Ach ja, Althusser
16. Oktober 2008, 14:31 Uhr

Während meines Studiums in Paris kam die Rede ab und zu auf Althusser. Niemand hatte ihn gelesen – denn ich und meine Freunde besuchten nur poetologische, filmwissenschaftliche und historische Seminare, in denen das Ende der Poesie, des Films, der Historie und überhaupt der Wirklichkeit bewiesen wurde –, aber jeder wusste selbstverständlich, dass Althusser seine Frau erwürgt hatte. So lief man zum Beispiel an der École Normale vorbei, und jemand wies mit einer beiläufigen Geste auf die graue Häuserfront und sagte: „Ach ja, Althusser…“ – worauf ich jeweils den alten Althusser vor mir sah, wie er in seiner kleinen Dienstwohnung in der École langsam und irgenwie mechanisch seine Frau erwürgte. Ich weiss nicht, warum ich mir diesen Mord immer „langsam und irgendwie mechanisch“ vorstellte. Aber alles an Althusser war so langsam, so versteinert von seinen Depressionen (auch seine letzten Aufsätze, die ich aber erst später lesen sollte), dass ich ihn mir auch als Mörder nur in Zeitlupe denken konnte.
Später las ich in der Provence ein paar Aufsätze aus „Pour Marx“. Ich fuhr mit meinem Rennrad auf den Mont Ventoux und versuchte zu verstehen, was Althusser meinte. Althusser ist ein schwieriger Autor, es verhält sich bei ihm wie bei Hegel: Es gibt zwischen dem, was er schreibt, und dem, was er meint, einen Abstand, der durch übertriebene Logik verursacht wird. Er macht es sich sehr schwer, sich auszudrücken. Nun hat man sich aber daran gewöhnt, bei französischer Philosophie, auch wenn sie sich “Strukturalismus” nennt, irgendwie an unsystematischen Spass zu denken: Bei Roland Barthes oder Michel Foucault ist dieser Strukturalismus auf charmante Weise rechthaberisch und eher spasseshalber empirisch, eben so, wie man sich „französische“ Philosophie vorstellt. Bei Lévi-Strauss ist er eine kalte, klassizistische Decke, die sich über all seine Indianer, Tongeschirre, Esspraktiken legt. Lacan wiederum ist Autist und auch ein bisschen Prophet, weshalb es oft schwierig ist, hinter seinen gezierten Sätzen die sehr simplen Gedanken zu entdecken. Lacans Werk ist eine einzige Verkomplizierung strukturalistischer Gemeinplätze.
Althusser aber ist der Pedant des Strukturalismus, ein Liebhaber der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Grosssysteme, der, als wäre das nicht genug, auch noch ab und zu von religiösen Eingebungen heimgesucht worden ist. Althusser las Marx niemals nur „modern“ (wie die kritische Theorie), sondern immer auch unter der Perspektive der alten Substanzproblematik und des „richtigen Lebens”. Abends pflegte er, wie mir eine seiner ehemaligen Schülerinnen erzählte, durch geheime Gänge von der École ins gegenüber liegende Jesuitenkolleg zu eilen, um dort über Spinoza und Thomas von Aquin zu disputieren. Er selber bezeichnete den Strukturalismus deshalb als „jungen Welpen“, der ihm „nur kurz zwischen den Beinen hindurchgehuscht“ sei. Denn der ganze Strukturalismus schien ihm im (reifen) Marxismus philosophisch begründet, als wissenschaftliches Instrument ausgeformt und zugleich überwunden worden zu sein: nämlich in der Geschichtlichkeit des Sinns und seiner spielerischen, alltäglichen oder revolutionären Praxis, auf die der Strukturalismus seinerseits (da völlig undialektisch) nie eine Antwort finden sollte.
Aber wie gesagt: Es ist schwierig, Althusser zu lesen. Er hätte wie Hegel einen Marx gebraucht (oder besser noch einen Lenin). Jemand, der sein Reden vom „epistemologischen Bruch“ durch eine einfache historische Einteilung ersetzt hätte. Jemand auch, der seine Theorien der „Ideologie“ oder der „Anrufung“ an politischen Beispielen ausgeführt hätte. Sein berühmter Schüler Balibar hat das versucht, und es macht deshalb vielleicht Sinn, zuerst einmal Balibar zu lesen. Denn liest man Althusser, so ist es, als müsste man im Kopf eine Mauer durchbrechen. Als ich also damals auf den Mont Ventoux fuhr, um „Pour Marx“ zu lesen, hätte ein aufmerksamer Wanderer beobachten können, wie mein Kopf immer wieder nach vorne zuckte. Nämlich immer dann, wenn ich wieder einen Satz, einen Abschnitt von Althusser verstanden hatte (oder es zumindest glaubte).
