Die Wahrheit ist bestürzend schön


18. Februar 2008, 20:00 Uhr

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“Das Herz wird natürlich mitgewaschen…” – Szene aus La Voie Lactée

“Schreiben heisst sein Herz waschen”, hat Thomas Mann einmal gesagt, aber ich glaube, er hat damit gemeint: “Schreiben heisst sein Hirn waschen.” Das Herz wird natürlich mitgewaschen, so wie man, wenn man einen Mantel ins Wasser wirft, automatisch auch das Futter nass macht. Kunst ist in erster Linie eine geistige Erlebnisform. Das beste an einem Gedicht, einem Film, einem Theaterstück oder einer Reportage ist weder ihr Inhalt noch die Intensität, mit der man die emotionale oder physische Anwesenheit des Autors oder seiner Figuren empfindet (obwohl das natürlich sehr wichtig ist). Der sogenannte “Stil” wiederum ist ganz und gar unwichtig, und es ist gerade dieser vordergründige, dieser aufdringliche Hang zum Künstlerischen, zum Symbolischen, zum Stilisierten, zu diesen ganzen expressiven Oberflächlichkeiten – Knappheit, Kleinschreibung, Zeilenkürze, Empfindsamkeit, Sarkasmus, poetische Abschweifungen – es ist dieser Hang zum Kunsthandwerk, der neue deutsche Theaterstücke so viel schlechter macht als Drehbücher oder nur irgendwelche hingeworfene Produktionsnotizen.

Als ich letzthin ein Drehbuch zu einem Tatort-Film las, in dem die Sprache der Leute unumwunden wie in einem Hauptmann- oder Gorkistück abgebildet war, war ich verwundert, wie berührend, wie befreiend nach wie vor der reinste und platteste Realismus ist. Kunst schadet der Kunst, so wie die akademische Theorie der praktischen nur in den seltensten Fällen etwas nützt. Wer “Kunst machen” will, der verhält sich wie ein Phlegmatiker, der “arbeiten” will: er denkt über Szenen und Zusammenhänge des Arbeitens nach, anstatt sie herzustellen. Neunzig Prozent der heutigen Kunst tut nur dieses, nämlich zu sagen: “Ich bin Kunst” – und die meisten Kunstgattungen haben sich bereits so lange in ihren eigenen Verweiszusammenhängen aufgehalten, haben sich einen derartig gewaltigen Apparat an Musterschülern, Kritikern, Beobachtern und professionellem Aktionismus geschaffen, dass sich ihr praktisches Sensorium abgestumpft hat. Wirkliche Aktion aber (von billigem Ökonomismus, feuilletonistischem Utopiegeschwätz und irgendwelchen Triebtheorien mal abgesehen) läuft darauf hinaus, zu wissen, zu können, zu tun. Alle andere Aktion, die im Lauf der Institutionengeschichte dazu gekommen ist – Sammeln, Erklären, in Kontexte stellen, Kritisieren -, ist Ersatz, ist soziale Beschäftigungs- und Gesprächstherapie für den ewigen Schüler in uns.

Bedeutsam ist deshalb in der Kunst nur das Hier-und-Jetzt-Moment: Der Wille, einen jeweils aktuellen Denk-, Beobachtungs- oder Aktionsmoment in aller möglichen Klarheit zu beschwören und festzuhalten. Mit Klarheit ist nicht Kürze gemeint, denn kurze Wirklichkeiten gibt es nicht, es gibt nur kurze Sätze, es gibt nur einfache Gesten und minimalistische Installationen. Es geht in der Kunst um ein ganz bestimmtes Glück, um das Glück einer geistigen Form (und ich glaube, es war Pasolini, der in Anlehnung an Kafka gesagt hat: auch der soziale Kampf ist eine geistige Form). Das ist der Grund, warum man, wenn man ein paar Stunden geschrieben oder gearbeitet oder ein wirkliches Gespräch geführt hat, sich im Kopf, in den verschiedenen Willens- und Denkzentren des Hirns so wohl und rein fühlt, als hätte das ICH tatsächlich eine innere Ausdehnung und wäre nicht bloss ein ungenau funktionierendes magnetisches Feld für emotionale und soziale Vorgänge.

