Mechanismen


16. Oktober 2008, 21:40 Uhr

faust_kupferstich1

„Vor dem Aufwachen hatte ich einen Traum: romantische Szene, irgendwelche Leute, Männer und Frauen, darunter ich selber, stiegen in Wanderkleidung aus einem Ausflugsbus und versprachen sich die ewige Liebe. Man setzte sich auf kleine Bänke vor ein herrliches Bergpanorama, man sprach angeregt miteinander, immer zu zweien, vieldeutig, das alles war scheinbar vorbereitet worden, um das Bild einer gleichberechtigten und respektvollen Partnerschaft zu beschwören, als ich plötzlich der mir zugeteilten Nachbarin den Finger in den Arsch steckte. Grosser Skandal, grosse Enttäuschung. Tadel. Man zeigte mir (da war ich schon am Erwachen) ein Buch, in dem mein erbärmliches Verhalten auf Kupferstichen abgebildet war. Das Buch handelte von Leuten wie mir, von Anti-Romantikern, von Pfadfindern in Junkerkleidung und mit lächerlich kleinen Peitschen im Gürtel, das den komischen Titel trug: Mechanismen.“

“Mechanismen” ist ein Auszug aus “Tausend Tage”, einem Notiz- und Schreibbuch, das genau tausend Tage umfasst. Die Leser sind zu Interpretationen des Traums aufgerufen.

  • Digg
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Technorati
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Twitter
  • Yigg
Chronik | RSS 2.0 | Kommentar schreiben | Trackback

vistit IIPM


2 Kommentare zu “Mechanismen”


  1. Rolf Bossart

    Lieber Milo, da bist du also tief in die europäische Geistesgeschichte
    hinabgetaucht. Die Sache scheint klar zu sein, der Wunsch den du dir im Traum erfüllt hast ist der, auch noch die ernsthaftesten Wünsche zu
    denen du ab und an fähig bist, mit Lust zu hintertreiben, was durchaus
    ehrenvoll ist da die ewige Liebe und der respektvolle Umgang mit der
    Wanderkleidung und und dem Bergpanorama sich verträgt wie ein
    authentisches Gefühl mit dem Moment, wo wir es hinausposaunen. Das aber heisst auch, du misstraust deinem Ich, “mir selbst so fremd wie möglich” sagte Heiner Müller dazu. (Dass die Sache dir arrangiert erscheint, ist zugleich Einverständnis mit dem Arrangement als Methode wie auch die Feststellung ihres Ungenügens.) Aber die Kupferstiche hintertreiben auch deinen Hintertreibungswunsch nochmals, indem sie klar machen, dass dieser bereits im Buch der Bücher eingraviert ist und dass du, noch wo du die Konvention sprengen willst nur ein Schauspieler bist, ein Text- oder Bildinterpret.
    Du bleibst also auf die Bücher verwiesen, die dir erzählen, inwiefern
    deine innersten und spontanen Impulse, die dich stechen bereits in
    Kupfer gestochen sind. Das aber enttäuscht dich nicht, sondern gibt dir
    die Möglichkeit, deine individuellen Spässe als Beauftragung aus einer
    fernen Vergangenheit aufzufassen. Der Romantiker liegt hier begraben.
    Erbärmlich ist nicht Dein Verhalten, sondern höchstens ein Gefühl, dass
    du hast im Augenblick der Erkenntnis, dass gerade du nur ausführst, was die Tradition an, um dich zu zitieren, “sozialer Phantasie” sich
    ausgedacht hat, das aber positiv ins Begehren gewendet heisst, du allein machst wahr, was an Rebellion gegen falsche Arrangements den Alten möglich erschien. Der Skandal und der Tadel ist natürlich dann nichts anderes als der Beifall der Toten. “Mechanismen” ist wohl eine
    Verballhornung des griechischen und also mit Heidegger auch germanischen Technè-Begriffs, der ja nur eine immer gleich geartete Tätigkeit und eine absolute Beherrschung derselben durch von den griechischen Göttern gezähmte Heroen vorsah. Lächerlich sind die unter dem Titel Mechanismen vorgeführten Figuren nur insofern sie unter dem Aspekt der Techne angesehen werden, nicht aber unter dem Aspekt der Befreiung aus ihrem Zwang. Sie sind also der bucklichte Zwerg von Benjamin, der im Schachautomat eigentlich die Fäden führt. So gesehen ist dein Traum eine, wenn auch gebrochene, Selbsterhöhung, was nur gut ist für dein Leben als Autor und als Freund eines ständig moralisierenden Theologen.



  2. Hannes Loichinger

    Lieber Milo, dass Du ein Tagebuch schreibst, wusste ich nicht. Soll nun dieses Faktum oder der Traum analysiert werden? Es besteht der Verdacht auf einen submedialen Raum, den es eigentlich zu analysieren gölte. O-Gott. Anal-ysieren. Es schleicht sich in meine Worte wie in deine Träume, dessen Beispiel nicht allzu schwer zu deuten ist. Nach C. G. Jung sind diese romantisch-verklärten Personen Teile deines selbst. Archetypen zuerst, im Paradies. Der moderne Mensch träumt dies mittels eines Busses, der über die Strasse nach Arkadien fuhr. Dort Erhabenheit des Denkens und der Gedanken. Du und dein Gegenüber sind die Verkörperungen des ICH und des ÜBERICH, sie die kultivierte Person, der du (weil sie eine zu bändigende/schützende Frau ist – wieder Jung) imponieren möchtest und zu diesem Zweck die Schönheit deiner Intelligenz demonstrierst. Die Partnerschaft ist der Ausgleich zwischen den intrinsischen Gewalten. Die anderen Paare die Normalität unterstreichenden Platzhalterfiguren. Dann kommt die Rebellion, die Kultur (Doktorarbeit? – es könnte die Idee aufkommen ich meinte dies ernst) muss fallen, gelegentlich zumindest. Also den Finger in den Po, das Gleichgewicht schwindet, dein ES (bei Jung der Mann)
    bricht hindurch. Empörung. Die Kupferstiche eigentlich Rohrschachbilder, die du als solche, gebrannt von der diffamierenden Situation, nurmehr mit dir selbst bebildert und der neu eigeführten (!) Urszene lesen konntest. Die Bedeutung der kleinen Peitschen muss nicht weiter erörtert werden.
    “Mechanismen” ist bereits die aus der Welt des Tages stammende Rerationalisierung des Traums.
    Soviel aus dem Halbschlaf…



Einen Kommentar schreiben



projekte

iipm channel