Germany must perish!
24. Januar 2008, 15:22 Uhr
Ich persönlich liebe Deutschland, es ist eine freiere und grössere Schweiz, in der es, was das Allerschönste ist, fast keine Schweizer gibt. Deutschlands Problem liegt darin, dass die Deutschen sich selber nicht besonders mögen, beziehungsweise, wenn sie Akademiker sind, die Tatsache schätzen, dass sie sich nicht mögen. Selbsthass ist ein deutscher Nationalsport, man mag über das “Sommermärchen” erzählen, was man will.
Als David Lynch kürzlich auf dem Berliner Teufelsberg den Grundstein für einen 50 Meter hohen “Turm der Unbesiegbarkeit” legte und ein vedischer Priester die anwesenden Journalisten aufforderte, in den Ruf “Heiliges Deutschland!” einzustimmen, war mir das verkrampfte Schweigen der Pressevertreter zutiefst rätselhaft. In allen anderen Nationen werden ständig solche Rufe ausgestossen. Die Polen, die Franzosen, sogar die Schweizer lassen keine Gelegenheit aus, sich selber zu feiern. Nur die Deutschen nicht. Eine einzige Unkonzentriertheit in Richtung Selbstliebe reicht aus, um in Deutschland Karrieren zu beenden.

“Heiliges Deutschland!” – Kunstfilmer David Lynch
David Lynch, in Amerika bekannt als Kunstfilmer, will das ändern: Deutschland soll wieder stolz auf sich sein. Nicht auf irgendeine Sommerstimmung, nicht auf irgendwelche Plastikfähnchen auf Kühlerhauben, nicht auf betrunkene Wahnphantasien, sondern auf das, was die Aufklärer einst “Nation” nannten. Dass Lynch seinen “Turm der Unbesiegbarkeit” ausgerechnet auf einem Trümmerberg erbauen will, der 1945 nach dem Niederlage des Dritten Reichs aufgeschüttet wurde, ist besonders taktvoll und enthält die Prise Zerknirschtheit und Selbstkritik, die die Deutschen lieben.
Trotzdem – “keine Begeisterung, nirgends”, wie man im gehobenen Feuilleton schreiben würde. Unterdessen haben sogar das “Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin” und einige postmoderne Ton-Künstler Einspruch erhoben. Das “Ökowerk” fordert eine Renaturierung des Geländes. Der Teufelsberg wurde nämlich während des Kalten Kriegs vom amerikanischen Sicherheitsdienst genutzt, und im abgesperrten Gebiet entstand eine wilde, an die Phantasien des amerikanischen Finanzministers Morgenthau erinnernde Vegetation. Morgenthau wollte bekanntlich das besiegte Deutschland komplett de-industrialisieren und in ein reines Agrarland verwandeln, in ein malerisches, mittelalterliches Germania Aeterna. Den Teufelsberg als Morgenthausches Disneyland zu bewahren, fordert nun das “Ökowerk Berlin”.
Die Argumentation der postmodernen Ton-Künstler ist, wie man sich vorstellen kann, zugleich kindischer und perfider. Denn in den verlassenen Spionagekuppeln, aus denen man früher bis weit in den Warschauer Pakt hinein horchen konnte, lassen sich, so die Künstler, auch heute noch “wunderbare Tonexperimente” durchführen. Diese Experimente wären, der reinen Kunst verschrieben, durch Lynchs lautstarke Pläne eines neuen, kraftvollen Deutschlands gefährdet.
Nun erinnert der Vorschlag der Ton-Künstler auf schockierende Weise an einen von den Nazis und später der DDR auf sehr unfaire Weise politisch ausgenützten Vorschlag des Amerikaners Kaufman, der 1941 ein Buch mit dem Titel “Germany Must Perish” publizierte: Darin schlug er die Zwangssterilisierung aller Deutschen vor. Denn nur so könne der tief in alle Bewohner Deutschlands eingepflanzte “Germanism” endlich ausgemerzt und in den Deutschen ein Interesse für die etwas ruhigeren, farbloseren Freuden der Zivilisation geweckt werden. Kaufman führte als Beispiel an: die moderne Ton- und Theaterkunst!

