Bossart/Rau: Das offene Geheimnis. Breivik auf der Bühne


22. August 2012, 11:09 Uhr

“In der Schweiz können die Leute über Minarette abstimmen und müssen nicht zu anderen Methoden greifen, um ihren Standpunkt auszudrücken”, schrieb Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer “Weltwoche”, nach Anders B. Breiviks Attentat über die Parallelen zwischen Schweizer Initiativkomitees und Norweger Massenmördern. Am 19. bzw. 27. Oktober ist BREIVIKS ERKLÄRUNG, eine Verlesung der Rede Breiviks am 17. April 2012 vor dem Osloer Gericht, am DNT Weimar und am TD Berlin zu sehen – an jedem Spielort nur ein einziges Mal. Als Anders B. Breivik spricht Sascha Ö. Soydan, im Anschluss diskutieren Bazon Brock, Mark Terkessidis, Sandra Umathum, Harald Welzer und Christine Wahl über Kulturkampf, Wahnsinn und Untergang der Neuen Rechten. Die Inszenierung eröffnet den IIPM-Kongress “Power and Dissent” am DNT Weimar und ist Auftakt des Grossprojekts “Die Moskauer Prozesse”.

Rolf Bossart: Milo Rau, unter dem Titel „Breiviks Erklärung“ haben Sie für diesen Herbst in Weimar und Berlin eine Inszenierung angekündigt. Worum geht es?

Milo Rau: Im Prozess gegen den Attentäter von Oslo und Utoya, Anders B. Breivik, wurde in der ersten Verhandlungswoche der Angeklagte angehört. Die etwas mehr als einstündige Rede, die Breivik am zweiten Prozesstag (dem 17. April 2012) gehalten hat und das darauf folgende Kreuzverhör sind aber aus verschiedenen Gründen für die Öffentlichkeit gesperrt worden. In erster Linie natürlich aus der Sorge heraus, seine Rede könnte aus dem Zusammenhang gerissen eine Eigendynamik entwickeln, die Breivik legitimieren und damit aus ihm letztlich etwas anderes machen würde als das, was er ist: ein Massenmörder.

Bossart: Was aber macht die Bühne mit diesem Text?

Rau: Das Theater kann etwas, was andere Medien nicht können: einen Rahmen bieten, in dem etwas, von dem man (wie man so sagt) „gehört hat“, als solches, in seiner Unnahbarkeit, in seiner Geschlossenheit, seinem So-Sein und damit auch in seinen Widersprüchen und seiner Komplexität in Erscheinung tritt. Ein Theaterpublikum ist von der Zahl her sehr beschränkt, und es ist ein Publikum, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort versammelt – ein Theatersaal hat etwas von einem Gerichtssaal. So wird eine sehr spezifische Aufmerksamkeitsstruktur geschaffen, das Theater „versammelt“ gleichsam ein historisches oder mediales Ereignis (oder einen Mythos, einen Text) auf der einen und ein Publikum auf der anderen Seite. Und wenn man Glück hat, entsteht aus dieser Begegnung ein Erstaunen, eine Überforderung – und schliesslich eine Diskussion. Weshalb ich ja verschiedene Intellektuelle eingeladen habe – Bazon Brock, Christine Wahl, Sandra Umathum oder Harald Welzer – um mit mir, der Schauspielerin Sascha Ö. Soydan und dem Publikum nach der „Erklärung“ über den Sinn und den Mehrwert eines solchen Experiments zu diskutieren. Und warum ich ganz bewusst nicht in Reihen spielen will, sondern an jedem Ort nur ein einziges Mal. Alexandra Kedves hat im Schweizer “Tagesanzeiger” die Inszenierungsidee ein “Denkdrama” genannt, und das wird es auch sein. Ich schreibe Breiviks Worte nicht um, und ich werde szenisch so wenige Vorgaben wie nur irgendwie möglich machen. Es wird überhaupt keine “Szene” geben, jedenfalls nicht im Sinn einer irgendwie gearteten historischen oder psychologischen Authentizität.

