„Keiner weiss es besser als der andere“ (Wahre Sätze)


15. Mai 2009, 08:39 Uhr

augusto_boal

„Keiner weiss es besser als der andere“, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben (Augusto Boal zitierend), und heute steht es so in der Zeitung: „Keiner weiss es besser als der andere.“ Ein schöner Satz, ich glaube, dass er wahr ist. Nein: ich fühle es, oder noch besser: ich ahne es. Denn Sätze, die wahr sind, sind von ganz besonderer Schönheit. Es ist ein Glanz in ihnen, es ist die Schönheit der Vorahnung, ein Morgenrot des geistigen Empfindens. Diese Sätze tragen die Forderung in sich, dass sie real werden, ganz einfach und banal, so wie eine Baustelle „real“ wird. Ja, Wahrheit ist zukünftig, sie ist das Ergebnis einer praktischen Beweisführung. Einige nennen sie „Zeit“, andere „Geschichte“, die dritten „Erinnerung“, „Verständnis“ oder auch „Verarbeitung“. Deshalb „muss sich zeigen“, dass etwas stimmt. Man muss es „ausprobieren“, indem man es wiederholt, rekonstruiert, irgendwann später – einige sagen: „zu spät“. Und natürlich quält uns diese Ungewissheit, dieser Aufschub, der aber die einzige wirkliche Wahrheit ist.

Wenn ich also sage, dass der von mir wiederholte und heute in der Zeitung abgedruckte Satz von Augusto Boal „wahr“ ist, dann meine ich: Es wird sich schon zeigen, dass er es ist. Jemand wird es zeigen. Doch warum gleich nach den Sternen greifen? Es reicht mir schon, wenn jemand zeigen würde, was es zum Beispiel mit meinem Leben auf sich hat. Ich denke manchmal an diesen „einen“, den Boal „keiner“ nennt: Er wird es „wissen“, so wie ich es nicht wissen kann. Und mein Leben wird im Licht dieses Wissens auf ungelenke Weise konzeptionslos erscheinen, ein grosses Durcheinander, eine ständige Abschweifung, in die dieser „keiner“ eine Linie legen wird. „Was habe ich mit meinem Leben angestellt?“, fragt Martha Grellhorn in einem Brief. „Warum habe ich es nicht besser im Griff gehabt? Die ganze Welt war mein Garten, mich bewegte, was anderen widerfuhr, Massen, Fremden. Trotzdem, das erklärt noch nicht so recht, weshalb mein eigenes Leben so durcheinander und vergeblich und zufällig war.“ Und kurz vor diesen Sätzen erinnert sich Grellhorn (seltsamer Name) an ihre Mutter, die einmal zu ihr sagte: „Als Du jung warst, hat Dich Frankreich interessiert, und Du hast den vollkommensten verfügbaren Franzosen gefunden. Dann hat Dich das Schreiben interessiert, also hast Du den Deiner Meinung nach besten Schriftsteller gefunden. Im Krieg schliesslich hat Dich die Tapferkeit interessiert, und Du hast den gefunden oder Dich von ihm finden lassen, der als der Tapferste von allen galt.“

Das ist vielleicht die ganze Geschichte über die Wahrheit: Man lebt mit anderen Menschen zusammen, weil man annimmt, dass sie’s schon wissen, was es mit einem (mit seinen Interessen) auf sich hat. „Ich sammelte gern Könige“, schrieb Martha Grellhorn, und an „England“ schätzte sie, dass „die Männer dort schöner sind und zufrieden wirken mit sich, mit dem Mannsein“. Ja, man will sich finden lassen von solchen „Männern“ wie einen Diamanten, der von einem freundlichen, nachlässigen König an die Krone gesteckt wird (einige bevorzugen natürlich perverse Prinzen). Oder man lebt mit Ideen zusammen: mit der „Tapferkeit“, dem „Stil“, mit „Frankreich“ oder „England“. Und natürlich gibt es auch einfachere, schnellere Wege. Viele meiner Freunde arbeiten in Institutionen, und ich sehe ihnen das Glück des Gefundenseins auf zehn Meter an, ich höre es am Telefon, ihre Augen strahlen wie kleine Diamanten an imaginären Königskronen, wenn sie mir sagen, dass sie „Stress“ haben. Das Stadttheater oder das Museum oder der Verlag oder die Zeitung oder die Universität gibt ihnen Arbeit auf; diese Orte sagen ihnen, wer sie sind. Denn Institutionen sind nicht bloss gefrorener, also unbeweglicher und vergangener Sinn, sie sind auch Fütterungsanstalten für unseren Hunger nach Wahrheit. Das muss man einfach akzeptieren: Der Weg der Wahrheit zu sich selbst übersteigt die Kondition des Menschen. Es kann nicht jeder ein Kohlhaas sein, es muss eine normale, alltägliche Gerechtigkeit für uns geben, gerechte Orte, Aufenthaltsorte, feste Plätze, Institutionen. Marx sagt: „Die Untersuchung der Wahrheit muss selbst wahr sein.“ Ich glaube, Marx war zu anspruchsvoll. Die Untersuchung der Wahrheit – also wir, unser Leben – kann nur „so wahr wie möglich“ sein.

