Ein Nachmittag in Deutschland (oder: Jurek Becker ist tot)
22. April 2008, 15:20 Uhr

“Bloss Treibgut, untergetaucht und hochgespült” – Géricaults Floss der Medusa
Die meisten meiner Tage gleichen einer Woody-Allen-Farce, die Wim Wenders mit sinnlosen Pausen angereichert und Peter Handke mit einer komisch unheimlichen Offstimme unterlegt hat. Unser Leben ist eine Komödie, es hat keinen Sinn, sich Illusionen hinzugeben. Aber ab und zu, wie Kierkegaard sich ausdrückt, „verwandelt sich alles in eine szenische Dekoration“, luftige Totalen tun sich auf und uns gänzlich unbekannte Menschen sagen Dinge, die uns vorkommen wie vom Delphischen Orakel erdacht.
Gestern Nachmittag beispielsweise war ich mit dem RBB (dem Berliner Regionalfernsehen) verabredet, um einige Statements über das Thema „Direkte Demokratie“ abzugeben. In Berlin wird momentan eine Volksbefragung über die Zukunft des Flughafens Tempelhof durchgeführt. Nun war man der Meinung, dass ich als Schweizer „mit dem Instrument der direkten Demokratie aus langer Erfahrung umgehen und viel darüber erzählen“ könne – wie man mir am Telefon sagte. Das fand ich seltsam, denn die Berliner handhaben das Instrument der direkten Demokratie viel effektiver als wir Schweizer. Die Volksbefragungen, die hier in den 30er Jahren durchgeführt wurden, haben jeweils zu fast hundertprozentiger Einstimmigkeit geführt, während in der Schweiz die Resultate meistens so knapp sind, dass sogar die Gewinner sich im Unrecht fühlen. Als ich also angefragt wurde, hätte ich gern mit den Worten des amerikanischen Schriftstellers Louis Begley geantwortet: „Ich bin bloss Treibgut, untergetaucht und hochgespült, ausgelaugt und gestrandet, kann keine Bestimmung für mich erkennen.“ Aber mir war klar, dass solche Zitate schlecht in eine Vorabendsendung mit dem Titel „Zuhause in Berlin und Brandenburg“ passen würden.
Wir drehten das kurze Gespräch draussen, an einer Kreuzung, die Stimmen halb fortgetragen vom Frühlingswind. Damit die Sache erträglicher war, hatte ich zusätzlich meinen Freund Rosenberg zum Interview einladen lassen. Er stammt aus dem Kanton Aargau und liebt es, paranoide Ansichten zu verbreiten. Unter anderem schlug er vor, auf dem Flughafen Tempelhof einen Schiessplatz zu eröffnen und erinnerte daran, dass „der kleine Mann“, wird er nach seiner Meinung gefragt, sowieso nur die Gelegenheit zu einem Pogrom nutzt. Volksentscheide, so Rosenberg, seien im Grund ein Ventil für niedere Instinkte und insofern sei es ein Glück, dass sie „in der Schweiz nie umgesetzt” würden. Das stimmt zwar nicht, wird aber dem Bild der Schweizer Demokratie in Berlin einen neuen, interessanten Dreh geben.

“Ich malte ein Rousseausches Bild von der Schweiz” – direkte Demokratie
Da mein St. Galler Akzent mit seinen offenen Vokalen eher nach Österreich oder Süddeutschland klingt, wurde ich aufgefordert, „schweizerischer“ zu reden. Ich gab mein Interview deshalb im Aargauer Dialekt, imitierte also Rosenberg, der ja tatsächlich Aargauer ist. Dadurch fühlte ich mich von aller Ernsthaftigkeit befreit. Ich spielte mich als Pazifist auf und malte ein Rousseausches Bild von der Schweizer Mentalität: „Man spricht in der Schweiz ständig über Politik. Sogar die Kinder. Viersprachig. Indem wir die Hände in den Himmel recken. Man kann sich das hier in Deutschland kaum vorstellen.“ Der dritte Schweizer, der zum Interview eingeladen worden war, war etwas enttäuscht von unserem Benehmen. Er, der als einziger versucht hatte, die banale Wahrheit über die direkte Demokratie zu sagen, stand plötzlich als Langweiler da.
