“Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?” (Teil 2)


16. Juni 2009, 12:39 Uhr

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Fortsetzung von Teil 1 >>>

IIPM: Können Sie sich an den Anruf aus Bukarest erinnern, der während des Prozesses kam und die Beschleunigung der Gerichtsverhandlung forderte?

Andrei Kemenici:

Ja, General Militaru intervenierte zwei Mal. Er erweckte den Eindruck, er sei der eigentliche Verteidigungsminister. Er fragte mich, was geschehen sei und warum er keinen Rapport erhalten habe. Ich teilte ihm mit, dass der Prozess hier statt finden würde, worauf er mich aufforderte, den Prozess zu beschleunigen. Ich ging zu Stănculescu und berichtete ihm, dass Militaru angerufen und befohlen hatte, den Prozess zu beschleunigen. Er antwortete darauf, dass dies unmöglich sei, was ich Militaru auch mitteilte.

Nach einer Viertelstunde oder 20 Minuten rief mich dieser erneut an und wollte wissen, ob wir das Verfahren denn nicht endlich abgeschlossen hätten. Ich saß die gesamte Zeit draußen und ging nicht in den Saal hinein. Also ging ich erneut in den Gerichtssaal und teilte Stănculescu mit, dass Militaru angerufen hatte. Er befahl darauf Oberst Gheorghe Ştefan ans Telefon zu gehen, um mit Militaru zu sprechen und ihm zu sagen, dass sie in Kürze fertig seien. Es sind also zwei Telefonate eingegangen.

Als ich in den Gerichtssaal trat, sagte ich zu Boieru – ich kannte ihn aus der Schulzeit in Braşov -, er solle mich ja nicht filmen. Man hört nur im Film, wie sich eine Tür öffnet und wieder schließt.

Ich ging also zu Stănculescu und sprach mit ihm, er war mein direkter Chef.

Wir hatten während der Revolution drei Minister: Guşă, mit dem ich ein einziges Mal ein Wort gewechselt hatte und zu dieser Zeit wusste er nicht, dass sich Ceauşescu in meinem Gewahrsam befand. Der zweite war Militaru, der dritte Stănculescu. Auch Ceauşescu hatte mich gefragt:

„Wer ist dein Oberkommandierender?“

Ich antwortete ihm, dies sei der Oberbefehlshaber der Armee, doch jetzt in der Revolution sei die Sache anders und ich stünde unter dem Kommando eines anderen Befehlshabers. Er wollte wissen, wer dies sei. Ich antwortete, dies sei dem Protokoll zu Folge Guşă, dem ich mich unterordnen müsse.

„Wie, diesem Verräter? Er ist genauso ein Verräter wie Milea!“, brüllte mich Ceauşescu an. Ich bemerkte, dass ihm dies nicht gefiel und erzählte ihm, dass ich im Fernsehen gesehen hätte, wie Generaloberst Militaru den Oberbefehl über die Armee übernommen hätte.

„Der Mann ist ein sowjetischer Spion unter KGB-Kommando!“, entgegnete mir Ceauşescu.

Ich antwortete ihm darauf, dass ich vom Oberbefehl der Armee, von Gheorghe Voinea den Befehl erhalten hätte, nur die Anordnungen Victor Stănculescus auszuführen. Ceauşescu wollte die ganze Zeit, dass ich ihm in die Augen schaue. Ich hielt es nicht die ganze Zeit durch und schaute zur Seite, weil ich genau wusste, dass ich ihn anlog und ihn nicht mit meinen Worten überzeugen konnte.

„Das ist sehr gut! Nehmen Sie nur Befehle von Stănculescu entgegen, denn ich habe ihn heute Morgen zum Verteidigungsminister ernannt!“, rief Ceauşescu.

Ich erfuhr später aus Dokumenten, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Nachdem Ceauşescu von Mileas Tod benachrichtigt worden war, ließ er Stănculescu zu sich rufen und ernannte ihn zum Minister. Das, was mir Ceauşescu damals also gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen.

Mein persönliches Schicksal und das der erfolgreichen revolutionären Ereignisse lagen folgenden Umständen zugrunde: Ich erhielt von den Revolutionären aus Bukarest um Iliescu den Befehl, nur die Anweisungen Stănculescus auszuführen und mich niemand anderem unterzuordnen. Von Ceauşescu erhielt ich die gleiche Bitte. Ich bin demnach der letzte Offizier der rumänischen Armee gewesen, der seine Order ausführte. Angesichts dieser Tragödie, die Ceauşescu widerfahren ist, vergoss ich zwei Tränen für ihn. Heute habe ich ein reines Gewissen, denn ich führte das aus, was mir befohlen wurde. Diese Entscheidung wiegt noch heute schwer auf Stănculescu. Er war hierher geschickt worden, den Ceauşescus das Ende zu bereiten. Man wollte ihn damit testen und sehen, auf welcher Seite er stand – ob er für die Revolution war oder immer noch auf der Seite Ceauşescus. Noch heute ist seine Position zur Revolution umstritten. Man sagte ihm:

„Wenn du mit uns bist, demonstrier es uns!“, und schickte ihn hierher nach Târgovişte.

Meiner Meinung nach ist das, was er hier getan hat, ein Verbrechen. Er hat sie hier tot herausgeholt und gesagt: „Seht ihr, ich bin auf eurer Seite!“ Die Führung der Revolution war schlecht. In drei Punkten hat sie Ceauşescu vergessen, denn man hatte in Bukarest andere Pläne. Erstens, habe ich 68 Stunden, also vier Tage und drei Nächte über, immer wieder darum bitten müssen, man möge herkommen, um ihn hier heraus zu holen. Man ließ ihn also zu einem Zeitpunkt hier zurück, als alles Mögliche hätte passieren können. Er hätte auch sterben können, wenn sie es gewollte hätten. Seine Aburteilung interessierte sie nicht. Sie dachte nur daran, sich seiner zu entledigen. Sie ließen ihn also hier an diesem Ort unter meiner Aufsicht zurück und ich musste mit ihm auskommen – und das angesichts tausender Revolutionärer und Armeemitglieder, die gegen ihn waren. Das war also vier Tage und drei Nächte über die Situation.

Zweitens, ließ man sie nach der Hinrichtung nach Bukarest fliegen und vergaß ihre Kadaver auf einem freien Feld – auf dem Spielfeld der Fußballmannschaft Steaua. In der Nacht vom 25. auf den 26. lagen Ceauşescus unter freiem Himmel. Es hätten sie auch die Wölfe fressen können. Die ganze Nacht vom 25. auf den 26. baten wir das rumänische Fernsehen und die Revolution, das Filmband nicht auszustrahlen. Denn diese hatten bereits berichtet, dass Ceauşescu vor Gericht gestellt, abgeurteilt und exekutiert worden war. Auf unseren Wunsch hin wurden nur Fragmente des Prozesses gezeigt, denn wir befürchteten Vergeltungsmaßnahmen gegen uns. Es hätten seine ihm noch loyal ergebenen Kräfte hierher kommen können, um uns umzubringen. In Wirklichkeit wurde der gesamte Prozess erst im April des kommenden Jahres ausgestrahlt. Das Ausland hatte den vollständigen Film aber bereits vorher gesehen.

Drittens, wir sprechen über den Morgen des 26. Dezember: Stănculescu und die anderen fanden seinen Kadaver und brachten ihn zum Militärkrankenhaus von Bukarest, wo er bis zum 30. Dezember in der Kühlkammer des Leichenschauhauses eingelagert wurde. Und bedenken Sie bitte: Wir sind Orthodoxe. Nach zwei bis drei Tagen ist dem Glauben nach ein Begräbnis vorzunehmen. Vom 25., 26., 27., 28., 29, und schließlich bis zum 30., – das sind sechs Tage – sind sie dort abgestellt worden und niemand interessierte das. Das ist etwas sehr Hässliches. Erst am 30. kam jemand und holte sie da raus, um sie zu begraben. Ich glaube das waren Voiculescu und andere Revolutionäre. So wurden sie das dritte Mal vergessen. Das war also das Schicksal und gleichzeitige Tragödie dieser zwei Tyrannen.

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IIPM: Wurde während des ganzen Filmes über gefilmt oder gibt es Teile, die nicht aufgenommen worden sind?

Andrei Kemenici: Es wurde alles gefilmt. Eine einzige Stelle – und hierfür war der Kameramann verantwortlich –, ist nicht aufgenommen worden: nämlich der Anfang der Exekution. Nachdem sich alle in Bewegung gesetzt hatten und Richtung Kasernenhof gingen, wollte der Kameramann die Kabel für das Aufnahmegerät herausziehen – denn damals funktionierte alles über Kabel. Er hatte keine Akkus dabei – und fragte uns nach einer Verlängerungsschnur. Doch woher sollten wir diese nehmen? Wir waren schließlich eine Militäreinheit. Bis er es schaffte, eine Kassette herbei zu holen, wurde schon geschossen. Wir hatten ja nicht damit gerechnet, dass die Exekution direkt vor Ort und Stelle durchgeführt werden würde. Wir rechneten damit, dass mindestens fünf Tage Einspruchsrecht gewährt würden – so sah es zumindest das damals gültige rumänische Strafgesetzbuch vor, da war nirgends die Rede von einer sofortigen Exekution.