Aber warum schreibe ich das alles? Ich ging heute Zigaretten holen, und an einer Ampel wurde ich Zeuge (das heisst Statist) des bekannten Phänomens: Zehn Leute warteten, dass die Ampel grün wurde, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen war. Es standen nicht einmal Kinder bei uns, denen man ein Beispiel hätte sein können. Wir warteten einfach, und wir warteten auf nichts. Ich fühlte in mir einen Zorn aufsteigen, eine Art pawlowscher Effekt meiner Schweizer Erziehung zum Deutschenhass, die man bei uns lustigerweise „Geschichtsunterricht“ nennt. Ich dachte: Genau so, wie man hier für so und so viele Minuten stehenbleibt, nur weil die Farbe der Ampel rot ist, genau so hat man in diesem Land so und so viele Leute nach Auschwitz geschickt, nur weil es auf irgendeinem Papier stand. Das ist die Wahrheit über den Mord an den Juden, dachte ich: Keine Autos weit und breit, kein Erziehungsauftrag, gar nichts, und doch tut ihr es – die Ampel weiss es eben „besser“. (Ich traute mich nicht, über die Strasse zu gehen. Und genauso wäre ich natürlich neben den abfahrenden Zügen gestanden.)

Die Zeit, die wir an dieser Strasse zusammen verbrachten, war leer. Es war keine Wahrheit darin, es war ein völlig abgeschlossener „Satz“ (abgesehen natürlich von der unheimlichen moralischen Zärtlichkeit, die einem die Folgsamkeit entrichtet, fast so, als würde sie uns um Verzeihung bitten für das, was wir in ihrem Namen tun). Gerade weil diese Zeitspanne im objektiven Sinn völlig gerecht war – für alle das Gleiche und das Gleiche ohne Grund oder Kriterium –, schloss sie das eigentliche Wesen der Wahrheit, die „ans Licht kommt“, aus sich aus. Aus dieser Situation konnte nichts entstehen, es zeigte sich nichts und würde nichts ans Licht kommen, so wie auch aus dem Mord an den Juden nichts entstehen konnte ausser einer Lücke in der Zukunft, die nie wieder jemand wird schliessen können. Aber noch etwas anderes empfand ich in diesem Moment, als wir an der Ampel standen: eine Unruhe, eine Wut. Dass man zu warten hatte, ohne dass dieses Warten irgendeinen Sinn ergab, machte die Leute um mich herum zornig. Ich spürte eine intensive Aggression in der Art, wie sie auf der Stelle traten, wie sie demonstrativ in beide Richtungen guckten, als könnten sie die Ampel so zur Vernunft bringen. Wir fühlten uns, wie Freud sagt, „unbehaglich“, wir alle hatten Lust, die Paradoxie der Situation aneinander auszulassen. Es lag eine Lynchstimmung in der Luft, die sich in meinem Inneren als automatischer Deutschenhass realisierte (als Faschismuskritik verkleidet: critique automatique). Man hätte ein Stauffenberg oder immerhin ein Willhelm Tell sein müssen, um in diesem Moment über die Strasse zu gehen.