Bossart: Warum aber die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen?

Rau: Es ist ja nicht so, dass wir mit „Breiviks Erklärung“ etwas völlig Unbekanntes zeigen. Das Argument der „Veröffentlichung von etwas, was besser geheim geblieben wäre“, zielt völlig an der medialen Realität des Symptoms „Breivik“ vorbei. Es wurden noch während der „ersten“ Verlesung die wichtigsten Argumentationspunkte direkt aus dem Gerichtssaal getwittert und seither millionenfach kopiert, mehr oder weniger vollständige Fassungen der Rede kursieren bereits auf (meist rechtsextremen) Internetseiten. Jedes Kind hat davon gehört: von Breiviks Ordensbesessenheit, seinem Beharren auf einer multikulturellen Verschwörung und seiner Unfähigkeit, seine Schuld zu anerkennen. Man kennt seinen albernen Gruss, sein seltsames Lächeln, seine Visionen blutüberströmter europäischer Metropolen. Das alles ist ein offenes Geheimnis. Es ist wie in Edgar Allen Poes berühmter Detektiv-Geschichte, in der ein geheimer Brief eben nicht in einem Versteck, sondern mitten auf dem Schreibtisch am besten „verborgen“ ist – gerade weil er dort, seltsamerweise, nicht gefunden, nicht gelesen wird…

Bossart: Und mit „Breiviks Erklärung“ bringen Sie gewissermassen einen solchen Brief, der vor aller Augen liegt und gerade deshalb unsichtbar ist, auf die Bühne…

Rau: Genau. Von der sehr entscheidenden Tatsache mal abgesehen, dass Breivik von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan dargestellt wird, machen wir schlicht und einfach etwas öffentlich, was bereits so öffentlich ist, dass es gleichsam unter seiner Öffentlichkeit selbst verschüttet liegt. Das habe ich schon bei „Die letzten Tage der Ceausescus“ festgestellt, einer Reinszenierung einiger der berühmtesten Videogramme der Fernsehgeschichte: Was man am besten zu kennen glaubt, von dem weiss man am wenigsten. Man hat es gesehen, aber gleichsam nur aus den Augenwinkeln, unkonzentriert, vielleicht mit Erschrecken, aber passiv und ohne gemeint zu sein. Und wenn man ein solches Dokument dann in seiner Gesamtheit nochmals sieht und hört, im Rahmen einer inszenierten Öffentlichkeit, so ist man plötzlich erstaunt über seine Komplexität, seine Bedeutungsfülle, seine Fremdartigkeit. Denn was bei „Breiviks Erklärung“ der Öffentlichkeit zugemutet werden muss, ist die beklemmende, die zwingende Unlogik der darin enthaltenen Argumentation – eines rechtsnationalen common sense, der seinerseits ja ebenfalls ein offenes, immer wieder ausgesprochenes Geheimnis ist.

Bossart: Das stimmt. Die eigentlich verwirrendste Erfahrung an Breiviks Erklärung vor Gericht ist ja, dass man sich bewusst wird, dass die Ideologie, die darin vertreten wird, von vielen, von einer Mehrheit geteilt wird. Dass also das, was man in den Kommentaren auf sein 1500seitiges Manifest als inkonsistentes Copy-Paste-Manöver eines asozialen Internetjunkies und Psychopathen abgetan hat, im Grunde eine ganz rationale und von vielen vertretene Weltanschauung ist.

