Jens Dietrich: Eröffnung (Manifesto II)
29. März 2008, 12:18 Uhr

“So könnte ich dem drohenden Unglück entkommen” – Luis Jacobs Album III
Wir sind die Treppen hoch gegangen, ich weiß nicht, warum es immer Treppen sein müssen. Treppen lenken den erwartungsvollen Blick nach oben, und wenn ich nicht der erste bin, der hoch geht, ist der Blick versperrt, und ich denke daran, wie die Muskeln in dem Körper da vor mir arbeiten, den Körper nach oben verfrachten, ihn zuallererst einmal im Gleichgewicht halten, und wenn dieses Gleichgewicht nicht mehr da wäre, dann würden wir alle zusammen die Treppe runterknallen. Rechts ist ein Geländer, an dem würde ich mich festhalten, so könnte ich dem drohenden Unglück entkommen.
Unten stand ein Türsteher, der die Selektionen vorgenommen hat, wir haben ihn nicht mal wahrgenommen. R. war in ihrem Redefluss und erzählte von der Eröffnung in L.A. Eine Gruppe älterer Männer mit Gebetskäppis kam aus der Moschee nebenan, blieb stehen und betrachtete den Auflauf vor dem Laden. Dosenbier trinkende Rocker in Lederhosen grölten auf dem Gehweg, einige Punks saßen auf den Bänken der Bushaltestelle gegenüber und hörten Old School: Kill Kill Kill Kill Kill The Poor: Tonight. Einer der Türsteher stand bei ihnen und nahm einen kräftigen Schluck aus der rumgereichten Thermoskanne. Ein Mann mit Sonnenbrille, Bauarbeiterhelm und neongelber Arbeitsweste lief herum und filmte mit einer klobigen Kamera. Neben dem Eingang verlagerte ein Penner unsicher sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Warum er denn jetzt nicht rein dürfe? Er sei doch jedes Wochenende im Rockloch. Geschlossene Gesellschaft, ist die Antwort.
Der Türgriff ist ein abgebrochener Gitarrenhals in Pistolenform, R. zeigt darauf, lacht und zieht. Alle sind da. Das Publikum, das Geld, die Presse, die Künstler, Satelliten und Sterne, Untergegangene und Aufsteigende, die gelockerten Krawatten, die alten Muskelshirts über frisch gestählten Muskeln, die Leute auf Speed, der Champagner und die süßen Schneehäschen. In der Ecke direkt neben der Tür steht P., ich kann nie sagen, ob er sich abgedichtet hat, um die Distanzen in die richtigen Dimensionen zu bringen oder ob er bloß introvertiert ist. Seine Neurotransmitterausschüttung scheint einem eigenem Wetterkreislauf zu folgen, der eisig fern von uns allen hier nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Auf seinen Augen, mal in autistischer Stumpfheit versackt, mal in analytisch durchdringender Kälte die statistische Existenz des Gegenübers festschreibend, ziehen gerade die Emotionen wie Wolken vorüber, sein Blick wandert nach hinten, er verdreht dabei die Augen leicht spastisch und reißt sie dann auf, als habe er eine Erfahrung gemacht. Mein Blick folgt seinem: Weit hinten im schlauchartigen Raum auf der Bühne hat B., Ende vierzig, von napoleonischer Statur und mit kurzen, dichten, grauen Haaren, das Mikro vom Mikrophonständer gerissen und hält eine Ansprache.

“Endlich wieder mal ordentlich authentisch” – Luis Jacobs Album III
“Leute, geil hier zu sein. Wir sind das Beste, was wir kriegen können. Das, was uns ausmacht, ist die Verbindung von Schwere und Leichtigkeit. Damit haben wir sie bisher immer alle aufs Kreuz gelegt, das versetzt ihnen einen Stich mitten ins Herz, weil sie da nicht hinkommen, wir sind immer schon weiter. Wir haben lange überlegt, wo wir denn jetzt als nächstes feiern sollten, das meiste ist durch, auf die schicke Schiene hattet ihr keine Lust mehr, die familiäre Art hätten wir nicht durchgestanden. Also endlich mal wieder ordentlich authentisch. Und deswegen heißt unsere Losung: Ab ins Rockloch! Wir haben hier einige Leute, die das alles auf Video aufnehmen werden, das gibt’s dann aufbereitet für eine Installation in London, da können wir noch mal ganz groß rauskommen. Danke P. für Deine Bilder, dank Euch allen, die ihr alles möglich gemacht haben. Die Jungs und Mädels hinter der Theke wissen Bescheid, ihr seid alle eingeladen! Viel Spaß!”