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Nun gut, ich übertreibe. Aber es hat trotzdem keinen Sinn, darüber hinwegzusehen: Die Wahrheit hat es nicht besonders leicht mit uns. Wir grüssen sie dort, wo sie nicht ist, und deshalb sind wir „unzufrieden“, wie man so sagt. Wir wollen von ihr ergriffen, gebannt sein, wie Pawlows Hund vom Klingeln der Glocke. Gestern sah ich in einer debilen High-School-Komödie einen grossen Lachs, den ein Koch aus seinem Aquarium genommen hatte. Er schnappte nach Luft, die Kamera zoomte heran und zeigte seine hilflos saugenden Kiemen. Etwas hielt den Fisch fest, etwas Starkes, und er konnte nichts machen: das war die einzige Wahrheit im ganzen Film. Ähnlich ging es mir heute an der Ampel, ähnlich geht es mir eigentlich die ganze Zeit. Ich bin nicht bei mir (ausser ich schreibe, und auch dann nicht immer), ich stehe bloss um mich herum, fange meine herumschwirrenden Empfindungen auf, als würde jemand ständig an der Frequenz drehen. Und dann gibt es wieder Momente der Festigkeit, der Pläne, und ich fühle mich gut: das ist die Zärtlichkeit der Folgsamkeit. „Ich bin Stalinist“, sage ich ab und zu, und fühle mich dabei wie ein Volk, das nach Sibirien verschickt wird, um dort die Zukunft zu finden. Ja, manchmal will ich fest sein, in guten Händen, einem Ziel verpflichtet, die Zutat zu einem dummen kleinen Spektakel, in dem ich meine Zweifel aushauchen kann. Es fällt mir unglaublich schwer, das Wesen der Wahrheit zu akzeptieren, widerwillig gleite ich durch ihre ständig zurückweichenden Wasser, die keine Festigkeit haben. Wie ein losgelassener Flaschengeist irre ich durch mein Leben, und dann liege ich wieder bewegungslos lesend auf dem Sofa, einen ganzen Tag, „erstarrt in meiner Einsamkeit“, wie Martha Grellhorn sagt, aufgesogen vom Geschwafel der Bücher, das mich „nur leer und erschöpft zurücklässt oder lächerlich, je nachdem.“ Man ist genauso gebildet wie man nichts mit sich anzufangen weiss (vom jugendlichen Übermut mal abgesehen).

Aber Melancholie und Hoffnung sind die gleiche Bewegung, nur in umgekehrter Richtung. Und deshalb machen uns „wahre Sätze“ (die nicht selten sind, ganz im Gegenteil) zugleich traurig und nervös. Weil wir sie immer verpasst haben, weil wir es zu spät merken, weil wir nie ganz gleichzeitig zu ihnen leben können. Weil wir nie ganz und gar „gemeint“ sind. Weil es zwischen „lesen“ und „verstehen“ eine Lücke gibt. Und weil in dieser Lücke „keiner“ lebt, das heisst: jeder von uns.

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vistit IIPM



Die Wahrheit ist bestürzend schön


18. Februar 2008, 20:00 Uhr

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“Das Herz wird natürlich mitgewaschen…” – Szene aus La Voie Lactée

“Schreiben heisst sein Herz waschen”, hat Thomas Mann einmal gesagt, aber ich glaube, er hat damit gemeint: “Schreiben heisst sein Hirn waschen.” Das Herz wird natürlich mitgewaschen, so wie man, wenn man einen Mantel ins Wasser wirft, automatisch auch das Futter nass macht. Kunst ist in erster Linie eine geistige Erlebnisform. Das beste an einem Gedicht, einem Film, einem Theaterstück oder einer Reportage ist weder ihr Inhalt noch die Intensität, mit der man die emotionale oder physische Anwesenheit des Autors oder seiner Figuren empfindet (obwohl das natürlich sehr wichtig ist). Der sogenannte “Stil” wiederum ist ganz und gar unwichtig, und es ist gerade dieser vordergründige, dieser aufdringliche Hang zum Künstlerischen, zum Symbolischen, zum Stilisierten, zu diesen ganzen expressiven Oberflächlichkeiten – Knappheit, Kleinschreibung, Zeilenkürze, Empfindsamkeit, Sarkasmus, poetische Abschweifungen – es ist dieser Hang zum Kunsthandwerk, der neue deutsche Theaterstücke so viel schlechter macht als Drehbücher oder nur irgendwelche hingeworfene Produktionsnotizen.