Als wir dann nach dem Interview bei einem Inder sassen, ging eine Gruppe Grundschüler vorbei. Einer sagte zum andern: „Kinder spielen immer zu zweit.“ Auffällig weise kam mir das vor. Aber als ich mich nach den Schülern umdrehte, sah ich nur noch ihre Hinterköpfe, und es war nicht mehr zu ermitteln, welcher von ihnen gesprochen hatte. Da in diesem Moment eine grossbusige, rothaarige Frau auf mich zukam und ich nicht den Eindruck erwecken wollte, sie anzustarren, blickte ich wieder weg. „Das Problem ist“, erläutertet Rosenberg gerade einen Gedankengang, den ich hier nicht in ganzer Länge wiedergeben will, „das Problem ist, dass immer jemand der Stärkere sein muss. Das langweilt mich. Und ich habe auch keine Kraft dafür. Wie soll ich so eine Frau an mich binden?“
Am späten Nachmittag dann ging ich ins Hotel Adlon, das einzige wirklich elegante Hotel Berlins: Türsteher, Piano und Springbrunnen im Entrée… Auf Einladung des amerikanischen Konsulats las Louis Begley aus seinem neusten Buch. Ich habe von Begley, wie vermutlich die meisten, bloss „Lügen in Zeiten des Krieges“ zu Hause. Schon auf der zweiten Seite erzählt er dort, wie ein SS-Mann „ungerührt mit der Reitpeitsche auf einen alten Mann einschlägt“ – und fragt sich: „Wo bleiben in diesem sinnlosen Tableau die mitstreitenden goldhaarigen Götter und Göttinnen?“ Ja, man fragt sich, wie es die SS-Leute ausgehalten haben, besser als andere zu sein, stärker, richtiger? Wie man überhaupt mächtig sein kann? Lebt man nicht eigentlich ständig im Verdacht, dass der andere Recht hat? Kommt es einem nicht komisch vor, auch nur eine bestimmte Meinung zu vertreten (da einem die andere Meinung hinter den vorgebrachten Argumenten ständig verführerisch zublinzelt)? Und war das der Grund (ein Grund) für den unglaublichen Hass dieser Leute?
Nach einer kurzen Einführung seines deutschen Lektors las Begley mit monotoner und vernuschelter Stimme. Seine Lippen klebten aneinander und sprangen beim Sprechen mit einem leichten Ploppen auseinander, was seiner stillen, ernsten Erscheinung keinen Abbruch tat. Er sah aus, wie man sich die Figuren aus den Büchern von Isaac Bashevis Singer vorstellt. Ich verstand nur jedes zweite Wort, fühlte aber den Wunsch in mir wachsen, wie Begley zu sein: gesetzt, freundlich, zurückhaltend, klein, aufgehoben in dem seltsamen Exil-Europa der Ostküste, von dieser altertümlichen, melancholischen Vorkriegs-Atmosphäre umgeben, wie ich es nur von New Yorker Juden kenne. Ich war plötzlich in einer Begley-Stimmung, ich spürte, dass eine angenehme Metamorphose in mir vorging. „Eine verträumte Wirklichkeit dämmert im Hintergrund der Seele“, schreibt Kierkegaard. In meiner Seele herrschte in diesem Moment, da ich in einem Hinterraum des Hotels Adlon sass, eine Art getäfelte Halbdämmerung, in der mein verborgenes Ich leicht gebückt hervortrat, um sich in einen New Yorker Juden zu verwandeln…

“Arm aussehen! Reich denken!” – Quadriga, Hotel Adlon
Nach der Lesung erkundigte sich eine Zuhörerin, ob Begley von Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ beeinflusst worden sei. Begley antwortete, er sei bis vor wenigen Jahren ein „sehr erfolgreicher Anwalt“ gewesen und hätte keine Zeit gehabt, Jurek Beckers “Lügner“ zu lesen. Er habe das aber kürzlich nachgeholt und sei ganz fasziniert: „A perfect novel.“ Als keine weiteren Fragen gestellt wurden, holte Begleys Lektor einen Zettel aus der Tasche, von dem er ablas, Deutschland sei erst durch Begley mit der eigenen Vergangenheit ins Reine gekommen. Begley, las der Lektor mit einer sehr leisen und vorsichtigen Stimme, sei ein Gott, ein Genie, der grösste Schriftsteller Amerikas, und er, sein Lektor (und weder Anwalt noch Autor, sondern bloss ein „passionierter Leser“), wolle „Louis“ (er sagte: „Luii“) danken. Begley blickte ins Unbestimmte und tat, als wüsste er nicht, von wem da geredet wurde. „Was macht eigentlich Jurek Becker?“, hörte ich eine Stimme rechts von mir leise fragen. „Jurek Becker ist tot“, raunte eine Greisin mit brüchiger Stimme, die neben dem Frager sass, „er ist an Kreeebs gestorben.“
Als ich am Springbrunnen vorbei wieder auf den Pariser Platz trat, versuchte ich, meiner Haltung Würde zu verleihen. Die Türsteher nickten mir freundlich zu, was mir einen Stich versetzte. Da ich mit Nobelhotels keine Erfahrung habe und deshalb wie Kafkas Mann vom Land ständig mit Herablassung rechne, hätte ich offene Unterwürfigkeit bevorzugt. Es war noch hell und lau. Ich hob also mein Kinn und dachte an Andy Warhol, der in seiner „Philosophie des Andy Warhol“ schreibt: „Arm aussehen! Reich denken!“ Die FAZ habe die neue amerikanische Botschaft, die jetzt in der Verklärung des Abendlichts stand, „völlig verrissen“, hörte ich den Journalist, der mich ins Adlon begleitet hatte, sagen. Der Sitz seines BMWs war angenehm tief, und ich liess mich hineinfallen.