Ich möchte Ihnen noch etwas sehr Wichtiges erzählen – und das ist meine persönliche Meinung: Nicht einmal der Präsident des Prozesses Gică Popa rechnete mit einer Exekution am selbigen Tag. Es wussten nur Voican Voiculescu, Stănculescu und Măgureanu, dass es zu einer Exekution kommt, denn sie hatten sie ja organisiert. Alle anderen wussten nichts davon.

Popa notierte sich in den 15 Minuten Vorbereitungszeit vor dem Prozess, was er während der Verhandlung zu tun hatte. Schauen Sie sich den Prozess erneut an und achten Sie darauf, dass sich auf Popas Tisch keinerlei Unterlagen befanden. Sie führten den Prozess aus dem Gedächtnis heraus. Er hatte nur seine Brille dabei. Als er hinauslief, fragte er mich nach den Dokumenten und ich führte ihn in ein Zimmer und übergab ihm die Dokumente. Da Popa die Exekution nicht gesehen hatte, sagte ich zu ihm:

„Herr Oberst, Sie haben nicht gesehen, was Sie getan haben.“

Er sagte mir nur, dass er es gehört habe. Er nahm seinen Hut vom Kopf und sagte nur:

„Gott vergib mir.“

Er sagte mir, dass es nicht legal sei, was hier abgelaufen sei, doch sie hätten es verdient. Meine Meinung ist also nach wie vor, dass er nichts von der Exekution wusste, und dass er sich deshalb umbrachte, weil er Gewissenbisse hatte. Das Schlimmste in dieser Revolution war diese Exekution. Ich bedauere, dass er nicht am Leben geblieben ist, denn er hätte Ihnen diese Dinge selbst erzählen können. Als orthodoxer Christ kann ich wohl sagen, dass man ihm verzeihen muss für diesen Prozess und für die Aburteilung, die nach den gültigen Gesetzen der damaligen Zeit durchgeführt wurden, denn es gab ein Gesetz in Rumänien, eines unter den letzten, das – vielleicht gab es ein ähnliches noch in Afghanistan – die Todesstrafe vorsah. So starb Ceauşescu auf Basis seiner eigenen Gesetze. Was ich Voiculescu und Stănculescu vorwerfe, ist, dass sie Ceauşescu das Recht auf Berufung verweigerten.

IIPM: Als ihnen nach dem Prozess die Hände gebunden und sie den Gang entlang geführt worden sind, wieso mussten sie den weiteren Weg gehen, statt – wie bisher angenommen – den direkten zu nehmen?

Andrei Kemenici: Weil der kürzere durch Soldaten versperrt war. Die gesamte Kaserne war zwischen 12.30-14.00 Uhr, im Grunde nachdem man gesehen hatte, wer aus den Hubschraubern ausgestiegen war, auf den Beinen und wollte wissen, was sich hier abspielte. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer – schneller als über Telefone -, dass sich Ceauşescu in unserem Gewahrsam befand. Alle waren darauf fixiert zu erfahren, was sich hier abspielte. Es war eine Grabesstille. Alle schauten und hörten nur in unsere Richtung. Alle warteten das Ende ab und dementsprechend, dass wir die Ceauşescus zum Hubschrauber brächten, denn so war die allgemeine Erwartung: dass man sie hier aburteilen, also zum Tode verurteilen würde – denn nach dem Strafgesetzbuch gab es keine andere Strafe als die Todesstrafe, das war klar. Sie begingen nur den Fehler, dass sie die beiden hinrichteten, ohne ihnen die Möglichkeit auf Berufung einzuräumen. Eine andere Strafe war undenkbar.

Doch er starb heroisch – heroisch! Die russischen Kommunisten sangen auf den Schlachtfeldern die Internationale. Er, der diese internationalistische Richtung abgelehnt und einen nationalistischen Kurs eingeschlagen hatte, sang die Internationale als er zur Exekution geführt wurde. Und bevor er starb, sagte er:

„Es lebe die freie und unabhängige Sozialistische Republik Rumänien!“

Er starb also heroisch, vielleicht kann ich dies in Anführungszeichen setzen, aber ich bleibe dabei: heroisch – im Sinne, dass er den Tod akzeptierte und auch seiner Frau damit Mut machte. So starben sie im Glauben, sich für ein sozialistisches Rumänien geopfert zu haben. Ich glaube, er hätte das Recht auf Berufung auch dann abgelehnt, wenn man es ihnen gewährt hätte, ganz so wie Antonescu.

Er war kein Patriot, er war ein Fanatiker, der sich für einen Gott und Herrscher Rumäniens hielt. Wir waren seine Sklaven, die seine Befehle ausführten.

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IIPM: Zwischen Elena und den Soldaten gab es ein Gerangel. Erzählen Sie bitte hiervon.

Andrei Kemenici: Ja, da hat es auch einen kleineren Zwischenfall gegeben. Doch ich möchte auf ihren Fanatismus zurückkommen – an diesen Irrglauben an den von ihnen geschaffenen Kommunismus. Ihr Tod war unausweichlich. Unter allen Staaten des sozialistischen Blockes herrschte in Rumänien die extremste Variante des Kommunismus. Wir hatten in Rumänien einen viel härteren und strengeren Kommunismus als in Ungarn, Bulgarien, der Tschechoslowakei oder anderswo. Bei uns konnte es keine „samtene Revolution“ geben wie in der Tschechoslowakei. Ceauşescu hätte seine Macht nie aufgegeben. Erzählungen, man hätte mit ihnen die Aushändigung eines Flugzeuges verhandeln können oder dass sie eine Flucht ins Ausland planten, sind alles nur leere Worte. Die Wahrheit ist doch, wenn wir ihnen ein Flugzeug zur Ausreise zur Verfügung gestellt hätten, wären sie nicht aus Rumänien geflohen. Er hätte die Führung des Landes nie aufgegeben.

Wissen Sie, was er zu mir sagte?

„Oberst, bitte verraten Sie nicht die Sache des Kommunismus und Sozialismus! Denn wenn wir Rumänien jetzt nicht zusammen vor den Banden, die aus der USA, der Sowjetunion und von den Ungarn geschickt worden sind, retten, wird es ein Rumänien nicht mehr geben.“

Nach den revolutionären Ereignissen bin ich mit der Entwicklung bis zum heutigen Tag zufrieden, denn die Szenarien, die Ceauşescu gezeichnet hat, sind nicht eingetreten. Vielmehr haben sich seine Prophezeiungen vollständig im ehemaligen Jugoslawien erfüllt. Wir haben das getan, was die Jugoslawen und die Iraker nicht getan haben. Wenn nämlich Jugoslawien seinen Diktator Milosevic nach Den Haag ausgeliefert hätte oder der Irak Saddam Hussein und seine Garde vor Gericht gestellt hätte, dann wäre es in diesen Ländern nicht zu den Kriegen gekommen, die wir gesehen haben. Hätten wir anders gehandelt, wären die Amerikaner und die Russen in unser Land gekommen, und nicht einfach nur mit geheimen Beobachtungseinheiten. Ceauşescu sagte mir damals, um uns von seiner Sache zu überzeugen:

„Oberst, das rumänische Moldawien werden sich die Russen nehmen. Die Ungarn werden uns Siebenbürgen nehmen. Das Banat Jugoslawien. Die Dobrodscha wird an Bulgarien gehen. Und von Rumänien wird nur noch die Walachei übrig bleiben!“

Das war das von den Amerikanern und Russen in Malta vereinbarte Szenario für Rumänien. Ich spreche von dem Treffen zwischen Bush und Gorbatschow. Die Geschichte Jugoslawiens und des Irak lässt mich immer mehr daran glauben, dass Ceauşescu Recht hatte. Die Ceauşescus haben für all das Schlechte, das sie begangen haben, mit ihrem Leben bezahlt. Für all das Gute, dass er begangen hat – er war schließlich auch nur ein Mensch -, wird ihm die Geschichte Recht geben. Hierher an diesen Ort sind bereits viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern angereist, auch aus Japan oder China. Denn Nicolae Ceauşescu war eine außergewöhnliche Persönlichkeit in der Geschichte Rumäniens. Durch ihn haben Europa und die Welt von Rumänien erfahren. Viele wusste nichts über das Land, kannten aber Ceauşescu. Wenn es ihn nicht gegeben hätte und er nicht hier gestorben wäre, sondern in Braşov, Galaţi oder Sibiu umgekommen wäre, hätten Sie nicht diesen Ort hier aufgesucht, um sich mit mir zu unterhalten.