Als ich letzthin ein Drehbuch zu einem Tatort-Film las, in dem die Sprache der Leute unumwunden wie in einem Hauptmann- oder Gorkistück abgebildet war, war ich verwundert, wie berührend, wie befreiend nach wie vor der reinste und platteste Realismus ist. Kunst schadet der Kunst, so wie die akademische Theorie der praktischen nur in den seltensten Fällen etwas nützt. Wer “Kunst machen” will, der verhält sich wie ein Phlegmatiker, der “arbeiten” will: er denkt über Szenen und Zusammenhänge des Arbeitens nach, anstatt sie herzustellen. Neunzig Prozent der heutigen Kunst tut nur dieses, nämlich zu sagen: “Ich bin Kunst” – und die meisten Kunstgattungen haben sich bereits so lange in ihren eigenen Verweiszusammenhängen aufgehalten, haben sich einen derartig gewaltigen Apparat an Musterschülern, Kritikern, Beobachtern und professionellem Aktionismus geschaffen, dass sich ihr praktisches Sensorium abgestumpft hat. Wirkliche Aktion aber (von billigem Ökonomismus, feuilletonistischem Utopiegeschwätz und irgendwelchen Triebtheorien mal abgesehen) läuft darauf hinaus, zu wissen, zu können, zu tun. Alle andere Aktion, die im Lauf der Institutionengeschichte dazu gekommen ist – Sammeln, Erklären, in Kontexte stellen, Kritisieren -, ist Ersatz, ist soziale Beschäftigungs- und Gesprächstherapie für den ewigen Schüler in uns.

Bedeutsam ist deshalb in der Kunst nur das Hier-und-Jetzt-Moment: Der Wille, einen jeweils aktuellen Denk-, Beobachtungs- oder Aktionsmoment in aller möglichen Klarheit zu beschwören und festzuhalten. Mit Klarheit ist nicht Kürze gemeint, denn kurze Wirklichkeiten gibt es nicht, es gibt nur kurze Sätze, es gibt nur einfache Gesten und minimalistische Installationen. Es geht in der Kunst um ein ganz bestimmtes Glück, um das Glück einer geistigen Form (und ich glaube, es war Pasolini, der in Anlehnung an Kafka gesagt hat: auch der soziale Kampf ist eine geistige Form). Das ist der Grund, warum man, wenn man ein paar Stunden geschrieben oder gearbeitet oder ein wirkliches Gespräch geführt hat, sich im Kopf, in den verschiedenen Willens- und Denkzentren des Hirns so wohl und rein fühlt, als hätte das ICH tatsächlich eine innere Ausdehnung und wäre nicht bloss ein ungenau funktionierendes magnetisches Feld für emotionale und soziale Vorgänge.

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“Und seine Gegner ins Feuer stiess…” – Szene aus La Voie Lactée

Ich glaube, es ist die Suche nach Wahrheit, nach einer logischen Form, nach der Gestalt des Glücks, die uns antreibt. In “Das animalische Leben der Ideen” beschreibt Harold Brodkey, wie er in einem Wald in der Nähe von Rom ein “quadratisches, spiegelndes Bassin” entdeckt: “Dieses Bassin ist von verblüffender Symmetrie – und zwischen den Bäumen auf dem unebenen Gelände spiegelt sich auch der Himmel, den man im Wald nur sporadisch erblickte, in der windgekräuselten, zweidimensionalen Wirklichkeit der Oberfläche des rechtwinklig gerahmten Bassins und bändigt die Komplexität der gewundenen Äste: Die Wahrheit ist bestürzend schön hier am Bassin.”

Ein solches Bassin ist zweifellos jeder Satz, jede dramatische Situation, jede Geste, jede Kameraeinstellung, jeder Akkordsprung – oder kann es sein. Man geht durch einen Wald, und auf einmal ist da “ein Bassin von verblüffender Symmetrie”: Die Kunst bändigt den Sinn, indem sie ihn herstellt. Ich glaube, es gibt viele Gedichte, viele Songs und viele theatrale Lichtstimmungen (um die einfachsten Beispiele zu nennen), bei denen wir fühlen, dass sie richtig sind, und wenn ich zum Beispiel höre, wie Rufus Wainwright in “Going to a Town” singt:

I’m going to a town that as already been burnt down / I’m going to a place that has already been disgraced / I´m gonna see some folks who have already been let down / I’m so tired of America…

dann überkommt mich ein sehr eigenartiges Glück, ein Überhäuftsein mit Bedeutung und Gefühl, ein Zuviel an Sinn, sanft unterströmt und begrenzt von diesem auratischen Abschiednehmen, dieser angedrohten Sinnlosigkeit der Melancholie…

