Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden (Teil II: Kunst)


25. Juli 2012, 10:17 Uhr

Als ich, genau 20 Jahre nach der „realen“ Aburteilung und Erschiessung des Ehepaars Ceausescu, im Dezember 2009 die Gerichtsverhandlun gegen die Ceausescus auf der Bühne des Bukarester Odeon-Theaters wiederholen liess (Die letzten Tage der Ceausescus, 2009/10), also nichts anderes tat, als diese düstere Urszene der rumänischen Nachwendegesellschaft in voller Länge und mit allen recherchierbaren Einzelheiten zu zeigen, war die Reaktion im Vorfeld eher verhalten. „Warum tust Du das?“, fragte mich Gelu Voican-Voiculescu, der den Schauprozess 1989 organisiert hatte und heute das Institut für Revolutionssstudien leitet. „Das ist doch alles schon bekannt.“

Umso erstaunlicher war die Wirkung des Reenactments: Ausgehend von einem Prozess, den der Sohn Ceausescus gegen die Inszenierung gleich am Tag nach der Uraufführung anstrengte (und im Juli 2011 endgültig verlor), fand in Rumänien eine breite Re-Vision der Revolution statt. Als wäre in der  theatralen Wiederholung dieses Gründungsakts der rumänischen Demokratie überhaupt erst völlig bewusst geworden, welche Möglichkeit 1989 gegeben und genauso schnell vergeben war – nämlich die durch die Machtübernahme der ehemaligen mittleren Kader der kommunistischen Partei konterkarierte Chance eines demokratischen Rumäniens -, wurde die Revolution nun im Gerichtssaal und in den Medien gleichsam ein zweites Mal durchgespielt, aber unter aktuellen Gegebenheiten. Die für den rumänischen Nachwende-Kapitalismus symbolische Anklagebegründung (Ceausescus Sohn hatte sich den Namen „Ceausescu“ patentieren lassen) führte zu einer so breiten Front gegen die Diskursherrschaft der alten Kader, dass nicht nur der Prozess selbst gewonnen werden konnte, sondern schliesslich sogar die Revolutionsarchive geöffnet werden mussten. Aus den zersplitterten Interessen einer atomisierten Gesellschaft war, immerhin für einen kurzen Moment, ein „Wir“, eine politische Forderung geworden.

Während ich von der Wirkung des Bukarester Reenactments völlig überrascht wurde, war eines meiner darauf folgenden Projekte – City of Change, 2011 – von Anfang an als politische Intervention angelegt und fokussierte den basalsten Mythos der Schweiz, den der ‘direkten Demokratie’. Auslöser war auch diesmal ein quasi-juristischer Vorgang: Eine gemeinsam mit einem Schweizer Theater geplante theatrale Ausstellung über einen in der Schweizer Interkulturdebatte sprichwörtlich gewordenen Mordfall führte kurz nach der Vorankündigung des Spielplans zu einem nationalen Medienskandal und wurde schliesslich per Parlamentseingabe verboten. Die Begründung des Verbots (die Thematik sei zu privat und überhaupt sei die Aufarbeitung von Mordfällen Aufgabe der Polizei, nicht der Kunst) zeigte eine für eine postmoderne Mediendemokratie sehr typische Verschränkung von polizeilichen mit emotional-individuellen Kriterien.

Die Fragen, auf die wir zu antworten versuchten, waren deshalb folgende: Wie kann ein öffentlicher Raum geschaffen werden, in dem tatsächlich alle Stimmen zu Wort kommen? Wie kann der Mythos einer weder auf Kultur noch auf Abstammung, sondern auf der volonté générale der gesamten Wohnbevölkerung gegründeten Willensnation (so der sicherlich naive, aber auch sehr positive Terminus aus der Helvetischen Revolution von 1848, die den modernen Schweizer Bundesstaat hervorbrachte) realisiert werden? Ähnlich wie in Rumänien entschieden wir uns  in der Umsetzung für eine Re-Inszenierung, eine soziale Grossplastik mit verdrehter Zeitachse: Wir riefen die Ostschweizer Stadt St. Gallen, in der der Skandal seinen Anfang genommen hatte, zur „City of Change“ aus, zur „ersten befreiten Stadt im Sinn der französischen Revolution“[1]. Wir gründeten eine politische Bewegung, schafften die Kantonsflagge (ein Rutenbündel) ab, starteten eine Petitionskampagne zur Einführung des Ausländerstimmrechts und wählten per Losverfahren eine Regierung, die sich fortan in Fernsehsendungen, Manifesten, Happenings und in drei gross angelegten „Demokratiekonferenzen“ an die Bevölkerung wandte. Ähnlich wie die Zapatisten auf den Mythos Zapatas, so stützten wir uns dabei auf die klassischen direktdemokratischen Mythen der Schweiz, d. h. wir dekonstruierten die Schweiz und ihre Mythologie nicht (wie es die intellektuelle Generation vor uns getan hätte), sondern nahmen sie beim Wort. Wir wiederholten sie, holten sie uns wieder und führten ihre Symbole in den Blutkreislauf einer Schweiz ein, die zu knapp 30 Prozent aus „Ausländern“[2] besteht.