“Wunderbare Experimente” – Kaufmans Buch
Es scheint, dass Lynch mit seinem gutgemeinten Plan eines “Turms der Unbesiegbarkeit” gegen zwei irrtümlich ad acta gelegte Grossverschwörungen anzutreten hat: den Morgenthau- und den Kaufmanplan! Der verlogene Plan des Finanzministers Morgenthau, der die Deutschen bei ihrer Naturliebe packt und in fast ganz Ostdeutschland und in grossen Teilen des Ruhrgebiets bereits im Geheimen umgesetzt wurde, soll nun also auch in der Bundeshauptstadt Anwendung finden.
Was den Kaufman-Plan angeht, gibt es bereits erste Studien, die die soziologistische Lüge, der Bevölkerungsrückgang in Deutschland liesse sich auf Bindungsangst, die Emanzipation der deutschen Frau und verschärften Arbeitskampf zurückführen, entkräften. Wie eine grosse deutsche Tageszeitung kürzlich meldete, konnten in verschiedenen Weissweingetränken, die in den Bars der führenden deutschen Theaterhäuser, Museen, Konzertsäle und Arthouse-Cinemas konfisziert wurden, Spuren von Hormonen nachgewiesen werden, die innerhalb weniger Jahre zur völligen Unfruchtbarkeit führen.
Nun könnte eine deutsche Nation, die diesen Plänen geschlossen unter der Führung des Kunstfilmers David Lynch und der von ihm geführten Foundation for Consciousness-Based Education and World Peace entgegentritt, ihre Verwandlung in ein Land zwangssterilisierter Künstler und Hobbyförster noch abwenden. Aber eine miesmacherische Stimmung lähmt das Land. Schuldgefühle, falsch verstandene Naturverbundenheit und ein Überhandnehmen sogenannter “Kunst-Projekte”, von einer verantwortungslosen Politikerklasse gezielt gefördert, unterdrücken den nationalen Aufschrei.
Deutschland, erwache! Sturm, brich los!
Chronik | RSS 2.0 | Kommentar schreiben | Trackback

















24. Januar 2008, 16:40 Uhr
Sehr geehrter Herr Rau
Ich habe mich bereits einmal im Zusammenhang mit Ihrem Text zu Kerenski an Sie gewendet. Leider haben Sie mir daraufhin nicht geantwortet. Ich lese Ihre Chronik trotzdem mit wachsendem Interesse und habe den Link auch an meine Kollegen vom Historischen Seminar der Fernuniversität Hagen weiter geleitet – obwohl Ihre Seite, wie Sie ja selber wissen, vom wissenschaftlichen Standpunkt her doch manchmal sehr “phantasievoll” ist.
Nun las ich gerade Ihren neusten Text mit dem Titel “Germany must perish!” Das Buch von Kaufman – der ja jüdischer Religion war – ist, wie Sie selber andeuten, während des Zweiten Weltkriegs ein willkommenes Geschenk an die Propagandamaschinerie des Ministers Goebbels gewesen, der damit eine geplante “Vernichtung” des deutschen Volks “beweisen” wollte und es sogar auf deutsch hat übersetzen lassen. Das gleiche gilt auch für den Morgenthau-Plan.
Und damit wären wir auch schon auf dem Punkt: Obwohl Sie diesmal ganz bei den Fakten bleiben (wobei Kaufman, soweit ich weiss, die Tonkunst nicht speziell erwähnt), ist mir Ihre Argumentation und v. a. Ihr Stil doch etwas auf den Magen geschlagen. Sie wiederholen hier mit einer, meiner Meinung nach, zynischen Ironie Propagandalügen bis ins Vokabular hinein (“soziologistisch”, “Politikerklasse”), von den letzten beiden Sätzen ganz zu schweigen. Natürlich: Es ist humorvoll gemeint. Aber Sie führen eine öffentliche Chronik, die sicher nicht nur von Ihren Künstler- und Akademikerkollegen, sondern auch von Lesern verfolgt wird, die Ihre “Grossverschwörungen” durchaus Ernst nehmen könnten. Antisemitismus beginnt mit lustig gemeinten Bemerkungen. Und Geschichtsfälschung beginnt mit solchen tendenziösen Feuilletons, wie Sie hier eines abgedruckt, bzw. veröffentlicht haben.
Ich freue mich auf eine fruchtbare wissenschaftliche Diskussion und grüsse Sie
Dr. Tilo Schmidt
28. November 2011, 15:59 Uhr
Lieber Thilo (Sarrazin !)
Ich gehöre zur Generation von Stephane Hessel, Hugo Portitsch und Altkanzler Schmidt, bin Tiroler, aber beide Familienzweige kommen aus Deutschland. Leider kenne ich den Text nicht, den Sie kommentieren. Aber was den Kaufman-Plan anbelangt, habe ich davon gewußt. Im Krieg schlägt die Propagande bekanntlich Purzelbäume. Dazu kommt, dass die Amerikaner sehr wenig von Europa wissen ung gewußt haben. Erst dieser Tage las ich im Interview von ‘Prof. Helmut Heuberger’ (vor kurzem verstorben). die in Innsbruck einrückenden amerikanischen Truppen hätten gar nicht begriffen, dass er und der Tiroler Widerstand SS und Partei augeschaltet hatten und Innsbruck kampflos übergeben werden konnte.
Meines Zeichens Theoretischer Physiker und Informatiker nach Karriere auf drei Erdteilen, aus geisteswissenschaftlichem Hause, schreibe gerade “Deutschland schafft sich NICHT ab’. Darf ich Sie bitten, den Text zu kommentieren. Nit Dank im Voraus.
Ivo Steinacker