Hundert Abende. Zur Entstehung von “Hate Radio”


17. Februar 2014, 09:08 Uhr

Am 6. April wird erstmals der Film “Hate Radio” von Milo Rau über sein gleichnamiges Theaterstück ausgestrahlt. Eine Woche davor erscheint das Buch zum Stück. Hier ein Auszug aus dem Buch: zum langwierigen Entstehungsprozess des Stücks, das aktuell gerade in Südafrika in der Inszenierung des Autors gespielt wird.

Es war Anfang 2006, als mich ein deutsches Stadttheater fragte, ob ich nicht „irgendwas über Afrika“ machen wolle. Ich hatte damals gerade Philipp Gourevichs großartige Reportage über den ruandischen Genozid gelesen, auf meinem Nachttisch lagen Jean Hatzfelds Erzählungen von Tätern und Überlebenden. Die Anfrage passte perfekt: Ich begann sofort, an einem Theaterstück über den ruandischen Genozid zu schreiben. Was folgte, waren die schlimmsten oder sicher unangenehmsten sechs Monate meines Lebens. Ich schrieb etwa 50 Szenen (oder eher: szenische Fragmente), aber nichts funktionierte. Um nicht völlig untätig zu sein, las ich im Verlauf dieses halben Jahres mehr oder weniger alles, was über den ruandischen Genozid erschienen ist. Aber mit jedem Buch, das ich las, erschien mir die Bewältigung der Aufgabe noch unmöglicher. Wie sollte ich der absoluten Unfassbarkeit des ruandischen Genozids gerecht werden? Die Sache endete damit, dass ich den Vertrag mit dem Theater auflöste.

Einige Jahre später, Anfang des Jahres 2010, als ich gerade die Filmfassung der „Letzten Tage der Ceausescus“ fertigstellte, beschloss ich, die Sache noch einmal anzupacken. Denn bereits 2006 war ich einer seltsamen, einer genauso banalen wie unheimlichen Figur begegnet: Georges Ruggiu, einem Italo-Belgier und Sozialarbeiter, der aus Gründen, die in diesem Buch ebenfalls thematisiert werden, nach Ruanda und schließlich ins Studio des Völkermordradios RTLM – Radio-Télévision Libre des Milles Collines gelangt und dort einer der beliebtesten Moderatoren geworden war. So wie bei „Die letzten Tage der Ceausescus“ das kleine Zimmerchen, in dem das Ehepaar Ceausescu abgeurteilt wurde, für mich zur Allegorie der Wende geworden war, so wurde nun das Studio des RTLM zum Wahrheitsort eines Genozids, in den mehrere Millionen Menschen direkt (und indirekt die gesamte Welt) verwickelt gewesen waren. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, ein Thema, das mir immer wieder entglitten war, zu erzählen: indem ich es auf 16 Quadratmeter reduzierte.

Doch außer mir und meinem Team glaubte kaum einer, dass ein Radiostudio als Setting auf der Bühne funktionieren würde. „Es gibt nichts Langweiligeres, als in ein Radiostudio zu gucken“, sagte mir jeder, den ich für eine Filmfassung gewinnen wollte – und wer schon einmal Radio gemacht hat, weiß, dass sie natürlich recht damit hatten. Mir jedoch war klar, dass ich, wenn ich es jetzt nicht tat und nicht auf genau diese Weise, mir das Thema noch einmal und nun endgültig entgleiten würde. Als die zusätzlichen Recherchen eineinhalb Jahre später abgeschlossen, als das Stück geschrieben und inszeniert und das Bühnenbild von Anton Lukas in all seinen halb dokumentarischen, halb phantasmagorischen Details gebaut war, und die Uraufführung vor der Tür stand – da ging ich eines Abends mit Sébastien Foucault (dem Darsteller Georges Ruggius) und Dorcy Rugamba (dem Darsteller des Moderators Kantano Habimana, der unser Team kurz nach der Uraufführung in Ruanda verlassen sollte) ein paar Bier trinken. Ich glaube, es war Sébastien, der sagte: „Der Genozid hat 100 Tage gedauert. Und wir werden unser Stück, wenn wir die Kraft haben, ebenso oft spielen.“ Und so kam es auch. Bis heute ist „Hate Radio“ an mehr Tagen auf Sendung gegangen als das „richtige“ RTLM – nur die Theateraufführungen gerechnet. Meine eigene Inszenierung lief in über 15 Ländern, szenische Lesungen und Neuinszenierungen anderer Regisseure gab es in den USA, in England, in Dänemark und natürlich in Deutschland. In Frankreich wird gerade ein Hörspiel produziert, im deutschsprachigen Raum gibt es bereits zwei davon, und in Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen und 3sat wird am 6. April 2014, also genau 20 Jahre nach dem Beginn des Genozids, ein Fernsehfilm über die Hintergründe meines Stücks gesendet werden.

