Ich kaufte mir eine kleine Stadt (Introducing Donald Barthelme)
10. März 2008, 13:42 Uhr

“Am Ende des mechanischen Zeitalters” – amerikanische Kleinstadt
Donald Barthelme – wer ist das eigentlich? Vielleicht kennt jemand Richard Brautigan: Barthelme hat als Erzähler eine ganz ähnliche Haltung wie Brautigan, der bei uns viel berühmter geworden ist. Beide sind selbstironisch, beide sind von wahrer romantischer Sensibilität, die ihren Sitz im Hirn und nicht im Herzen hat. Barthelme und Brautigan kümmern sich nicht wirklich darum, ob ihre Welt und die Welt da draussen zusammenpassen – es ist die Differenz, um die es ihnen geht. Und vor allem: Beide geben ihren Büchern und Geschichten wirklich gute Titel.
Kann es bessere Titel geben als “Du bist so tapfer wie Vincent van Gogh” (Barthelme), “Forellenfischen in Amerika” (Brautigan) oder “Am Ende des mechanischen Zeitalters” (Barthelme)? Die Tiefe solcher Titel liegt in einer Gleichzeitigkeit, die man auch Humor nennen könnte: sie sind zugleich ein bisschen blödsinnig und ganz entschieden allegorisch. “Am Ende des mechanischen Zeitalters” ist ein Titel, der über einem Bild von Max Ernst oder der Leipziger Schule stehen könnte, es liegt darin die Ahnung eines epischen Desasters – und zugleich das Versprechen, dass es nur Literatur ist, dass niemandem was passieren wird. Denn wie ein Ding hat auch das Verstehen eines Worts oder eines Satzes (das, was beim Lesen in uns geschieht) einen Umriss, eine Präsenz, die man nicht beschreiben, aber dafür evozieren, aufrufen kann: “Am Ende des mechanischen Zeitalters” wirkt auf den Leser befreiend – da ganz und gar gemacht, eben rhetorisch -, birgt aber zugleich ein Geheimnis, das gelöst werden muss.
Ich könnte deshalb auch sagen: Die Geschichten von Barthelme haben etwas damit zu tun, wie wir als sprechende und lesende Wesen in der Welt sind. Es hat etwas mit der Instrumenthaftigkeit der Sprache und unseres Denkens zu tun, mit unserer Trauer um eine grosse, noch sprachliche Vergangenheit voller “Tapferkeit”, “Mechanik” und irgendwelcher Dinge, die man in ganz “Amerika” tat. Das Vertrauen, dass die Dinge und die Wörter zusammengehören oder einmal zusammengehört haben, treibt Barthelmes Poesie an. Als Kind pflegte ich vor dem Einschlafen an einem Haus zu bauen: ein heroisches, durch vielerlei besondere Vorrichtungen gegen Angriffe und zu erwartende Bandenkriege geschütztes Gebäude, in dem es für jedes meiner damaligen Hobbies ein Zimmer gab. Ich sehe das Haus, das es nur in meinem Kopf gibt, in diesem Augenblick sehr deutlich vor mir – mein Blick wird sogar von einigen Unkräutern verstellt, so realistisch ist diese Fantasie – viel klarer und detaillierter jedenfalls, als all die Hütten, die ich in Wirklichkeit baute. Eine ähnlich kindliche, ganz fantastische Bausucht findet man auch in den Geschichten von Brautigan und Barthelme.
Während aber Brautigan trotz all seiner zerebralen Ironien als gutmütiger Hippie gilt, ist Barthelme hierzulande als universitär, “postmodern” und “schwierig” verschrien. Das ist natürlich nicht nur in Deutschland ein schlechter Ruf, wo die Literaturkritik entweder in studentischer Naivität Deleuze- und Musil-Zitate aufeinander häuft oder sich im Gegenzug in pseudo-populären Ekstasen des Nicht-Verstehens und des “Erlebnisses” überschlägt: Der Mittelweg des Essays, wo Erlebnis und kritische Fantasie sich zusammentun und auf dem ein Mann wie Barthelme anzutreffen wäre, ist in Deutschland versandet, von vielerlei Vorurteilen überwachsen – obwohl es der Weg der wahren Poesie ist, der Poesie unserer Kindheit.

“Rund um mich herum wurden Städte gekauft” – katholische Kleinstadt
Aber warum schreibe ich das alles? In Barthelmes Buch “Amateure” gibt es eine Geschichte – “Ich kaufte mir eine kleine Stadt” -, in der Barthelmes Held genau das tut: Er kauft sich eine Stadt. Er will zuerst “alles umkrempeln”, gibt sich dann aber Mühe, es “sachte angehen” zu lassen. Er redet mit den Einwohnern, setzt deren Vorschläge um, solange sie “nicht zu phantasievoll” sind – denn so gehört es sich für einen Stadtbesitzer. Es läuft auch ganz gut, bis Barthelmes Held sich fragt, ob er “auch genug Spass bei der Sache hat”. Er geht also auf die Strasse und knallt 6000 Hunde ab. Dann verliebt er sich in “Sam Hongs Frau”, die Betreiberin eines Krimskramsladens. Sam Hongs Frau will aber von ihm nichts wissen, worauf Barthelmes Held ein “extra knuspriges Wienerwald-Hähnchen” bestellt und die Stadt “bis auf den letzten Dachziegel” weiterverkauft. “Wie ging es weiter? Es ging so weiter, dass ich die andere Hälfte meines Vermögens nahm, nach Galena Park, Texas, ging und dort zurückgezogen lebte, und als man mich bat, für den Elternbeirat zu kandidieren, sagte ich nein, Kinder hätte ich keine.”