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“Und seine Gegner ins Feuer stiess…” – Szene aus La Voie Lactée

Ich glaube, es ist die Suche nach Wahrheit, nach einer logischen Form, nach der Gestalt des Glücks, die uns antreibt. In “Das animalische Leben der Ideen” beschreibt Harold Brodkey, wie er in einem Wald in der Nähe von Rom ein “quadratisches, spiegelndes Bassin” entdeckt: “Dieses Bassin ist von verblüffender Symmetrie – und zwischen den Bäumen auf dem unebenen Gelände spiegelt sich auch der Himmel, den man im Wald nur sporadisch erblickte, in der windgekräuselten, zweidimensionalen Wirklichkeit der Oberfläche des rechtwinklig gerahmten Bassins und bändigt die Komplexität der gewundenen Äste: Die Wahrheit ist bestürzend schön hier am Bassin.”

Ein solches Bassin ist zweifellos jeder Satz, jede dramatische Situation, jede Geste, jede Kameraeinstellung, jeder Akkordsprung – oder kann es sein. Man geht durch einen Wald, und auf einmal ist da “ein Bassin von verblüffender Symmetrie”: Die Kunst bändigt den Sinn, indem sie ihn herstellt. Ich glaube, es gibt viele Gedichte, viele Songs und viele theatrale Lichtstimmungen (um die einfachsten Beispiele zu nennen), bei denen wir fühlen, dass sie richtig sind, und wenn ich zum Beispiel höre, wie Rufus Wainwright in “Going to a Town” singt:

I’m going to a town that as already been burnt down / I’m going to a place that has already been disgraced / I´m gonna see some folks who have already been let down / I’m so tired of America…

dann überkommt mich ein sehr eigenartiges Glück, ein Überhäuftsein mit Bedeutung und Gefühl, ein Zuviel an Sinn, sanft unterströmt und begrenzt von diesem auratischen Abschiednehmen, dieser angedrohten Sinnlosigkeit der Melancholie…

Ein anderer Mann, der in den letzten Tagen so etwas wie gefühlte Symmetrie hergestellt hat in meinem Leben, ist Jean-Claude Carrière. Er hielt, als Einführung zu “La Voie Lactée” – den er zusammen mit Luis Buñuel vor vierzig Jahren geschrieben hat – eine kurze Rede im Cinemaxx am Potsdamer Platz. Carrière sprach über das surreale Zusammentreffen dieses Films, der von christlichen Häresien handelt, mit den Pariser Ereignissen des Mai 68; er versuchte zu erklären, dass es in der Geschichte des Westens eine Zeit gab, ein und ein halbes Jahrtausend lang, in der der Surrealismus in der Form der christlichen Dogmatik die Herrschaft beanspruchte – und seine Gegner ins Feuer stiess. Er erzählte, wie er sich mit Buñuel in ein abgelegenes spanisches Hotel in den Bergen zurückzog, Winter 67/68, um das Drehbuch zu schreiben, und kurz, ganz kurz sah ich eine Veranda vor mir, die auf ein abgeholztes, dürres, kaltes Spanien hinausging…

Aber das alles ist nicht sehr wichtig: Denn als Carrière sprach, schon als er auf einmal auftauchte in der ersten Reihe und die Drehbuchautorin neben mir sagte: “Nein, das ist ja Carrière. Er hat dieses wundervolle Buch geschrieben.” (“Über das Geschichtenerzählen” – tatsächlich das einzige Buch, das man zum Thema Drehbuchschreiben lesen kann, ohne sich augenblicklich zu übergeben: Carrière hat es zusammen mit Pascal Bonitzer geschrieben, welcher wiederum die geniale Komödie “Rien sur Robert” gedreht hat.) – schon in diesem Moment überkam eine sehr grosse, aber auch sehr lockere, sehr freundliche, sehr gelöste Anspannung alle Zuschauer. Obwohl Carrière der einzige wirklich berühmte Drehbuchautor in Europa ist, eine Art Zombie aus der Zeit der europäischen Avantgarde, obwohl ihm zu begegnen ein wenig so ist, als würde auf einmal jemand sagen: “Bitte, begrüssen Sie jetzt mit mir… Marcel Duchamp!” – brach keine Hysterie aus, sondern eher ein, wie soll ich sagen, ein Geneigtsein.