Die meisten Rumänen wollen sich nicht mehr an die Revolution erinnern. Es gibt aber auch welche, die die Ceauşescus beweinen. Hier an der Mauer, an der die Exekution stattfand, finden Sie heute immer wieder Kerzen, die für die beiden niedergelegt werden. So wie die Rumänen schon immer gläubig waren und ihre Toten beweint haben. Nach den vielen Jahren müssen wir so ehrlich sein und negative, aber auch positive Aspekte unterstreichen: Für ihre schlimmen Taten wurden sie zu Recht erschossen – sie wurden schließlich nicht für ihre gute Taten, wie den Schwarzmeerkanal, den Metrobau in Bukarest oder den Bau des Hauses des Volkes erschossen. Nein, seien wir gerecht und korrekt, aber für diese Übeltaten hat er mit seinem Leben bezahlt. Er ist nicht in seinem Bett gestorben, sondern an dieser Mauer. Die Geschichte war gerecht mit den beiden, denn viele Rumänen sind unter seiner Diktatur gestorben. Doch das Haus des Volkes wird einmal das Symbol Rumäniens sein, so wie es der Eiffelturm in Frankreich oder das Brandenburger Tor für die Deutschen ist. Man wird fragen:

„Wo steht dieses Gebäude?“ – „In Rumänien“, wird man antworten.

„Und wer hat es bauen lassen…?“ – “Wir haben es gebaut!”, werden die Rumänen antworten. “Ceauşescu hat nur die Peitsche geschwungen.”

Zweiter Teil eines Gesprächs, das das IIPM mit General Andrei Kemenici am 23. Februar 2009 in der Militärkaserne von Targoviste führte. General Kemenici war zur Zeit der rumänischen Revolution Kommandant der etwa sechzig Kilometer nördlich von Bukarest gelegenen Kaserne, in der Elena und Nicolae Ceausescus zu Tode verurteilt und erschossen wurden. Mehr zum Besuch des IIPM in der Targovister Kaserne hier.

Die dem Gespräch beigegebenen Illustrationen zeigen den von Jan van Eyck 1432 für die Genter St. Bravo-Kathedrale geschaffenen Flügelaltar. Thema des Altars ist die Anbetung des Gotteslammes - die Schlussszene der Apokalypse des Johannes und der Einzug der Auserwählten nach dem Jüngsten Gericht in das Neue Jerusalem. Die in Ausschnitten gezeigten Adam und Eva, nackt und übergroß dargestellt, erinnern an den Sündenfall und an die Vertreibung aus dem Garten Eden.

Die Transkription des Gesprächs aus dem Rumänischen besorgte Cristian Capotescu.

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“Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?” (Teil 1)


11. Juni 2009, 23:44 Uhr

13

IIPM: Die erste Frage betrifft den historischen Ablauf der Ereignisse in Târgovişte. Wann wurde Ceauşescu in jenen Tagen hierher gebracht?

Andrei Kemenici: Am 22. Dezember um 18.30 Uhr. Einer meiner Stellvertreter holte sie von der Polizei ab und brachte sie hierher. Sie hielten vor dem Gebäude, Ceauşescu stieg als Erster aus und fragte Major Mare, wohin sie ihn gebracht hätten. Dieser antwortete, dass sie sich in unserer militärischen Einrichtung aufhielten – diese befand sich damals unter meiner Führung, ich war Garnisonskommandant und militärischer Oberbefehlshaber der Stadt Târgovişte und der gesamten Region.

IIPM: Und wie reagierte Ceauşescu darauf?

Andrei Kemenici: Er hielt noch immer an der Idee fest, die Armee sei auf seiner Seite. Bei der Polizei war er noch von einem Revolutionär untersucht worden und man hatte ihn verhaftet. Hier dagegen stand er unter militärischer Aufsicht und man sicherte ihm Sicherheitsschutz zu. Weil Elena nicht aus dem Auto steigen wollte, sagte er zu ihr:

„Steig aus dem Wagen aus. Wir sind in Sicherheit.“

IIPM: Und wo wurde er dann untergebracht?

Andrei Kemenici: Sie stiegen beide aus und draußen wurden die Lichter gelöscht. Man brachte sie auf ihr Zimmer – diese Räume waren bereits für sie vorbereitet und alle militärischen Einrichtungsgegenstände entfernt worden. Hier in diesem Zimmer war alles leer. Dieses Büro nutzte man auch als Nachtlager für vier wachhabenden Offiziere. Die ganze Zeit über stand er unter meiner persönlichen Aufsicht, während sie von zwei Offizieren und zwei Soldaten direkt bewacht wurden.

Vom 22. Dezember, um 18.30 Uhr, bis zum 25. Dezember kam hier niemand herein – bis auf sie und die Soldaten. Hier schliefen sie, hier hielten sie sich die ganze Zeit über auf. Bis auf eine Ausnahme: Das war in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, als sie zu den Kampfeinheiten gebracht worden sind. Man drohte uns mit Militärschlägen aus der Luft oder chemischen Angriffen – deshalb hatten wir Angst, hier zu bleiben und steckten sie in drei gepanzerte Wagen, mit denen wir die Nacht über aufs Feld hinausfuhren. Sie sind in einem mobilen Kommandowagen untergebracht worden, welcher im Kriegsfall unsere Kommandozentrale war – insofern waren die Unterkunftsbedingungen für sie annehmbar.

IIPM: War Ihnen damals bekannt, von wem diese Drohungen stammten?

Andrei Kemenici: Nein, wir wussten es nicht. Man hatte uns keine näheren Informationen darüber zukommen lassen. Wir standen die ganze Zeit über unter enormem Druck. Man schoss aus der Richtung des gegenüber liegenden Gymnasiums auf uns – wir feuerten mit leichten Handfeuerwaffen zurück und beschädigten nur die Fassade des Gebäudes. Weil die Entfernung zur Straße nur 25 Meter betrug und wir große Angst hatten, traf ich die Entscheidung, sie von hier weg zu bringen. Sie mussten schließlich geschützt werden, weil man sie lebendig vor Gericht stellen wollte.

IIPM: Was dachten Sie, wohin das führt? Wie lauteten Ihre Befehle?

Andrei Kemenici: In erster Linie waren wir für ihren Schutz zuständig. Ich war persönlich für Sie verantwortlich. Es kamen permanent Anfragen, ob ich mich ihrer nicht endlich entledigt hätte, denn es gab keine explizite Anweisung, sie am Leben zu lassen. Es durfte sie nur niemand lebendig hier herausholen. Angesichts der Ereignisse, die sich zwischen dem 22. und 25. abgespielt hatten, war niemand, daran interessiert – weder aus den Reihen der Revolutionäre noch aus denen der Konterrevolutionäre -, Ceauşescu am Leben zu lassen. Ich kann mich auch nach 20 Jahren nicht daran erinnern, dass es irgendjemanden gegeben hat, der auf seiner Seite gestanden ist und sich für seine Sicherheit eingesetzt hat. Alle wollten ihn umbringen. Stellen Sie sich vor, wie sich dieser Mann aus historischer Perspektive den Hass des gesamten Volkes zugezogen hat, einschließlich der Securitate. Denn diese glaubte, wir stünden auf seiner Seite – so wie Ceausescu glaubte, die Armee befände sich unter einem Oberbefehl und kämpfe damit für ihn. Beide Seiten wünschten sich seinen Tod.

Wir zehn Offiziere wachten zwischen zwei Fronten auf – die übrigen 1200 Mann wussten von nichts. Beide Seiten wollten seinen Tod, was sie nur erreichen konnten, indem sie uns zuerst töteten. Ich befand mich also die ganze Zeit in ihrer Umgebung, auch als wir mit ihnen aufs Feld hinausfuhren. Denn ich sagte mir, meine Soldaten würden sie so lange unbehelligt lassen, solange ich mich in ihrer Nähe befände. Ich war ihr Kommandant. Im Reglement der Armee kommt zuerst das Vaterland, dann der Befehlshaber, für die der Soldat mit seinem Leben einzustehen hat.

IIPM: Gab es nicht die Befürchtung, dass etwas schief gehen könnte, was zu Konsequenzen geführt hätte? Es war schließlich eine gefährliche Situation und der Umsturz hätte scheitern können.

Andrei Kemenici: Ich hatte nie Angst vor einer solchen Situation, weil ich in Bukarest gesehen hatte, was passiert worden war und wusste, dass die Armee in Temeschburg bereits die Fronten gewechselt hatte. Ich war fest vom Sieg der Revolution überzeugt. In der konkreten Situation hier wusste ich, dass er nicht entkommen konnte. Diejenigen Offiziere, die Ceauşescu bewachten, hatten den direkten Befehl von mir erhalten, diesen im Falle einer für uns auswegslosen Situation, in der wir unser Leben lassen sollten, als ersten zu erschießen. Wir befanden uns in der Situation eines Zweikampfes und wir dachten, entweder es trifft sie oder uns. Da ist eine Art Überlebenswillen in jedem von uns. Wir wussten genau, wenn es Ceauşescu gelingen sollte zu fliehen, hätte man uns dafür an die Wand gestellt. Da gab es also keinen anderen Ausweg, entweder sie oder wir, das war die Parole.

2

IIPM: Und dann kamen am 25. die vielen Leute mit den Hubschraubern an. Wie genau ist das abgelaufen?