Rau: Das habe ich bereits am Anfang meiner Beschäftigung mit der Figur „Breivik“ bemerkt: Es kann nicht darum gehen, den 1001 Versionen von Breivik noch eine weitere, vielleicht künstlerisch oder intellektuell überzeugendere hinzuzufügen. Es besteht ein grosser, ein absolut zentraler Unterschied, ob ein Dramaturg oder Journalist eine Fassung aus den 1500 Seiten herstellt, wie das aktuell zum Beispiel Christian Lollike macht, oder ob man Breiviks Erklärung verliest, so wie Karmakar Himmlers Posener Rede hat verlesen lassen – diese grässliche, sehr kühle Rede, in der der Holocaust als unangenehme, aber eben nötige Arbeit beschrieben wird. Es besteht ein Unterschied, ob man einen dramatischen Menschen bastelt, einen eiskalten Himmler oder einen Breivik mit psychotisch starrem Lächeln und ihn der staunenden Menge vorführt – oder ob man, wie wir es versuchen, eine neue, eine natürlich nicht weniger artifizielle Unvoreigenommenheit schafft und diese 20 Seiten, die Breivik selber für die Gerichtsverhandlung herstellt und dann nochmals auf 13 Seiten kürzt, einfach vorliest. Denn diese 13 Seiten sind nicht unser, sondern Breiviks Best-Of, es ist kein dramatischer Text, sondern ein politischer Akt in Reinform. Es ist die Art und Weise, wie Breivik verstanden, wie er zusammen gefasst, wie er gehört sein will. Es ist der Breivik aus erster Hand, und es zeigt ihn als einen ganz rational denkenden Menschen, ohne jede Schizophrenie.

Bossart: Es gibt aber Widersprüche…

Rau: Natürlich. Aber bekanntlich kann man jede politische Haltung aufgrund ihrer inneren Widersprüche dekonstruieren, indem man sie auf ihr imaginäres Kraftfeld hin durchsichtig macht. Das machtvolle, männliche, in sich ruhende Europa, das Breivik „retten“ will, hat nie existiert, und falls doch, so kann man natürlich nur unendlich dankbar sein, dass es im endgültigen Verschwinden begriffen ist. Aber es bleibt unter dem Strich doch der Fakt, dass man seine Rede als politischen Akt ernst nehmen muss, dass die Dinge, die er benennt, real sind, was etwas Traumatisches hat. Natürlich sind seine Voraussagen von einem kommenden europäischen Bürgerkrieg zwischen der islamischen und der christlichen Zivilisation lächerlich. Natürlich lässt sich seine Behauptung, dass der Islam in sich aggressiv ist und unfähig zur friedlichen Koexistenz, problemlos widerlegen. Aber es gibt auch Beispiele, die dafür sprechen, und weil das, was er sagt, weder einer gewissen empirischen Basis noch, was viel entscheidender ist, einer gewaltigen öffentlichen Zustimmung entbehrt, geht seine Rede auch weit über eine nachträgliche Rechtfertigung hinaus. Wie gesagt: Diese Rede ist common sense, sie ist wie Himmlers Posener Rede nicht die Ausnahme, sondern der Ausdruck der „normalen“ Geisteshaltung einer Epoche. Wir lauschen hier einer Rhetorik und einem Argumentarium, mit der zum Beispiel in der Schweiz jedes Jahr Abstimmungen gewonnen werden. Man sollte seinen Wahnsinn deshalb ernst nehmen, so wie man dies meinetwegen auch mit den auf den ersten Blick völlig durchgeknallten Argumenten der RAF oder des „Sendero Luminoso“ getan hat. Die Diskussion, ob er nun zurechnungsfähig ist oder nicht, trägt nichts zum Verständnis seiner politischen Position bei – der „Möglichkeit“ von Breivik.

Bossart: Die Verschiebung von rationalen Motiven und Rechtfertigungen ins Psychopathologische und ins Irrationale ist zumindest seit dem Nationalsozialismus eine übliche Praxis der Abwehr des Bösen. Angesichts des Schreckens der Taten, sei es der Holocaust oder „nur“ die Toten von Oslo und Utoya, ist das letztlich verständlich.

