Hymne auf Nikolai Evreinov (III)
28. März 2008, 13:28 Uhr

“Seltsame Erfahrung, bloss abgezeichnet zu sein” – Skizze Leonardos
1. ÜBER DIE KINDHEIT DES WIEDERHOLERS ODER DER GEIER ICH. In seiner allerfrühesten Kindheit, schreibt Leonardo da Vinci, dieses Ungeheuer an reinem Geist, der „ein vaterloses Kind war und die Welt in Gesellschaft einer unglücklichen Mutter kennenlernte“, in Leonardos allerfrühesten Kindheit also, schreibt Leonardo selber, „ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und ihn viele Male gegen meine Lippen gestossen.“
Der Wiederholer (wie wir den russischen Wiederholungskünstler Nikolai Evreinov der Einfachheit halber nennen wollen) sah aber keinen Geier, sondern sich selber zu sich herabkommen, bekam vom Geier ICH den Auftrag oder die Einflüsterung, sich selber zu wiederholen als eine Fälschung oder als ein Plagiat seiner selbst. So kam der Wiederholer, sich selber möglichst genau wiederholend in den Gesten und den Verhaltensweisen, schon in frühester Kindheit immer wieder mit der seltsamen Erfahrung in Kontakt, bloss das Double oder der Schauspieler eines Kindes zu sein, ein bloss schnell abgezeichnetes Kinder-Ich, das immer wieder zu verfertigen der Wiederholer also fortan gezwungen war.
Da Kinder nicht Shakespeare spielen, wartete der Wiederholer Nikolai Evreinov mit Shakespeare bis zu seinem achten Jahr. Um seine Eltern zu erfreuen, mischte er kindliches Vokabular in seine ersten Dramen und stiess, schon die erste Premiere seines ersten Einakters voller Langeweile wiederholend, spitze Schreie der Nervosität aus, solcherart in der Hoffnung auf Erlösung den totalen und umfassenden Täuschungszusammenhang „Kindheit“ und „Entwicklung“ und „Kunst“ aufrecht erhaltend. Das bestimmende Gefühl des Wiederholers war also dieses: den Abstand zum Original als ein seltsames, leicht zwanghaftes Spiel zu erleben, welches sich im zukünftigen Glück einer vollendeten Wiederholung auflösen, das heisst entspannen würde. Der Wiederholer durchlebte oder durchlitt seine Kindheit nämlich in der Hoffnung, das Erwachsensein gleichsam wie eine Leinwand für sein wahres Ich benutzen zu können.
2. WIE DER WIEDERHOLER SICH IN SICH VERLIEBT UND ENTTÄUSCHT WIRD. In seinen besten Momenten denkt der Wiederholer (wie wir Nikolai Evreinov der Einfachheit halber nennen wollen), er würde sich selber dem Original nicht bloss nachinszenieren, sondern dieses rauschhaft und gleichzeitig ganz spielerisch übertreffen: So, dass das Original, wie auf einer Art existenziellen Rennstrecke in Rückstand geraten, seinerseits gezwungen ist, sich in Bezug auf die eigene Wiederholung oder Fälschung zu verhalten, da diese in einer Umdrehung aller Verhältnisse auf einmal zum eigentlichen, bisher verborgenen Original geworden ist.
Beispiel: Nikolai Evreinov, als Jugendlicher im russischen Staatszirkus auf einem Ball laufend, empfindet auf einmal das Auf-dem-Ball-Laufen als eigentliche Wahrheit seiner Existenz, als Kern, von dem aus alles andere bloss ausstrahlt und deduzierbar ist wie bei einer Gleichung. Den auf dem Ball laufenden Wiederholer überkommt eine Art Liebschaft mit sich selber, ein Schimmer umgibt ihn, jener Schimmer, den nur – erkennt der Wiederholer – das wahre Original an sich hat, ein Original, das aber die in eine plötzliche Selbständigkeit wie durch ein Wunder völlig eingeschlossene Wiederholung ist. Warum, denkt der Wiederholer, habe ich bisher nicht erkannt, nicht gewusst, dass ich die ganze Zeit dieser Geier ICH war? Wie war es möglich, dass ich derart blind war für die grundsätzliche Geierartigkeit des Wiederholens?