Andrei Kemenici: Ich hoffte und forderte es auch immer wieder, dass man sie abholen kommen und sie bis zum Prozess an einen geheimen Ort schaffen würde. Denn für das vergossene Blut war es der gerechte Wunsch des Volkes, Ceauşescu den Prozess zu machen. Ich wollte, dass sie nur nach einem Prozess sterben. Das war die Diskussion zwischen uns und Bukarest. Denn entweder sie oder wir wollten Ceauşescus vor ein Gericht schaffen – das war unser sehnlichster Wunsch. Es war vereinbart worden, dass die Hubschrauber hier landen und sie abholen sollten. Es war nie die Rede von einem Prozess, der hier stattfinden sollte, man wollte sie mitnehmen und an einen anderen Ort bringen.

IIPM: Und wann war Ihnen klar, dass es hier zum Prozess kommen sollte?

Andrei Kemenici: Als die Hubschrauber gelandet waren, stieg Stănculescu als erster aus, währen die Insassen der anderen Hubschrauber drin blieben. Ich ging zu ihm hin und stellte mich vor – er war zu dieser Zeit ja Verteidigungsminister. Er sagte zu mir:

„Komm, lass sie uns holen gehen.“

Während der ganzen vier Tage und drei Nächte hatte ich Bukarest nicht mitgeteilt, dass Ceauşescus hier seien, denn ich befürchtete, dass man unser Telfon abhören würde. Stattdessen behauptete ich, dass ich sie an einem Ort 25 km von hier untergebracht hätte.

Nachdem ich mich also vorgestellt hatte, wollte ich in den Hubschrauber steigen, um mit ihnen weg zu fliegen. Bevor ich den ersten Fuß in den Hubschrauber setzte, fragte ich, wohin wir denn flögen. Man antwortete mir:

„Wir holen sie jetzt ab.“

„Ja, aber sie sind doch hier,“ antwortete ich und gab dem Fahrer des Panzers, in dem sich die Ceauşescus aufhielten, ein Zeichen sie herzufahren, damit wir sie in den Hubschrauber bringen konnten. Der Panzerwagen fuhr bis auf die andere Straßenseite und Stănculescu rief: „Zurück, zurück, zurück!“

Ich schickte den Panzerwagen an diese Mauer zurück, um eine Lösung zu finden, wie wir sie anders in den Hubschrauber bekommen konnten. Ich sagte, dass ich Rauchgranaten vorbereitet hätte, um die Übergabe der beiden zu tarnen. Denn es gab die Befürchtung, dass angesichts der mehr als 500 anwesenden Soldaten, die sie alle im Augenblick ihres Ausstieges aus dem Panzer hätten sehen können, möglicherweise etwas hätte geschehen können. So konnte man ihre Übergabe unbemerkt durchführen. Stănculescu sagte mir daraufhin:

„Lass sie dort, wo sie sind. Wir machen den gesamten Prozess hier.“

Er gab den Befehl, dass die Fallschirmjäger, Richter und alle anderen Insassen der Hubschrauber aussteigen sollten. Wir gingen zusammen durch das Gebäude und ich sollte es ihm zeigen, denn er war vorher noch nie hier gewesen. Hier war alles leer. Ceauşescus befanden sich ja noch im Panzertransporter. Sie werden im Film sehen, dass sie bevor sie hergebracht worden sind aus dem Panzerwagen ausgestiegen sind. Wir kamen also mit ihnen hierher. Hier saß Ceauşescu und Stănculescu fragte mich, was sie in diesem Raum befände. Ich sagte ihm, dass dies ein Sitzungssaal sei. Er versammelte daraufhin alle, die ihn begleitet hatten.

Hier saßen die Repräsentanten der Armee: Oberst Gheorghe Ştefan, Oberstleutnant Mateitschuk und die Staatsanwälte. Ich kannte sie damals alle nicht, heute ist das anders. Es waren drei Militärstaatsanwälte anwesend, alle in Uniform gekleidet: Gică Popa als Oberst, Nistor als Oberst und als Major Florescu. Es waren als Zivilsten und Vertreter der Revolution anwesend: Major Dan Voinea, Lucescu – der die Armbinde der Revolution trug -, Teodorescu, die zwei Verteidiger, die später zu Anklägern wurden, Tănase, der Protokollant und die wichtigsten: Voiculescu und Măgureanu. Ich hatte sie mit ihren Armbinden bereits zuvor alle im Fernsehen als Anführer der Revolution von Bukarest gesehen.

Hier an diesem Ort hat der Gerichtshof erfahren, über wen er richten würde. Stănculescu gab Voiculescu ein Zeichen und sagte ihm:

„Die beiden Terroristen, über die du richten wirst, sind Nicolae und Elena Ceauşescu.“

Alle waren sprachlos, man sah ihnen förmlich an, dass sie dieser Umstand fassungslos machte. Alle waren überrascht, die Ankläger, Verteidiger und Magistraten. Lucescu beispielsweise schreibt in einem Buch, dass er hier erst erfahren habe, über wen er da zu richten hatte. Nach allem, was sich ereignet hatte, nahm ich an, er sei der Anführer der Revolution, während der Oberbefehlshaber über die Armeestreitkräfte Stănculescu sei. Voiculescu forderte seine Kollegen auf, kein Mitleid mit den beiden zu haben, sondern sie wie zwei Kriminelle zu behandeln.

3

IIPM: Und was geschah dann mit den Ceauşescus?

Andrei Kemenici: „Ihr habt 15 Minuten Zeit, um alles vorzubereiten“, ordnete Stănculescu an und gab mir die Order, einen Raum auszuwählen, an dem der Prozess vorbereitet werden konnte. Ich stellte ihnen mehrere Büros zu Verfügung und Stănculescu sagte Folgendes:

„Hier werden wir die medizinische Untersuchung durchführen.“

Damit war mein Büro gemeint, das zu einer Ärztepraxis umfunktioniert wurde. Doch waren dort keinerlei medizinische Geräte vorhanden. Der Raum war schließlich dazu eingerichtet worden, um eine Militärbasis zu leiten. Stănculescu ordnete an, sie einzeln und der Reihe nach ins Büro bringen zu lassen, um die medizinische Untersuchung an ihnen durchzuführen. Ein Arzt aus Bukarest und einer aus unserer Basis wurden in das Büro gebracht. Dann wurde Ceauşescu ins Zimmer geführt und einer der Ärzte bat ihn, sich auszuziehen. Er reagierte überrascht darauf. Es musste ihm jemand dabei helfen, denn er war ja schon recht alt. Niemand aber traute sich, ihm zu helfen. Und er selbst hatte sich wohl seit geraumer Zeit – seit vielleicht 20 oder 30 Jahren – nicht mehr selbst entkleidet.

Er zog Mütze und Mantel aus und legte sie auf den Tisch. Der Arzt bat ihn Platz zu nehmen und Ceauşescu setzte sich auf das Bett, wo ihm der Blutdruck abgenommen wurde. Der gleichen Prozedur hatte sich auch Elena zu unterziehen.

Ein kurzer Einschub: Als sie sich noch im Panzerwagen befunden hatten und zum Hubschrauber gefahren worden sind, schließlich aber wieder abdrehten, merkte sie, dass etwas nicht stimmte und fragte ihn:

„Was ist los? Was passiert hier?“

Denn sie gingen beide davon aus, dass man sie in den Hubschrauber bringen und zurück nach Bukarest fliegen würde. Er legte ihr die Hand auf sagte:

„Bleib ruhig, Victor ist gekommen.“

An diesem Tag waren sie nach alldem was vorgefallen war in schwacher Verfassung. Am Tag des Prozesses aber sind sie richtig aufgetaut. Sie waren voller Energie, weil sie davon ausgingen, die Rettung sei nahe. Sie gingen davon aus, dass sie die medizinische Untersuchung hatten machen müssen, um auf ihre Flugtauglichkeit hin untersucht zu werden und hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass die Untersuchung der Vorbereitung auf den Prozess diente.

IIPM: Und was geschah, nachdem die medizinische Untersuchung beendet war?

Andrei Kemenici: Sie wurden direkt in den Prozesssaal gebracht. Doch bevor der Prozess nicht beendet und das Urteil verlesen worden waren, schauten sie ununterbrochen auf die Uhr und warteten auf das Ende des Gerichtsverfahrens. Diese Filmsequenzen habe ich oft gesehen, und mir ist klar, dass sie weder während der Untersuchung noch während des Prozesses von der Echtheit der Ereignisse ausgingen. Deshalb erkannte Ceauşescu das Gericht ja auch nicht an und wollte auf die Fragen nicht antworten. Sie dachten bis zum Ende, dass jemand kommen würde, um sie hier heraus zu holen.

Es war mit den Fallschirmjägern bereits abgesprochen worden, wer sie erschießen sollte. Als ihnen die Hände gebunden werden sollten, wehrten sie sich dagegen. Sie fragte die Soldaten, was hier los sei, was sie mit ihnen machten. Einer von ihnen, ich weiß nicht mehr genau, wer es war, Carlan, Cioban oder ein anderer, sagte:

„Wir führen das aus, was das Gericht beschlossen hat.“

Und Elena fragte Ceauşescu:

„Sag mir, Nicu, werden denn Menschen in Rumänien erschossen?!“

Er antwortete: „Pass auf, der Verrat ist unser ständiger Begleiter.“

Er hatte also begriffen, dass Stănculescu nicht, wie er es die ganze Zeit über noch geglaubt hatte auf ihrer Seite stand, sondern für die Revolution war.