Ich glaube, das ist eine typische Barthelme-Geschichte: kindliche Allmacht gepaart mit einem ausgeprägten Gefühl für Kleinigkeiten. In meinem Haus, das ich früher vor dem Einschlafen baute, achtete ich sehr auf die Details – Türknäufe, Schlösser, die Leitern zu den Ausguckpunkten. Umgeben von einem pubertären Literatur- und Theorieverständnis, bei dem immer irgendwas bewiesen oder gefühlt wird, tut ein wahrer, heroischer und wirklich freier Erzähler wie Barthelme unglaublich wohl.
Und aus diesem Grund werde ich bald auch eine Geschichte schreiben mit dem Titel: “Ich kaufte mir eine kleine Stadt”. Ich liebe Kleinstädte. Umso kleiner, desto besser. Wobei, wenn ich genauer drüber nachdenke: mittelgross, das ist am besten. Wenn ich schon in keiner leben kann, will ich wenigstens in meinem Kopf eine besitzen. Die Geschichte, in der ich diese Kleinstadt (meine Heimatstadt) kaufen werde, wird mit folgenden Sätzen beginnen:
“Es war im Sommer letzten Jahres, als mich ein Mann namens Göll anrief und fragte, ob ich am Ankauf St. Gallens Interesse hätte, einer mittelgrossen Stadt im Osten der Schweiz, “in idyllischer Lage mitten in den Voralpen”. Die Absichten des Stadtrats, ihre Gemeinde zu verkaufen, seien noch geheim, ich sei der erste, den er anrufen würde. Ich antwortete kühl: “Nun, in den Alpen zu wohnen, das kann ich mir weniger vorstellen.”
“Die Voralpen”, korrigierte Göll, “es ist eher eine Art Hügellandschaft. Fünzig Kilometer bis zum Bodensee.” – “Alt?” – “Mittelalterlich. Und viel Jugendstil.” – “Bautätigkeit?” – “Anständig.” – “Ausländer?” – Göll zögerte: “Für Schweizer Verhältnisse normal. Wie gesagt: Wir wollten zuerst Sie fragen.” Ich notierte Gölls Nummer und versprach, es mir zu überlegen.
Zugegeben, ich war geschmeichelt, dass dieser Göll zuerst mich angefragt hatte. Seit der letzten Anfrage war fast ein Jahr vergangen. Es war damals um eine ganz indiskutable, windige Kleinstadt an der Nordseeküste gegangen, ich hatte vielleicht etwas zu sehr von oben herab “Nein” gesagt, aber wie auch immer, das Desinteresse an meiner Person seither hatte mich mit einer Art Aggressivität erfüllt, einer Art Verzweiflung. Rund um mich herum wurden Städte gekauft, sogar Weltstädte, von ganz jungen Leuten, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Die meisten Städte wollen heutzutage jugendliche Besitzer haben, am besten noch Kinder, und wenn man 30 oder 40 ist, dann glauben die Leute, man habe keine frischen Ideen mehr, man würde nur das machen, was überall sonst auch gemacht wird. Naive Sehnsucht nach ewiger Jugend entscheidet so über Fragen, die das Schicksal von Hunderttausenden angehen.
Ich sah mir St. Gallen auf dem Netz an: So klein war die Stadt gar nicht. Es gab jedenfalls kleinere Städte. Für die Schweiz war St. Gallen gross, ein Zentrum. Und die Stadt war katholisch, was mir besonders sympathisch war. Ich liess also zwei Tage verstreichen, in denen ich ein stichwortartiges Konzept entwickelte, und rief Göll an…”
Donald Barthelme, geboren 1931 und gestorben 1989 in Texas, Held und Anführer der amerikanischen Postmoderne, veröffentlichte seine erste Kurzgeschichte 1963. Er schrieb Hunderte von weiteren Kurzgeschichten, zahlreiche Essays, vier Romane und ein Kinderbuch, für das er den National Book Award erhielt. In Deutschland erschienen seine Bücher, nachdem ihn Brinkmann in “ACID – Neue amerikanische Szene” vorgestellt hatte, einige Jahre im Suhrkamp Verlag. Anfang der 70er Jahre, als die deutschen Beatniks Dozenten wurden, wurde Barthelme zum Seminarthema und verschwand vom Buchmarkt. Momentan sind nur noch zwei Bücher von ihm auf deutsch lieferbar: “Der Tote Vater” und “Der König” – in dem die Ritter der Tafelrunde die Nazis bekämpfen…
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