Als die Postmoderne Tschüss sagte (Teil III)
13. Februar 2008, 17:18 Uhr

“Eine Art unheilschwangeres Abwarten” – Leonardo di Caprio
Fortsetzung von Teil II >>> Das Kino nährt sich gewöhnlich aus der kraftvollen Idee der Bewegung, es ist die populäre Rache an den zahllosen Beschränkungen, die uns die Zivilisation auferlegt. Grosse Schauspieler verstehen es, diese Kraft durch eine spezifische Verquältheit, eine Art unheilschwangeres Abwarten in sich anzureichern – man denke an Marlon Brando in The Missouri Breaks oder Leonardo di Caprio in Departed -, aber worauf es ankommt, ist die Explosion. Das Publikum erwartet von seinen Helden nicht, dass sie sich angesichts der Beschränkungen der westlichen Welt in sanfte Traurigkeit zurückziehen. Es will, dass sie auch in ihren stillsten Momenten eine Atmosphäre des Ungesunden und des Amoks, eben der Rache umgibt.
Die Helden der sich – immerhin chronologisch – an Petzold anschliessenden Berliner Schule dagegen schlagen offensichtlich einen ganz anderen Weg ein. Es scheint ihnen weniger um die seelischen Ambivalenzen zu gehen, für die wir uns seit der Erfindung des Charakters in der Renaissance gewöhnlich interessieren, diese Rangeleien „zweier Seelen in einer Brust“, in der am Ende der Wille zum Ich (oder zum Erfolg) triumphiert. Und natürlich geht es ihnen schon gar nicht um das Try-and-Error-Prinzip der deutschen Komödien der 90er Jahre, in denen grenzdebile Mittdreissigerinnen erst nach 90 Minuten merken dürfen, warum der gutaussehende „beste Freund“ die ganze Zeit so doppeldeutige Sachen gesagt hat.
Was uns in jedem Drehbuchseminar eingeschärft worden ist – nämlich dem Protagonisten ein Ziel und einen entsprechend starken Willen mitzugeben -, das scheint hier geradezu verboten. Den Helden des spirituellen Stils mangelt es völlig an der Kraft, mit der der popkulturelle Held sein Ziel (Mister Right, der grosse Jackpot, Revanche für Vietnam oder bloss die fünfzehn Minuten Berühmtheit) anpeilt. Die Philosophie der Popkultur basiert, wie ihr Name schon sagt, auf der schlichten Idee, dass der einfache Mann „es schaffen kann“ – wenn er tut, was zu tun ist.
Die Haltung der Berliner Schule ist dem ganz entgegengesetzt. „Wirkung und Ursache, das sind für mich zwei verschiedene Wahrnehmungen“, schreibt Christoph Hochhäusler in der Director’s Note zu Falscher Bekenner, einem der typischsten Filme der Berliner Schule. Man könnte auch sagen: Egal, was ich tue, es macht sowieso keinen Unterschied. Eine Strategie, die in einer Welt, die von jedem erwartet, dass er das beste aus sich macht und sich selber – was das auch immer sein mag – nach Möglichkeit verwirklicht, einer Kriegserklärung gleich kommt.

“Peinlich berührt” – Hochhäuslers Falscher Bekenner
So erleben die Filme der Berliner Schule das Deutschland der Bobos und der Massenarbeitslosigkeit wie einst der Urvater des passiv-aggressiven Duckmäuserstils, Dustin Hoffman, in Die Reifeprüfung die amerikanische Ostküste: peinlich berührt, schwer melancholisch und vom Wunsch beseelt, in Ruhe gelassen zu werden. Die unerträglich sportlichen, sexuell abgeklärten und krankhaft fröhlichen WASPs, die Dustin Hoffman mit ihren Cocktailparties in den Wahnsinn getrieben haben, kehren in den Filmen der Berliner Schule als psychisch übergesunde Alt-68er und flotte Bildungsbürger wieder.
Aber Dustin Hoffman hat es immerhin nur mit einer einzigen Mrs. Robinson zu tun gehabt. Die Helden der Berliner Schule (fast immer depressive, wortkarge Jugendliche) sind geradezu umzingelt von Nächstenliebe, von zudringlich gutmütigen Erwachsenen, von einer immer bestens gelaunten und zu einem Spässchen aufgelegten Streichelgesellschaft – von einem Mittelstand, der nur aus weichgespülten Mrs. Robinsons zu bestehen scheint.