Die Soldaten Carlan, Boieru und Ştefanescu fesselten beide, führten sie auf den Kasernenhof hinaus, brachten sie an die Mauer und erschossen sie. Einer stand rechts, der andere links von ihnen. Sie drehten sie mit dem Gesicht zur Wand um, gingen drei Schritte mit den Feuerwaffen im Anschlag zurück, ihr Magazin war voll geladen, sie konnten über 50 Schuss abgeben, und durchsiebten sie praktisch. Sie fielen zu Boden und der zuständige Offizier ordnete nach einer Weile an, das Feuer einzustellen. Über 500 Mann hatten die Exekution mit beobachten können. Die beiden Ärzte, die schon die Untersuchung vorgenommen hatten, traten an die Getöteten heran und konstatierten ihren Tod. Ihre Kadaver wurden in zwei Folien eingewickelt und in den Hubschrauber geladen, der gegen 14.30 Uhr abflog. Der gesamte Prozess hatte von 12.30-14.30 Uhr gedauert.

Gespräch, geführt mit Andrei Kemenici am 23. Februar 2009 in der Militärkaserne von Targoviste. General Kemenici war zur Zeit der rumänischen Revolution Kommandant der etwa sechzig Kilometer nördlich von Bukarest gelegenen Kaserne, in der Elena und Nicolae Ceausescus zu Tode verurteilt und erschossen wurden. Mehr zum Besuch des IIPM in der Targovister Kaserne hier.

Die dem Interview (teilweise in Ausschnitten) beigegebenen Illustrationen stammen von dem Künstler Luca Schenardi. Transkription der Aussagen Kemenicis aus dem Rumänischen: Cristian Capotescu.

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vistit IIPM



Du côté de chez Ceausescu


21. März 2009, 13:33 Uhr

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Das Anstrengende, nein: das Faszinierende an der Geschichte ist ihre Selbständigkeit. Wie eine Ziehharmonika faltet sie sich über die Jahre auf, und wenn wir glauben, sie ganz verstanden zu haben, faltet sich die Ziehharmonika wieder zusammen und lässt Töne hören, auf die wir nicht vorbereitet waren. Wo vorher ein Bild war, schön umgrenzt und auratisch, haben wir auf einmal nur noch Blickpunkte, nur noch Erzählungen und Erinnerungen. Die Geschichte ist eine Schlange, sie kriecht vorwärts, in die Zukunft. Was sie zurücklässt, sind bloss Häute, Bilder, leere Hüllen, bewohnt von redseligen Ameisen. Doch lassen wir diese Metaphern beiseite und fangen wir am Anfang an: bei den Bildern.

Meine Recherchen zu „The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu“ begannen am zweiten Weihnachtstag 1989, als das Jahr der europäischen Gefühle zu Ende ging. Die ganze Wende lang war ich vor dem Fernseher gesessen, ein neunmalkluges Kind, das einen Eistee in der Hand hielt und sich Notizen machte. Ich sah Reagan, Genscher, Kohl, ich sah die stolze polnische Gewerkschaftsbewegung, ich sah die Feuerwerke und Wagenkolonnen, ich sah die Mauer fallen und die Westdeutschen ihre Ostverwandten mit germanischer Jovialität in die Arme schliessen. Täglich erfuhr ich von neuen Völkern, die wie die Kaninchen aus dem Hut des sowjetischen Imperiums erschienen – Weissrussen, Esten, Georgier, Banaten, Tschetschenen, Ukrainer. Wie ein Gesang lag die sanfte Stimme Gorbatschows über dieser Zeit, die Wörter „Perestroika“ und „Glasnost“ standen gleichsam als Wasserzeichen am Himmel, und einige, die diesen grossartigen Abstraktionen Glauben zu schenken beschlossen hatten, sprachen bereits vom Ende der Geschichte.

Dann, am 26. Dezember, wurde der Prozess gegen die Ceausescus ausgestrahlt. Die Bilder prägten sich mir ein, wie sich mir später nur noch der Fall der Türme einprägen sollte: zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, eingehüllt in Zobelmäntel, von ihrem Volk verlassen und von den eigenen Kadern verraten. Noch redeten sie, aber gleich würden ihnen die Hände gebunden. Drei Soldaten würden sie an eine Mauer irgendwo in Rumänien führen. Nicolae würde die Internationale singen, Elena die Soldaten beschimpfen. Und dann würden die beiden erschossen werden, hektisch, fast beiläufig, mit insgesamt 90 Kugeln.

Dies eine Bild – eigentlich eine Folge von Stills, denn der integrale Prozessmitschnitt sollte erst im folgenden Frühjahr ausgestrahlt werden – war für mich, ich weiss nicht warum, der Kinderwagen auf Eisensteins Treppe. Es war dieser kurze Moment grausamer Schönheit auf der langen Neigung, auf der Osteuropa und halb Asien in ihre Zukunft schlitterten, es war dies eine, so klare und so einfache Bild, das mir von der Wende blieb: zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, kraftlos, besiegt, todgeweiht. Nicht der Fall der Mauer, nicht die Öffnung der ungarischen Grenze: die Ceausescus.

Neunzehn Jahre später, es war wieder Winter, der vorletzte Winter vor dem zwanzigjährigen Jubiläum der Wende, beschloss ich, daraus ein Theaterstück und einen Film zu machen. Ich wusste nicht genau, was ich vorhatte – den Prozess, die „letzte Stunde der Ceausescus“ auf die Bühne bringen, sagte ich. Ich fertigte Exposés an und sprach mit Historikern. Als würde ein Siegel gebrochen, entfaltete sich hinter den bekannten Prozessaufnahmen und den Bildern der triumphierenden Revolutionäre ein chaotisches Wimmelbild, ein Durcheinander von Behauptungen und Verschwörungstheorien. Warum war die Kamera ausgefallen, als die Ceausescus erschossen wurden? Warum hatten alle am Prozess Beteiligten derart schnelle Karrieren gemacht? Warum war nach der Wende kein einziger der berüchtigten Securitate-Leute gefasst worden? Die Bilder falteten sich zusammen und begannen eigenartige Töne auszuspucken. Aus der „spontanen Revolution“ wurde eine „unvollendete“, eine „gestohlene“, eine „verratene“, schliesslich ein Putsch und ein Staatsstreich. Alle möglichen Leute gaben mir Tipps und drängten mir Bücher auf. Ein ZDF-Redakteur versuchte mich zu überzeugen, einen „kritischen“ Film zu drehen, in dem, wie er sagte, der „deutsche Blick auf Rumänien“ auch eine Rolle spielen sollte – und Alexandra Maria Lara eine junge Revolutionärin. Einige exilierte Dissidenten forderten mich auf, die Rolle der CIA zu ergründen und Iliescu, dem grossen alten Mann der sozialistischen Partei, die Maske vom ewig lächelnden Gesicht zu reissen. Andrei Ujica, der Karlsruher Filmprofessor, der an der „Autobiographie des Nicolae Ceausescu“ arbeitet, sagte mir: „Die fehlenden Bilder – davon muss Dein Film handeln! Das ist es! Das muss Dein Zentrum sein!“

Und dann flog ich endlich nach Bukarest.

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Zuerst – natürlich – die Kaserne. Sie liegt in einem militärischen Sperrgebiet bei Targoviste, einer Kleinstadt nördlich von Bukarest. Targoviste ist bis ins 19. Jahrhundert hinein die Hauptstadt der Walachei (und damit Rumäniens) gewesen, riesige Armeen sind hier aufeinander getroffen, Vlad Dracul, der Freiheitsheld und Türkenpfähler, hat hier in einer schmucken Renaissance-Burg residiert. Aber da die Türken heute andere Probleme haben und Vlad Dracul seit hundert Jahren als transsylvanischer Vampir vermarktet wird, kommen keine Touristen mehr hierher, sondern fahren zweihundert Kilometer weiter in den Norden, wo Dracul zwar weder residiert noch gegen die Ungläubigen gekämpft hat, es aber mittelalterliche Schlösser und wie Wölfe heulende Strassenköter gibt. Die Lockungen Targovistes sind eher postmoderner Art. Leer stehende Industriebetriebe, suburbane Slums, Tankstellencafés, alte Männchen mit Einkaufstaschen und als Ghetto-Queens verkleidete Schülerinnen machen aus Targoviste einen Ort, der abgesehen von den Pferdewagen und der Art-Déco-Seligkeit der rumänisch-sozialistischen Architektur auch bei Berlin oder Warschau liegen könnte.

Als ich am ersten Tag meiner Reise mit einem kleinen Kamerateam nach Targoviste kam, kündigte sich bereits der Frühling an. Die Stadt roch aufreizend nach Erde, Benzin und Exkrementen, und seltsamerweise wusste keiner ihrer Einwohner, wo die Ceausescus erschossen worden waren. Die Soldaten, die uns vor dem Sperrgebiet in Empfang nahmen, waren schweigsam und jung; ernsthafte Teenager, von einigen mürrischen Offizieren beaufsichtigt, wie alle Soldaten zu allen Zeiten.

