Die Befreiung


1. September 2008, 14:02 Uhr

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“Alle Vorkehrungen gegen Diebe waren getroffen worden” – Mexico City 

Einem Mann aus meiner Bekanntschaft widerfuhr in einer südamerikanischen Grossstadt Ende der 90er Jahre Folgendes: Er schloss sich gemeinsam mit einer von ihm heimlich geliebten Frau in ein Hotelzimmer ein, wo sich beide im gleichen Bett, aber geschwisterlich und voll angekleidet zur Ruhe legten. Das Zimmer lag im zehnten Stockwerk eines Hochhauses. Alle Vorkehrungen gegen mögliche Diebe waren getroffen worden, mein Bekannter hatte sogar, wie er später erzählte, einen Stuhl unter die Türfalle geschoben.

Wie die Königsgeschwister legten mein Bekannter und diese Frau sich also zur Ruhe, aber als sie am nächsten Tag gegen Mittag erwachten, waren sie nackt, war ihr Zimmer völlig zerstört, schmerzte ihr Kopf wie nach einer durchzechten Nacht. Ihre Uhren, ihr Geld, sogar ihre Kleider, alles war wie durch Zauberhand verschwunden. Gleichsam auf den Kopf geschlagen habe er sich gefühlt, erzählte mir mein Bekannter. „Die Diebe“, erläuterte er, „müssen ein Schlafgas in unser Zimmer geleitet haben, welches umso verheerender wirkte, da die Fenster aus Sicherheitsgründen bloss angekippt waren. Erst als wir dann ohnmächtig waren, haben diese Menschen die Fenster ganz geöffnet und sind eingestiegen.“

Aber das sei eigentlich noch nicht das Wunderbare an seinem Erlebnis. „Denn um überhaupt erst bis vor unser Fenster zu gelangen, müssen die Diebe wie die Affen an der Fassade hoch geklettert sein, über zwanzig Meter senkrecht in die Höhe, ohne jede Hilfe und ohne jeden Vorsprung. Kann man sich einen derart lebensgefährlichen Aufwand überhaupt vorstellen, für zwei Uhren und ein paar Kleider?” Noch heute verspüre er  eine Art Schauder, wenn er an dieses sinnlose Wagnis denke.

Was er aber empfunden habe, als er nackt neben dieser Frau, die er doch heimlich liebte, aufgewacht sei, fragte ich ihn schliesslich. “Ach”, antwortete mein Bekannter nach kurzem Nachdenken, es sei an dem besagten Morgen eher etwas Trennendes zwischen sie gekommen, sogar etwas uneingestanden Vorwurfsvolles, das sich später nie mehr ganz verzogen habe. Nach diesem nächtlichen Überfall sei es mit aller Verliebtheit seinerseits vorbei gewesen, was er im Übrigen als Befreiung empfunden habe.

“Die Befreiung” ist ein Auszug aus “Tausend Tage”, einem Notiz- und Schreibbuch, das genau tausend Tage umfasst.

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