Rentzsch/Rentzsch: „Verlierer ist die norwegische Gerichtspsychiatrie“


12. Oktober 2012, 12:32 Uhr

Das folgende Gespräch über Breiviks Geisteszustand und den Verlauf und die Nachwirkungen des Prozesses gegen den Attentäter von Oslo und Utøya ist im Rahmen der Recherchen zu “Breiviks Erklärung” entstanden und erschien bereits auf www.the-moscow-trials.com.

Tobias Rentzsch: Als Du am 22 Juli 2011 live den Meldungsticker verfolgt und zunächst vom Anschlag im Regierungsviertel in Oslo und kurze Zeit später vom Massaker auf Utøya gehört hast: Kannst du kurz beschreiben, welchen Täter oder Täterkreis du dir zunächst vorgestellt hast?

Anne Rentzsch: Mein erster Gedanke war, das waren Islamisten, jetzt haben sie ihre Drohungen wahr gemacht. Als Nato-Mitglied hat Norwegen ja vor allem mit der Beteiligung am Afghanistan-Einsatz Hass auf sich gezogen. Nur wenige Tage vor den Attentaten war ein in Oslo lebender radikaler Islamist, Mullah Krekar, wegen Morddrohungen gegen norwegische Spitzenpolitiker angeklagt worden; es hieß, er müsse mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen, vorerst befand er sich aber noch auf freiem Fuß.

Welche Gedanken gingen dir durch den Kopf, als du hörtest, es sei ein „vermutlich geisteskranker Einzeltäter“?

Das habe ich sofort geglaubt. Gerade die Morde auf Utøya  erschienen mir als reine Wahnsinnstat, die politischen Zusammenhänge erschlossen sich ja erst später – dass Breivik die Sozialdemokratie als Wegbereiter einer „muslimischen Invasion“ in Norwegen sieht und mit dem Massenmord an jungen Sozialdemokraten dieser Bewegung die Zukunft nehmen wollte. Mit dem anfänglichen Glauben an einen Geisteskranken bin ich also genau jenem Denkmuster aufgesessen, das ausgerechnet Breivik selbst vor Gericht mit sichtlicher Genugtuung als rassistisch entlarvt hat: Den Ausländern, den „bösen Muslimen“, traue man alles zu, ein blonder, blauäuigiger Mann, „einer von uns“, könne aber zu so Schlimmem gar nicht fähig sein – es sei denn, er wäre verrückt.

Wie ging es dir, als dich deine Redaktion zum Prozess nach Oslo geschickt hat?

Ich habe der Redaktion frühzeitig signalisiert: Ich möchte unbedingt zum Prozessauftakt nach Oslo. Mir war es sehr wichtig, mir vom Täter und von der Atmosphäre im Gericht vor Ort selbst ein möglichst vollständiges, ungefiltertes Bild zu machen.

Wie war die Lage im Gerichtssaal?

Ich hatte von vornherein nicht um eine Akkreditierung im Gerichtssaal selbst, sondern in einem der angeschlossenen Pressezentren gebeten, weil ich von früheren Gelegenheiten wie beispielsweise EU-Gipfeln um die strengen Sicherheitsmaßnahmen und somit z. B. das lange Warten auf Einlass weiß. Am Amtsgericht Oslo, zu dem Breivik täglich in einer gepanzerten Limousine mit Polizeieskorte gefahren wurde, waren die Sicherheitsvorkehrungen für alle Beteiligten rigoroser als auf Flugplätzen, die Schlangen vor dem morgendlichen Einlass entsprechend lang. Das nahe gelegene Pressezentrum bot dagegen nicht zuletzt den Vorteil, dass man live alles auf Großbildschirmen mitverfolgen konnte. Das Mienenspiel der Akteure, jede noch so kleine Reaktion konnte man auf diese Weise möglicherweise besser beobachten als mancher Kollege im Gerichtssaal.

