ihm der Blutdruck abgenommen wurde. Der gleichen Prozedur hatte sich auch Elena zu unterziehen.

Ein kurzer Einschub: Als sie sich noch im Panzerwagen befunden hatten und zum Hubschrauber gefahren worden sind, schließlich aber wieder abdrehten, merkte sie, dass etwas nicht stimmte und fragte ihn:

„Was ist los? Was passiert hier?“

Denn sie gingen beide davon aus, dass man sie in den Hubschrauber bringen und zurück nach Bukarest fliegen würde. Er legte ihr die Hand auf sagte:

„Bleib ruhig, Victor ist gekommen.“

An diesem Tag waren sie nach alldem was vorgefallen war in schwacher Verfassung. Am Tag des Prozesses aber sind sie richtig aufgetaut. Sie waren voller Energie, weil sie davon ausgingen, die Rettung sei nahe. Sie gingen davon aus, dass sie die medizinische Untersuchung hatten machen müssen, um auf ihre Flugtauglichkeit hin untersucht zu werden und hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass die Untersuchung der Vorbereitung auf den Prozess diente.

IIPM: Und was geschah, nachdem die medizinische Untersuchung beendet war?

Andrei Kemenici: Sie wurden direkt in den Prozesssaal gebracht. Doch bevor der Prozess nicht beendet und das Urteil verlesen worden waren, schauten sie ununterbrochen auf die Uhr und warteten auf das Ende des Gerichtsverfahrens. Diese Filmsequenzen habe ich oft gesehen, und mir ist klar, dass sie weder während der Untersuchung noch während des Prozesses von der Echtheit der Ereignisse ausgingen. Deshalb erkannte Ceauşescu das Gericht ja auch nicht an und wollte auf die Fragen nicht antworten. Sie dachten bis zum Ende, dass jemand kommen würde, um sie hier heraus zu holen.

Es war mit den Fallschirmjägern bereits abgesprochen worden, wer sie erschießen sollte. Als ihnen die Hände gebunden werden sollten, wehrten sie sich dagegen. Sie fragte die Soldaten, was hier los sei, was sie mit ihnen machten. Einer von ihnen, ich weiß nicht mehr genau, wer es war, Carlan, Cioban oder ein anderer, sagte:

„Wir führen das aus, was das Gericht beschlossen hat.“

Und Elena fragte Ceauşescu:

„Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?!“

Er antwortete: „Pass auf, der Verrat ist unser ständiger Begleiter.“

Er hatte also begriffen, dass Stănculescu nicht, wie er es die ganze Zeit über noch geglaubt hatte auf ihrer Seite stand, sondern für die Revolution war.

Die Soldaten Carlan, Boieru und Ştefanescu fesselten beide, führten sie auf den Kasernenhof hinaus, brachten sie an die Mauer und erschossen sie. Einer stand rechts, der andere links von ihnen. Sie drehten sie mit dem Gesicht zur Wand um, gingen drei Schritte mit den Feuerwaffen im Anschlag zurück, ihr Magazin war voll geladen, sie konnten über 50 Schuss abgeben, und durchsiebten sie praktisch. Sie fielen zu Boden und der zuständige Offizier ordnete nach einer Weile an, das Feuer einzustellen. Über 500 Mann hatten die Exekution mit beobachten können. Die beiden Ärzte, die schon die Untersuchung vorgenommen hatten, traten an die Getöteten heran und konstatierten ihren Tod. Ihre Kadaver wurden in zwei Folien eingewickelt und in den Hubschrauber geladen, der gegen 14.30 Uhr abflog. Der gesamte Prozess hatte von 12.30-14.30 Uhr gedauert.

Gespräch, geführt mit Andrei Kemenici am 23. Februar 2009 in der Militärkaserne von Targoviste. General Kemenici war zur Zeit der rumänischen Revolution Kommandant der etwa sechzig Kilometer nördlich von Bukarest gelegenen Kaserne, in der Elena und Nicolae Ceausescus zu Tode verurteilt und erschossen wurden. Mehr zum Besuch des IIPM in der Targovister Kaserne hier.

