Rolf Bossart: Die Banken müssen untergehen, damit sie das Leben in Fülle haben


3. Dezember 2008, 12:22 Uhr

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So musste es kommen, irgendeinmal. Der Kapitalismus geht unter, und die Linke, die zwei Jahrhunderte lang darauf hin gearbeitet hat, nimmt es nicht zur Kenntnis, erinnert sich lieber an den 200jährigen Spinner Wilhelm Weitling, der vor 150 Jahren erkannt hat: „Du musst sterben, wenn du kein Geld hast, und um welches zu erhalten, musst du dich den Bedingungen fügen, welche die setzen, die das Geld haben.“ Die Ausrufung des Endes des bisherigen Kapitalismus auf alle erdenkliche Arten müssen FAZ, NZZ, Süddeutsche und ihre Gratisbrüder und -schwestern im Geiste übernehmen. Wie recht sie doch haben müssen, die alten Untergeher, die sich alles grenzenlos Ausgewachsene und untrennbar Verwirrte nicht anders als in Hinsicht auf das Ende vorstellen können.

Und doch ist der Untergang des Kapitalismus in den letzten Wochen mit einer Intensität vorgetragen worden, die neben der üblichen Lust der Rechten, den Fortgang der eigenen Sauereien als bereits untergegangenes Kulturgut zu geniessen, noch ein anderes Motiv vermuten lässt. Eine schlichte Formel, deren sicher ebenso schlichten Urheber ich leider vergessen habe, trifft das Motiv der vereinigten Leitartikler und Wirtschaftsredaktoren für ihre drastischen Drohworte gegen das Kapital: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Die Formel, so oft sie auch in den letzten Jahrzehnten zur Erklärung der „schöpferischen Zerstörung“ des Kapitalismus beigezogen wurde, bedeutete nie etwas anderes, als dass man die Leute glauben machen muss, dass sich alles ändert, indem man permanent das Verschwinden und den Untergang des noch Bestehenden, aber herrschaftstechnisch nicht mehr Erwünschten kulturkritisch beklagt. Und sie erweist sich jetzt als gnadenreicher Trick zur medialen Bewältigung der Finanzkrise. Indem man plötzlich den Untergang des herrschaftstechnisch immer noch Erwünschten beklagt, erzielt man das Einverständnis der über Jahrzehnte im Feuilleton kulturkritisch Eingestimmten, denen das blosse Wort vom Verschwundenen mittlerweile gleichviel gilt wie den vorkonziliaren Christen das Paradies, ein Ort nämlich, der allen in die Kinderstube schien und wo man aber nun nur heimlich immer noch hin will.

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Hat man dem Bürgertum, also allen kleinen und mittleren Aktionären, den fortbestehenden Kapitalismus oder namentlich seine Wertpapiere einmal solcherart im Kopf verdreht, dass die einen glauben, nicht mehr zu haben, was sie noch besitzen und die anderen nicht mehr wollen, was sie doch behalten, dann hat man den Kapitalismus erfolgreich geistig verdrängt, virtuell gezähmt, idealistisch totgemacht wie damals in Deutschland die französische Revolution. Man hat der Lust des Volkes am Untergang statt gegeben, schliesslich die realen Geldverluste an der Börse umfunktioniert in den virtuellen Verlust des fort wuchernden Systems und gleichzeitig mit Staatsgeldern die Verluste real kompensiert.

Wie die Propheten des alten Israel den Untergang dessen predigten, was sie erhalten wollten, so tun es auch die Propheten des neuen Kapitalismus. Aber die reale Umkehr, die bei den biblischen Propheten noch die Bedingung für die Rettung war, ist bei den Feuilletonisten nur noch eine Umkehr in die ökonomische Romantik, gewollt und befördert aus der am Faschismus abgesehenen Erkenntnis, dass der Ursprungsmythos des funktionstüchtigen und sich selbst regulierenden Kapitalismus nach all den Krisen nur „wiederkehren kann – ungebrochen wie es für ihn notwendig ist – wenn die Gesellschaft, in der er gebrochen ist, untergeht.“ So Paul Tillichs scharfsinnige Analyse der politischen Romantik von 1932 in seinem Buch „Die sozialistische Entscheidung“ – nicht wissend damals in welcher Weise seine politische Vorhersicht gerade nach dem „grossen“ Untergang der Nazis für den kapitalistischen Ursprungsmythos im Deutschen Wirtschaftswunder Gültigkeit haben sollte und jetzt vielleicht für den Finanzmythos der zweiten Moderne.