(Denn in dieser völligen Freiheit ist es dem Wiederholer, auf einem Ball balancierend, von tausend russischen Augenpaaren verfolgt, dennoch möglich, philosophische Erwägungen anzustellen: Er steht, da er – gewöhnlich durch das bedrückende Gefühl der Wiederholung völlig gelähmt – endlich das Tuch vom Kunstwerk ICH heruntergerissen hat, wie als inspirierter Kritiker neben sich, sich selber zugleich darstellend, beobachtend und in einem luziden, herrlichen Selbst-Gespräch verstehend.)
Doch dann, als der Wiederholer am nächsten Tag auf dem gleichen Ball läuft und der gleiche Jubel des russischen Zirkuspublikums ihn umtost, ist er auf einmal wieder völlig aus dem Mittelpunkt des Geschehens herausgenommen. Die Schwerkraft zieht am Wiederholer, gelangweilte Blicke treffen ihn im Rücken. Schon kommt es dem Wiederholer so vor, als habe er jede Fähigkeit, noch einmal und zugleich zum ersten Mal auf einem Ball, das heisst: auf sich selber zu laufen, vertan. Aller Glanz, alle Ekstase ist vom Wiederholer abgefallen, und sogar der Zirkus, Evreinovs geliebter Zirkus umgibt ihn mit dem ganzen, unendlichen Elend des empirischen und des sozialen Lebens: Sand. Schwerkraft. Lärm. Stickige Luft. Schlechte Bezahlung. Pferdekacke. Vertane Zeit. Zufallsfreundschaften. Zwerge. Eingebildete Fräuleins. Die dumme, einfältige Polka-Musik von der Empore…

“Zufallsfreundschaften, Pferdekacke, vertane Zeit…” – der letzte Zar
3. WIE DER WIEDERHOLER SICH AUS NOTWENDIKGEIT EINE PHILOSOPHIE ZULEGT. Da der Wiederholer (so nennen wir der Kürze halber Nikolai Evreinov) erkennt, dass er aufgrund seiner Veranlagung gezwungen ist, seinem Ich nicht bloss täglich etwas hinzuzufügen, sondern es immer wieder von Anfang an zu wiederholen, das heisst: sich täglich von Null her aufzubauen, ein Sisyphos des Ich, schreibt er sich (nicht ohne Ironie und Leidenschaft) die “Rolle des Wiederholers” zu.
Es gibt also im Leben des Wiederholers Evreinov ein Erlebnis oder einfach eine Stunde, in der er, vom Leiden und der Langweile des Wiederholens ermüdet, sagt: Wenn ich schon leide, dann muss mein Leiden immerhin professionell sein. Es gibt einen Moment, in dem der Wiederholer sich entschliesst, die Technik des Wiederholens berufsmässig über die Fälschung und das die Fälschung begleitende Gefühl der Melancholie hinaus ins Wirkliche, das heisst ins Verstandes-Gefühl der vollendeten Situation zu treiben. Der Wiederholer entschliesst sich, aus perfekten Fälschungen (also völliger Geschlossenheit) perfekte Situationen (also völlige Offenheit) herzustellen, das heisst zu einem professionellen Darsteller dessen zu werden, was existiert.