Hast du Angehörige der Opfer von Utøya gesehen und mit ihnen gesprochen? Wie viele – schätzt du – waren während des Prozesses anwesend?

Die Zahl der Hinterbliebenen und Überlebenden, die beim Prozess im Gerichtssaal dabei waren, war von Woche zu Woche unterschiedlich – meist waren es insgesamt wohl an die hundert Personen. Betroffene konnten die Verhandlungen darüber hinaus an Großbildschirmen entweder in anderen Lokalitäten in Oslo oder in einem von insgesamt 17 weiteren Gerichten verfolgen. Ich habe häufig Angehörige gesehen, die ich von Interviews in Zeitung, Funk und Fernsehen kannte. Ich habe diese Interviews aufmerksam verfolgt, habe Aussagen daraus zitiert, mich selbst aber nicht um Gespräche bemüht. Ich war froh, dass mich meine Zeitung nicht dazu drängte, denn obwohl ich ja weiß, dass persönliche Schicksale am stärksten berühren – auch mich selbst als Leser, Hörer oder Zuschauer – ,scheute ich mich, Hinterbliebene zu bitten, ein weiteres Mal über ihre Trauer zu sprechen. Ich habe stattdessen Kontakt mit Überlebenden von Utøya aufgenommen und beispielsweise ein Interview mit dem 20-jährigen Bjørn Ihler geführt. Er hatte vor Breivik fliehen und dabei auch zwei Jungen im Alter von acht und neun Jahren in Sicherheit bringen können. Vor allem mit dem Festhalten an der Forderung, Norwegen dürfe in Sachen Breivik keinen Zollbreit von den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit abweichen, hat mich Bjørn Ihler tief beeindruckt.

Wann war dir zum ersten Mal der „wahre“ Geisteszustand von Breivik bewusst bzw. wann kamen dir eventuell Zweifel an seiner zunächst diagnostizierten Unzurechnungsfähigkeit?

Es mag anmaßend klingen, aber den Eindruck, dass es sich hier um einen zwar kaum gesunden, keinesfalls aber unzurechnungsfähigen Menschen handelt, hatte ich von Beginn des Prozesses an, als Breivik der Richterin kurz Rede und Antwort stand. Als er dann am zweiten Tag in einem mehr als einstündigen Vortrag sein Weltbild darlegte, erschien mir dieses aus seiner Sicht durchaus schlüssig. Ich bin in der DDR aufgewachsen, wo der Besuch von Konzentrationslagern der Nazis schon für Schulkinder Pflichtprogramm war und wo uns auf diese Weise sehr deutlich gemacht wurde, wozu Menschen als selbsternannte Retter der Nation fähig sind -  ohne deshalb geisteskrank zu sein. Insofern habe ich mich auch nicht vor Breivik als vor dem „Monster“ gegruselt, als das er beispielsweise in der deutschen Boulevardpresse beschrieben wurde. Trotzdem ist mir die objektive, professionelle Berichterstattung sehr schwer gefallen, zumal am ersten Verhandlungstag, als – ganz knapp und sachlich – die Namen sämtlicher Opfer, ihr Alter und die Art und Weise verlesen wurden, wie sie zu Tode gekommen waren. Am meisten erschütterte mich an diesem Tag der Mitschnitt eines Telefongesprächs, das ein verzweifeltes Mädchen von der Insel aus mit der Polizei führte, während im Hintergrund immer lauter Schüsse zu hören waren.

Hast du stärkere Gefühlsausbrüche unter den Angehörigen vor oder während der Verhandlung wahr nehmen können, z. B. Zorn, Wut, Hass, Einforderung der Todesstrafe? Oder blieben alle sehr ruhig? Ich stelle diese Frage, weil in der deutschen Berichterstattung kaum von größerem Volkszorn geredet worden ist.

