Die Sanftmut des Franz Biberkopf


28. Dezember 2007, 23:52 Uhr

Spielplan Deutschland im Theaterdiscounter, Berlin. Das meistgespielte Stück in Deutschland: Gott des Gemetzels von Yasmina Reza. Gleich darauf Arsen und Spitzenhäubchen, irgendwo dahinter Lutz Hübner, Goethe, dann Musicals, die Comedian Harmonists… Einige Schauspieler nutzen jede Gelegenheit, in den oberen Brustkorb zu atmen, mit aufgerissenen Augen ins Unendliche zu gucken, den Kopf etwas vorzustrecken, getragen zu sprechen, ganz bereit, an ihre Workshop-Ergriffenheit zu glauben, an ihre billige Ironie, diesen Denkersatz, den irgendwelche Dozenten ihnen vorgemacht haben. Als wäre ein Gefühl oder ein Gedanke eine Art Tonlage, die man halt besser oder schlechter trifft. Wem machen sie was vor? So ist das deutsche Theater.

Aber Liliom, was ist das für ein Stück! Mit jedem Satz blickt man direkt ins Zentrum der Figuren, als kämen diese, mit jedem einzelnen Satz, von aussen in die Schauspieler hinein, als würden die Schauspieler ihre Figuren, redend, inhalieren, selber ein bisschen erstaunt…

Der schönste Moment: Als Heiko Senst als Franz Biberkopf auf die Vorderbühne tritt, den einen, den verlorenen Arm in die Hosentasche gesteckt. Nachdenklich, aber ohne Gedanken. (“In Gedanken” bedeutet ja eigentlich: “ohne Gedanken”.) Um ihn herum: das Proletariat. Die Weltwirtschaftskrise. Dieses Berlin, das nicht bereit ist, irgendeine Schwäche zu verzeihen. “Ich bin kein Mann mehr”, sagt Franz Biberkopf, mit unendlicher Sanftmut. Ja, ich glaube, er sagt das ohne Bestürzung. Erlöst, fast mit einer Begeisterung…

Wenn ein wirklich guter Schauspieler vor einem steht, dann ist es wieder so märchenhaft wie als Kind – man muss schweigen und zuhören. Natürlich kann das sonst keine Kunst.

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