Sie wissen ja, wie es in den Träumen ist


14. März 2008, 12:49 Uhr

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“Warum nicht schnell über die Weiden laufen vor der Stadt?”

“Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Ich war ein Ingenieur für Brückenbau, und gleichzeitig war ich ein Pferd, ohne aber wie eines auszusehen. Hochkonzentriert sass ich in meinem kleinen Ingenieursbüro, das zuoberst in einem Hochhaus lag, und zeichnete Brücken in einem halb traditionellen, halb funktionalen Stil. Weit weg sah ich die trägen Ströme glitzern, die von meinen Brücken einst überspannt werden sollten, es waren: die Wolga und der Nil. Denn diese beiden Flüsse lagen brüderlich in einer gewaltigen Ebene, die Das Gebiet hiess. Sie wissen ja, wie es in den Träumen ist.

Die Fenster meines Büros waren angekippt, und so drang ein Duft von frischem Grün an meinen Arbeitsplatz, was mich froh und zugleich traurig stimmte. Ich dachte mir: Warum nicht kurz ausgehen? Warum nicht schnell über die Weiden laufen vor der Stadt? Warum nicht die Birken beschnuppern am Waldesrand? Ich sehnte mich auf einmal unsäglich nach der Natur, die doch meine eigentliche Heimat war. Ich wollte mit meinen Händen die Erde vor der Stadt aufwühlen und mit gespitzten Ohren nach dem Wind in den Bäumen lauschen. Ein derart mächtiges Verlangen spürte ich nach den feuchten Wiesen und den schlammigen, geheimnisvollen Ufern der Flüsse, dass ich es nicht mehr aushielt. Ich legte also mein Zeichengerät ordentlich auf den Tisch und lief in grossen Sprüngen die Treppe hinab.

Doch unten fand ich die Eingangstür vermauert und den Conciergeschalter unbesetzt. Die Luft roch süsslich, nach Abfall. Nicht einmal ein Zettel, der diese Vorgänge erklärt hätte, war zu finden. Aber im übrigen hätten auf einem solchen Zettel sowieso nur Lügen gestanden, denn unser Concierge war ein fauler und, wie es bei faulen Menschen häufig der Fall ist, hochmütiger Mensch. Als ich noch über den Charakter unseres Concierges nachdachte, hörte ich aus dem Keller ein Geräusch. Ich beschloss, dort nach Rat zu suchen.

Wieder stieg ich eine gewundene Treppe hinab. Hinter einer Ecke traf ich auf einen sehr jungen Mann, eigentlich noch ein Kind, das an einem grob geschreinerten Tisch sass und in einer Zeitschrift las. Ich sagte zu ihm, ich würde gern auf einen Spaziergang ins Gebiet hinausgehen, die Haustür sei aber vermauert – wo der neue Ausgang sei? Doch der Junge lachte nur, als hätte ich etwas völlig Sinnloses gesagt, und hielt sich die Zeitschrift vors Gesicht. Mit einer Stimme, die mir wie eine schlechte Nachahmung eines Horror-Film-Bösewichts vorkam, hörte ich ihn sagen: Komm rein. Ich ging also weiter in den Keller hinein.

Der süsse, ekelhafte Geruch, der mir schon oben in der Eingangshalle aufgefallen war, wurde hier durchdringend. Es war einer dieser Gerüche, von denen man fürchtet, sie nie mehr aus der Nase zu bekommen. Im Kopf formulierte ich deshalb einen Brief an die Hausverwaltung, in dem ich darum bat, den Abfall mindestens einmal wöchentlich zu entsorgen – jetzt, da es doch bald wieder Sommer und heiss würde. Wütend dachte ich an den Concierge, der seinen Aufgaben in keiner Weise gewachsen war, als ich in einer Nische eine Gruppe Kinder entdeckte. Sie schienen sich mit etwas zu beschäftigen, was zu ihren Füssen lag.

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“Der süsse, ekelhafte Geruch wurde hier durchdringend…”

Ich trat näher heran. Zwischen den schlanken Körpern der Kinder erkannte ich den Concierge. Er kniete am Boden und hielt den Kopf gesenkt. Da mir nichts besseres einfiel, sagte ich: Aha, hier sei er also. Die Kinder um mich herum lachten fröhlich, als hätte ich einen Witz erzählt. Daraus schloss ich, dass die Vorgänge in diesem Keller sicher einen einleuchtenden, letztlich banalen Grund hätten. Ich fuhr fort: Ich sei wegen des Geruchs erstaunt, warum denn der Abfall nicht entsorgt würde? Wieder lachten die Kinder, und eines von ihnen sagte, indem es wie der Junge beim Eingang die tiefe Stimme eines Horror-Film-Bösewichts nachahmte: Wir werden den Abfall schon entsorgen. Und kaum hatte es das gesagt, spuckte es aus und schrie viel zu laut: Dreckiges Pferd! Es versetzte dem Concierge mehrere Tritte ins Gesicht. Plötzlich waren alle Kinder von einer unbegreiflichen Wut übermannt und schlugen auf den am Boden knienden Mann ein. Dem Concierge aber schoss unter den Schlägen das Blut aus der Nase, welches er immer wieder ungeschickt mit dem Handrücken abwischte.