Hinter der Kontrollstelle ging es um eine Ecke, und da war sie endlich: die Kaserne, die zwanzig Jahre lang nur in einem Winkel meines Kopfs existiert hatte, die sich dort ausgedehnt und gewölbt hatte. Die Ziehharmonika, die Schlangenhaut der Weltgeschichte, Eisensteins Kinderwagen, dieser „verlassene Gedächtnisort“, wie ich sie in meinen Exposés zu nennen pflegte. Ja, da lag die Kaserne also in einem klaren, noch winterlichen Licht vor mir – ein verschnörkeltes, behagliches Landhaus. Fontane hätte hier eine seiner Offiziersromanzen ansiedeln können, mit gestriegelten Pferdchen und launigen Wortwechseln. „Sind hier wirklich die Ceausescus erschossen worden?“, fragte ich. Ich hatte eine Art Reichskanzlei, einen düsteren Führerbunker erwartet. Die Pressespecherin der Einheit nickte und scharrte freundlich mit ihren stilvollen Cowboy-Stifeletten. Ein Handy klingelte, ein Soldat kicherte. Ich war enttäuscht.

Auch drinnen war alles auf deprimierende Weise – wie soll ich sagen? – banal. Enthistorisiert. Meiner Vorstellung entfremdet. Das Zimmer, in dem die Ceausescus verurteilt worden waren, war nicht einmal halb so gross wie erwartet, ein Kabuff, in dem kaum eine Lesegruppe Platz gefunden hätte. Die Ecke, in der die beiden hinter ihrem Tischchen gesessen hatten, roch staubig, nicht nach dem sprichwörtlichen Abfallhaufen der Weltgeschichte, sondern eher nach einem stillen, aussterbenden Handwerk. „Ceausescu hat ursprünglich Schuhmacher gelernt“, informierte mich mein Dolmetscher, „er war ein sehr einfacher Mensch“. Und so ging es dann weiter: kleinbürgerlich, behaglich. Der Flur, durch den das Diktatoren-Paar in den Tod gegangen war, war zu hell für meinen Geschmack, die Tür zum Hof klemmte. Draussen pfiffen die Vögel und das Schneewasser tropfte, wie es Fontane vielleicht formuliert hätte, „lustig“ von den Dächern. An der Erschiessungsmauer schliesslich standen zwei billige Grabkerzen, als wäre hier bloss irgendeine Grosstante umgekommen. Ich rauchte eine Zigarette und erkundigte mich bei der Pressesprecherin nach ihren persönlichen Erinnerungen an die Revolution – sie hatte keine, das Thema war in der Schule nicht behandelt worden. Wir sprachen also über die Krise, die dabei war, Rumäniens Wirtschaft passend zum EU-Beitritt endgültig zu ruinieren und warteten auf General Kemenice, den ehemaligen Kommandanten der Kaserne.

Vielleicht lag es nur daran, dass die Sonne bereits tiefer stand. Vielleicht kehrte aber auch die Geschichte, die schwerfälliger arbeitet als der touristische Blick, erst nach einigen Stunden in die Kaserne zurück. Und möglicherweise war es nur General Kemenices Kleidung, der mit Pelzmütze und hochgeschlossenem Wintermantel an Ceausescu erinnerte. Mit dem Erscheinen des ehemaligen Kommandanten jedenfalls begann Targoviste endlich jene ominösen, verwirrenden Untertöne auszusenden, für die ich hierher gefahren war.

General Kemenice war ein gutaussehender Rentner, der nach jedem Satz zu meinem Dolmetscher sagte: „Übersetzen Sie wörtlich!“ Er hatte sich verständlicherweise vorgenommen, uns für dumm zu verkaufen – uns die altbekannten Geschichten von Ceausescus üblem Charakter und dem Kampf des Militärs gegen die Securitate zu erzählen. Aber der General war zu unserem Glück aus jenem emotionalen Material gemacht, aus dem, wie ich sehen sollte, viele Rumänen hergestellt sind: eine Art Lada, der langsam und störrisch anläuft und dann nicht mehr zu stoppen ist, ein Modell, das „wir haben fünfzehn Minuten“ sagt, um dann vier Stunden lang gestikulierend durch eine sehr private Version der Weltgeschichte zu rasen.

Nach einigen Präliminarien imitierte Kemenice Stimmen, riss sich die Mütze vom Kopf, stellte sich dämonisch ins Gegenlicht, sprach mit wässrigen Augen von Angst, Befehlsnotstand und „Angriffen von allen Seiten“. Drei Tage lang waren die Ceausescus in Targoviste eingesperrt gewesen, drei Tage lang hatte Kemenice aus Bukarest keine eindeutigen Befehle erhalten. Die Kaserne war klein, und der Kommandant war seinem Diktator in diesen Tagen offensichtlich sehr nah gekommen: Aus Ceausescu, dem verbohrten Stalinisten, dem politischen Idioten, dem zum byzantinischen Götzen versteinerten Schuhmacher wurde in Kemenices Geschichte ein genialer Staatsmann, der Jimmy Carter die Hand geschüttelt hatte und von der englischen Queen zum Ritter geschlagen worden war, wurde der Mann, der Moskau eine lange Nase gedreht und auf dem Platz des Himmlischen Friedens von einer Million Chinesen gefeiert worden war. Aus dem roten Dracula wurde der Tito der Karpaten, der Verteidiger Grossrumäniens und Lazarus der Machtlosen.

„Er ging wie ein sozialistischer Held in den Tod“, sagte der Kommandant vor der Erschiessungsmauer. Er dachte einen Moment nach. „Ihr hattet Hitler, wir hatten ihn“, sagte er dann. „Wer wird in zehn Jahren noch von seinen Verbrechen reden?“ Als er mein gequältes Lachen sah, fügte er mit sanfter Stimme hinzu: „Ihr hattet Bismarck. Bismarck, ja, Ceausescu war unser Bismarck. Sie kennen doch Bismarck?“

Nur fotografiert werden wollte er nicht vor der Mauer. Wir schossen unser Erinnerungsbild draussen vor der Kaserne, die nun schicksalhaft im späten Licht stand. „Diese alten Leute“, sagte die Pressesprecherin unbestimmt, als wir uns vom Kommandanten verabschiedeten. Wir waren endlich angekommen in Ceausescus Welt.

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Ceausescus Welt: Es wäre zu einfach, den Rumänen fehlende Vergangenheitsbewältigung vorzuwerfen. Es ist nur so, dass es zwei Rumänien gibt, zwei völlig verschiedene Länder. Im ersten läuft die Zeit schnurgerade wie im Geschichtsbuch, es werden Massengräber entdeckt, Seminare abgehalten, ehemaligen Securitateleuten das Leben schwer gemacht (immerhin einigen wenigen) und dokumentarische Theaterstücke produziert. Dieses erste Rumänien gründet Untersuchungskommissionen und dreht Filme wie „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage“. In diesem Rumänien tragen die Pressesprecherinnen Cowboy-Stifeletten. Es ist in Cannes und Brüssel präsent. Es ist das Land, in dem jeder mindestens drei Handys hat.

Das andere Rumänien, das Rumänien Kemenices, liegt in einem Reich, in dem die Zeit aufgehoben scheint. Fakten haben hier wenig Bedeutung, und nur Dummköpfe würden glauben, was in den Geschichtsbüchern steht. „Man kann den Daumen von vorne anschauen oder von hinten“, pflegten meine Gesprächspartner zu sagen, „und beide Male sieht er anders aus.“ Es ist jenes pseudo-dialektische Traumland, in dem das Gegenteil immer auch wahr ist. Es ist das Land, in dem zwar Leute deportiert wurden, aber man sich umsonst die Zähne ziehen lassen konnte und die Wörter „Freiheit“ oder „Widerstand“ noch eine Bedeutung hatten – denn auch die negative Melancholie ist eine Melancholie.

Wie sich in den folgenden Tagen herausstellte, in denen ich weitere Generäle, einen Soldaten aus dem Erschiessungspeloton, Intellektuelle, Kommunistenjäger, Künstler, Revolutionäre und Ceausescus halbwahnsinnig gewordenen Pflichtverteidiger traf („Es gibt zwei Nationen: Deutschland und Russland. Alles andere ist Schmuck.“) – wie sich also in diesen Tagen herausstellte, war Ceausescu keineswegs „ein sehr schwieriges Thema“, wie mich die Leiterin des Bukarester Goetheinstituts gewarnt hatte. Er war auch nicht zur Pop-Ikone geworden, was bei der Art seines Todes eigentlich erstaunlich ist. Ceausescu lebte einfach weiter in den Köpfen, ganz unscheinbar, quasi als Pensionär und ohne grosses Aufsehen von sich zu machen, so wie Millionen anderer rumänischer Pensionäre auch, die mit dem Kapitalismus nicht so richtig zu Rande kommen. Ceausescu war, so zeigte sich, der Don Quijote der Wende, der traurige Witz, den sich Rumänien geleistet hatte, das misslungene Wendemanöver. Seine schlecht gefärbten Haare, sein Provinzrumänisch, sein pathetisches Händegefuchtel, seine kleinbürgerliche Liebe zu allem Grossen, sein Ungarnhass, sein völliger Mangel an Perestroika-Chic und Wirklichkeitssinn schienen im globalisierten Rumänien etwas Romantisches, fast Subversives bekommen zu haben. Der kleine Mann vom Land stolperte durch hundert Verlierer-Geschichten und war anwesend im unverhohlenen Stolz auf den Bukarester Volkspalast (in dem heute das Parlament tagt), er spukte in den Gehirnen der alten Leute genauso wie in jenen der jungen Sensationsreporter und modelnden Import/Export-Kaufleute, mit denen ich abends Bier trank – ein eher lustiges Gespenst, ein grotesker Versuch zur nationalen Grösse, die typische, nicht ganz ernst gemeinte Retro-Phantasie eines Landes, das sich von der modernen Welt verkannt fühlt.