Rau: Die damit verbundene Personalisierung des Bösen verhindert aber die Auseinandersetzung mit der dahinter verborgenen Ideologie. Die Trumpfkarte des Irrationalismus sticht natürlich schneller als die der ernsthaften Auseinandersetzung, die ja deshalb so unangenehm ist, weil sie immer unter der Prämisse stattfinden muss, dass der andere auch recht haben könnte.

Bossart: Gerade dann stellt sich die Frage nach dem Sinn, dem Bösen auf der Bühne Raum zu geben, nochmals anders.

Rau: Ja. Denn „das Böse“ ist nicht dieser Mensch mit seinem Namen, sondern für Breivik gilt in natürlich sehr gesteigertem Masse, was im Prinzip für uns alle gilt: Wir sind Körper, durchströmt von Ideologie. Louis Althusser sagte: „Die Ideologie ruft uns als Individuen an.“ Das bedeutet: Ideologie ist nichts Abstraktes, sie ist immer existenziell, d. h. wir werden erst subjektiviert und zu Menschen durch einen Text, in den wir uns einschreiben, eine Argumentationskette, eine “Meinung” von uns und den anderen. Und obwohl das natürlich albern postmodern klingt und, wie ich ja immer wieder wiederhole, meine ganze Arbeit der Überwindung der Postmoderne gewidmet ist, trifft das einfach zu. Die Struktur ist vorher da, und das Körperliche, das Psychische, das Personale ist nur eine Bedingung dafür, eben Sigmund Freuds Wunderblock, in den sich dies oder das einschreiben und auch wieder ausgelöscht werden kann.

Bossart: Das Gekonnte an „Breiviks Erklärung“ ist nun, dass er sich mühelos in die laufenden Diskurse vom Multikulturalismus bis zur Frage des Ausnahmerechts einschreibt.

Rau: Genau. Breivik generiert sich in seiner Erklärung als der Souverän, der das Recht über Leben und Tod an sich reisst, Breivik ist der „gute“ Wolf, der grausam sein muss, um die Gefahr des Kriegs aller gegen alle, des europäischen Bürgerkriegs zu bannen. Wenn man mit Chantal Mouffe und anderen Demokratietheoretikern der Meinung ist, dass das Aufbrechen eines Grundwiderspruchs, der die Gesellschaft gegensätzlicher zeigt als sie bisher wahrgenommen wurde, ein politisches Ereignis ist, dann ist diese „Erklärung“ ein solches. Denn hier wird völlig deutlich, wie gefährdet, brüchig und letztlich arbiträr der herrschende Humanismus ist. Man ist als Zuhörer vor die Frage gestellt, wie man ihn wieder in einen starken Kampfbegriff verwandeln kann.

Bossart: Könnte nicht ein weiterer Einwand gegen Ihre Inszenierung darin bestehen, dass durch die Rede, gerade weil sie so rational ist, eine Art Nähe zum Menschen Breivik hergestellt wird?

Rau: Breivik als Person ist absolut uninteressant. Auch Himmler war menschlich uninteressant, die meisten Extremisten sind Langweiler, eben leere Tafeln, in die sich etwas einschreibt. Es wäre deshalb ein künstlerisch und intellektuell völlig kindisches Unterfangen, sie irgendwie neurotisch zu drapieren und interessant machen zu wollen. Ich aktualisiere in „Breiviks Erklärung“ keine Gestik, keine Mimik, keine Psyche und keinen Menschen – sondern einen politischen Text. Aus meiner Inszenierung wird nichts klar über Breivik als Mann oder Sohn oder Leser von Ritterromanen, also über seine privaten oder biographischen Motive, aber sehr vieles über Konstruktionen, über Rationalisierungen, auch über Hoffnungen. Breivik lobt die österreichische FPÖ und die Schweizer SVP, er spricht über das Diktat der Gutmenschen und benützt dieselben Worte wie zum Beispiel Umberto Bossi in Italien. Er sieht sich als Teil einer grossen kommenden Bewegung – und was seine Argumentation betrifft, so ist er es ja längst. Die Ideen der sogenannten “Neuen Rechten” der 90er Jahre sind heute Allgemeingut.