Interessanterweise kam die Kritik an der „City of Change“ nicht nur von den populistischen Mitte-Rechts-Parteien. Nein, die vehementeste Kritik kam von der intellektuellen Linken. Einerseits, wie leicht zu erwarten, zielte diese Kritik auf die affirmative und völlig unkritische  Geste ab, mit der wir zu nationalistischen Symbolen gewordene Mythen wie den Rütlischwur für unser Interkulturprojekt verwendeten und den (in nationalen Kreisen äusserst beliebten) Superlativ von der „ältesten Demokratie der Welt“ aufnahmen, kurz: die ganze Rhetorik der liberalen Revolution von 1848 in die heutige Schweiz verpflanzten und sie zudem, um ihre jahrzehntelange Veruntreuung mitsprechen zu lassen, überzeichneten, etwa indem wir einige unserer Pamphlete unter dem Titel „Schweiz erwache!“ und in Fraktur veröffentlichten. „Als kritische Historiker versuchen wir seit vierzig Jahren, diese Bilder zu zerstören“, so ein Historiker und Parlamentarier der Sozialdemokraten[3], „und die ‘City of Change’ braucht sie jetzt zum Spass wieder. Das finde ich gefährlich, das finde ich sehr gefährlich.“

Diese klassisch dekonstruktivistische Kritik verband sich mit einer anderen, nennen wir sie die authentizistische: Bemängelt wurde die Tatsache, dass ein guter Teil des Projektteams nicht aus Ausländern bestand – und dass die beteiligten Ausländer sich zudem völlig verbohrt als „Schweizer“ verstanden (so wie die „stillen Indianer“ des EZLN sich in erster Linie als mexikanische citoyens verstanden). Gemäss der bekannten postmodernen Diskurs-Regel, die sich Aufklärung nur als authentische Wortmeldung eines partikularen Standpunkts vorstellen kann und damit den politischen Raum – dies die Begleiterscheinung – in Ego-Befindlichkeiten zerteilt, war diese Behauptung eines undifferenzierten „Wir“, eben der „Schweiz“ der verbotenste Apfel überhaupt. Der übertriebene Nationalismus, die Pamphlete, Fahnenhissungen und Ansprachen, all dies schmeckte den Schweizer Sozialdemokraten so wenig wie die Uniformen, Patronengurte und intergalaktischen Kongresse der Zapatisten den Salonsozialisten des „Partido Institucional Revolucionar“.

Worauf will ich hinaus? Ich denke, dass die Zeit, in der der revolutionäre Gestus automatisch mit dem Gestus der Kritik und damit der Verfremdung oder Differenz in eins fiel, vorbei ist. Es mag nicht sonderlich einfallsreich sein, an Antonio Gramscis Hegemonietheorie zu erinnern, doch muss die Dekonstruktion eines „Sie“ heute immer auch mit der Konstruktion eines „Wir“ einhergehen, der Konstruktion eines lokalen gesellschaftlichen Raums mit realpolitischen Forderungen. „Ich mag weder die, die sagen, sie gehörten keiner Schule oder Partei an, noch habe ich je Spass daran gehabt, in der Terminologie einer Schule oder Partei zu denken“, schreibt Diederich Diederichsen im 2002 verfassten Nachwort zu „Sexbeat“[4], und genau darum geht es: Sich der Macht und ihrer selbstgerechten Bilder nicht nur zu verweigern, sondern sie gleichsam durchs Feuer des Realen gehen zu lassen und dadurch für eine neue Gesellschaft zu synthetisieren. Oder wie es Robert Pfaller anlässlich einer der „Demokratiekonferenzen“ ausdrückte:

„Es ist eine Art Kinderkrankheit der Linken, dass sie glaubt, die Zerstörung älterer Referenzpunkte wäre ausreichende Arbeit. Überhaupt war es ein schwerer Fehler, jemals die Dekonstruktion ins Repertoire linker Denkmuster mit aufzunehmen – als könnte ein so harmloser Zeitvertreib wie die Dekonstruktion irgendwas Revolutionäres an sich haben. Die Dekonstruktion ist wie eine schwache Fussballmannschaft, die immer auf Unentschieden spielt. So kann man nicht gewinnen. Die Linke muss wieder den Mut haben, „Wir“ zu sagen.“

Der Essay “Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden” (Teil I und II) erschien zuerst im Band “Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen” (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein 2012). Hier geht es zu Teil 1. Und hier zu einer Kritik von Ausstellung und Essay.


[1] Pressemappe „City of Change“, zit. nach: www.city-of-change.ch

[2] Natürlich ist der reale Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung in der Schweiz bedeutend höher. Diese 30 Prozent (je nach Gemeinde sind es über 50 Prozent) berechnen sich allein aus den Menschen, die in der Schweiz festen Wohnsitz haben, Steuern zahlen, aber über keine politischen Rechte verfügen und kein Bürgerrecht haben – dies oft in der zweiten Generation, weshalb sich die neu gegründete Ausländerpartei „Second@s-Plus“ nannte. Insofern ist der Begriff „Ausländer“ natürlich absurd, aber der in der Schweiz übliche.

[3] Hans Fässler, anlässlich der dritten „Demokratiekonferenz“ im Rahmen der „City of Change“ am 2. Juni 2011.

[4] Diedrich Diederichsen: Sexbeat, Köln 2002 (Kiepenheuer & Witsch), S. 179.

 

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Ein Kommentar zu “Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden (Teil II: Kunst)”


  1. Neo-Bolschewik

    Eine Kritik dieses Essays findet sich hier:

    https://shiftingreality.wordpress.com/2012/03/30/demonstrationen-2/



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