Danke, P., ich liebe Deine Bilder. Sie bereiten die Bühne, auf der meine Gedanken sich drehen und überschlagen. Ich liebe die Diskretion deiner Malerei, selbst wenn sie schreit, ist es ruhig, wenn ich mich umdrehe. Deine Bilder begleiten mich in meinen Träumen und Alpträumen, und sehe ich auf der Bühne Schauspieler, so sollen sie immer so sein wie in jenem Bild, dass ich vor zwei Stunden in den hohen, klinisch ausgeleuchteten Hallen der Galerie zum ersten Mal sah: Vor einem Kaufhaus in einer heruntergekommenen, mittelgroßen amerikanischen Innenstadt, Baltimore möglicherweise, hat sich eine Menschenschlange vor einem Mann gebildet, der einen Skizzenblock auf dem Schoss hält. Das oberste Blatt sticht mit seiner schmutzigen, hellen Farblosigkeit aus dem Bild heraus, eine aufmerksamkeitssüchtige, kleine Leerstelle.
Es geht um die Dokumentation der Schönheit. Der Maler wählt die Passenden aus, um aus ihnen das Urbild zu destillieren. Aus den Fenstern des Kaufhauses schaut eine Menschenmenge zu. Sie sind in den Rahmen zusammengepfercht, klatschen und johlen wie Gefangene aus ihren Zellen in einem Film, während die attraktive Profilerin die langen Gänge im Knast abschreitet. Der Maler schaut ungeduldig nach vorne, inspiziert die Frauen in der Schlange, allesamt die Variation des immergleichen ausdruckslosen Gesichts von maskenhafter Schönheit. Im Vordergrund rechts eine gebrochene Frau, sie wird von zwei weiteren gestützt, die sie aus dem Bild tragen. Der Maler mit dem Skizzenblock hat ihr wohl die Ablehnung mitgeteilt, dass er sie nicht für seine Dokumentation verwenden wird.
Die Frau, die gerade im Mittelpunkt steht, ist in fahles Licht getaucht, sie wendet den Blick demütig vom Betrachter ab und bietet zugleich ihren Hals zum Beißen. Die ängstliche Erwartung hat von ihr Besitz ergriffen, so dass sie nur mehr Oberfläche ist, Widerspiegelung des erhofften Begehrens, alles ist offensichtlich zwischen ihr und dem Maler, der aber ist noch gar nicht bei ihr angekommen, hat wohl noch die Gehende im Kopf und das Grauen vor all den zu fällenden Entscheidungen. Auf dem Skizzenblock, wenn man genau hinschaut, ist nur eine schmale Linie zu sehen, eine Andeutung, das war’s. Auf einem großen Werbebanner, das sich auf der oberen Etage des Kaufhauses von links nach rechts spannt, ist ein Transparent mit roter Schrift gespannt: “Es spielt keine Rolle, wer ihnen den Vorschlag gemacht hat, hierher zu kommen. Am Ende werden sie doch alle oben landen.”
Ich saß eine Stunde vor dem Bild, als sich U. neben mich setzte und mir sagte, er finde das alles reichlich überladen, früher habe P. das Geheimnis einfach gehabt und nicht wie jetzt herbeigekrampft. Wie es denn bei ihm so laufe, frage ich. Prima, er habe in den letzten Wochen endlich die Möglichkeit gehabt, seine Villa aufzuräumen. Das sei schon gut: Wenn einem gekündigt wird, habe man plötzlich unberechenbar viel Zeit. Und er habe sich auch auf die Herausgabe des Blogs von G. in Buchform konzentrieren können. G. sei ja wirklich der Einzige, der fürs Theater schreiben könne, da könne ihm keiner das Wasser reichen. Er habe die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität gewählt, um dadurch jede Möglichkeit auszuschließen, etwas anderes zu schreiben, als das, was eben gerade eben ist. Und das sei ja, mit Lasalle gesprochen, der revolutionäre Akt an sich. “Aber noch kein Theater”, erwiderte ich. U. startete zum Gegenangriff: “Wann hast Du denn das letzte Mal Theater im Theater gesehen?” “Und wann hast Du das letzte Mal Leben ohne Inszenierung gesehen?” U. lachte, an ihm tröpfelt alles ab, seine Laune in der Öffentlichkeit so blendend wie seine Zähne.

