Logik des Reenactments (1.1. Der Ritter von der traurigen Gestalt)
3. April 2008, 17:04 Uhr

“Sinnieren Sie ab und zu über das Ende der Dinge?” – Tschernobyl (Ukraine)
Hypocrite lecteur, mon semblable, mon frère – gestatten Sie mir ein paar Fragen. Ja? Also: Tragen Sie ein Jackett? Achten Sie auf die Frisur und die Schuhe Ihres Gegenübers? Betrachten Sie sich selber als emotional „eher indifferent“? Waren Sie trotzdem bestürzt, als Baudrillard starb? Veröffentlichten Sie einen theoretischen Essay oder führten ein theoretisches Gespräch, als die erste Matrix-Folge in den Kinos lief? Zweifelten Sie daran, ob der (zweite) Golfkrieg “real” war? Tragen Sie Ihre Haare kurz oder immerhin zurückgekämmt? Hassen Sie Hippies? Finden Sie am Gedanken der genetischen Vorbestimmung geistigen Geschmack? Spricht Ihnen Michel Houellebecq aus der Seele? Gab es eine Zeit, in der Sie das Wort „DJ“ auffällig oft benutzten oder sogar selber einer sein wollten?
Und weiter: Assoziieren Sie „links“ mit lächerlich und verbohrt? Vermuten Sie hinter Gesellschaftskritik Neid? Betrübt Sie die Stillosigkeit der Globalisierungsgegner? Benutzen Sie vielleicht sogar ab und zu den Begriff „Gutmensch“? Sinnieren Sie ab und zu mit metaphysischem Kribbeln über das „Ende“ der Dinge (der Bildung, der grossen Imperien, des Bürgertums)? Zitieren Sie gern Andy Warhol oder Oscar Wilde? Hassen Sie Punks und Proleten, Anarchie und schlechte Manieren? Verspüren Sie, wenn Sie einige Jugendliche beim Randalieren beobachten, den Wunsch nach staatlicher Strenge? Finden Sie die Demokratie insgeheim unschön? Fühlen Sie den dramatischen Wunsch, zu einer (irgendeiner) Elite zu gehören? Würden Sie behaupten, ein Dandy zu sein? Würden Sie diesen Satz unterschreiben: Besser schnell als tief denken?
Falls Sie mindestens fünf dieser Fragen eindeutig mit „Ja“ beantworten können, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit um die 40 Jahre alt, gebildet und kennen in Mailand oder New York „ein kleines Restaurant, das aussieht wie eine Galerie“. Als Sie zehn oder zwölf waren, kam Khomeini an die Macht. Erinnern Sie sich? Als Sie in der Friedensbewegung waren, hatten Sie Pickel und eine Zahnspange, weshalb Sie noch heute nur mit leichtem Ekel an „Bewegte“ denken können. In Ihren Teenagerjahren erlosch der Kalte Krieg wie ein sinnloses Gerücht. Tschernobyl explodierte in Ihren frühen Zwanzigern. Als die Mauer fiel und riesige Mengen absurd schlecht gekleideter DDR-Bürger ihr Begrüssungsgeld in Empfang nahmen, kamen Sie gerade von einem Auslandsemester aus Berkeley zurück. Nicht wahr? Und als die Türme fielen, trugen Sie italienische Slipper. Ihr Leben war fertig.

“Aufgehoben und geschleudert – in eine stählerne Zeit.” – Twin Towers (USA)
Ach ja, die Türme, sie fallen die ganze Zeit. Immer wieder fallen sie, nicht wahr? Aber als sie zum ersten Mal fallen, sind Sie Mitte dreissig. Sie verfolgen die Geschehnisse in der Lobby Ihrer Redaktion (oder Ihrer Galerie oder Ihres Werbebüros). Da Ihre Beine, als die Türme zum ersten Mal fallen, übereinander geschlagen sind, sind fünf Zentimeter Ihres rechten Unterschenkels entblösst und ein kühler Lufthauch streichelt Ihr Fleisch. Ich sehe Sie vor mir, wie die seltsame Schönheit der Zerstörung und die erste Kühle des Herbstes einen Schauder über Ihren Rücken jagen. Ich sehe, wie Ihre Nackenhaare sich aufstellen. Absurd, denken Sie. Grotesk. Schrecklich. Gross. Vermutlich historisch. Muss man jedenfalls versuchen abzuspeichern. Und plötzlich erkennen Sie, dass das Flugzeug nicht zufällig in die New Yorker Innenstadt geraten sein kann. Nein-nein, das kann doch kein Zufall sein, denken Sie. Ihr Puls wird einige Schläge schneller. Aber Sie sind sich noch nicht ganz sicher. Sie sagen lieber nichts. Ich sehe, wie Sie vorsichtig nach rechts und links schielen. Niemand sagt etwas. Sie behalten Ihre Vermutung noch für sich.
Aber jetzt fällt der zweite Turm! Riesige Staubwolken hüllen Manhattan ein! Sie sind sich jetzt sicher: kein Zufall! Krieg! Und plötzlich fühlen Sie sich aufgehoben, geworfen, geschleudert – mitten in eine stählerne Zeit! Ihr Hirn erzeugt ein gleissendes Gefühl, ein philosophisches Staunen von höchster Strahlkraft, eine Verklärung wie beim Anblick grosser Kunst. Ungeordnete Feuilleton-Gedanken schiessen durch Ihren Kopf: die Rückkehr des Realen! Ein neues Zeitalter! Neue Gegner! Neue Machtsysteme! Eine neue Anthropologie! Renaissance! Weltgeist! Stil! Anmut! Amerika! Unschuld! Untergang! Tod! (Wie damals in Basel in der Fondation Beyeler, als Sie auf einmal gewusst haben, was Jackson Pollock meint. Wie damals in München, als Vivienne Westwood zufällig am Nebentisch sass. Wie damals, als Sie durch diese Allee in der Bourgogne geflitzt sind, mit zweihundert Sachen, den Finger am Lenkrad wie an einem Abzug. Wie damals, als Ihnen genau im richtigen Moment das lustige Maozitat eingefallen ist, als Sie mit Ihrer Freundin im Colette waren, an der Rue du Faubourg-Saint-Germain, mit dem Handrücken über einen winzig kleinen, kühlen Notebook streichelnd…)
Ach ja, die Türme. Die Türme! Aber wenn Sie gestatten, würde ich Sie jetzt gern klassifizieren. Sie sind das melancholische Bollwerk gegen den Geschmacksterror der Unterschichten. Sie sind das hübsch geschliffene Kleinod, das die Postmoderne uns Spätergeborenen hinterlassen hat. Ihr Schicksal ist lächerlich, selbstverständlich. Aber es ist auch episch, glauben Sie mir. Sie sind die ewige Wiederholung des bürgerlichen Traums nach Anmut und Adel.
Sie sind der Macchiavelli des Mittelstands.
Sie sind der letzte Ritter von Artus’ Tafel.
Sie sind die Komödie der ewigen Wiederkehr.
Sie sind der Ritter von der traurigen Gestalt.
“Logik des Reenactments. Ein theoretischer Roman” (vorher: “Logik der Wiederholung“) ist der erste theoretische Roman des Herausgebers, der in den nächsten Monaten auf den Seiten von AlthussersHände.org erscheinen wird. Verschiedene Lektoren werden sein Entstehen kritisch begleiten. Alle Leser sind herzlich eingeladen, Kommentare oder Anregungen zu senden.
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