Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/w009437f/wp-content/plugins/wpseo/wpseo.php on line 12

Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden (Teil I: Politik)


25. Juli 2012, 10:09 Uhr

Im Sommer 1997 reiste ich zwei Monate lang durch die von der EZLN – Ejército Zapatista de Liberación Nacional besetzten Gebiete Südmexikos und sprach dort mit Bauern, Studenten, Rebellen und Soldaten. Eines Nachts brachte uns ein Junge zu Comandante Tacho, einem der Anführer der Zapatisten. Der Comandante sass auf einem kleinen Regiestühlchen in einer Waldlichtung, und wie er so da sass, hätte man ihn für ein ziemlich smoothes Reenactment von VALIE EXPORTs Performance Aktionshose. Genitalpanik halten können: Die Beine nicht breiter geöffnet als nötig, das Maschinengewehr schräg über die Knie gelegt, das Gesicht unter einer pasamontana versteckt und den Kopf leicht vorgeneigt, sagte er mir zur Begrüssung: „Du siehst, die Revolution hat tatsächlich stattgefunden.“ Dann sprachen wir drei Stunden lang über Selbstverwaltung, über medizinische Versorgung, über Kaffeepreise und das Alkoholverbot in den autonomen Gebieten. Plötzlich entschuldigte sich Tacho: Er müsse jetzt los, er würde sonst die Ergebnisse der nordamerikanischen Baseballliga im Radio verpassen. Leicht hinkend verschwand er im lakandonischen Urwald.

Auf dieser Reise las ich – wie damals jeder 20jährige, der sich in irgendeiner Weise als „Linker“ verstand – die Schriften des Subcomandante Marcos, einem (wie die mexikanische Regierung verbreitete) marxistischen Philosophieprofessor, der in den 80ern in die Wälder Südmexikos abgetaucht war. Eine eher irreführende Information: Denn der EZLN trug zwar den roten Stern im Banner, doch von professoralem Marxismus war in Marcos’ Schriften wenig zu spüren. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Untergang des Ostblocks, als niemand mehr bereit war, das Proletariat oder sonst eine Klasse zu spielen, riefen die Zapatisten das basisdemokratische Do-it-yourself aus und ernannten sich selbst zur Elite eines universalen Kampfes gegen die Auswüchse des Kapitalismus – universal gerade wegen der Partikularität, wegen ihrem „Hier stehen wir, wir können nicht anders“.

Was mich am meisten beeindruckte, war die Paarung aus lokaler Realpolitik und medial verstärkter Weltumarmung: das untrügliche Gespür der Zapatisten für Ort, Zeitpunkt und Rhetorik einer gelingenden politischen Intervention. Die militärische Erhebung des EZLN fand am Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens statt, die „intergalaktischen“ Kongresse im Urwald waren immer und vor allem auch eine gute Show. Und die marchas auf Mexico City in den folgenden Jahren weckten nicht nur die mexikanische Zivilgesellschaft aus ihrer neoliberalen Mittagsschläfchen, sondern zitierten in sehr vieldeutiger Weise die grossen Märsche der Geschichte: von den Märschen der römischen Feldherren auf Rom bis hin zu Martin Luther Kings Marsch auf Washington. Einige Kommentatoren bezeichneten das als „postmodern“, doch es war letztlich gerade die Authentizitätssehnsucht postmoderner Minoritätenpolitik, die besonders hart rangenommen wurde. Ein Interview über indigene Schulbildung abzubrechen, weil man die Ergebnisse der amerikanischen Baseballiga nicht verpassen will, das war ein ironischer Schlag ins Gesicht einer puristischen Identitätspolitik, die die „stillen Indianer“[1] gern zu edlen Wilden stilisiert hätte.

Kurzum: Die Vermischung politischer und ästhetischer Positionen war es, was die Zapatisten derart unwiderstehlich machte. Doch nicht nur, dass nie ganz klar war, ob eine Handlungsanweisung ernst oder metaphorisch gemeint war und dass sich diese „Indianer“ herausnahmen, bei aller realpolitischen Straightness völlig selbstironisch zu sein in ihren Äusserungen. Hier wurde eine revolutionäre Rhetorik  geboren, die sich nicht scheute, „Wir“ zu sagen, ohne sich dabei in philosophischen Abstraktionen oder minoritären Abgrenzungsorgien zu verirren: Die zapatistische Fundamentalkritik zerstörte nicht irgendwelche ‘grossen Erzählungen’, sondern etablierte ihre eigenen. Hatte Aktivismus seit dem Scheitern der Studentenbewegungen nicht viel mehr als das Hinzufügen einer weiteren Solo-Stimme im Soundtrack spätkapitalistischer Subjektivierungen bedeutet – hier der prekäre Kulturarbeiter, dort die Gender-Aktivistin und irgendwann eben auch noch der „stille Indianer“ -, so ging es den Zapatisten wieder ums Ganze: um die verschütteten Traditionen der Mayas gleichermassen wie um  Solidaritäts-Experimente auf internationalem Niveau. Was sie anboten, war eine messianische Geschichtsschreibung, die sie in doppelter Richtung entfalteten: nach rückwärts als Wieder-Holung einer geschichtlichen Situation, nämlich der mexikanischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihrer betrogenen sozialen Versprechungen[2]; und um Geschichtsschreibung nach vorwärts als Inszenierung des Geschichte-Machens selbst: das dem Faktischen entgegen geschleuderte „Ya basta“, die Eröffnung eines alternativen und sehr realen gesellschaftlichen Handlungsraums.

So war der zapatistische Aufstand eine gross angelegte Demonstration für einen an der guten alten Avantgarde-Forderung nach der Verschmelzung von Kunst und Leben, Symbolpolitik und Alltag orientierten utopischem Aktivismus – immerhin sehe ich das so. Revolutionär zu sein, politische Kunst (oder künstlerische Politik) zu machen, heisst seither nicht mehr, eine abstrakte Vision einer „besseren Gesellschaft“ zu haben und diese – im Idealfall – durchzusetzen wie zu Zeiten Lenins und Majakowskis. Es heisst auch nicht, die gegebenen schlechten Zustände sich analytisch oder performativ gemäss der eigenen individuellen Position anzueignen wie zu Zeiten VALIE EXPORTs. Nein, politische Kunst heute ist die Synthese aus diesen beiden Bewegungen und bedeutet schlicht und einfach die konsequente Entfaltung dessen, was ist und damit dessen, was sein könnte. Es geht um die Offenlegung der revolutionären Qualität, des utopischen Als-Ob der Gegenwart, der in ihr angelegten, tiefgekühlten Handlungsoptionen. Dazu zwei Beispiele, oder eher: Ereignisse aus meiner eigenen Arbeit.

Der Essay “Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden” (Teil I und II) erschien zuerst im Band “Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen”(Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein 2012). Hier geht es zu Teil II.


[1] Carlos Widmann: „Die Mayas spielen Zoro“, in: „Der Spiegel“ 7/1995, Ausgabe vom 13. Februar 1995, S. 148.

[2] Deshalb auch die Benennung der Bewegung nach einem der Helden der mexikanischen Revolution: Emiliano Zapata. Übrigens hiess zum Zeitpunkt des Ausbruchs des zapatistischen Aufstands die Regierungspartei Mexikos „Partido Revolucionario Institucional“ (Partei der institutionalisiserten Revolution) – eine fast surrealistische Ironie der Geschichte.

 

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg
Chronik | RSS 2.0 | Kommentar schreiben | Trackback

vistit IIPM

Hinterlasse eine Antwort



projekte

iipm channel