Ich muss zugeben, dass mich das alles überrascht hat und immer noch überrascht. Ich hatte Bedenken gehabt, dass die extrem naturalistische, aggressive und zynische, streckenweise aber wiederum äußerst langweilige Art, in der „Hate Radio“ inszeniert ist, in Kombination mit dem Thema Genozid nicht verstanden werden würde. Und je weiter die Proben voranschritten, desto deutlicher schien es mir, dass „Hate Radio“ schon bei der Premiere schlicht und einfach nicht funktionieren würde. Und tatsächlich beklagten sich die ersten Kritiker, wie bereits bei „Die letzten Tagen der Ceausescus“, über die völlig untheatrale Gleichgültigkeit, mit der in „Hate Radio“ Einblick in die Erinnerungen von Überlebenden gegeben wird und der Zuschauer einen Sendeabend des RTLM sieht, mit allem Nonsens und allen Pausen.

Doch dieses scheinbare Eins-zu-Eins ist das Ergebnis durchgehender Fiktionalisierung: Das „richtige“ RTLM wäre für heutige Ohren weit entfernt davon, ein angesagter Jugendsender zu sein, eine historische Rekonstruktion hätte nichts von der nihilistischen Gewalt dieses Senders erzählt, mit der er 1994 in die ruandische Gesellschaft einbrach. Niemals ist auf RTLM „I like to move it“ gespielt worden (der Song ist ohnehin erst Ende Sommer 1994 rausgekommen), und dass in Ruanda während des Genozids „Rape me“ von Nirvana gesendet wurde, ist nicht belegt. Viele der Aussagen in „Hate Radio“ stammen nicht aus den Sendearchiven, sondern aus ganz anderen Quellen – oder ich habe sie aus den Erzählungen von ehemaligen Hörern rekonstruiert. Das Gleiche gilt für die „Zeugenaussagen“, die den Anfang und das Ende des Stücks bilden: Das sind allegorische, völlig fiktive Figuren, die im Schreibprozess, im Umgang mit den Aussagen meiner Interviewpartner, aus Erinnerungsbüchern  und den Transkripten der Gacaca-Tribunale über Monate hinweg entstanden sind. Für die Gestik, überhaupt den Mood der Moderatoren wiederum habe ich mich an Musikvideos von Sonic Youth und Nirvana orientiert, an diesem müden, wütenden Neopunk der 90er-Jahre: Das gleichsam verzweifelte Nach-dem-Mikrofon-Greifen, das katatonische In-den-Sessel-Sacken kommt von dort. Die „echten“ Moderatoren des RTLM dagegen waren, abgesehen vielleicht von Kantano Habimana, sehr ernsthafte Journalisten, professionell und konzentriert. Für unsere heutigen Vorstellungen oberlehrerhafte Langweiler, biedere Angestellte des Genozids.

Doch wie dem auch sei: Noch nie habe ich so lange gebraucht, um ein Theaterstück zu schreiben. Es dauerte ewig, die Songs auszuwählen, die endgültige Form dieses „typischen Sendeabends“ zu finden. Immer wieder fragten wir uns auf den Proben: Was gibt uns das Recht dazu, RTLM wieder auf die Bühne zu bringen – und auf genau diese Weise? Und vor allem: Zu welchem Zweck tun wir das überhaupt? Man kann sich unsere Erleichterung kaum vorstellen, als die Zuschauer in Kigali – und später an anderen Orten, wenn wir ehemalige RTLM-Hörer im Publikum hatten – sagten: „Genau so war es! Genau so!“ Denn genau so war es ja gerade nicht gewesen: Die Wahrheit der Erinnerung ist eine andere als die, die nach streng wissenschaftlichen Massstäben gültig ist. „Hate Radio“ ist nicht Radio-Télévision Libre des Mille Collines, es ist eine Annäherung, eine Rekonstruktion dieses Senders im Heute, zwanzig Jahre später. Es ist mein sehr persönlicher, von sehr persönlichen Obsessionen, Vorlieben und Erinnerungen geprägter Versuch, an die Atmosphäre jener schrecklichen Monate heranzukommen, gestützt auf Archive und Erzählungen. Und obwohl der Text jedes Mal der gleiche sein mag – es ist an jedem Abend eine andere Sendung.

Geschrieben am 3. Oktober 2013, Amsterdam, anlässlich einer Aufführung von „Hate Radio“ am dortigen Frascati Theater. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch “Hate Radio“. Der Autor wird über seine Erfahrungen bei der Arbeit an seinem Stück am Samstag, 22. Februar 2014 im Haus der Kulturen der Welt diskutieren.

Mehr zum Buch.

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