Die dem Interview (teilweise in Ausschnitten) beigegebenen Illustrationen stammen von dem Künstler Luca Schenardi. Transkription der Aussagen Kemenicis aus dem Rumänischen: Cristian Capotescu.

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vistit IIPM



Walter Benjamin: Places of Re-remembering


9. Juni 2009, 09:01 Uhr

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Wer in unseren Tagen nach Berlin kommt und eine bestimmte Telefonnummer wählt, kann Zeuge einer verwirrenden Einrichtung werden. In einem Hinterhof im Bezirk Friedrichshain, etwa zwei Kilometer östlich des Frankfurter Tors, wo das neo-klassizistische Pathos der Karl-Marx-Allee sich in die pastellfarben sanierten Ostberliner Aussenbezirke verliert, befindet sich in einer Privatwohnung das Museum of American Art. In zwei Räumen vereint das Museum zwei Sammlungen:

Eine ist das Museum of Modern Art, ein kleinformatiges Museum, das die moderne Kunst der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts in nuce umfasst, so wie sie von Alfred Barr, dem Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York gedeutet und weitervermittelt wurde. Der Gegenstand der zweiten Sammlung sind vier Ausstellungen moderner amerikanischer Kunst, die von Dorothy Miller vom Museum of Modern Art kuratiert und nach Deutschland (und das übrige Europa) gebracht wurden, darunter “Moderne Kunst aus den USA” (Frankfurt 1956) und “Die neue amerikanische Malerei” (Berlin 1958). Diese Ausstellungen bildeten die Basis für den späteren Vorrang der modernen amerikanischen Kunst auf dem westeuropäischen Kontinent.

In einem dritten Raum – einem in der diskreten Strenge der späten 50er Jahre häuslich eingerichteten Salon (Abbildung 1) – hängen in grossformatigen Kopien die berühmtesten Vertreter des abstrakten Expressionismus: Pollock, Motherwell undsofort. Doch damit nicht genug. Denn betritt man das Museum of American Art, so spielt Jazz-Musik, und auf Anfrage wird ein Kaffee gereicht. Auf den Tischen liegen alte Life-Ausgaben zum Lesen aus, in Vitrinen stehen die Ausstellungskataloge, an den Wängen hängen gezeichnete Kopien von Fotografien der Kuratoren und Künstler. Es ergibt sich, mitten in Berlin, eine Kopie, ein in sich geschlossenes Environment jener „spezifischen Interpretation moderner Kunst, die sich mit der Zeit zu dem vorherrschenden Narrativ entwickelte, wie wir es heute kennen.“ Ein Reenactment all dessen, was wir meinen, wenn wir sagen: die Moderne.

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Nun gut: Wie einige sich vielleicht erinnern, hat der IIPM-Ambassador Alexandre Kojève auf diesen Seiten viel treffender und eingehender von diesem so kühlen, so klaren und doch so verwirrenden Ort berichtet. Und einige werden sich vielleicht sogar daran erinnern, dass Monsieur Kojève sein Zeugnis, das wir mit seiner Erlaubnis veröffentlicht haben, an einem vielleicht noch seltsameren Ort ablegte: in einem Nachbau (oder eher einer Dokumentation) des Kabinetts der Abstrakten, jenem von den Nazis zerstörten und in Hannover nach dem Krieg wieder aufgebauten Tempel abstrakter Kunst, der in der Halle für Kunst Lüneburg im Spätwinter des Jahres 2009 zu sehen und zu betreten war.

