Sarkasmus und Zorn


28. Oktober 2008, 22:18 Uhr

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Die Eleganz der deutschen Popkritik

Man fragt sich manchmal, ob Diederichsen, Dath und die andern die Latte nicht ein bisschen zu hoch gehängt haben. Nehmen wir nur diese Sätze aus einer Stereolab-Besprechung: „Neben My Bloody Valentine, Pram und einigen versprengten schottischen Krach-Trotzkisten sind Stereolab die einzige Popband aus Grossbritannien, die sich in ihrem massenkompatiblen Songs immer wieder gegen die Artschool-Tradition wenden.“

Oder: „Das Stereolab-Klangideal liegt hörbar in den Sechzigern und Siebzigern. Aber natürlich ist an „Chemical Words“ nichts retro – die Ereignisse sind nicht wegen der Geschichte da, sondern umgekehrt.“ Oder: „Wenn der englische Sozialist George Bernard Shaw einst für den totalen Gesang im Werk von Richard „the Meister“ Wagner schwärmte, so halten es Stereolab mit den Ambientschlaufen, die sich aus der Musik der Krautrockband Neu! ergeben haben.”

Wissenschaftshistoriker lehren uns, dass die Theologie spätestens im frühen 18. Jahrhundert als studium generale abgedankt hat. Damals wurde die Interpretation der Wunder aus der “ernsten” Wissenschaft entfernt - Natürliches, Aussernatürliches und Übernatürliches zum Leidwesen der katholischen Universalgelehrten ordentlich getrennt. Heute nehmen die Engel auf der Messerspitze, mit denen sich die Scholastik befasste, in der deutschen Popkritik Platz.

Abends in einer Vorlesung in der Französischen Friedrichstadtkirche. Thema: “Luther, Erasmus und die Weltgeschichte.” Von der Weltgeschichte war wenig die Rede, dafür von Luthers Boshaftigkeit, seiner abgrundtiefen Gemeinheit und seinem an Nihilismus grenzenden Menschenhass. Von Erasmus’ irriger Meinung, Glaubensfragen seien nach der Renaissance nur noch Anlass zu Fachdiskursen. Grundsätzlich aber kamen die üblichen Vorwürfe zur Sprache, die man schon von Dieter Forte kennt: der Katholizismus, die italienische Physik und der niederländische Humanismus hatten sich miteinander arrangiert (hier die Wahrheit, hier das Wissen, hier die Kritik), als der sinistre Mönch Luther auf den Plan trat und alle drei wieder vereinigt sehen wollte.

Die anwesenden Lutheraner waren wie üblich zerknirscht und lachten leise und verzweifelt, als die üblichen lutheranischen Zitate aus dem Ersten Weltkrieg und dem Dritten Reich kamen. Vor mir sass ein vermutlich polnischer Theologiestudent mit Entenmündchen und dünnen Schultern, der sich ständig gepeinigt in seinen Stuhl warf. Der Schotte Diarmaid McCulloch, dessen Reformationsgeschichte eben ins Deutsche übersetzt worden ist und dem zu Ehren dieser seltsame Abend veranstaltet worden war, ging auf die innerdeutschen Streitereien nicht ein. Überhaupt kam er kaum zu Wort. Er nickte freundlich, hob ab und zu ironisch die Hände und sagte zum Schluss: “Erasmus provoked sarcasm. Luther provoked anger.”

Luther und Erasmus, Politik und Popkritik. Die heutigen Lutherjünger sitzen im Pentagon oder in den Höhlen Afghanistans. Die Erasmusjünger kritisieren Stereolab. Nur der Papst ruht sich genüsslich auf der Wahrheit aus.

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