Fünf Sekunden lang, nachdem der Name “Carrière” gefallen war, war etwas wie Nervosität zu spüren. Aber schon als er ins Mikrofon zu sprechen begann, langsam von rechts nach links und wieder zurück gehend, legte sich eine Freundschaftlichkeit in den Raum: keine Atemlosigkeit, eher Interesse; kein Schweigen, sondern Zuhören. Es war durchaus noch möglich, etwas zu sagen, und zwei Leute hinter mir lachten sogar, aber trotzdem schien jeder bemüht zu verstehen, was Carrière über die mittelalterlichen Häresien erzählte. Carrière beherrschte den Raum nicht – wie ich das einmal bei Starobinski erlebt habe, einem Zwerg mit zwei Brillen: eine fürs Ablesen vom Manuskript, eine für den Blick ins Publikum -, und er war weit entfernt davon, irgendetwas aus der Situation zu machen und ihr einen zweiten, individuellen, zum Beispiel ironischen Sinn zu geben (“Was mache ich hier eigentlich?” oder, was das Blödeste wäre: “Ich und Buñuel…”).

Das einzige, was Carrière gab, und zwar auf eine sehr berührende, sehr eindringliche Weise, war eine Form von Wahrheit: Man erfuhr etwas darüber, was Erzählen ist und was Aufmerksamkeit, was Zuhören bedeutet. Mitten in Jean-Claude Carrières Vortrag hatte ich auf einmal eine Eingebung, das Gefühl, ich müsse mich überzeugen. Ich drehte mich, da ich weit vorne sass, zum Saal um – und wirklich: Alle Köpfe waren im exakt gleichen Winkel und in einer vollkommenen, ganz entspannten Symmetrie zu jenem Punkt hin ausgerichtet, wo Carrière, langsam hin und her gehend, in diesem Moment angekommen war. Und es war mir, als würde ich selber von dieser gemeinsamen Aufmerksamkeit, dieser warmen sozialen Plastik, diesem durch einzelne Zwischenbemerkungen verzierten Zuhören aufgehoben, als würde mir etwas eindeutig und freundlich und ganz logisch erklärt: die Gemeinschaft des Erzählens.

Die Wahrheit ist bestürzend schön.

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vistit IIPM


3 Kommentare zu “Die Wahrheit ist bestürzend schön”


  1. Pascal

    Deine Beitraege sind spitze.
    Wahre Werte des Lebens gespickt mit Persönlichem.
    Besonders gefallen hat mir die Klarheit in deinen Themen. Danke



  2. röfe

    ich bins zufrieden und ein tiefes geneigtsein erfüllt mich zu diesem text



  3. Christian

    sehr schön, wie du das kunstschaffen zerpflückst. ich möchte da ganzganz laut zustimmen: was mich am meisten nervt und auch manchmal (nur manchmal, bin schon zu überladen mit dieser “kunst”) aufbringt ist dieser gestus ich mache kunst, ich bin künstler, ich WILL kunst machen. vielleicht ein berlin-problem im besonderen, keine ahnung, weil ich da wenig vergleiche habe. aber wenn man durch galerien hier läuft, wenn man auf lesungen geht, filme schaut, die aus berlin kommen (nicht alle, aber viele) dann ist das oft nichts anderes als ein umgesetztes projekt der milchkaffeesaufenden projekt-mafia in dieser stadt – dann spürt man gerade nicht, was du in dieser veranstaltung so schön beschreibst, sondern da ist wenig mehr, als der willen, der gestus – ohne herz, ohne seele, manchmal sogar ohne inhalt, gewiss aber ohne tiefe. brrrrr.

    in einem möchte ich dich vorsichtig korrigieren: es gibt noch ein tolles buch über drehbuchschreiben, bei dem man nicht kotzen muss. es heißt “Die Odyssee des Drehbuchschreibens” von Christopher Vogler. Wenn man weiß, worüber man schreiben will, man Figuren und Sprache und Dialoge hat und auch spürt, wo die Reise für die eigenen Figuren denn hingehen soll, dann ist dieses Buch wie ich finde eine tolle MÖglichkeit eine klare Struktur zu schaffen, die auf eine geheimnisvolle Weise in so vielen klassischen Sagen und klassischen Filmen und Büchern zu finden ist.

    Weiter so Mr. M. toller Blog….



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