Etwas später in einer Bar erzählte mir der Journalist von einem Buch, das er vor einigen Jahren als Ghostwriter für eine Unternehmensberatung geschrieben hatte: „Alles Neue beginnt im Kopf“. Es ging darin um die Theorie, dass jede wahre Innovation aus der überraschenden Kombination zweier weit auseinander liegender Gedanken hervorgeht. Was zum Beispiel ist ein Walkman? Die Kombination von Mobilität und privatem Musikgenuss. Was ist eine neue Idee? Das perfekte Zusammenspiel von zwei Widersprüchen. Am Nebentisch sass ein Paar in den mittleren Jahren, das jedesmal, wenn der Ober an ihren Tisch trat, das Gespräch mitten im Satz abbrach. Ich aber musste an die Worte der Greisin denken, die eine Stunde vorher in einem Hinterzimmer des Hotels Adlon gesagt hatte: „Jurek Becker ist tot. Er ist an Kreeebs gestorben.“
Das seltsam gedehnte „e“ in „Kreeebs“ jagte mir ein kaltes Kribbeln den Rücken hinunter. Ich spüre es noch jetzt, da ich diese zusammenhangslosen Begebenheiten des gestrigen Tages aufschreibe, wie einen Luftzug auf der Haut…
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23. April 2008, 07:20 Uhr
Lieber Milo Rau,
Schön beschreiben Sie diese Lesung. Ich habe Begley vor Jahren auf dem Pariser Salon gesehen, nach der Veröffentlichung seiner “Wartime Lies”. Falls Sie Interesse haben: Die Schmidt-Romane kann ich Ihnen heiß empfehlen! Und seine Essay-Bände sind ganz unterhaltsam zu lesen (auch wenn sich Begleys Literatur-Geschmack auf Kafka, Dickens, Trollope und Tolstoi beschränkt).
Viel Spaß!
15. Mai 2008, 09:51 Uhr
wär ich mal gekommen, klingt so, als sei es ein wenig anstrengend (akustik) und zugleich erhaben gewesen mit dem grand old man.
aber tatsächlich hat mich auch der ort, besagtes hotel adlon davon abgehalten, denn ich finde es alles andere als elegant und mondän und ganz sicher ist es nicht das einzig elegante hotel berlins. es liegt einfach perfekt. ansonsten ist es für mich ausdruck der berliner 90er Jahre mentalität in der erbärmlichen (und sinnnlosen) versuch an die “guten alten zeiten” anzuknüpfen, indem man gebäude schafft, die so aussen WIE, aber eben über das nicht hinausgkommen. das adlon ist eins von ihnen, mit dieser niederigen decke im eingang (weil man aus finanziellen gründen eine etage mehr eingebaut hat und damit alle geschosse niedriger wurden), das ist keine echte lobby und auch keine eingangshalle, sondern könnte auch ein tortenkaffee in einer mittelgroßen stadt sein. dazu das seichte pianoklimpern wie in einem flughafenrestaurant, das sich wichtig macht, die topfpflanzen und die duisburger rentner an den kleinen tischchen einen teuren filterkaffee trinken, weil man “im adlon” gewesen sein muss.
ich will ja kein snob sein (bin es aber vielleicht hier) aber der unterschied zwischen edel (und arrogant – wie z.B. im Ritz oder Grand) und auf edel gemacht und herablassend offen (wie im Adlon), der sich im nicken des türmanns, der freundlichkeit der rezeptionisten und in dieser elenden architektur (die übrigens gut zur neuen US botschaft passt) ausdrückt, die hat mich davon abgehalten, literatur zu lauschen. aber schön gesagt, das mit dem türmann, von dem man herablassung erwartet, aber dit is Berlin, eben auf ganz andere weise bekkommt.
und so möcht ich mit Oscar Wild schließen: “Mit dem guten Geschmack ist es ganz einfach: Man nehme von allem nur das Beste.”
Und auch wenn es kaum etwas unwichtigeres gibt, als die architektur und inneneinrichtung von hotels, vor allem für mich, der fast nie in hotels wohnt und nie im adlon, im grand, im ritz schlafen wird, so habe ich doch den wunsch, dass es einen stilsicheren luxus gibt, den ich zumindest bewundern oder sogar beneiden kann. der mich vielleicht sogar einschüchtert. der mich aber vor allem nicht davon abhält, zu lesungen zu gehen.
15. Mai 2008, 13:20 Uhr
Hm, das sind ja durchaus enttäuschende Hintergrundinformationen… Vielleicht sollten wir zwei mal einen kleinen Spaziergang dem Zürichsee entlang machen, wo man tatsächlich von allem nur das Beste genommen hat, die RAF keine Bomben abwarf und es in den 50/60ern auch kein Wirtschaftswunder gegeben hat. Das Baur au Lac könnte nach deinem Geschmack sein, obwohl die Schweizer leider apriori kein Talent für Herablassung haben. Aber dass es in einer Stadt wie Berlin, in der die Kuchenstücke prinzipiell so gross und schwer wie Fäuste sind und Einkaufszenter mit “Teuer hat hier Ladenverbot” Werbung machen, nicht unbedingt nach Oscar-Wildeschen Geschmacksregeln zu und hergeht, muss man wohl einfach akzeptieren. Als Alternative schlage ich vor, wir zwei bewerben uns auf eine Dozentur in Québec :)