Die typische Handlung eines Films der Berliner Schule gestaltet sich deshalb als Flucht – als Flucht vor der Liebe. Als sich die Protagonistin in Montag kommen die Fenster davonmacht, um in der Tristesse westdeutscher Herbstwälder und 70er-Jahre-Intérieurs zu schwelgen, heftet sich eine ganze Horde Verwandter und am Ende sogar ein Tennisstar an ihre Fersen; denn niemand darf ungeknuddelt bleiben. Hochhäuslers Falscher Bekenner kämpft einen ganzen Film lang gegen die Umarmungen seiner Familie und der Karriereberater, um endlich die Gnade der Selbstpräsenz oder, wie der Regisseur in der Director’s Note geheimnisvoll schreibt: der „Berührung“ zu erfahren. Sogar Julia Hummer, Meisterin in allen Gewichtsklassen des spirituellen Autismus, kommt in Petzolds vorletztem Film Gespenster kaum an gegen die zahllosen Mutter- und Vatergestalten, die ihr alle gern helfen wollen. Die grosse Angst der klassischen Teeniekomödie – ungeküsst zu bleiben, nicht dazu zu gehören – ist hier das Ziel. Denn die Küsse sind bloss Ablenkung von der eigentlichen filmischen Aufgabe: in der Einsamkeit zu sich selber zu kommen.

“Urvater des Duckmäuserstils” – Mrs. Robinson, Dustin Hoffman
Deutschland, so die Botschaft dieser Filme, braucht seine Kinder nicht und knuddelt sie deshalb umso mehr – so sehr, dass diese vor lauter Liebe ganz nervös werden und sich wie einst das Hündchen in De Sicas Umberto D. in die Büsche schlagen. Der Kapitalismus will, wenn er schon keine Knochen zu vergeben hat, streicheln, aber die Jugend dreht, Tränen in den Augen, ihr Köpfchen weg: Verkrampfte, schon in frühester Jugend verbitterte Persönchen, die sich – wie wir selber vielleicht einmal – mit dem Fremden von Camus identifizieren und dem Gedanken spielen, ihre promiskuitiven Managereltern fertig zu machen, indem sie ewige Keuschheit schwören und protestantische Theologie studieren. Nicht Wut, Unangepasstheit, Revolte und avantgardistische Negationssucht beherrscht die Psyche dieser Helden – sondern ein viel existenzielleres, viel globaleres Nein, eine körperliches Verschwindenwollen. Wenn ich schon nutzlos bin, sagen die Helden der Berliner Schule, dann immerhin ganz.
In den Neunzigern hatte es so ausgesehen, als könne die Kulturindustrie die brach liegenden kreativen Energien binden, indem sie die Vergangenheit einfach zweit- und drittverwerten liess. Die Mühlen der Postmoderne machten dabei ein derart schrilles Geräusch und wirbelten so viel Staub auf, dass sogar den Echtheitsfanatikern die Ohren klingelten und sie vorübergehend wirr im Kopf wurden. Aber natürlich konnte das in Deutschland nicht lange gut gehen. Die Berliner Schule ist, auf ihre stille und beharrliche Weise, die längst erwartete Revanche der protestantischen deutschen Seele.
Die protestantische Kunst war eine Reaktion auf die postmittelalterliche Degeneration des katholischen Glaubens. Die Prostestanten wollten Gott nicht – wie die Tarantinos des Hochmittelalters: Dante und die Autoren der Mysterienspiele – durch rhetorische Fülle feiern, sondern ihn durch Reduktion erkennen. Sie verabscheuten die katholische Glaubensindustrie, die sich an der eigenen Symbolik berauschte, immer süssere und nacktere Putten malte, die Bibel endlos kommentierte und in ihren Rave-ähnlichen Grossveranstaltungen Gott vergass. Wie die Berliner Schule das Komödiantische und überhaupt die Unterhaltung aus dem deutschen Film entfernte, entfernten die deutschen Reformatoren jede Form einer „Göttlichen Komödie“ aus ihren Glauben, entfernten sie alles überflüssige Bildwerk aus den Kirchen und ersetzten die endlosen, mit derben Witzen durchsetzten Busspredigten und Litaneien der Katholiken durch einfache, schlichte, deutsche Gebete.
