Kaufen Sie!
9. Februar 2008, 18:23 Uhr

“Es hat nie einen totaleren Roman gegeben” – Tolstois “Krieg und Frieden”
Wenn man als Tier auf einer Liste erscheint, kann man davon ausgehen, dass es mit der eigenen Spezies nicht mehr besonders weit her ist. Gelistet zu werden, bedeutet für ein Tier, vom Aussterben bedroht zu sein, es ist das letzte Papierrascheln im Ohr einer verdämmernden Art. Als Mensch ist die Sache komplizierter. Für uns sind Listen nicht grundsätzlich tödlich – man denke beispielsweise an “Schindlers Liste” -, aber meistens existenziell – erinnern wir uns an die verschiedenen Listen der “Formalisten”, auf die zu geraten in der jungen Sowjetunion mit einem Genickschuss belohnt wurde.
Die reine Tatsache einer Liste ist also mehr als nur das Zusammenbringen und Festhalten einer sonst disparaten Gruppe von Elementen. Eine Liste bezeugt, ihrem Wesen nach, eine höhere Notwendigkeit, sie kommt einem Urteil gleich: eben festzuhalten, was ihrer Ansicht nach zusammengehört, und es zu selektionieren. Eine Liste spielt, wie ironisch sie auch daherkommt, mit dem ethischen Pathos des grossen Listen-Patriarchen, des autistischen und grössenwahnsinnigen Urvaters aller Listen: des päpstlichen Index.
Nun wäre das alles nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht jede Liste – ausser sie beruht ausschliesslich auf Fakten – mit diesem dogmatischen “So-sehe-ich-das” kokettieren würde. Nie ist ein mittelmässiger Kritiker glücklicher, als wenn er einen bis anhin fast unbekannten Autor oder Musiker in die Liste der “wichtigsten” Autoren oder Musiker aufnimmt, wenn er eine allgemein als angesagt geltende kulturelle Praktik als “peinlich” listet, wenn er einen zynischen Punk-Begriff zwischen die althergebrachten Begriffe der guten Gesinnung oder einen Revoluzzer auf die Liste der linksliberalen Langweiler und Gutmenschen setzt, wenn er zugibt, einen anerkannten Höhepunkt des Kunstfilms “nicht zu verstehen”, wenn er einen sentimentalen Song oder einen billigen Trashfilm zum “Meisterwerk” oder einen Kunststudenten, der Kitsch liebt, zum “neuen Jeff Koons” macht.

“Nie wieder so gepackt von einem Buch” – Simons “Die Strasse in Flandern”
Listen haben, da willkürlich, einen selbstherrlich moralischen Kern, und mittelmässige Menschen lassen es sich, da eben durch und durch mittelmässig, ungern entgehen, sich immerhin im Rahmen einer Liste als hartgesottene, ihren abgefahrenen Neurosen unterworfene Dandys darzustellen. Das beste Beispiel dafür sind die Listen, die in intellektuellen People-Magazinen erscheinen. Dort geht es in erster Linie darum, das eigene Ich in ein skurriles, locker dekadentes, eben “persönliches” Licht zu stellen. Diese Listen, auf denen Halbberühmtheiten und Journalisten ihre Vorlieben und Abneigungen bekannt machen, sollen coolen Überblick bei gleichzeitiger Andeutung emotionaler Verwickeltheit in irgendwelche Camp-Praktiken suggerieren – meistens geht es um Musikgeschmack, spezielle Ess- und Körperpflegegewohnheiten und die kleinen Marotten bei Intercontinental-Flügen oder beim Geschlechtsverkehr, also ungefähr um das, was man allgemein unter “exzentrisch” versteht.
Diese Listen sind das Äquivalent der zerrissenen Jeans des verkrampften Gymnasiasten: Man erklärt sich zum abgefuckten Veteranen von etwas, was man bloss konsumiert hat, man nimmt Lebens-Erkenntnisse für sich in Anspruch, die man sich anhand ängstlicher Recherche-Technik zusammengesucht hat und, was das Allerblödeste ist, dann sogar noch praktiziert. Diese ausgefeilten “Was ich mag und was ich nicht mag”-Listen sind das Banner, unter dem der postmoderne Kleinbürger mit verbissener Entspanntheit durch seinen ereignislosen Alltag reitet. Wenn eine kulturelle Praktik auf diesen Listen erscheint, kann man davon ausgehen, dass sie sich erlebnistechnisch längst erledigt und zum Accessoire des Ego-Blödsinns geworden ist.