Bossart: Das stimmt. Gerade Breiviks Vorstellung einer elitären linksliberalen Meinungshegemonie, die die Anliegen der Bevölkerung nicht ernst nimmt, ist ja sehr verbreitet. Die Schweizer „Weltwoche“ operiert seit Jahren damit – obwohl man zum Beispiel an der Ausländerpolitik zeigen kann, wie stark die Forderungen der extremen Rechten die offizielle Regierungspolitik in Ländern wie Italien, Frankreich oder der Schweiz ganz real und letztlich hegemonial beeinflusst haben.

Rau: Ja, und trotzdem stimmt Breiviks Argument: Die linksliberale Meinungshegemonie ist eine Tatsache, und Breivik zeigt das völlig überzeugend an einigen Beispielen. Es stimmt, dass in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbruchszeit bestimmte Fakten ausgeblendet oder konsequent positiv beleuchtet werden, aus sozialpsychologischen und auch aus wirtschaftlichen Gründen, v. a. aber natürlich wegen rhetorischer Tabus, die direkt auf den Holocaust zurück gehen. Dass 2040 der letzte „echte“ Norweger verschwunden sein wird, wie Breivik es vorrechnet, ist eine völlig abstrakte Vorstellung, denn solange man die Norweger nicht als Hunderasse betrachtet, die irgendwie „rein“ bleiben muss, ist das einfach irrelevant. Trotzdem ist dem eben so, es ist ein Fakt. Nun hat man sich bekanntlich nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieg und endgültig seit ’68 dafür entscheiden, diese gewaltige gesellschaftliche und ökonomische Dynamik Westeuropas als Freiheitsversprechen zu sehen und nicht als kulturellen, schon gar nicht ethnischen Zerfall. Breivik beleuchtet das alles von der negativst denkbaren Seite, und trotzdem ist er in seinen intellektuellen Schlussfolgerungen weniger extrem als der durchschnittliche Rechtsnationalist. Er will diese Leute, diese Ausländer, den Islam einfach nicht in seinem christlichen Norwegen, ist aber weit davon entfernt, ihm etwa eine Senkung des allgemeinen IQ vorzuwerfen. Und auch wenn in seinem idealen Norwegen der asexuellen, autistischen Tempelritter wohl kaum jemand tatsächlich leben wollte (oder nur könnte), der Wunsch danach ist eine politische Kraft.

Bossart: So wäre Breiviks Rede oder Breivik als Figur auch die Repräsentation des medial Verdrängten?

Rau:  Ja, und zwar in seiner brutalstmöglichen Variante. Nehmen wir die Indianer Nordamerikas, mit deren Verteidigungskampf sich Breivik identifiziert und sich damit einschreibt in eine eigentlich ja „linke“ Erzählung der Unterdrückung und Benachteiligung der sogenannt Indigenen. Warum sollte sich der Ureuropäer nicht wehren dürfen gegen die Einwanderer und den Ausverkauf der Nationen in der EU, so wie sich der Indio und der Indianer gewehrt hat gegen die Conquistadoren und die nordamerikanischen Siedlerströme?