Ich hatte das Glück, Alexandre Kojève bei seiner Eröffnungsvorlesung als Übersetzer zur Seite stehen zu dürfen (Abbildung 2). In diesem Zusammenhang lernte ich auch einen anderen Mann kennen, Alfred Barr, der sich als „technischer Assistent“ des Kabinetts und auch des Museum of American Art vorstellte und mir bereits ein Jahr zuvor in der von Inke Arns kuratierten Gruppenausstellung History will repeat itself aufgefallen war (falls es sich um den gleichen Mann handelte, denn damals nannte er sich Walter Benjamin). Da Mister Barr in die Magie dieser Orte eingeweiht schien wie kein zweiter (falls er selbst nicht zwei- oder gar dreifach existierte), bat ich ihn, mich auch durch das Museum of American Art in Berlin zu führen, von dem ich ja bereits aus den Erzählungen Monsieur Kojèves Kenntnis hatte. Nie werde ich den Abend vergessen, den wir zusammen in jener kleinen Berliner Wohnung verbrachten, in der sich die Klarheit des High Modernism und die metaphysische Verzweiflung des Jazz Age begegnen – so wie sich Tod, Geometrie und Ewigkeit in der Darstellung eines atomic mushrooms auf dem Titelbild einer alten Life-Ausgabe kreuzen, die im Salon jener Wohnung zur Lektüre ausliegt.

Alfred Barr erwähnte, dass es solche Orte auch in anderen Städten, etwa in New York geben würde und verabschiedete sich von mir mit der Entschuldigung, er werde in Serbien in einer ähnlichen Wohnung erwartet (oder war es Slowenien?). Es vergingen einige Wochen, in denen sich meine Verwirrung steigerte. Was hatte all das zu bedeuten? Warum diese Wiederholungen, diese so ausführlich reinszenierten Räume, Orte und „Narrative“, über die ganze Welt verteilt? Ich schickte deshalb Alfred Barr eine Mail, in der ich ihm den Vorschlag machte, mir einige meiner drängendsten Fragen zu beantworten. Er willigte ein, jedoch mit der Bitte, ihn „Walter Benjamin“ zu nennen.

Milo Rau: As I visited the Kabinett der Abstrakten in Lüneburg and the Museum of American Art in Berlin, I asked myself: What are these places representing? What is the meaning of repeating such exhibitions (or such incidents as “The Modern Art”) in this way?

Walter Benjamin: Both the Kabinett and MoAA are relating to two “chapters” of modern art narrative. While the subject matter of the Kabinett is the art scene in Germany (and Europe) during the 20es and 30es (Weimar Republic and the Third Reich), the theme of the Museum of American Art is basically the ‘rebirth’ of the post-war modernism in Europe that was supported by the circulating exhibitions of American modern art organized by MoMA during the 50es (Cold War period).

These two chapters directly relate to each other. Namely, one can argue that the art scene during the Weimar period was perhaps the most international and open to all avant-garde movements in Europe. This is why, for example, the museum ‘experiment’ such as Kabinett der Abstrakten as result of collaboration between Soviet artists El Lissitzky and the director of the Provinzial-Museum in Hannover Alexander Dorner was possible. However, with the advent of National-Socialism the cultural context in the 30es underwent a radical change. It was quickly transformed from internationalism and modernism into nationalism and traditionalism. Under these circumstances anything that was either avant-guard or non-German was removed from the public sphere. That was the destiny of the Kabinett as well. It was dismantled by the end of 1936 and the next year some of the works from there were last seen in public at the exhibition Entartete Kunst. That was the period when the entire European continent was submerged in traditionalistic and nationalistic mode and there was no place for modern art any more. Since there was no coherent modern art narrative established prior to this, it was not surprise that in a short time it practically disappeared from the European scene and was practically forgotten.

On the other hand, across the Atlantic, in a new modest private museum in New York called Museum of Modern Art in 1936 Alfred Barr organized the exhibition “Cubism and Abstract Art”. This exhibition was practically the first historization of the three decades of the 20th century modern (almost entirely European) art. Also, it represents the moment when the entire paradigm changed. Instead of the 19th century concept of „National Schools“ Barr introduced „International Movements” as the key notion for this new narrative. Since the backbone of the narrative was abstract art, memory on all European modernistic movements and phenomena were well preserved in this story, including the Kabinett der Abstrakten. When, after the war, Europe was looking for a ‘fresh start’, the international and modern narrative established at MoMA became the ‘new memory’ soon adopted in many European countries. Then in the 50es came the series of MoMA circulating exhibitions of American abstract art that traveled through Western Europe. Regardless of the Cold War context, from today’s prospective it is clear that those exhibitions helped establishing the first post-war common European cultural identity that was based on internationalism, individualism and modernism.