Die deutsche Kunst hat seither alle paar Jahrzehnte (ob sie nun wie die Fräuleins nach Amerika oder wie die Formalisten der deutschen Klassik ins alte Griechenland schielten) den drängenden Wunsch nach Reinheit verspürt. In der Berliner Schule feiert die Ansicht, dass es eine höhere Wahrheit gibt, dass das Glück nicht in der Welt, sondern irgendwo dahinter, irgendwo neben ihr liegt, ihren bislang letzten und – angesichts der von vielen als irreversibel gehaltenen, zutiefst antiessentialistischen Anstrengungen der Postmoderne – überraschendsten Triumph. Wie ein überzeugter Reformator spricht Christoph Hochhäusler in der erwähnten Director’s Note vom „sinnlosen Unglück der Welt“, den nur „die Fiktion“, eben der Glaube, überwinden könne – so, als wolle er mit seinem von allen Effekten gereinigten Kameraauge direkt in Gottes Reich der reinen Seelen blicken.

“Immer wieder fällt der Name Bresson” – Szene aus Pickpocket
Die Berliner Schule ist so zweifellos eine philosophisch sehr schlichte und in ihrer ästhetischen Schlichtheit sehr deutsche Antwort auf die kulturelle Ratlosigkeit nach dem Ende der Postmoderne. Der Grund, warum sogar eher schwache Filme der Berliner Schule wie Milchwald oder Bungalow beim ausländischen Publikum auf so viel Gegenliebe gestossen sind, während zwanzig Jahre deutscher Komödie nicht das geringste Echo bewirkt haben, liegt wohl an diesem Umstand – die Berliner Schule ist, obwohl immer wieder der Name Bresson fällt und viel an den französischen Film der 60er erinnert, so berührend deutsch.
Ihre Regisseure versuchen gar nicht erst, mehrdeutig, weltgewandt oder lustig zu sein. Das verwirrende Durcheinander der Welt, das das psychische Hauptproblem einer urbanen Kultur darstellt, interessiert sie nicht. Der Heroismus des Körpers, des Willens und der Liebe, der fast jeden modernen Film umtreibt – dieses weltzugewandte Trotzdem des fragmentierten Subjekts -, wird von ihrem spirituellen Stil negiert. Sie geben dem alten, mächtigen, protestantischen Wunsch nach Askese nach.
So kündet die Berliner Schule von einer Kultur, die die emotionale Kontrolle über ihre Mitglieder verloren hat. Mit ihrem Wunsch, in die Einsamkeit zu fliehen und alle Verirrungen und Spiegelfechtereien der Moderne ungeschehen zu machen, erzählen sie uns viel traurigere Geschichten über die Unmenschlichkeit und die sozialen Verwüstungen des Kapitalismus, als alle Provokationen der Tarantino-Jünger es jemals getan haben.
“Als die Postmoderne Tschüss sagte”. Ursprüngliche Fassung eines in erweiterter Form anlässlich des Kolloquiums “Die Wiederkehr des Authentischen. Ästhetische Strategien nach dem Ende der Postmoderne” gehaltenen Vortrags.
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3. April 2008, 13:56 Uhr
Danke für diesen “würdigend kritisieren würdigen” – Beitrag. hat es das Kolloquium “Die Wiederkehr des Authentischen. Ästhetische Strategien nach dem Ende der Postmoderne” tatsächlich gegeben und gibt es dazu Veröffentlichungen neben der Ihrigen?
Ihre Seite ist aufregend und schön.
Freundlichen Gruss,
Heike Pelchen
3. April 2008, 16:24 Uhr
Liebe Heike Pelchen
Leider hat es das Kolloquium nie gegeben (die im Artikel erwähnten Filme sind aber alle gedreht worden, soweit ich weiss). Ich würde übrigens ebenfalls sehr gern weitere Texte zu dem Thema “Die Wiederkehr des Authentischen” lesen, leider lässt sich sowas aber nicht mit reiner Gedankenkraft heraufbeschwören – vielleicht schreiben Sie einen? Der Text wurde ursprünglich für die Online-Zeitschrift “Kinokarate” verfasst (www.kinokarate.de), die ich Ihnen hiermit gern empfehlen will.
Freundliche Grüsse
Milo Rau
PS: Falls Sie Heike Pelchen vom Theaterdiscounter sind, wünsche ich Ihnen viel Glück bei der Wiedereröffnung!