Bossart: Dieses Indianerthema scheint mir in Breiviks Welt zentral zu sein. Nun kann man natürlich einwenden, dass der Vergleich lächerlich ist, dass die Europäer alle Hebel der Macht in Händen haben, um den gesellschaftlichen Umbruch zu ihren Gunsten zu gestalten. Bezieht man aber die Tatsache mit ein, dass vor allem das untere Kleinbürgertum nationalkonservative bis rechtsradikale Ideen teilt, dann bekommt das Ganze schnell eine ökonomische Seite: Den Indianern wurde zuerst die ökonomischen Grundlage entzogen und erst danach entdeckten sie und ihre Sympathisanten die „indianische Nation“ und ihre gefährdete Kultur. Ein interessantes Detail ist in diesem Zusammenhang auch die tiefere Wahrheit von Breiviks ständiger Beschimpfung des „Kulturmarxismus“.  Denn was er als Meinungshegemonie brandmarkt, ist ja nichts anderes als die Tatsache der Niederlage des real existierenden Marxismus. Angetreten, die Ökonomie zu verwandeln, konnte die marxistische Linke überall da, wo sie an der Macht war, meist nur im kulturellen und gesellschaftlichen Bereich Akzente setzen…

Rau: Genau, Breivik verkennt die realen Verhältnisse in extremster Weise. Seine Tat ist – und das ist natürlich eine Binsenweisheit, die aber trotzdem stimmt – seine Tat ist auch ein Symptom für eine realpolitische Ohnmachtsposition.

Bossart: Im Sinn von Roger Köppels These in der „Weltwoche“, der gleich nach dem Attentat schrieb, dass die Schweiz Ventile wie die Minarettinitiative habe und deshalb keine Breiviks?

Rau: Das ist Unsinn, Breivik hätte sich nie mit Unterschriftensammeln begnügt. Es besteht ein grundsätzlicher, qualitativer Unterschied zwischen politischer Arbeit und Mord. Mit Ohnmacht meine ich, dass seine Tat völlig ohne den Kontext einer militanten Bewegung, eines beginnenden Bürgerkriegs da steht, also schlicht genauso lächerlich und im falschen Moment passiert wie Hitlers Pseudo-Putsch 1923. Der Moment ist eben nicht da, vielleicht noch nicht, vielleicht auch nie, und wenn Breivik nun von gewaltigen neuen Taten und Unmengen von Nachahmungstätern phantasiert, dann liegt er schlicht und einfach falsch. Denn was Breivik nicht sehen will und kann, ist, dass es nicht nur einen pragmatischen Multikulturalismus gibt, sondern auch einen pragmatischen Rechtspopulismus. Die Minarettinitiative ist nicht, wie Breivik oder die „Weltwoche“ in schönster Übereinstimmung meinen, eine Art Meinungs-Attentat – sie ist nur eine besonders wahnwitzige und abstossende Form von Realpolitik. In gewisser Weise hat Breivik handelnd verpasst, was er in seiner Rede so gekonnt durchführt, nämlich mit den herrschenden Kräften zu schwimmen, in schönster Vermischung von linken und rechten idées fixes. Ja, Anders B. Breivik ist ein guter Redner, aber ein schlechter Handelnder. Sein Attentat ist ein acte gratuit, ist die reine Gemeinheit und Brutalität, und es ist unmöglich, Breiviks Hiroshima-Vergleichen des „kleineren Übels“ zu folgen: lieber 70 tote Kinder als kein Norwegen mehr. Bazon Brock, den ich in der Planungsphase der „Erklärung“ gefragt habe, ob er diesen Attentäter spielen will (natürlich hat er abgelehnt), Bazon Brock also hat mir völlig zu Recht gesagt, dass dieser Breivik, wäre er Pragmatiker und hätte wirklich etwas bewirken wollen, sich nicht als Tempelritter, sondern als Islamist hätte ausgeben müssen.

Bossart: Die ersten Nachrichten, die vom Attentat an die Öffentlichkeit drangen, vermuteten tatsächlich diesen Hintergrund…