Mir wurde unheimlich. Ich begriff, dass in dieser Stadt ein Pferdehass ausgebrochen war und viele von uns den Tod finden würden. Wie es in den Träumen ist, war ich nicht erstaunt, sondern alles erschien mir wie ein ganz zwingender und längst erwarteter Vorgang. Ich vertraute aber darauf, dass meine Pferdeartigkeit niemandem bekannt war, und dieses Bewusstsein erfüllte mich mit plötzlicher Genugtuung. Hatte nicht der Concierge, seine Aufgaben vernachlässigend, diese Raserei erst zum Ausbruch gebracht? Sicher war ich, der ich sozial weit über diesen Kindern und ihrem Opfer stand, unberührbar. Ich sagte also: Sehr schön, dann werde ich jetzt wieder hinaufgehen. Und weil mir nichts Besseres einfiel, fügte ich hinzu: Ich muss nämlich dringend auf die Toilette.

Doch eines der Kinder, vermutlich der Anführer, hielt mich an der Schulter fest und sagte: Dann mach es über ihn. Jedermann brach darauf in ein fröhliches Lachen aus. Ich antwortete, ich wüsste nicht, was er damit meinen würde, überhaupt gehe mich das Ganze nichts an, ich würde jetzt (wie erwähnt) wieder in mein Büro hinaufgehen. Das Kind wiederholte: Machen Sie’s über ihn. Für Ihre eigene Sicherheit. Ich antwortete: Oh, ich fühle mich sehr sicher, keine Angst. Ich habe keine Angst, sagte das Kind ruhig. Ich bin Ingenieur, erklärte ich. Ich baue Brücken. Ich bin mitten in einem öffentlichen Auftrag! Aber als ich zornig lachen wollte, um meine Worte zu unterstreichen, versagte mir die Stimme. Ich versuchte zu reden, aber kein Wort mehr kam aus meinem Hals, nur ein schriller Ton, der dem Gewieher eines Pferdes glich. Keines der Kinder verzog eine Miene.

In diesem Moment verstand ich, dass man mir schon längst auf die Schliche gekommen war. Fortan musste ich tun, was die Kinder von mir verlangten. Ich verstand, dass dies nur die erste Demütigung in einer langen Reihe von Demütigungen war. Und wie es in den Träumen ist, sah ich plötzlich einen Plan vor meinen Augen und sah mich selber darin eingezeichnet: Die Kellerräume, in deren oberstem ich mich befand, reichten wie eine Pyramide bis zum Erdmittelpunkt hinab, angefüllt von den Schreien und dem Gestank meiner Rasse. Wie hatte mir das in meinem Ingenieursbüro verborgen bleiben können? Wieso war mir dieser Plan nie in die Hände gekommen? Wieso hatte ich mich nicht gegen den zugemauerten Ausgang geschleudert, mit aller Kraft, als noch Zeit dazu gewesen war?

Ich knöpfte also meine Hose auf. Der Concierge hielt dabei die ganze Zeit den Kopf gesenkt, wobei mir in seinem Nacken einige rote Stellen auffielen, als sei er eben erst rasiert worden. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit mein Geschäft gemacht. Deshalb dachte ich, wie ich da so zwischen diesen Kindern stand, zur Entspannung des Schliessmuskels an die grosse Ebene draussen, an die feuchten Ufer der brüderlichen Ströme Wolga und Nil. Ich dachte an die Bäume und an das Geräusch, das der Wind in ihnen macht, und wieder sehnte ich mich nach der Natur. Mit einer Art Belustigung sagte ich mir, dass das Unglück nun seinen Lauf nahm. Doch da wich der Keller auf einmal vor mir zurück. Die Kinder und alles andere verschwand, und ich wachte auf, fassungslos vor Glück, weil es nur ein dummer Traum gewesen war.”

Auszug aus: “Der dunkle Kontinent“. Weiterführende Lektüre: “Two Lectures to the Florentine Academy. On the Shape, Location and Site of Dante’s Inferno. By Galileo Galilei, 1588“.

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