“Effizienz und Fortschritt. Vorwärts!” – Luis Jacobs Album III
Jetzt steht U. mit seiner Freundin, die er von hinten umarmt, ganz vorne bei der Bühne, außerhalb des Tumults und schunkelt etwas langsamer als der Rhythmus der Musik vorgibt. Die Band aus N.Y. hat viele Tattoos, der Sänger grunzt Unverständliches, die Leute zwischen Dreißig und Vierzig toben, schubsen sich durch den Raum und lassen sich Bier über die Köpfe laufen. Mir ist es zu eng, ich gehe an der Bar entlang, mein Blick kalt, doch es gibt keinen Korridor, die Menschenmenge teilt sich nicht, ich dränge die Trinkenden zur Seite, die Köpfe drehen sich zu mir um, aber nicht wegen mir, wie ich draußen feststelle, sondern wegen des Lärms, der hereindringt. Zwei von den Punks laufen auf dem Gehweg vor den Türstehern aufeinander zu und knallen mit voller Wucht gegeneinander, während die anderen ihnen dabei zujubeln, einer brüllt ekstatisch in einer Schleife: “Effizienz und Fortschritt. Vorwärts!” Nach dem Aufprall liegen beide benommen auf dem Boden, einer scheint sich auf die Lippe gebissen zu haben und blutet. Sie rappeln sich auf und positionieren sich für die nächste Runde. Ein Kameramann hat sich professionell daneben postiert, beleuchtet den Vorgang mit seinem auf die Kamera fixierten Scheinwerfer.
Etwas abseits steht G., raucht hektisch und kümmert sich nicht um den Aufruhr. Er hebt den Kopf, schaut mich durchdringend an und hat mich dann verortet. Er will wissen, wie denn die Vorbereitungen laufen. “Wie es eben immer ist, bevor es angefangen hat: Ausweichen, Druck, Panik, Erleuchtung, Verzweiflung. Alles in unberechenbarer Reihenfolge.” Er meint, er werde schauen, und vielleicht komme er ja zur Premiere. Er erzählt von einer Fotografie, die er letzte Woche gesehen hätte. Eine Gruppe Jugendlicher mit Outdoorjacken und Rucksäcken, die auf einer Wiese übereinander stolpern, über ihnen ein schwarzer insektenpanzerartig glänzender Hubschrauber. Einige Leute helfen sich beim Aufstehen, der wildentschlossene Blick einer Frau mit buntem Halstuch in die Kamera gerichtet. Die Köpfe der anderen sind eng beieinander, sie schreien sich ihre Pläne zu, was als nächstes zu tun sei. Der Wasserwerferregen bildet einen kleinen Regenbogen, im Hintergrund eine Phalanx von Polizisten in voller Kampfausrüstung, die auf das Gewühl zuschreiten und die Ordnung wieder herstellen werden. Dieses Bild habe die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt gebracht. Ohnmacht sei immer personalisiert, Macht immer Demonstration, das Zeigen auf die Potentialität.
G. hat sich kurzatmig in Rage geredet, jetzt setzt er eine Pause, verschnauft. Ohne Bruch wechselt der Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wirkt ausgezehrt, verloren, vorsichtig und misstrauisch, und dabei glimmt unten in ihm das Unvorhergesehene, jeden Augenblick könnte er auf mich stürzen, mich umarmen oder zuschlagen. Er tritt einen Schritt auf mich zu. “Vergiss das beknackte Bild. Das interessiert keinen mehr. Weißt Du, was für die Entwicklung der Kunst in den nächsten Jahren entscheidend sein wird? Nicht die Macht und ihre Repräsentation. Das ist durch. Da hat das Theater sich schon abgearbeitet und reproduziert die abgenudelten Feindbilder, die zur Zementierung einer nur in der Fantasie der Theaterschaffenden existierenden dumm-dialektischen Parallelwelt dienen. Wie die Kunst zur Wirtschaft steht, das ist zentral. Es wird um das Begreifen von wirtschaftlichen Prozessen gehen.”