Die feuilletonistische Behauptung, dass nachher nichts mehr so sein wird wie vorher, reicht aus, dass das tatsächliche Weiterbestehen aller Fundamente des alten Systems über die Krise hinaus, woran dank US-Finanzminister und Investmentbanker Hank Paulson («das Problem sind nicht die faulen Kredite, sondern Marktängste») und nach den bereits wieder gemeldeten Gewinnen von führenden US-Banken, nicht zu zweifeln ist, im Kopf der Bildungsbürger trotzdem als wohlige Melancholie dem Verlorenen gegenüber gespeichert wird. Denn das Bühnenstück, das die Börsianer nochmals mit einem grösseren Schuss Tragik zu umgeben versucht als all die Stücke der Jahre zuvor – von Urs Widmers Top Dogs bis zu den singenden Brokern Christoph Marthalers – und das im Untertitel das Wort „Abgesang“ führen wird, wird sicher diesen Moment irgendwo im deutschen Sprachraum in einen Laptop gehämmert. Und nicht umsonst und nicht zufällig wird gerade jetzt Oswald Spenglers präfaschistischer Kassenschlager aus den 20er Jahren: „Der Untergang des Abendlandes“ in Italien neu aufgelegt und an Symposien diskutiert und erfreut sich auch in Deutschland wieder wachsender Beliebtheit. Und nicht aus Zufall hat man dem Maler Anselm Kiefer, dem „raunenden Beschwörer des Untergangs“ (Tagesanzeiger) in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels angedreht. „Gestimmtheit ist alles!“ würde der Philosoph Otto von Bollnow selig jetzt sicher gerne rufen.

Und wer von den Financiers es überlebt, geht gereinigt und gestählt aus dem virtuellen Untergang hervor. Denn selbstverständlich stehen viele Banker real jetzt auf der Strasse, gehen jetzt aus Frust ins Puff und nicht mehr um die Hausse zu feiern, müssen ihr Kindermädchen entlassen oder im Gehalt zurückstufen oder sitzen im Therapiezimmer. Aber auch dies ist der normale kapitalistische Vorgang der Zurückstufung einiger Emporkömmlinge, die zeitweilig im System überzählig sind. Wir wollen ihnen trotzdem unser Mitleid zukommen lassen, es soll ihnen die Pausen versüssen zwischen den Assessments, mit denen die Verdrängten sich wohl gegenwärtig um ihre Wiederkehr in die Bankenwelt bemühen.

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Was aber sich tatsächlich geändert hat und wofür die Bankenkrise einst als Geburtshelferin gefeiert werden kann, ist die erfolgreiche Installierung eines gesunden Börsenklimas in den Katalog der demokratischen Grundrechte, gerade so wie es in der niederländischen Zeitung Trouw zu lesen war: „Die Wähler verlangen Arbeit, billige Steuern, ein eigenes Haus, welches ständig im Wert steigt, damit sie ihre Hypotheken nicht abzulösen brauchen. Nun fordern sie auch noch ein gesundes Börsenklima.“ Der grässliche Zynismus, der die hilflosen Begehrlichkeiten der Kleinbürger als Hauptschuldige hinstellt, hat seine Berechtigung darin, dass er nur ausspricht, was seit Jahrzehnten, in der Schweiz namentlich seit der Einführung des Pensionskassenwahnsinns, Plan war: Die Umfunktionierung der Lohnabhängigen in Börsenabhängige, jeder ein Kleinaktionär, jeder über das eigene Pensionskassenguthaben über Gedeih und Verderben ans Spekulieren gebunden.

Sie geht aber auch einher mit der Abkoppelung der Lohnentwicklung vom realen Geschäftsgang und der Gewinnentwicklung. Die Angestellten sind sich bereits gewohnt, die ausbleibenden Teuerungsausgleiche an der Börse wettzumachen und die real verdienten Löhne nur als Teil des Einkommens anzusehen, indem sie Lotto spielen, auf eBay kaufen und verkaufen und ins Casino oder an die Börse gehen. Womit sie, ganz Ich-AG, ihr Verhalten nur demjenigen der grossen Unternehmen angeglichen haben, die ja oft ihr Geld auch eher an der Börse als in der Produktion machen.