Heute wäre Althusser 90 geworden. Anlass für alle deutschen Feuilletons, den alten Widerspruch zwischen Sartre und Althusser, zwischen „sous le sable il y a la plage“ und dem (scheinbar) von Althusser und den späteren K-Gruppen verkündeten Staatskommunismus auszugraben. Denn wie man weiss, gab es 1968 zuerst eine Phase, in der Marx neoexistenzialistisch, oder wie man damals gesagt hätte: „situationistisch“ gelesen wurde, bevor er dann von bürokratischen Hardcore-Strukturalisten (sogenannten “Maoisten”) schockgefroren und zu Grabe getragen wurde. Sartre und Althusser waren, wie wir heute wissen, nur zwei Arten, den Marxismus zu beerdigen, beziehungsweise die sogenannte „Dialektik“ in eine zugleich völlig entfremdete und total intensive Konsumpraxis zu überführen, in der sein Name nicht mehr extra erwähnt werden musste. Was in den fünfzehn Jahren zwischen 1965 und 1980 geschah, war Folgendes: Die Philosophie des 19. Jahrhunderts, die sich schon nach dem Krieg schön ordentlich von der Gesellschaftstheorie getrennt hatte, tat sich noch einmal mit ihr zusammen, um sich dann endgültig (und nun im Streit) von ihr zu trennen – einen Vorgang, den man sonst nur von Paarbeziehungen kennt. Der Poststrukturalismus hatte sich, als er Ende der 70er endgültig die Szene zu beherrschen begann, deshalb nur noch der therapeutischen Bedürfnisse einer völlig erniedrigten „Neuen Linken“ anzunehmen. Deleuze und Foucault wurden, von theoretischen Leichtestgewichten wie Judith Butler auf einen hysterischen Privatismus reduziert und auf gut Glück mit Bataille und Nietzsche verrührt, zu den Lieblingsautoren eines wieder streng individualistischen Kleinbürgertums, das Maos Bibel ohne viel Aufhebens durch Roland Barthes’ „Fragmente einer Sprache der Liebe“ und wirres pseudopolitisches Trauma- und Differenz-Gefasel ersetzte.
So war die Situation Anfang der 80er Jahre ähnlich wie nach dem zweiten Weltkrieg. Alle führenden Intellektuellen der „Bewegung“ waren tot oder entehrt: Althusser las in der Psychiatrie Baudelaires Gedichte, Sartre war endgültig von seinem Für-Sich befreit und beobachtete sein geliebtes Montparnasse von unten, der einst so „rote“ Barthes schrieb ein Buch über seine Mutter und wurde augenblicklich von einem Laster überrollt, Foucault starb an Aids, Susan Sontag verfasste Historienromane und die „Linke“ kümmerte sich nicht mehr um die Welt, sondern die Umwelt. Der Kapitalismus seinerseits hatte die revolutionären Energien gierig in sich aufgesogen und läutete das Zeitalter des postpolitischen Sauve-qui-peut ein, das nur durch die verbitterten Selbstanklagen einer Generation von unfreiwilligen Kollaborateuren unangenehm gestört wurde – auch wenn die chinesischen Lager immerhin etwas weiter weg waren als die faschistischen und die Opfer der Maoisten deshalb irgendwie weniger „real“ als die der Nazis. Den Punks fiel es nicht schwer, sich über die paar übrig gebliebenen Hippie-Studienräte lustig zu machen, so wie es den Beatniks der späten 50er nicht wirklich Probleme bereitet hatte, die sich verbissen ins Privatleben verkrallenden Landser als Spassbremsen blosszustellen. Falls doch jemand aufmuckte, wurde ihm mit dem „Schwarzbuch des Kommunismus“ vor den Augen gewedelt und auf die Überkomplexität der Weltwirtschaft hingewiesen. „Now let’s got party till dawn“, krähte Goetz den letzten Adorno-Jüngern ins Ohr.

Es war also schon lange nach jener Zeit, als Intensität und Ironie zur postmodernen Lebensweise verschmolzen und Sartre mit seinem „Engagement“ endgültig zur Witzfigur geworden war, als ich, mit allen Wassern der Textkritik gewaschen, auf den Mont Ventoux fuhr, um Althusser zu lesen: „Ich wollte den Marxismus gegen die realen Bedrohungen der bürgerlichen Ideologie verteidigen; man musste seine revolutionäre Neuartigkeit aufzeigen…“ Und obwohl ich nie wirklich verstanden habe, worum es Althusser eigentlich geht und die Diskussionen um die „richtige“ Marx-Interpretation für meine Generation, die von der sowjetischen Geiselhaft der deutschen Philosophie nur noch vom Hören-Sagen weiss, nichts anderes sein können als Scholastik: So war ich doch vom Ton seiner Texte, ihrem methodischen und politischen Ernst derart beeindruckt (als wären Politik und Philosophie, theoretische Genauigkeit und Handlungsfähigkeit DAS SELBE), dass ich für die Seminarproblemchen der Postmoderne nie wieder ein tieferes Interesse aufbringen konnte (eben deshalb, weil kein postmoderner Philosoph jemals eine ernst zu nehmende, die einfachste Spieltheorie transzendierende Handlungstheorie entwickelt hat).