Ich muss deshalb gestehen, dass ich persönlich auf Listen – insbesondere auf Buch-, Film- und Musiklisten – nie einen zweiten Blick werfe. Warum auch? Luxuserlebnisse mit dem aufdringlichen Hinweis auf irgendwelche Rezeptions-Ekstasen und obskure Vorlieben zu unterfüttern, das kann jeder. Ich bin es leid, Thomas Mann Seite an Seite von No-Names zu sehen, nur durch das verschwörerische Augenzwinkern eines Redakteurs vereint. Ich habe genug davon, irgendwelche Konzert- oder Museums-Erlebnisse mausgrauer Journalisten im Kerouac-Ton erzählt zu bekommen, zu erfahren, dass sie die Strokes “zufällig in einem New Yorker Club, in den mich eine französische Ballett-Choreografin, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hatte, mitgenommen hat”, entdeckt haben. Es reicht mir, auf Parallelen zwischen Neil Young und dem neusten Folk-Sternchen hingewiesen zu werden. Ich will nicht wissen, wieso dieser oder jener viertklassige Roman “meisterhaft” ist und was der Kritiker gefühlt hat, als er ihn gelesen hat. Und, vor allem: Es ist mir rätselhaft, was sich diese professionellen Vergleiche-, Listen- und Meistermacher davon versprechen, uns das alles mitzuteilen.

“Keine Reportagen heisser geliebt” – Joan Didion, amerikanische Reporterin
Natürlich könnte man jetzt einwenden: Heutzutage sind eben Rezeptionserlebnisse an die Stelle richtiger Erfahrungen getreten, heutzutage schiesst man nicht mehr auf die Bürger anderer Nationen, sondern besucht mit ihnen New Yorker Indie-Clubs. Das ist richtig – es sei denn, man betrachtet die imaginären Klassenkampfekstasen, die Ethnologiestudenten jeweils am 1. Mai und beim Davoser Gipfel empfinden, als ernsthafte Antwort auf den globalisierten Kapitalismus. Ich persönlich halte, nebenbei bemerkt, nichts von der Vorstellung einer authentischen Welt, anhand derer alle sekundären Pop-Phänomene als Blödsinn gegeisselt werden müssten.
Aber mir ständig von Leuten, die aus der Universität direkt ins Kultur-Beamtentum hinübergerutscht sind, die Kraft und die mythische Energie der Kunst unter die Nase reiben lassen zu müssen, vor der die Unterscheidungen und Theorien, die sie vorher an der Universität mit Leuchtstiften markiert und auswendig gelernt haben, “bedeutungslos”, “langweilig” und “nebensächlich” werden – das ist auf die Dauer einfach zu blöd. Es ist mir klar, dass die Warenwelt mehr verspricht als die Welt des Geistes, als Gott und die Geschichte im Doppelpack. Aber das ist trotzdem kein Grund, die verzückten, mit Kaffeehaussoziologie garnierten Fürzlein, die diese Leute fahren lassen, wenn sie nervös und unsicher in Londoner Clubs oder New Yorker Edel-Galerien herumsitzen, sich freiwillig in die Nase zu ziehen.
So. Was nun zugegeben etwas seltsam ist, auch für mich selber: Dass ich mit diesen ganzen Erörterungen nicht das Ende des privat gefärbten Kulturjournalismus verkünden, sondern einen Buchshop ankündigen will – eine Liste mit fünf Buchempfehlungen, die von heute an und alle paar Wochen neu bestückt im Blogroll rechts erscheinen wird.
Die Auswahlkriterien dieser Liste entsprechen, zu meinem eigenen Entsetzen, allen Kriterien, die ich gerade erst als Höhepunkt des spiessigen Kulturjournalismus gegeisselt habe: Die Liste frönt der angesagten Vorliebe für Klassiker und für amerikanische Literatur. Sie stellt einen halbbiographischen Reportageband (Didion) zwischen einen Band feministischer Gedichte (Carson), einen russischen Realisten sowie einen experimentellen Roman (Simon), womit sie das wertfreie Zusammenführen aller hoch- und subkulturellen Tribes auf dem Wühltisch des Pop-Dandys praktiziert. Und zuguterletzt tue ich so, als wäre das alles angebracht, weil ich es bin, der es tut. Es fehlt eigentlich nur, dass ich Werbung für die Memoiren irgendeines “unterschätzten” Rocktrottels mache, auf die im März erscheinende Diogenes-Ausgabe von Miranda Julys Kurzgeschichten hinweise oder zur Pediküre gehe, um endgültig in die Redaktion eines der oben erwähnten People-Magazine aufgenommen zu werden.