Es muss, nehmen wir deshalb an, im Leben des Wiederholers Evreinov eine Phase gegeben haben, in der er sich selber mit den quasi-heroischen Eigenschaften des absoluten Wiederholers ausstattete. Es muss, vermuten wir weiter, im Leben des Wiederholers die bewusste Entscheidung zur Ich-Verdoppelung, das heisst zur Schizophrenie gefallen sein: die Entscheidung, die Schizophrenie des Wiederholens – nämlich: dass der Wiederholer aktiv an seiner Wiederholung arbeitet, um in in vollkommener Passivität wiederholt zu werden – von einem depressiven Beobachter-Leiden zu einer radikalen Ich-Technologie zu machen. So schafft sich der Wiederholer aus einem ursprünglichen Leiden eine kontrollierte Alltags-Schizophrenie, einen Zeitplan und eine Flucht von Räumen, Arbeitstechniken und Beziehungen, in denen er immer wieder von neuem künstliche Ich-Entführungen inszeniert, sich selber gleichzeitig als zugreifender Täter und ergriffenes Opfer besetzend.
Wenn der Wiederholer also sagt: „Ich arbeite“ oder „Ich wiederhole“, dann spricht er in Wirklichkeit von einem unendlich detaillierten Ich-Drehbuch, einer dramatischen Abfolge von Gesten, emotionalen Zuständen und äusserlichen Begebenheiten (Orte, Tageszeiten, imaginierte oder reale Situationen), in dem der Moment des „Von-sich-selbst-entführt-werdens“ kein abgrenzbares Ereignis des Arbeitens, sondern eine gewissermassen unablässig parallel laufende zweite Bedeutung aller Begebenheiten und (scheinbar) dokumentarischen Planungen dieser einen, seltenen, auch für den Zuschauer ereignishaften Entführungs-Szene darstellt.
Die Wiederholung, als künstlerische oder theatrale Aktion verstanden, ist so eine durchgehende, rein technische und absurd pedantische Daseinsform der Existenz-Spionage, die (falls sie gelingt) keine Aussage über die empirische Seite der beobachteten Zustände macht, sondern uns wie bei einem elektrischen Schlag in jenes Zentrum entführt, in jene totale Situation, in die Erfahrung der Ereignishaftigkeit, von der alles Empirische oder Dokumentarische wie von einer Kraftquelle ausstrahlt.
Die Philosophie des Wiederholers lautet also: Sei in Dir, indem Du dich nur draussen suchst. Gelange zum Unbeobachtbaren deiner selbst, indem Du dich nicht aus den Augen lässt.
4. WIE DEM WIEDERHOLER ZWEIFEL KOMMEN ODER DER ZWEITE BESUCH DES GEIERS ICH. Aber, denkt sich da der Wiederholer auf einmal, gibt es etwas Deprimierenderes anzusehen als die völlig erkaltete Aussenwelt des professionellen Ich-Wiederholers, der in jedem Ausser-Sich, lässt es sich nicht zur Selbst-Wiederholung nutzen, bloss Sand im Getriebe seiner Ich-Technologien sieht? Gibt es, denkt der Wiederholer, etwas Unschöneres, Anmutloseres als die verkniffene und verkrampfte Gestik des von sich selbst (und nur von sich selbst) absorbierten Ich-Technologen? Werden die Besucher des russischen Staatszirkus nicht eher beiläufig von der Hitze des Ball-Wanderers angefasst, wird die Bevölkerung von St. Petersburg nicht bloss gegenständlich benutzt in der gewaltigen Nachstellung, das heisst Erfindung des Sturms auf den Winterpalast: ohne überhaupt mehr als eine imaginäre Zutat zu sein, bloss eine kinematographische Verzierung der Ich-Euphorie des Wiederholers?
Die Wiederbelebung der Anderen, der Welt (denkt der Wiederholer), die Erwärmung aller menschlichen Beziehungen im Glanz von globalen Wiederholungs-Situationen jenseits irgendwelcher Ich-Euphorien ist aber das eigentliche Ziel des Geiers Wiederholung.
Willentlich und bei völligem Bewusstsein die Wiederholung eines völlig Anderen zu sein, denkt sich der Wiederholer, das wäre der zweite und erlösende Besuch des Geiers ICH.
Auszug aus “Notizen zum Wiederholer. Nikolai Evreinov als psychologische Installation”. Zitate im ersten Abschnitt aus Maurice Merleau-Pontys Essay “Le doute de Cézanne”.
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