Theorie der Hundestadt
31. Dezember 2007, 11:12 Uhr
Zu den vielen kleinen und grossen Gemeinheiten, die wir den Tieren zumuten, gehört auch die Popkultur. Nicht zufrieden damit, die Verlierer der Evolution zu ermorden und aufzuessen oder – wenn sie uns ein bisschen sympathisch sind – halbgefesselt, d. h. “angeleint” durch die Strassen zu führen, schrecken wir auch vor jener Erniedrigung nicht zurück, die sich im Mittelalter ab und zu der Landadel mit seinen Leibeigenen gönnte: Wir machen sie zu Darstellern oder immerhin verwirrten Zuschauern kultureller Darbietungen, die sie unmöglich verstehen können.
Gibt es etwas Traurigeres als den Blick in die Augen eines stolzen Schäferhunds, den ein postdramatischer Theaterkünstler auf die Bühne gelockt hat? Kann man sich eine tiefere Melancholie vorstellen als jene des Zwergpinschers, der von einem Szenegänger gezwungen wird, sich in einem angesagten Hinterhofclub den neusten vierfach gezwirbelten Electro-Edelshit reinzuziehen? Erzählt nicht bereits Cechow, nach Kaminer und Stalin der bekannteste russische Spassmacher aller Zeiten, von der immensen Langeweile eines “Hündchens”, das von einer “Dame” ins Theater geschleppt wird? Da aber Mensch und Tier von einem unerbittlichen Schöpfergott gezwungen sind, die gleiche Erde zu bewohnen und die gleiche Popkultur zu teilen, stellt sich die Frage: Gibt es Gegenstrategien? Gibt es Stimmen, in denen das sogenannte “Andere”, die unterdrückte Kreatur spricht? Werfen wir einen Blick nach Berlin, wo neue soziale Experimente schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder eine interessierte, engagierte Mittäterschaft finden.
Von Frühling 2003 bis Herbst 2006 wohnte ich (aus Geiz und wissenschaftlichem Forscherdrang) in dem Berliner Asozialen-Bezirk Pankow – jenseits des S-Bahn-Rings, wo die schicke Berliner Innenstadt sich in urbaner négligence übt, d. h. übergangslos in Plattenbau, Billigmärkte und zerbombte Grundstücke ausfranst. Hier, wo gemäss einer Statistik der wip 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind, sind neue philosophische Strategien gefragt. Es verwundert deshalb nicht, dass ich sowohl die Parteizentrale der Jungen NPD wie auch der Ökologischen Rechtspartei, gemäss deren Theorie jede Rasse ihren arteigenen Boden braucht, in Pankow bequem auf dem Weg in den Penny-Markt besuchen konnte. Dort wiederum empfing mich das kontemplative Schweigen und sphärische Murren der Rentner, die derart depressiv und erloschen aussahen, als würde sich unter ihrem grauen Einheitswams nicht bloss eine verquollene Alkoholikerpersönlichkeit, sondern eine Sammlung sämtlicher Dissertationen zu Heideggers Theorie des “Seins zum Tode” befinden.
Aber kommen wir nicht vom Thema ab: Denn hier geht es um Tiere, nicht um Menschen, beziehungsweise um die Mischformen zwischen beiden – also um das, was der französische Soziologe Bruno Latour einen “Hybrid” oder ein “Gemenge” nennen würde. Berlin ist die hundereichste Stadt der Welt, und Pankow, schätze ich, hat sich innerhalb dieser hochkarätigen Konkurrenz mit Einsatz und Konsequenz die Siegespalme errungen.
Kein Gang zum Dönermann, auf dem ich nicht einem Glatzkopf in Begleitung eines Schäferhunds oder einer Kampfdogge begegnete. Kein frühlingshaftes Lüftchen ohne das schwere, unverkennbare Parfum frischer Hundekacke. Da aber der Berliner und insbesondere der Pankower erst dann zufrieden ist, wenn eine Situation vollständig inhuman ist, verwendet er auch seinen Hund nicht als das, was man früher einen Gefährten nannte, also als Steigerung der eigenen Menschlichkeit, sondern als eine Art Aggressions-Akkumulator: Er quält ihn, lässt sich von ihm quälen, er zwingt ihn zu verzweifeltem Gebell und schreit ihn dann an, nur, damit der arme Hund noch lauter bellt. Aber nicht nur der Halter selber wird in Gesellschaft des Tiers erniedrigt und vertiert. Auch der Hund, mit dem Menschen durch eine Leine quasi intravenös verbunden, wird nach und nach der guten Eigenschaften seines Hundeseins entblösst. Es ist wie ein gegenseitiges Coaching, bei dem Hund und Mensch die niedersten Eigenschaften miteinander tauschen, um zu einer Metapher der Bösartigkeit zu verschmelzen.