“Ins All geschossen” – Start einer voll bestückten Literatur-Rakete
Was kann ich zu meiner Entlastung anführen? Erstens habe ich diese Liste aufgestellt, bevor ich über die Idiotie von Listen nachgedacht habe. Zweitens handelt es sich um Bücher, die, hoffe ich, die Listen-Idee transzendieren, und zwar jedes einzelne. Es sind fünf Bücher, die in ihrer extremen Unterschiedlichkeit geeignet wären, eine Rakete zu bestücken und zur Unterrichtung irgendwelcher Aliens darüber, was DER MENSCH ist, ins All geschossen zu werden. (Ich spreche, um die Sache nicht zu kompliziert zu machen, vom westlichen, weissen, emanzipierten und gebildeten Menschen des bürgerlichen Zeitalters.)
Drittens? Der Autor meint es wirklich ernst mit seiner Liste. Er hat nie einen totaleren Roman gelesen und wird nie einen lesen als “Krieg und Frieden”; er liebt keine Reportagen heisser als die in “Das weisse Album” versammelten; er ist tatsächlich der Meinung, dass es keine vollkommenere Erzählung gibt als “Der Schiessstand” aus Brodkeys Band “Unschuld”; er war nie so gepackt von einem Buch wie von “Die Strasse von Flandern” und nimmt keinen anderen Gedichtband so oft zur Hand wie Anne Carsons “Glas, Ironie und Gott”.
Sollten Sie also diese Liste trotz der gegenteiligen Argumentation ihres Verfassers interessant finden, wozu ich Ihnen nur raten kann: Kaufen Sie die Bücher! Kaufen Sie sie noch heute! Kaufen Sie alle fünf! Und lesen Sie sie!
Es könnte sein, dass Ihr Leben sonst vollkommen sinnlos ist.
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9. Februar 2008, 19:26 Uhr
Ja! Ich hab sie gekauft! Alle!!
Mit Grüssen, ganz herzlichen,
Ihre f.dick
11. Februar 2008, 19:43 Uhr
Lieber Herausgeber
Dieser Essay erstaunt mich. Was Sie verurteilen, ist ja mehr oder weniger das Rezept, nach dem Sie selber vorgehen – nicht nur auf der Buchliste: alles Mögliche auf den Wühltisch werfen, den Descartes mit dem Morgenthau-Plan und David Lynch vermischen, dazu einige an den Haaren herbei gezogene Zitate, löffelweise Kaffeehaussoziologie, einen halben Kübel persönliches Erleben und ab und zu eine Anekdote über Leute, die Sie “kürzlich in Paris getroffen” haben wollen. Falls Selbstkritik Ihr Ziel war, das haben Sie nun tatsächlich mehr als erreicht!
Aber nicht traurig sein: Ich finde ja gerade Ihren PERSÖNLICHEN Stil interessanter als die Pseudo-Objektivität, wie man sie sonst überall liest. Es ist doch ganz schön, wenn man, wie auf dem berühmten Velasquez-Bild, den König auch mal im Spiegel sieht. Sie haben natürlich recht: Irgendwelche Rezeptionsekstasen heraufbeschwören, das kann jeder, sich selber über den Umweg der Kunst bespiegeln auch.
Aber es ist eben auch im Kulturjournalismus so: Der eine kanns besser, der andere schlechter. Und da beginnen dann natürlich die Diskussionen, nicht wahr?
Es grüsst Sie die treue, öfters zweifelnde Leserin
Wally
11. Februar 2008, 20:00 Uhr
Liebe Wally
Soeben habe ich Ihren Kommentar freigeschaltet – und muss Ihnen ganz recht geben. Privat gefärbte Kritik ist nicht nur besser als pseudo-objektive, sie ist auch unterhaltsamer – und was wäre privater als Selbstkritik? Insofern denke ich sogar dann an die Leser, wenn ich mir widerspreche.
Aber lassen wir die Scherze: Ich bin absolut FÜR die subjektive und GEGEN die objektive Kritik – also FÜR Meinungen und GEGEN Urteile – schon im Hinblick auf den/das Kritisierte/n. Gleichzeitig nervt mich übertriebener Subjektivismus, wie er in Lifestyle-Journalen zelebriert wird – dieses “Ich habe den und den dort und dort getroffen und wir haben über dies und das geredet und uns so und so dabei gefühlt”. Aber die Grenze zwischen beidem, die ist tatsächlich sehr schmal und wird, wie Sie sagen, nur dadurch gezogen, dass einer es fertigbringt, das richtige Gleichgewicht zu halten. Und hier beginnen die Diskussionen…
Obwohl ich irgendwie den Verdacht habe, dass Sie mich zu den Leuten zählen, die nicht immer das Gleichgewicht halten u. abstürzen, grüsse ich Sie freundlich
Der meistens zweifelnde Herausgeber