G. hat erneut Anlauf geholt und hechtet atemlos einem in rasender Geschwindigkeit fliehenden Gedanken hinterher. Er hört sich beim Reden zu, schaut schnurstracks an mir vorbei und registriert nicht, wie einer von den Punks sich neben die Rocker gestellt hat, und eine Bierflasche auf ein Fenster vom Rockloch wirft. Die Scheibe klirrt und von drinnen hört man aufgeregtes Kreischen. “Die Ökonomie hat viele Argumente der linken Kritik in ihr System integriert. Aber zugleich hat die Ausweitung des Warencharakters auf zwischenmenschliche Beziehungen eine Leerstelle geschaffen. In diesem Punkt stimmt die Analyse von Marx: Die bürgerliche Revolution macht alles quantifizierbar und befreit das, was zur Ware geworden ist.” Aus dem Rockloch sind Leute gestürmt, die eben noch auf der Tanzfläche herumgehopst sind. Einer der Rocker, ein dicker Typ mit langem Bart, hat sich neben der Treppe aufgestellt und haut mit einem Baseballschläger auf einen jungen, gut aussehenden Juristen in Jeans und Jackett ein.
“Diese Befreiung führt aber auch zur Dekontextualisierung. Es gibt keine verbindliche Grammatik mehr, die den Sinn der Abläufe konstruiert. Deswegen bedarf die einzelne Ware, die einzelne zwischenmenschliche Beziehung einer Strategie der Fetischisierung, damit sie überhaupt einen nicht-relativen Wert bekommt. Und die Mittel der Fetischisierung holt sich die Wirtschaft aus der Kunst und dem Theater. Und versucht gleichzeitig, damit die transzendentale Obdachlosigkeit zu überwinden, indem sie auch die Inhalte importiert.”

“Alles wird seine Ordnung bekommen” – Luis Jacobs Album III
Andere Punks haben sich mehr Bierflaschen geholt und werfen auf die noch nicht zerbrochenen Fenster, eine Frau hat ihr T-Shirt hoch gezogen, präsentiert stolz ihre Brüste, und läuft ekstatisch vor den Fenstern des Rocklochs auf und ab, quietscht: “Wir brauchen einen größeren Spielraum.” Es kommen immer mehr Leute raus, zwei Anzugträger schleifen einen völlig betrunkenen Punk an den Armen aus der Gefechtszone, geben ihm einen Tritt in die Seite und lassen ihn liegen. P. steht bei den Rockern, die ihn entgeistert anstarren und kramt aus einer am Boden liegenden Motorradjacke ein Päckchen Zigaretten. Hilfesuchend torkelt er herum und quatscht jeden an, bis er Feuer hat. Eine Bedienung vom Rockloch ist auf U.s Sportwagen geklettert und hat sich die Aufgabe gesetzt, mit sanften Sprüngen ein gleichmäßiges Muster in das Dach zu stanzen. U. schaut aus sicherer Distanz von der Bushaltestelle zu, applaudiert: “Weiter so. Ist alles versichert!”
B. steht in einem Fensterrahmen und will die Menge beruhigen. “Das ist wirklich gut, was ihr macht, wir haben alles auf Tape. Wir werden daraus eine ganz große Kiste machen, da könnt ihr euch drauf verlassen. Kein Grund, schlechte Laune zu bekommen.” Eine Bierflasche fliegt direkt auf ihn zu, zersplittert an seinem Kopf. B. sackt nach unten, unter den Rahmen, ist nicht mehr sichtbar, und ein erschütternder Schrei übertönt die Szenerie. Der Kameramann lässt die Kamera sinken, der Jurist keucht zusammengekauert auf den Treppenstufen und spuckt Blut. Dann ist es kurz ruhig, die Leute auf der Straße schauen sich fragend an, an den Fenstern ist niemand zu sehen, die Band hat aufgehört zu spielen. Ich gehe in Richtung Hauptstraße auf einen Taxistand zu, zwei Sirenen kommen mir entgegen, das Blaulicht taucht die Kulisse der Fassaden in Theaterstimmung, gleich werden die Beamten alles wieder herstellen, alles wird seine Ordnung bekommen.
Auf dem Rücksitz des Taxis fahre ich durch das nächtliche Berlin, die Straßen wirken prachtvoll, die Stadt in Erhabenheit getaucht, im Vorbeigleiten jeder Schimmer ein Versprechen, jedes Haus ein Monument der Zuversicht. Die Laternen auf den Brücken über die Spree führen den Blick in all die Möglichkeiten des Kommenden, jede Straßenkreuzung ein Knotenpunkt, durch den die Gedanken rauschen, sich überkreuzen und mich mitnehmen.
“Eröffnung” von Jens Dietrich ist Teil einer Reihe von künstlerischen Manifesten verschiedener Autoren aus dem Theater-, Literatur-, Musik- und Filmbereich, die in unregelmässigen Zeitabständen und in unterschiedlicher Form auf den Seiten von AlthussersHände.org erscheinen. Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant.