Damit wären wir auch schon im Kern dieser interessanten mikrosozialen Strategie, die auf drei problematische Zustände zugleich antwortet: die durch die Arbeitslosigkeit bedingten Wutgefühle, das schwierige Nebeneinander von Mensch und Tier und jenes vage psychische Durcheinander, das Freud einmal, als wäre ihm der Hundehalter ein besonderes Anliegen, “das Unbehagen in der Kultur” genannt hat.
Der Hass, den der Ostberliner Nazi und der Hund von einem epistemologisch, also erkenntnismässig sehr ähnlichem Standpunkt auf die Kultur in all ihren humanen Ausformungen empfindet, kommt in dieser Hybridform von Mensch und Hund zu ganz ungeahnter Potenz und stellt eine reale gesellschaftliche Kraft dar, die sich immer lauter zu Wort meldet. Nach neuesten Schätzungen fünfmal pro Sekunde wird in Berlin ein Passant von diesem postmodernen Nazi-Hund-Gemenge, das “die Differenz zwischen Mensch und Ding leugnet” (Latour), angefallen. Schon ganze Strassenzüge werden in der Bundeshauptstadt von solchen Hybriden beherrscht, oder, um noch einmal die Worte des grossen postmodernen Soziologen Bruno Latour zu verwenden: “Die Gemenge und die Netze haben nun den ganzen Platz für sich.”
Wer handelt, frage ich mit Bruno Latour, wenn ein Hundehalter sein postmodernes Durcheinander aus Gezogenwerden, Ziehen, aus Befehl und Widerstand “praktiziert”: der Hund oder der Halter? Wer spricht, wenn ein Hybrid sein Neo-Deutsch aus Gekläff und Geschrei von sich gibt: der Mensch oder das Tier? Ja, lieber Leser: Wer begegnet uns, wenn uns ein deutscher Hundehalter begegnet?

“Von einem unerbittlichen Schöpfergott vereint”
Damit befinden wir uns an einem theoriegeschichtlich nie dagewesenen Punkt. Traditionell wurde die postmoderne Theorie nur von 20jährigen Studenten, der Berliner Volksbühne und einigen kleineren Offtheatern wörtlich genommen und von ernsthaften Intellektuellen unter dem Kapitel “gequirlter Edelshit” abgehakt. Nun, da die Hybriden in Berlin die Macht übernommen haben, ist die postmoderne Theorie erstmals sensu stricto für die Katz – beziehungsweise für den Hund. Beziehungsweise für das Gemenge von Hund, Halter und bodengerecht niederfallender Nazikacke.
Nur etwas betrübt mich dabei, obwohl ich mich natürlich für unsere vierbeinigen Freunde und ihre (noch) zweibeinigen Halter freue. Philosophische Stadtutopien hatten es nämlich früher an sich, dass sie, wie man in der Postmoderne sagte, “virtuell” waren und eher beiläufig, eher versuchsweise in die Wirklichkeit hineinragten. Platons Philosophenstadt, Speers Reichshauptstadt, Corbusiers Wohnmaschinen, die Hippiekommunen – alles bloss Gedankengebäude, die, wenn überhaupt aufgebaut, schnell wieder in sich zusammenkrachten.
Die Hundestadt, wie sie in Berlin entsteht, ist stabiler, da sie auf keinem Quentchen Grössenwahn, auf keinem Milligramm Utopie, sondern ausschliesslich auf den niedersten Instinkten ruht: auf sozialem Neid, auf dem Hass, der Einsamkeit und der Verzweiflung einer ständig wachsenden Unterschicht, die nur noch im Tier ein genauso erniedrigtes Objekt findet. Die Berliner Hundestadt ist – neben dem Faschismus, der aber die Hundefrage nicht löste und (ein verhängnisvoller Fehler!) auf der Sprache und kulturellen Symbolen als Kommunikationsmittel beharrte – die erste deutsche Sozialphilosophie, die Realität geworden ist.
Tiere aller Arten – vereinigt Euch!
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6. Februar 2008, 16:21 Uhr
also zum Hundethema gibt es einiges zu sagen, werde das bei mehr zeit auch tun, hier nur die bemerkung, dass die nazis ja gerade auch hundeliebhaber waren, eines ihrer ersten gesetze betraf soweit ich weiss, den hundeschutz. von heinrich federer, dem armen und pädophilen? pfarrerlein aus jonschwil sg, gibt es eine schöne geschichte wo an der obwaldner landsgemeinde die hundesteuer nur desahlb eingeführt wird, weil das volk sich durch eine brandrede des herrn doktors, die sich gewaschen hat und die existenz des ganzen humanismus an die hundsteuerfrage hängt, paralysiert wird, bis dann