Dann, ein paar Jahre später, las ich Althussers Autobiographie. Auch hier begegnete mir dieser kalte Ton voller Selbsthass und cartesianischer Skepsis: „In Prag, am Ufer der halbausgetrockneten und stinkenden Moldau, erfuhr ich, dass sich eine unserer Reisebegleiterinnen, Nicole, in mich verliebt hatte. Mir wurde davon so angst und bange, dass ich sie nicht berühren konnte.“ Oder: „Später sollte ich Macchiavelli entdecken, der meiner Meinung nach in vielen Punkten weiter gegangen ist als Marx: nämlich indem er versuchte, die Bedingungen und Formen des Handelns in ihrer Reinheit zu denken, das heisst in ihrem Begriff.“ Oder, nun in deutscher Kriegsgefangenschaft: „Diese erzwungene Erfahrung mit manueller Arbeit belehrte mich über viele Dinge. Ich lernte, dass ein Bauer ein wahrer Polytechniker ist, wenn er es auch nicht weiss, weil er eine unglaubliche Anzahl von Variablen zu beherrschen hat, vom Wetter und den Jahreszeiten bis zu den Wankelmütigkeiten und Schwankungen des Marktes. Und so vermochte ich auch Einblick in die Einsamkeit zu gewinnen: jeder für sich auf seinem Grund und Boden, von den anderen getrennt…“
Ich weiss nicht so recht, ob ich mit diesen Erläuterungen irgend jemanden dazu bringen kann, Althusser zu lesen. Was mich persönlich angeht, schätze ich wenige Autoren mehr als ihn. Und ich spreche nicht von seiner Theorie (die ich wie gesagt nicht besonders gut kenne), sondern von seinem Ton, den ich viel später in einigen von Houllebecqs Essays und bei Valéry wiedergefunden habe: diesem beherrschten, grausamen Ton, der die Menschen wie unglaublich komplizierte Maschinen zu beschreiben sich vorgenommen hat, um ihre Freiheit zu beweisen. „Er sprach mit grösster Konzentration und Strenge“, sagte Althusser einmal bewundernd von Rancière, der in den 60ern sein Student war. Nun kennt man die Kämpfe, die sich diese Neomarxisten um Worte und ihre „Strenge“ lieferten – aber keiner nahm diese Kämpfe persönlicher als Althusser. Er bewunderte Spinoza, weil er ihm eine „Idee des Denkens“ bot, in dem das „Denken der Körper selbst“ ist. Verlor Althusser ein Wortgefecht, so konnte es geschehen, dass er tagelang im Bett liegen blieb, ohne jede Möglichkeit, sich zu bewegen.
Wer also war Althusser? Althusser war sich selber nie etwas anderes als ein „Fall“, eine Art biographisch-physische Konstellation, und deshalb war für ihn die alte macchiavellistisch-leninistische Frage („Was tun?“) eine des Überlebens. Objektiv sein, das hiess für ihn: als Subjekt zu überleben. Er träumte von der „inneren Leere“ des Principes oder des Berufsrevolutionärs, dieser Fuchsartigkeit des Handelns, bei dem die Zwecke die Mittel heiligen. Im Gegensatz zu Autoren wie Leiris oder Bataille lehnte er es ab, sich auf seine Menschlichkeit zu berufen, zerrissen zu werden, sich in den surrealen Ekstasen des Körpers und seinen monotonen Perversionen einzurichten. Frei VON sich selber wollte er sein, um frei FÜR sich zu werden.
„Die Bauern“, schrieb Althusser im deutschen Gefangenenlager, „machen sich lustig über den Humanismus. Sie lachen über ihn. Wie soll man zu ihnen reden?“ Und in der Psychiatrie: „Ich stand in dem Ruf eines Wilden, in das Kloster meiner alten Wohnung in der École eingesperrt, und wenn ich den äusseren Schein dieser Wildheit aufrecht erhielt, dann deshalb, um in die Anonymität einzutreten, in der ich mein Schicksal zu finden glaubte und überdies den Frieden.“
Heute jedenfalls wäre dieser Mann, der am 16. November 1980 in seiner alten Wohnung in der École seine Frau erwürgte, 90 geworden. Bald sind zehn Jahre seit jenem Tag vergangen, als ich auf den Mont Ventoux fuhr, um eines seiner Bücher zu lesen. Seine Worte (seine „Einsamkeit“ und seine „Wildheit“) verfolgen mich wirklich. Ich wünschte, ich könnte bessere für ihn finden.
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