One can say that the both these exhibits are looking, not so much into narrative itself but rather into the process how the narrative was made, constructed. The timeline of MoAA exhibits is not one of the history  of modern art  that begins around 1900, but  the timeline that starts with the beginning of the making the narrative,  that is 1936. So, we have the first story and then we have the second story that tells us how the first story was made. Also, in the general History of Art, the story begins with Prehistory and ends with Modernism and Post-Modernism. On the other hand the making of the History of Art is a different story, it begins 1550 with Vasari’s “Lives”.

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Milo Rau: In the MoAA the Modern Art is represented as African ritual. You can find there the priests, the fetischs and the “obsessed”. Everything there is neatly arranged and in some way finished. So a visitor could experience it as a environment: “Oh, this was Modernism…!” Which is the impact of such expositions? What are they DOING with the past – with the repeated history?

Walter Benjamin: I think you are absolutely right, in many ways this kind of exhibits are pre-modern, like what we call “African Art” or “Medieval Art”. While the African masks, sculptures and rituals are usually relating to the “myth of origin” of a certain tribe, the artifacts exhibited at MoAA are about the western “myth of origin” called History of Modern Art. As certain African  mask could be replicated many times without changing its nature, here a copy of  Rothko painting could be replicated endlessly without changing its meaning. By this simple procedure we could generate certain sets of artifacts and exhibits that would enable us to step out of the modern narrative, to see the History from the outside, to re-contextualize it. Museum of American Art is the museum of The Museum of Modern Art, where “American” stands for “Modern” in sense of “individualism”, “internationalism” and “progress”. Also because of the fact that modern art narrative, history of modern art is an American invention, an American story which was originally based only on European artifacts. Thus the theme, the internal subject matter of MoAA is both, the MoMA and the story of making the history of modern art.

Milo Rau: But everything we connect habitually with Modern Art is here totally irrelevant: the originality of the artwork, the philosophy and the fate of the artist – the modern hysteria of individuality. Nothing is individual in these places. Nothing is new, nothing is real, authentic. In what sense is that was is happening here still Modern Art?

Walter Benjamin: Since, by re-positioning ourselves outside of the historical narrative on some still undefined meta-narrative all these notions of originality, individuality, artwork, artist, are not important anymore. Those are formative notions for the History, but most likely they will be marginal, if not irrelevant in the meta-story. There is a precedent for this. When Historical narrative was beginning to emerge by gradually stepping out of the Christian story which dominated Western Europe for thousand years, it didn’t forget it, by simply re-contextualized. If on the Tintoretto’s  “ The Last Supper” even today  in the St. Xavier church in Paris  we could see Jesus and apostles to be the main characters in that story, by moving this painting to the Louvre museum, Jesus and apostles will not be the main(formative) characters, but the painter Tintoretto and the painting “The Last Supper” will become the main characters in this another, the museum story we call History. The History appears here as a meta-narrative to the Christian story.  We could anticipate that , in a way St. Peter as a character and his role as a ‘saint’ becames irrelevant in he Historical narrative, it is very likely that Tintoretto  and his role as an “artist” becomes secondary, if not irrelevant in the new, meta-narrative.

Milo Rau: But the way the MoAA “repeats” its “original(s)” is different from the way of repeating and appropriating in postmodern Art – as p. e. in the „Appropriation Art“. All that postmodern emotionalism and criticism is absent. The authorship and the eternal problems with it, the hate on the “Kulturindustrie” or the exaggerated love for it, the gender-, postcolonial- and difference-talk etc.: The MoAA and the Kabinett der Abstrakten are not interested in this fashionable “Who-am-I-and-what-is-Art”-discourse. These expositions are very cool, very OBJECTIVE, very out of present, but without the dandy-attitude. What I want to say with this: Not only Modernism but also the hysteria of Postmodernism seems to have come to an end here. Where does this “objective objectivism” come from?