Ein anderer Mann, der in den letzten Tagen so etwas wie gefühlte Symmetrie hergestellt hat in meinem Leben, ist Jean-Claude Carrière. Er hielt, als Einführung zu “La Voie Lactée” – den er zusammen mit Luis Buñuel vor vierzig Jahren geschrieben hat – eine kurze Rede im Cinemaxx am Potsdamer Platz. Carrière sprach über das surreale Zusammentreffen dieses Films, der von christlichen Häresien handelt, mit den Pariser Ereignissen des Mai 68; er versuchte zu erklären, dass es in der Geschichte des Westens eine Zeit gab, ein und ein halbes Jahrtausend lang, in der der Surrealismus in der Form der christlichen Dogmatik die Herrschaft beanspruchte – und seine Gegner ins Feuer stiess. Er erzählte, wie er sich mit Buñuel in ein abgelegenes spanisches Hotel in den Bergen zurückzog, Winter 67/68, um das Drehbuch zu schreiben, und kurz, ganz kurz sah ich eine Veranda vor mir, die auf ein abgeholztes, dürres, kaltes Spanien hinausging…

Aber das alles ist nicht sehr wichtig: Denn als Carrière sprach, schon als er auf einmal auftauchte in der ersten Reihe und die Drehbuchautorin neben mir sagte: “Nein, das ist ja Carrière. Er hat dieses wundervolle Buch geschrieben.” (“Über das Geschichtenerzählen” – tatsächlich das einzige Buch, das man zum Thema Drehbuchschreiben lesen kann, ohne sich augenblicklich zu übergeben: Carrière hat es zusammen mit Pascal Bonitzer geschrieben, welcher wiederum die geniale Komödie “Rien sur Robert” gedreht hat.) – schon in diesem Moment überkam eine sehr grosse, aber auch sehr lockere, sehr freundliche, sehr gelöste Anspannung alle Zuschauer. Obwohl Carrière der einzige wirklich berühmte Drehbuchautor in Europa ist, eine Art Zombie aus der Zeit der europäischen Avantgarde, obwohl ihm zu begegnen ein wenig so ist, als würde auf einmal jemand sagen: “Bitte, begrüssen Sie jetzt mit mir… Marcel Duchamp!” – brach keine Hysterie aus, sondern eher ein, wie soll ich sagen, ein Geneigtsein.

Fünf Sekunden lang, nachdem der Name “Carrière” gefallen war, war etwas wie Nervosität zu spüren. Aber schon als er ins Mikrofon zu sprechen begann, langsam von rechts nach links und wieder zurück gehend, legte sich eine Freundschaftlichkeit in den Raum: keine Atemlosigkeit, eher Interesse; kein Schweigen, sondern Zuhören. Es war durchaus noch möglich, etwas zu sagen, und zwei Leute hinter mir lachten sogar, aber trotzdem schien jeder bemüht zu verstehen, was Carrière über die mittelalterlichen Häresien erzählte. Carrière beherrschte den Raum nicht – wie ich das einmal bei Starobinski erlebt habe, einem Zwerg mit zwei Brillen: eine fürs Ablesen vom Manuskript, eine für den Blick ins Publikum -, und er war weit entfernt davon, irgendetwas aus der Situation zu machen und ihr einen zweiten, individuellen, zum Beispiel ironischen Sinn zu geben (“Was mache ich hier eigentlich?” oder, was das Blödeste wäre: “Ich und Buñuel…”).

Das einzige, was Carrière gab, und zwar auf eine sehr berührende, sehr eindringliche Weise, war eine Form von Wahrheit: Man erfuhr etwas darüber, was Erzählen ist und was Aufmerksamkeit, was Zuhören bedeutet. Mitten in Jean-Claude Carrières Vortrag hatte ich auf einmal eine Eingebung, das Gefühl, ich müsse mich überzeugen. Ich drehte mich, da ich weit vorne sass, zum Saal um – und wirklich: Alle Köpfe waren im exakt gleichen Winkel und in einer vollkommenen, ganz entspannten Symmetrie zu jenem Punkt hin ausgerichtet, wo Carrière, langsam hin und her gehend, in diesem Moment angekommen war. Und es war mir, als würde ich selber von dieser gemeinsamen Aufmerksamkeit, dieser warmen sozialen Plastik, diesem durch einzelne Zwischenbemerkungen verzierten Zuhören aufgehoben, als würde mir etwas eindeutig und freundlich und ganz logisch erklärt: die Gemeinschaft des Erzählens.

Die Wahrheit ist bestürzend schön.

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