Vielfach haben Angehörige während des Prozesses geweint, aber starke Gefühlsausbrüche hat es im Gerichtssaal tatsächlich kaum gegeben. Zum einen sind im sachlichen, pragmatischen Norwegen öffentliche Gefühlsäusserungen auch unter normalen Umständen verpönt, wie beispielsweise ja auch in Schweden. Zum anderen glaube ich, dass sich die Betroffenen noch zusätzlich bemüht haben, jene Würde zu bewahren, für die die ganze Welt Norwegen nach den Attentaten zu Recht bewundert hat. Dennoch war das Medienbild von fast übermenschlich beherrschter Trauer natürlich nicht die ganze Wahrheit. Mehrere Hinterbliebene äußerten sich frustriert darüber, in eine Art „Versöhnungskorsett“ gepresst und mit dem blanken Hass auf den Mörder allein gelassen zu werden. Insofern war es für viele gewiss eine Befreiung, als der Bruder eines der Ermordeten, aus dem Ausland angereist, im Mai mitten in der Verhandlung plötzlich aufsprang, auf Englisch „Mörder“ schrie und seinen Schuh in Richtung des Angeklagten schleuderte. Nach anfänglichem Schrecken klatschten damals viele Zuhörer im Gerichtssaal Beifall.

Hatte dieser Prozess einen oder mehrere Gewinner?

Eine Überlebende von Utøya, Frida Skoglund, hat vor Gericht zu Breivik gesagt: „Wir haben gewonnen, du hast verloren.“ Angesichts von 77 Toten fällt es mir schwer, von Gewinnern zu sprechen, aber im Grunde gebe ich Frida Skoglund Recht: Gewinner sind für mich Norwegens junge Sozialdemokraten. Seit den Attentaten verzeichnen sie steigende Mitgliederzahlen, ebenso wie die Jugendverbände der übrigen Parlamentsparteien; sie haben Breiviks Pläne durchkreuzt, eine ganze Generation politischer Aktivisten auszulöschen. Viele Überlebende von Utøya haben berichtet, dass sie aus dem Unfassbaren gestärkt hervorgegangen sind. Sie haben in sich selbst Kräfte entdeckt, die sie zuvor nicht kannten, und sie haben in einer Extremsituation Solidarität erfahren: Die Berichte darüber, wie Jugendliche auf der Insel einander beigestanden haben, sind mir von dem Prozess in besonderer Erinnerung geblieben. Klarer Gewinner des Prozesses ist für mich auch die norwegische Demokratie, die sich hier ebenso unaufgeregt wie unmissverständlich präsentiert hat. Darüber hinaus ist es wohl typisch für diesen Prozess, dass er Gewinner hat, die gleichzeitig Verlierer sind, und umgekehrt. Die Hinterbliebenen und Überlebenden haben mit dem Urteil Genugtuung erfahren und insofern gewonnen; aber das bringt die Toten ebenso wenig zurück wie es die Wunden heilt, mit deren Folgen viele Überlebende zeitlebens werden kämpfen müssen. Und Breivik sitzt zwar hinter Schloss und Riegel, hat aber den Gerichtssaal wie gewünscht als Bühne nutzen können und sich, ebenfalls wunschgemäß, ganz offiziell bestätigen lassen, dass er nicht verrückt ist.

Hatte dieser Prozess einen oder mehrere Verlierer?