Jens Dietrich – Ambassador des IIPM und Mitglied des Leitungsteams des Dokufictionprojekts “The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu” – studierte Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen, u.a. bei Heiner Goebbels, Hans Peter Kuhn und John Jesurun. Nach dem Studium arbeitete er an Richard Foremans Ontological Theater in New York, an den Städtischen Bühnen Köln und am Theater Freiburg und ist seit 2004 freier Dramaturg in Hamburg und Berlin. Neben zahlreichen Einzelprojekten ist er Chefdramaturg der Fleetstreet Hamburg und Tanzdramaturg bei der Compagnie Veronika Riz in Bozen. Momentan arbeitet er mit Angela Richter, Dirk von Lowtzow und Jonathan Meese an “Berlin Bambilon: Rainald Goetz’ Jeff Koons“, das ab dem 9. Mai 2008 am HAU in Berlin zu sehen sein wird.
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29. März 2008, 17:52 Uhr
lieber jens dietrich, das lied von den dk ist ein besonders debiler song, debiler sind meines wissens nur noch ween – vielleicht sollte mal eine fehlgeleitete rakete in dein rockloch rauschen. aber genialer text, respekt.
ps: welches bild beschreibst du da? und folgt bald eine auflösung der abkürzungen? (g ist goetz, vermute ich mal)
29. März 2008, 18:01 Uhr
Lieber Daniel
Ich erinnere mich, das Bild in der Galerie Kleindienst (Leipzig) gesehen zu haben, es ist von Christoph Ruckhäberle, der Titel ist mir leider entfallen (irgendwas mit “Bohème”). Aber endgültige Aufklärung werden Sie wohl nur vom Autor erhalten.
Dagmar Treichel
30. März 2008, 15:05 Uhr
Lieber Daniel, liebe Dagmar,
die Bildbeschreibung bezieht sich auf François-André Vincents “Zeuxis et les filles de Crotone” von 1789(http://www.insecula.com/oeuvre/photo_ME0000029024.html), weicht aber auch an einigen Stellen weit von dem Bild ab.
Das Rockloch braucht die Rakate übrigens gar nicht, für die Zerstörung sorgt doch schon das Publikum.
Das Personal ist teilweise an reale Personen und reale Ereignisse angelehnt, aber eben auch nur assoziativ. Und danke für das Kompliment.
31. März 2008, 14:42 Uhr
Lieber Jens,
dem Kompliment kann ich mich anschliessen – toller Text, eine ganz neue Form eigentlich (von Goetz oder Heckmans mal abgesehen). Was mir nicht ganz klar geworden ist, ist Deine Haltung zu den Vorgängen im Rockloch/Museum. Die Kunst als pseudotranszendenter White Cube, in dem es um die “Dokumentation der Schönheit” geht, eine theoretisch aufgerüstete “Bühne der Gedanken”, von den Asozialen da draussen schön abgeschirmt (ausser man braucht sie als besoffene Statisten, die der Kulturelite mal fotogen in die Fresse hauen)? Die Kunst als Geld-Maschine, von Arschlöchern wie U. (Moritz von Uslar, hm?) je nach Tagesform hochgeschwafelt? Oder doch eine Art Notausgang in die “Träume”, in einen neuen Mythos (das beschriebene Sprach-Bild könnte so ja auch von Strauss sein)? Das wird nicht ganz klar, v. a. weil du dann plötzlich die Wirtschaft, also den in der heutigen Kunst fast AUSSCHLIESSLICH zelebrierten Waren-Fetischismus (gibt es ÜBERHAUPT NOCH ein anderes Thema?) als DAS Thema auch noch fürs Theater einführst. Wobei das natürlich IMMER noch besser wäre als der Naturalismus, den man sonst so zu sehen kriegt. Die bildende Kunst ist (als Kunst, nicht als theoretischer oder ökonomischer Zusammenhang!) mehr oder weniger am Ende, da stimme ich dir zu. Aber muss das deshalb auch fürs Theater gelten?
Herzl, Julie
31. März 2008, 15:14 Uhr
liebe julie, wo liegt das problem? soweit ich kant/dietrich verstanden habe, gehts in der kunst um “interesselose anschauung” (vgl. dietrichs museumsszene beziehungsweise kants zweite kritik). wenn als zugabe eins in die fresse, ein neuer mythos und andere “nicht-relative werte” (ein sportwagen?) rausspringen, dann immer her damit! und jetzt alle zusammen: effizienz und fortschritt – vorwärts! vorwärts! vorwärts!