Elena, ja, Elena war und blieb eine Hexe, Elena bekam keine zweite Chance. Sie war nach wie vor die düstere Figur, die ich aus dem Fernsehen kannte, humorlos und ehrgeizig. Sie war nicht als Heldin gestorben, sie hatte vor der Erschiessungsmauer nicht die Internationale gesungen, sondern „Schert euch zum Teufel!“ gerufen und sich, wie der Soldat behauptete, „in die Hosen gemacht“ – ein sehr wirkungsmächtiges Zerrbild der Misogynie, denn bis heute gibt es keine Frauen in der rumänischen Politik. „Nie wieder habe ich ein menschliches Wesen, nein: irgendein Wesen getroffen, das so kalte Augen hatte“, erzählte mir eine Schauspielerin, die ihr als Kind bei einem öffentlichen Empfang einen Witz vortragen musste. Elena war und blieb das Ungeheuer im gefrorenen See der Ceausescu-Jahre, das Untier, das plötzlich hochfahren konnte und kleine Kinder, die sich einen Scherz erlaubt hatten, in den Abgrund reissen. Wo Elena war, lag Unheil in der Luft, sonst nichts.

Nicolae Ceausescu dagegen war der hochgehaltene Daumen, der auch seine schönen Seiten hatte, der trotz allem irgendwie „menschlich“ war. Ende der Neunziger war er in einer Meinungsumfrage zur zugleich beliebtesten und unbeliebtesten Figur der rumänischen Geschichte gewählt worden. Man muss sich dieses Ergebnis nicht als statistische Verteilung irgendwelcher Meinungen vorstellen (hier die Altstalinisten, dort die Demokraten), sondern eher als halb unbewussten Einerseits/Andererseits-Effekt. In meinen Gesprächen konnte sich Ceausescu jederzeit in Nebensätzen und „objektiven“ Bemerkungen zum Gottlieb Duttweiler Rumäniens mausern, ganz egal, mit wem ich sprach. Ein völlig durchgeknallter Duttweiler, natürlich, ein Duttweiler, der den Genossenschaftsgedanken, nun ja, etwas zu weit getrieben hatte. Aber hatte er nicht an den Kommunismus, hatte er nicht immerhin an irgend etwas geglaubt? War Rumänien 1989 nicht immerhin schuldenfrei gewesen? Wer hatte Rumänien denn davor bewahrt, wie die Ukraine zur Kornkammer der Sowjets zu werden, wenn nicht er, Nicolae Ceausescu? Dieses „aber“ und dieses „immerhin“, diese sympathische, postideologische Nebensatz-Existenz Ceausescus erstaunte mich. Und doch verstand ich die Anziehungskraft, die von ihm ausging, diese fast heroische Aura eines Messias der totalen Mittelmässigkeit, der sich selbst, den Durchschnittlichsten der Durchschnittlichen, den Langweiligsten aller Langweiler des kommunistischen Systems zum Gott erhoben hatte. „Wir hatten wenig, fast gar nichts“, sagte mein Dolmetscher einmal, „aber unser Nachbar hatte auch nicht mehr. Wir hatten zwei Ziegen, er hatte zwei Ziegen. Am Abend kam eine Rede von Ceausescu im Fernsehen, und dann gingen die Lichter aus. So waren alle gleich unzufrieden.“

Doch ich komme von meinem Thema ab: dem Prozess. Der Revolution. Wie gesagt, ich traf noch Dorin Carlan, den Fallschirmjäger, der die Ceausescus erschossen hatte und dann auf Nicolae sitzend – „er trug diesen dicken Pelzmantel“ – mit den beiden Leichen zurück nach Bukarest geflogen war. (Elena hatte er, da sie sogar nach der Erschiessung noch bösartig zuckte, vorher „ein paar Mal in den Kopf geschossen“.) Ich schaute bei Marius Oprea vorbei, dem berühmtesten Kommunistenjäger Rumäniens, dessen Familie sich im Schwarzwald versteckt und der sich neuerdings in Miami als Starlet des Anti-Fidelismo feiern lässt. Ich war bei Iliescu zu Besuch, dem ewig lächelnden, maohaften ersten Präsidenten des Nach-Ceausescu-Rumäniens („Er ist der letzte wahre Kommunist Europas“, hatte man mir versichert, und tatsächlich, er lieferte mir eine Universalgeschichte des Kommunismus von Rosa Luxemburg bis zu ihm selbst). Ion Caramitru, der Vorzeigerevolutionär und heutige Leiter des Nationaltheaters, erzählte mir mit donnernder Stimme einige Räuberpistolen aus den ersten Tagen der Revolte, als das Fernsehen gekapert worden war und die Schiessereien in den Strassen losgingen. (Wie Ceausescu wurde er später von der Queen zum Ritter geschlagen und spielte, ohne sich über diese Ironie aufzuregen, in „Mission Impossible“ den osteuropäischen Bösewicht.) Ich traf Schauspieler, Fernsehleute und sogenannte Spezialisten, ich sass mit der Dichterin Ana Blandiana zusammen, die nach der Wende aufgehört hatte, Gedichte zu schreiben und lieber über 1968 sprechen wollte als über 1989 (Sie hatte damals an einem Poesiefestival in Paris teilgenommen und sich über die „kindische Naivität“ der französischen Linken gewundert. Erst in Prag, wo es 1968 um die Wirklichkeit ging, fühlte sie sich wieder zu Hause.)

Oft ergab es sich, dass ich morgens einen reich gewordenen Altstalinisten, mittags einen verbitterten Dissidenten und nachmittags eine aufstrebende, in Obama verliebte Kommunistenjägerin traf – nur um abends mit einem verkappten Rassisten, der an die Theorie der „sechstausend russischen Touristen“ glaubte, die die Revolution ausgelöst hätten, einen Gulasch zu essen. Erzählte ich ihnen von den anderen, so lachten sie mir ins Gesicht:

„Das sind Dummköpfe.“

„Nun ja, einer war immerhin Professor.“

„Ich bin auch Professor. Und ich war zweimal Kulturminister. Wieviel haben Sie ihm gezahlt?“

„Nichts. Ich habe kein Geld.“

„Der Dummkopf! Aber Sie haben gut daran getan, ihm nichts zu zahlen. Er lügt nämlich. Ich habe in einem Buch nachgewiesen, dass er lügt.“

Ich sprach also mit Dummköpfen, stundenlang, tagelang, und schliesslich begann ich, sogar in meinen Träumen Interviews zu führen, wirre theoretische Gespräche, in denen Ziehharmonikas, hochgehaltene Daumen, aus Hubschraubern stürmende Fallschirmjäger und Schlangenhäute vorkamen. An einem freundlichen Morgen etwa in der Mitte meines Rumänienaufenthalts fuhr ich ins Hochsicherheitsgefängnis Jilava, um dort General Stanculescu zu treffen. Vielleicht sollte ich zum Schluss noch davon berichten.

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Revolutionen, richtige Revolutionen sind banal, sie beginnen wie die Seitensprünge in den alten Büchern. Zuerst wären da die enttäuschte Ehefrau – das Volk – und ihr Liebhaber: im Fall Rumäniens Ion Iliescu. Der Diktator, der die undankbare Rolle des gehörnten Ehemanns zu spielen hat, droht zuerst, dann bettelt er und flieht (ein Programm, das Ceausescu in wenigen Stunden hinter sich brachte). Es folgen die goldenen Tage der Euphorie, der Befreiungsreden, der hochgereckten Fäuste, der ziellos herumrasenden Autos, der weinenden Männer und der Blumen in den Gewehrläufen. Anarchie bricht aus, und der Liebhaber muss zum ersten Mal streng werden. Ein neuer Ehevertrag wird aufgesetzt. Das Volk, das eigentlich gar keine zweite Ehe beabsichtigt hat, fühlt sich betrogen. Und alles endet mit dem Tod des Ehemann-Diktators.