Rau: Weil Breiviks Tat die Struktur eines islamistischen Attentats perfekt imitiert. Dies ist das Tragische, oder, nein, das Melodramatische an diesem Menschen: dass die einzige Bewegung, in die er sich hätte einschreiben können, seine erklärte Feindin ist. Immer wenn es in „Breiviks Erklärung“ um die Beschreibung des reinen, des puren, des heiligen und ewigen Norwegertums geht, beginnt er mehr oder weniger übergangslos vom Islam zu sprechen. Natürlich seinem own private Islam, so wie er ihn sich ausmalt: Der Islam hat einen Plan und zeugt viele Kinder, die Islamisten sind die kühlsten Intellektuellen und die härtesten Tatmenschen, klar im Kopf und grausam in der Wahl ihrer Mittel. Ungefähr so, wie Himmler sich selbst und die SS gesehen hat. Ja, im Grunde würde Breivik gerne zum Islam gehören, und er erinnert mich in seiner Körpersprache an eine Figur aus einem meiner früheren Stücke – an Georges Ruggiu, den belgischen Hassprediger des ruandischen Völkermordradios RTLM. Ruggiu ist im Gefängnis zum Islam übergetreten. Er hat sich ein Bärtchen wachsen lassen, ein Kufi-Hütchen aufgesetzt, den Koran auswendig gelernt und sich Omar genannt. Warten wir ab, vielleicht wird das auch Breivik tun – auch wenn seine Version des “Islam” genauso wenig mit dem realen Islam zu tun haben wird wie sein “Norwegen” oder sein “Europa” mit einer auch nur andeutungsweise realistischen Einschätzung der Tatsachen. Denn wie es einer meiner Gesprächspartner beim diesjährigen Festival d’Avignon formuliert hat: Breivik ist sicher nicht dumm. Aber er ist auch sicher nicht ganz so “offenkundig intelligent”, wie ihn Roger Köppel in der “Weltwoche” beschrieben hat und wie er selber glaubt.

BREIVIKS ERKLÄRUNG. 19. Oktober 2012, DNT Weimar, 19.30 Uhr. 27. Oktober 2012, 20.30 Uhr, TD Berlin.

Am 17. April 2012 hält der Terrorist Anders B. Breivik vor dem Osloer Amtsgericht eine Rede. Der 77fache Mörder erläutert seine Taten, bekundet seine Verbundenheit zu Al Quaida, zum schweizerischen Minarettverbot und zur deutschen NSU und skizziert seine Theorie des Untergangs Europas durch Einwanderung und Multikulturalismus. Die Aussagen wurden nicht im Fernsehen übertragen und für die Öffentlichkeit gesperrt. Als Anders B. Breivik spricht Sascha Ö. Soydan.

Mit Sascha Ö. Soydan Konzept und Regie Milo Rau Recherche Tobias Rentzsch Ausstattung Anton Lukas Video Markus Tomsche Ton Jens Baudisch

 

 

 

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3 Kommentare zu “Bossart/Rau: Das offene Geheimnis. Breivik auf der Bühne”


  1. Lauretta

    Breiviks Tun ist leider nicht durch Haft erklärt und beendet, weil es in den Köpfen ist und es ist gut, wenn Theater und Co. das noch mal wieder und wieder thematisieren.



  2. F. Burren

    Ein überaus billiger Versuch ins Rampenlicht zu gelangen Herr Rau, mit dem traurigen Nebeneffekt, dem zweifellos gesitig gestörten Breivik genau die Aufmeksamkeit zukommen zu lassen, welche er nicht verdient. Schade, dass Sie Ihre Eigeninteressen über moralische Bedenken stellen, welche aus meiner Sicht zu Recht dazu führten, dass Breiviks Ausführungen nicht veröffentlicht wurden…



  3. Toni Stadelmann

    Erstens hat es Herr Rau nicht nötig, billig ans Rampenlicht
    zu gelangen, zweitens ist Breivik nicht geistesgestört (5:1 Urteil des Gerichts!) und drittens interessiert mich und viele Zeitgenossen die geschichtspolitische Aufarbeitung der Ideen Breiviks (neue Rechte). Ich jedenfalls bin in Weimar dabei! Herr Burren, Sie können zu Hause bleiben und am Fernsehen den Tatort sehen … Grüsse aus Zürich.



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