Offenkundiger Verlierer ist die norwegische Gerichtspsychiatrie. Die Tatsache, dass die Mehrheit befragter norwegischer Psychiater – ebenso wie das Gros der Bevölkerung – den Massenmörder schon eindeutig als zurechnungsfähig einstufte, während vor Gericht noch der Disput um seinen Geisteszustand anhielt, hat das Vertrauen in die Gerichtspsychiatrie nachhaltig erschüttert; inzwischen steht ihre gesamte weitere Existenz in Frage. Und Breivik? Die allerletzte Minute des Prozesses brachte für mich auf den Punkt, wer das zehnwöchige Duell im Gerichtssaal gewonnen und wer es verloren hat, wer wen vorgeführt hat. Das Gericht hatte Breiviks Antrag stattgegeben, an diesem 22. Juni eine Abschlussrede zu halten – viele, ich auch, waren zunächst empört darüber, dass ausgerechnet der Massenmörder das letzte Wort bekam. Breiviks weitschweifige Rede endete mit der Forderung nach Freispruch und der Berufung auf „mein Volk, meine Religion und mein Land“. Richterin Wenche Elizabeth Arntzen hörte ungerührt zu, und während Breivik noch sichtlich bewegt vom Nachklang der eigenen Worte schien, fragte sie in ihrer typisch sachlich-trockenen Art: „Bist du fertig, Breivik? Gut, dann erkläre ich die Verhandlungen für beendet.“ In diesem Moment kam es mir vor, als hätte jemand aus einem riesigen aufgeblasenen Ball den Stöpsel gezogen.

Haben diese Anschläge etwas im Umgang der Menschen geändert?

Kurz nach den Attentaten berichteten viele Migranten, sie hätten von „angestammten Norwegern“ in der Öffentlichkeit zum ersten Mal freundliche Blicke empfangen, aufmunternde Kommentare und spontane Umarmungen. Diese Woge der Solidarität war allerdings nur die eine Seite. Vorbehalte und Hass zumal gegenüber Muslimen, angeheizt auch durch die kleine, aber aktive norwegische Islamisten-Szene, waren schon vor dem 22. Juli 2011 verbreitet und erlebten mit Breiviks erklärtem Kreuzzug gegen den Islam einen neuen Aufschwung – angesichts der Hasstiraden sahen sich in den Tagen nach den Attentaten mehrere Zeitungen gezwungen, in ihren Internetausgaben die Leser-Kommentarfunktion zu sperren. Inzwischen kann sich Breivik im Gefängnis über Körbe von Fanpost freuen, und der öffentliche Diskurs über Einwanderung und Islam ist wieder härter geworden – zum Teil sehr hart. Zugleich ist diese aktuelle Bestandsaufnahme von Norwegen nach Breivik aber ebenso unvollständig wie zuvor das Bild vom geeint trauernden Land. Schrille Wortmeldungen zumal in einschlägigen Internetforen übertönen bisweilen die sachlichen, besonnenen Stimmen, die im zurückliegenden Jahr zweifellos mehr und stärker geworden sind – im politischen Tagesgeschäft wie im gesamten Alltag. Wer gegen Muslime hetzt, muss jetzt damit rechnen, dass man ihm deutlich Paroli bietet; Fragen wie Demokratie und Humanismus sind als  ganz konkrete, greifbare Güter häufige Gesprächsthemen. Besonders eingeprägt hat sich mir das Bild der Zehntausende, die während des Prozesses in Oslo zusammenkamen, um gemeinsam ein von Breivik vor Gericht als „linke Propaganda“ geziehenes Volkslied zu singen. Vielen Norwegern ist klar geworden: Politik ist nicht etwas, was irgendwer irgendwo anders macht.

Anne Rentzsch studierte Skandinavistik und lebt seit 1990 in Stockholm. Sie ist Mitarbeiterin von Radio Schweden, dem deutschen Auslandsdienst des Schwedischen Rundfunks. Darüber hinaus arbeitet sie als Übersetzerin und als freie Korrespondentin für Hörfunk und Printmedien in Deutschland und Österreich. Vom Breivik-Prozess in Oslo berichtete sie für den Wiener “Standard”.

Tobias Rentzsch studiert nach Theaterhospitanzen und -assistenzen bei Martin Laberenz, Rainald Grebe und Jürgen Kruse seit 2011 Dramaturgie an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater “Felix Mendelssohn-Bartholdy”. Im Rahmen eines Studienprojekts betreute er die Recherchenarbeit für “Breiviks Erklärung” in Zusammenarbeit mit Milo Rau.

 

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