Was nun General Stanculescu angeht, so spielte er in dieser Komödie eine eher unrühmliche Rolle: die des besten Freunds des Ehemanns. Nachdem sich der Innenminister angesichts der aussichtslosen Lage erschossen hatte, machte ihn Ceausescu zum Oberbefehlshaber der Armee. General Stanculescu – „das allergrösste Arschloch“, wie ihn der Regisseur Andrej Ujica unfreundlicherweise nennt, aber sicher kein Dummkopf und mit einem gewissen Sinn für Slapstick begabt – klebte sich, um nicht mit den Ceausescus fliehen zu müssen, einen falschen Gipsverband ans Bein. Dann arrangierte er sich mit Iliescu. Als er am Nachmittag des 25. Dezember in Targoviste eintraf, um den Prozess zu organisieren, soll Ceausescu aufgeatmet haben. Erst wenige Minuten vor seinem Tod erkannte er das Ausmass des Verrats (er hatte sich vermutlich vorher bereits gefragt, wo denn der Gipsverband geblieben war). Stanculescu selbst war die Sache sichtbar unangenehm. Auf den Prozessaufnahmen sieht man, wie er konzentriert auf den Tisch starrt und Papierschiffchen faltet.

Doch sein Verrat sollte sich für Stanculescu nur bedingt auszahlen. Sein Leben nach der Revolution gleicht einer jener amerikanischen High-Society-Serien aus den 80ern, es hat jenen verworrenen Noir-Touch, den man aus „Dallas“ oder „Denver“ kennt. Je nach politischer Lage war Stanculescu Minister, Konzernchef, Ölhändler oder freiberuflicher Gigolo im Istanbuler Exil. Dummerweise hatte er, bevor er zu Iliescu übergelaufen war, noch einige Dutzend Demonstranten erschiessen lassen – eine Tatsache, die ihm die auf Iliescu folgende Regierung nicht zu verzeihen bereit war. Im letzten November wurde er schliesslich zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und nach Jilava gebracht, dem berüchtigten Gefängnis ausserhalb Bukarests, in dem unter anderem der Hitler-Kollaborateur Antonescu hingerichtet worden war. Und obwohl seine Frau im Verlauf dieser Ereignisse Suizid begangen hatte, obwohl er, wie mir der Gefängnisdirektor erzählte, „an allen Ecken und Enden krank“ war (unter anderem gingen zwei Hirnschläge auf sein Konto), war Stanculescu nicht der Mann, mit dem man Verständnis hätte haben können.

Trotzdem: Der Besuch bei General Stanculescu war charmant. Wie üblich war eine Stunde geplant („Er ist ein Mann des Militärs, stellen Sie klare Fragen.“), aber es wurden fast fünf daraus. Vielleicht lag es daran, dass ich es unterdessen aufgegeben hatte, die Wahrheit zu erfahren, dass ich nur noch zuhören wollte. Vielleicht hatte ich auch am Tag zuvor ein paar Bier zuviel getrunken. Aber hätte ein gnädiger Tontechniker einen Soulsong eingespielt, so hätte man aus meinem Besuch in Jilava einen hübschen Clip produzieren können. Da waren, als Opener, die Sicherheitsschleusen, die Passkontrollen, die bulligen Polizisten und langen Flure. Da war die unerlässliche Pressesprecherin, die mir zur Begrüssung erzählte, ihr Name würde auf Englisch „Ass“ bedeuten (ich nehme an, sie meinte „Ash“). Da war, als Vortänzer, der adrette Gefängnisdirektor, der durchaus als Double von Lee Hazlewood hätte durchgehen können und uns auf die baulichen Verbesserungen seit Antonescus Tagen hinwies (vier statt sechs Gefangene pro Zelle). Da war der „Club“, scheinbar der Freizeitraum der etwas besser gestellten Gefangenen, in dem wir unsere Kamera aufbauten. Und schliesslich war da der General selber: ein sorgfältig gekämmter Herr um die 80, der goldene Bowlingschuhe trug. Ein Frank Sinatra Rumäniens.

Stanculescus Aussagen waren präzis, abgesehen natürlich von der Sache mit den toten Demonstranten. Er hörte sich meine Fragen geduldig an, es war sein erstes Fernsehinterview seit seiner Verurteilung, und doch konnte man sehen, dass er ein Mann war, der sein ganzes Leben lang von Aufmerksamkeit verwöhnt worden war. Iliescu hatte er zum ersten Mal auf einer künstlerischen Soirée im September 1989 getroffen. An dem Abend trug Ion Caramitru (der „Mission Impossible“-Bösewicht und Ritter des Empire) Gedichte des rumänischen Nationalhelden Eminescu vor, sehr pathetisch und ein bisschen zu laut, wie es eben seine Art ist. Am Ende schrie Caramitru Help! ins Publikum – „ein Weckruf an Rumänien“, wie er mir erzählte – aber da flanierten Stanculescu und Iliescu bereits im Foyer und unterhielten sich über Organisatorisches.

„Warum haben Sie später, im Dezember die Macht nicht einfach selbst übernommen?“, wollte ich wissen.

„Ich habe darüber nachgedacht. Aber dann sagte ich mir, dass die Rumänen wohl keine Lust auf eine Militärdiktatur hatten. Iliescu war der richtige Mann.“

„Und wie sind Sie auf die lustige Idee mit dem Gipsverband gekommen?“

„Das war eine Idee meiner Frau. Ich sagte dem Arzt, er solle den Verband bis übers Knie machen, so sah es echter aus. Ceausescu war sehr betrübt. Er sagte: Victor, gerade jetzt musst du dir das Bein brechen! Er tat mir leid.“

„Er tat Ihnen Leid?“

„Als Mensch, ja.“

„Wie haben Sie sich in Targoviste gefühlt?“

„Als ich in die Kaserne kam, ging ich zuerst ins Zimmer des Kommandanten. Sie müssen sich vorstellen, es war Weihnachten. Der Kommandant trank gerade eine Flasche Vodka. Ich nahm die Flasche und wusch mir damit die Hände.“

„Fühlten Sie sich schuldig?“

„Nein. Das ist nur eine alte rumänische Weihnachts-Tradition.“

„Und dann, im Prozessraum? War Ihnen das unangenehm?“

„Natürlich. Aber ich bitte Sie zu beachten, dass ich nur mit der Organisation beauftragt war. Das Urteil haben andere gefällt. So war es auch bei dieser anderen Sache, die mir zur Last gelegt wird.“

„Sind Sie zu Unrecht im Gefängnis?“

Stanculescu lachte freundlich. „Ach, es ist absolut gleichgültig, ob ich hier bin oder woanders.“ Er legte den Papierstapel beiseite, auf dem er Zitate und Daten aufgeschrieben hatte.

„Wollen Sie die Wahrheit kennen?“, fragte er.

„Ja, gern.“

„Einige Leute – einige Politiker – wollen mich dafür bestrafen, dass ich den Prozess gegen die Ceausescus organisiert habe. Das ist die Wahrheit. Alles andere-“ Er brach ab und machte eine kurze Pause. „Ich werde ein Buch darüber schreiben.“

Als wir einige Stunden später wieder durch die Sicherheitsschleusen kamen und die Polizisten unseren Kofferraum öffneten, stellte ich mir vor, wie der alte Mann zusammengekrümmt hinten lag, zwischen dem Warnkreuz und dem Sanitätskasten, immer noch in den goldenen Bowlingschuhen. Unwillkürlich musste ich lachen: Stanculescu hatte in einer Welt der Wunder gelebt, er hatte sich die Weltgeschichte durchs Haar blasen lassen, er hatte Ministern mit der Pistole gedroht, er hatte Ceausescu verraten und seine Hände in Unschuld gebadet. Aber jetzt war das Spiel aus. Rumänien war mit dem EU-Beitritt und der Immobilienkrise beschäftigt. Iliescu war im Ruhestand. Caramitru spielte in Hollywood den Bösewicht. Der Fallschirmjäger Carlan bewarb sich um den Posten des Staatssekretärs für Revolutionsfragen. Die Welt war nach wie vor korrupt und grausam, aber sie wurde doch normaler, kapitalistischer, von Tag zu Tag. Es war nicht mehr nötig, mit Pistolen zu drohen oder sich Gipsverbände anzukleben.

Wir waren schon fast wieder in Bukarest, als eine Meldung im Radio kam. Ein Schwiegersohn Ceausescus hatte sich, rechtzeitig zum 20jährigen Jubiläum, die Rechte am Namen seines Schwiegervaters gesichert. Jede In-Bar, jeder T-Shirt-Hersteller, jeder Filmemacher, der am düsteren Ruhm der Ceausescus teilhaben will, muss in Zukunft Prozente an ihn zahlen. „Das ist kein Dummkopf“, sagte mein Dolmetscher grosszügig. „Das ist ein wirklich intelligenter Mann. Er wird sehr reich werden.“

Die Schlange war fort, jetzt wurden die Häute verkauft. Die Ziehharmonika spielte wieder zum Tanz auf, neue Lieder für neue Karrieren. Tatsächlich, es war absolut gleichgültig, was aus General Stanculescu wurde.

Die Reportage “Du côté de chez Ceausescu” erscheint parallel in der Aprilausgabe des Magazins “Saiten“. Der Autor dankt sämtlichen Interviewpartnern und insbesondere der Konrad Adenauer Stiftung, die ihn bei der Organisation und Durchführung der Recherchereise unterstützt hat.

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