Walter Benjamin: I agree with you.  I think any first person discourse, artist in first person speak, is empty today, it is obsolete. These exhibits we are talking about, being views from the outside,  are in some way ‘out of present’, but one can argue that this makes them  “most present” of all ‘presents’  we could find around today. From the prospective of MoAA it is not only ’past’ that is past, bat it is ‘present’ that is past as well, and perhaps even the ‘future’ is the past, regardless how silly it might sound.  Since, the internal narrative, the subject matter of MoAA is a story that is based on notions past-present-future.

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Milo Rau: What do you think what these expositions do to the visitor? Modernism was obsessed by the “Now” and the “Real” – the “Choc”, as Walter-Benjamin-1 used to say. Postmodernism plays with the erotic of the immaterial, the absence and the „Phantomschmerz“ of the Real. To which places do THESE expositions lead to? What is their philosophy?

Walter Benjamin: If Modernism could be interpreted as a process of turning unknown into known, then these exhibitions are turning known into unknown. And the “shock of the new” is here substituted by the more subtle “shock of the old”. We are walking through a familiar landscape but gradually become aware nothing seems right, that all this is not what it seems to be. And that might be very scary.

Also, while art history is written after previously established data base (collection of objects, characters, events), in the case of  MoAA and the Kabinett we have  artifacts (paintings), events (exhibition), characters (Alfred Barr, Walter Benjamin) generated and produced after the history. Further more, not only the artifacts and characters could be replicated without changing their meanings, but the entire exhibit could be replicated as well.  Thus, if you like MoAA or the Kabinett, you can simply make it yourself.  And this ‘replica’ will have the same meaning and value  as the ‘original ’exhibit, unlike the relationship between the ‘original’ and ‘copy’ in the art history narrative.

Milo Rau: If there is a place out of History (even if it is just the history of Art), what kind of stories are told there? What kind of sensibility dominates in this context? And in what sense are the MoAA or the Kabinett examples (or simulations) for this future sensibility?

Walter Benjamin: I think there is no meta-narrative established yet, it will take some time, but I am sure that some of its features might be anticipated today. Since the notion of the uniqueness of the main characters (artist and artwork) is fundamental for the history of art, we could assume that it is not going to be the constitutive in the meta-narrative. Also, if the art history will be re-contextualized, then the very notions of artist and artwork will become of secondary importance.  Places like galleries will transform into something else or become obsolete, while the museums will redefine themselves. But, there will be places with some kind of short and long term exhibitions.

Most likely this meta-narrative will not be linear (chronological) but rather a web of various interconnected but independent stories one of which would be art history. From that meta-narrative or meta-position we could have access to any of the particular narrative/position. Some of them could be cyclical (myth-like) and some linear with one or both ends open, like for example history.

This also means that we could play different roles/characters in different stories, and thus having not one but multiple identities. That will, among other things, blur the line between fiction and reality. This is not going to happen only in relation to the Art History, but to the society in general. It would redefine the meaning of the notion of the society.

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Milo Rau: What do you think comes AFTER the MoAA? Which Art (and which history of art) can follow it? So: What comes after Postmodernism?

Walter Benjamin: The history of art is not only the story about past, the way we remember it. But it is also gives us direction for the future. What kind of story about past we select will determine what steps we’ll take, what kind of future we will have.

One way to describe these places would be ‘memory’.  Memory is a picture (impression) in our brain of a certain event. When the event is long gone, this impression, this memory is the only thing we have. But it is not the event itself; it is just an image, emotion, some kind of picture in our brain. That is in fact an antithesis of the event that is being remembered. In a similar way, both exhibits MoAA and the Kabinett are remembering certain events from the modern art history, they are some kind of 3D memories, but they themselves are not modern.  They are based on copy, not on original; therefore the notion of an author doesn’t apply here. These works/entities are in fact antithesis of modern art. Copy of an abstract painting is not an abstract painting. Because of that, we could think of copes as memories. Often imperfect but sometimes that’s only we are left with now and here.

As I said before, artifacts shown at these exhibits, and the exhibits themselves, are not works of art. They are rather souvenirs, selected specimens of our collective memory. If post modernism is in its essence a position of forgetting, entities such as MoAA and the Kabinett are places of re-remembering.

Alle Zitate in den einleitenden Bemerkungen stammen aus einem Informationsblatt des Museum of American Art.

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