31. März 2008, 15:31 Uhr
Lieber Tim
Es ist die dritte Kritik (Kant). Aber ansonsten kann ich nicht anders, als in Deinen (und Julies?) Ruf einzustimmen:
Ein neuer Mythos!
Ein neuer Sportwagen!
Eine neue Schönheit!
Eine neue Fresse!
Vorwärts!
Hervorragendes Manifesto, lieber Jens, fürwahr, und viele schöne Kommentare, wenn ich das als Herausgeber so sagen darf…
31. März 2008, 20:21 Uhr
Okay, ich dachte, da kommt was Ernsthaftes…
31. März 2008, 21:06 Uhr
Liebe Julie
Bitte verzeih. Ich war ganz hingerissen, ja: berauscht von der Zahl der Kommentare – und gehöre sowieso zu den Leuten, die für eine billige kleine Pointe ihre Schwester verkaufen würden. Aber wie dem auch sei: Für eine ernsthafte Antwort auf Deinen Einwand musst Du den Autor selber abwarten, der, soweit ich weiss, gerade an einem Stück arbeitet, welches den Widerspruch von Fetischismus, Geschwafel und tief-deutscher Genieerfahrung zum Thema hat (Goetz’ “Jeff Koons”). Ich bin gespannt und grüsse dich herzlich
Der Herausgeber
2. April 2008, 08:59 Uhr
Liebe Julie,
Theater, Kunst, Gesellschaft bilden jeweils unterschiedliche Welten, zwischen denen es nur schmale Übergänge gibt, und es ist ein völliges Missverständnis, wenn Du davon ausgehst, dass der Text als Kritik an der Kunst zu lesen sei und sich ableiten ließe, dass die bildende Kunst als Kunst am Ende sei. Geld und Geschwafel und Dekadenz sind doch, wenn sie bestimmten ästhetischen Kriterien genügen, äußerst angenehm! Und die Sehnsucht nach Realität gibt es nicht nur in der Kunst sondern auch im Leben!
Für mich ist die bildende Kunst tatsächlich sehr lebendig, und es gibt viele Bilder, Installationen, Videoarbeiten, Fotografien, die ich als völlig treffend, neu und inspirierend sehe. Und ich arbeite wie Du im Theater, da versucht man natürlich immer mit seinen Produktionen weiter zu gehen, dahin, wo man noch nicht war, da bin ich völlig unzynisch.
Es geht im Text ja nicht um den einen Standpunkt, der zu vermitteln wäre im Sinne einer Aufklärung, vielmehr steht das Aufspüren von Positionen im Zentrum, um diese dann gegeneinander zu stellen, abzuhaken, darauf aufbauend Neues zu entwerfen. Also nicht: Fragen stellen, kritisieren, urteilen, entlarven, besser wissen. Sondern: sich hineinwerfen, in die Argumente hineingezogen werden, zugleich die Gegenposition beziehen, verwerfen und die Möglichkeit des anderen Entwurfs vor Augen haben. Das ist für mich kein Notausgang und hat auch nichts mit Träumen zu tun, das ist ein Durchgehen von Möglichkeiten, um real Konsequenzen zu ziehen. Es sind ja nicht meine Positionen, die die Leute im Text von sich geben: Ich kann ihnen zwar schon etwas abgewinnen, und auch U. (übrigens nicht Herr von U.) hat durchaus Recht auf seine Weise. Und Theater (in gewisser Weise ist das Museum/Rockloch ja auch eine Bühne mit Akteuren, wenn auch eine Gedankenbühne) bedeutet, unterschiedliche, unvereinbare Positionen aufzufahren, wobei sich dann zeigen muss, wie diese Positionen den gleichen Raum einnehmen können, ohne Dominanz und Ausschließlichkeit, sondern eben ein Weg nach vorn gestalten, um die Frage zu klären: Und was dann? Was jetzt? Also tatsächlich Fortschritt, und dabei versuchen, den schmalen Übergang von Kunst zur Gesellschaft zu nehmen.
Na also, jetzt ist inzwischen mehr Manifest im Kommentar als im Text!
Herzliche Grüße,
Jens
3. April 2008, 06:49 Uhr
Lieber Jens, in aller Kürze (Proben): vielen Dank für die ausführliche “Lesart”! Das ist in allem auch meine Auffassung, auch wenn ich die so konkret und elegant nicht ausdrücken könnte… (damit wärens nun also zwei Manifeste – bin gespannt auf weitere)
Herzlich, Julie
PS: Also NICHT Herr von U., hm…