Hymne auf Nikolai Evreinov (II)
24. Januar 2008, 11:03 Uhr

“Weit fort von der Heimat, vereinsamt, verarmt” – die Neva, der Winterpalast
Nikolai Evreinov, der im Alter von sieben Jahren sein erstes Stück schrieb und mit dreizehn zum Zirkus ging und dort auf Befehl des Direktors auf einem Ball laufen lernte, welcher aus zwei kaukasischen Zwergen bestand; Nikolai Evreinov, der als erster und letzter Russe die Jonglage mit siebzehn Bällen beherrschte und parallel dazu Jus studierte, wie man in der Schweiz sagt, oder Jura, wie man in Deutschland und sicher auch in Russland sagt, weil in diesen Ländern die Gerechtigkeit im Plural existiert; Nikolai Evreinov, der der Meinung war, nicht das Theater solle das Leben, sondern das Leben das Theater imitieren und auf Befehl des Obersten Sowjets mit 100´000 Statisten den Sturm auf den Winterpalast inszenierte, wobei er nicht vergass, den durch die Stadt irrenden Kerenski mit einem besonders begabten jüdischen Schauspieler zu besetzen, der seine Rolle später mit dem Tod durch Erschiessen bezahlte; Nikolai Evreinov, den Stalins Eifersucht zwang, seine Heimat zu verlassen und sich in Paris niederzulassen, wo er sich fortan damit beschäftigte, folkloristische Kostümopern aufzuführen und seine hochtrabenden Theorien in langen Monologen im Café Odéon niederzulegen; Nikolai Evreinov, dieser grösste theatrale Geist des letzten Jahrhunderts, schrieb kurz vor seinem Tod, weit fort von seiner Heimat, vereinsamt, verarmt, zum viertklassigen Folkloristen mutiert, diese Phantasie in sein Tagebuch, die ich aus Evreinovs eigenartigem Französisch, das sein eigenartiges Russisch imitiert, in ein eigenartiges Deutsch gebracht habe:
“Das beste, hörte ich sagen, wäre ein Herrscher aus altem Geschlecht, ein Mann von Ritterlichkeit, Eleganz, Weltläufigkeit und Mut, der immer gut zu jedem wäre und unordentlich in seinen Gedanken. Das beste wäre eine alte Frau oder ein lustiger Idiot von idealischer Dummheit an der Spitze des Staats, und die Gesetze wären uns wie Gedichte, wie Lieder.
Ausser Gebrauch kämen die elenden Gesten und kämen die falschen Gefühle, die heutzutage gebräuchlich sind. Ironie, gestelzte Verruchtheit, das Augenzwinkern unter Eingeweihten, das Grüssen und Abwinken und Schulterzucken, die unfrohen Geräusche der Höflichkeit und der Übereinkunft, sie kämen ausser Gebrauch. Niemand mehr würde die Stimme heben, um einem anderen ins Wort zu fallen. Keiner mehr würde schreien, weil die Welt furchtbar ist über jede Erfahrung. Keiner mehr würde eine Rede halten und keiner hörte mehr zu. Es gäbe kein und mehr, kein obwohl, kein weil, kein oder und kein nachdem, denn alles hätte seinen Grund in sich selber.
Das beste, hörte ich sagen, wäre ein Land, in dem wir Eingeborene wären, ein Land von übergrosser Intensität und Weichheit der Linien, ein Land nach neuer Chemie und neuer Biologie. Das beste wäre eine solche Landschaft, gegen die man wütend sein müsste, unendlich wütend im innersten Herzen, weil man ihr angehört.
Alles müsste sich ändern. Alles wäre wie neu und noch unbenutzt vom menschlichen Denken. Schatten, Schwerkraft, der Fall des Wassers und der Aufstieg des Feuers, der hohe und der niedere Druck der Luft, das schmelzende Eis, die Wasser der Neva, der Wolga und die unter der Erde fliessenden Ströme müssten inständig erforscht werden, denn sie wären übermächtig und ohne Sinn.
Keiner würde mehr in sich hineinblicken. Keiner mehr wüsste den Weg. Keiner mehr würde wandern, keiner mehr spazieren, keiner mehr liegen, keiner mehr stehenbleiben. Es gäbe kein hier und kein dort mehr, kein immer und kein selten, kein woher und kein wohin, denn alles wäre genug in sich selber.
Oben ist unten. Hell ist dunkel. Unsinn ist Sinn. Sprechen ist Schweigen. Die Einheimischen sind die Fremden. Das Tatsächliche ist der Zufall. Was wird, ist schon geschehen. Nichts ist so, wie es früher war. Was an uns getan wurde, soll nicht mehr getan werden. Die alte Welt hat ausgedient. Legen wir in seinem Andenken zwei weisse Rosen auf die Karte Europas. Aber dann wollen wir sie vergessen. Vergessen wollen wir sie.”
So schrieb Nikolai Evreinov, der grosse russische Dramatiker und Regisseur, Erfinder des Sturms auf den Winterpalast, wenige Wochen vor seinem Tod in der Hauptstadt der Vierten Französischen Republik.
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