Die Aufmerksamkeit, die das Begehren leitet, das wiederum am Ursprung einer politischen Forderung steht, hat sich deshalb bei vielen Lohnabhängigen von den Löhnen wegbewegt, mit verheerenden Folgen. Denn folgt man den Ausführungen des Präsidenten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes Paul Rechsteiner, überhaupt einer der wenigen linken Parlamentarier, die momentan die etwas grösseren Linien noch gerade denken können und wollen, in der WoZ, so steht am Ursprung der gegenwärtigen Krise die Tatsache, „dass die Leute zuwenig verdienen und davon nicht mehr leben können“, weil sie nämlich wie in den USA ihre Häuser nicht mehr halten können, weil sie sich mangels anderer Optionen auf waghalsige Finanzierungen eingelassen haben.

Dass ein gesundes Börsenklima nun zum öffentlich akzeptierten und vom Parlament abgesegneten Kerngeschäft der Sozialpolitik geworden ist, dass das viele Geld, das jetzt überall billig zu haben ist, dahin fliessen soll und nicht in dringend benötigte Infrastruktur-und Sozialprojekte, ist volkswirtschaftlich und sozialpolitisch eine Katastrophe und ein weiterer Sieg, nicht eine Niederlage der Banken und ihrer politischen und feuilletonistischen Beschützer.

Rolf Bossarts Essay “Die Banken müssen untergehen, damit sie das Leben in Fülle haben”, eine Antwort auf Alain Badious Text “Das Reale dieses Krisenspektakels”, erscheint hier erstmals in ungekürzter Form. Der Titel des Essays spielt an auf das bekannte Lied: „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben“ (Katholisches Kirchengesangbuch Nr. 202, Musik: flämische Volksweise von 1856). Die dem Text beigegebenen Tafelbilder sind Ausschnitte aus Werner Tübkes utopischem Panoramabild “Arbeiterklasse und Intelligenz” (1970-73).

Rolf Bossart, Ambassador des IIPM für die Region Ostschweiz, wurde 1970 in St. Gallen geboren. Studium der Theologie und Geschichtswissenschaft, anschliessend Promotion über die theologische Lesbarkeit der Literatur im 20 Jahrhundert. Rolf Bossart ist Redakteur der Monatsschrift “Neue Wege, Beiträge zu Religion und Sozialismus“ und daneben als Autor bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften sowie als Dozent für Philosophie und Religion tätig. Über die von ihm betreute Region hinaus ist er als Redner, Prediger, Podiumsteilnehmer, neofuturistischer Action Teacher, Mitglied der Programmgruppe “Erfreuliche Universität Palace” und Held der Schweizer Politgroteske “Der lange Sommer des Bababo” (in Entwicklung) bekannt.

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vistit IIPM


2 Kommentare zu “Rolf Bossart: Die Banken müssen untergehen, damit sie das Leben in Fülle haben”


  1. Dr. Tilo Schmidt

    Sehr geehrter Herr Bossart,

    für diesen nahezu genialen Text will ich Ihnen in aller Form gratulieren. Gerade von einem Kongress zurück, der hölzernen Wendungen und Umwundenheiten müde, begeistert mich Ihr lockerer Zugriff auf die sog. “grossen Fragen”. Obwohl ich (ja!) aus Ihren Worten eine gerüttelte Portion Ironie und (ja!) eine durchaus fröhliche Lust am Untergang heraushöre, bin ich doch ganz einverstanden mit Ihnen. So sollen sie donnern, die Worte des kritischen Beobachters!

    Auf die angekündigte Politsatire freue ich mich, bitte den Herausgeber um den Abdruck weiterer solcher Texte und grüsse Sie!

    Dr. Tilo Schmidt



  2. admin

    Lieber Dr. Tilo Schmidt,

    gern komme ich Ihrem Wunsch nach – vorausgesetzt, dass Herr Dr. Bossart überhaupt vorhat, weitere Texte beizusteuern. (Sie würden mir nicht glauben, lieber Herr Dr. Schmidt, wie lange ich um diesen Text gekämpft habe.) Was die biographische Politsatire angeht, die Herr Dr. Bossart freundlicherweise ünstlerisch zu betreuen mir und meinem Co-Autor Marcel Bächtiger aufgetragen hat, so freue ich mich ebenfalls auf baldige Realisierung – vorausgesetzt wiederum, dass Herr Dr. Bossart die Zeit findet, die Verkörperung der Hauptrolle zu übernehmen. Vorgelebt hat er sie ja schon, und das Drehbuch liegt ihm ebenfalls vor – ein Zustand, der Herrn Dr. Bossart, da ein richtiger Ünstler, bereits vollauf befriedigen könnte, fürchte ich.

    Mit herzlichen Grüssen,
    der Herausgeber



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