Tränen heraldischer Seele
31. Januar 2008, 14:04 Uhr

“Von hier aus kann ich alles sehn” – Attacke der tatarischen Kavallerie
Ich habe seit langem wieder einmal bei offenem Fenster geschlafen, seit langem nichts gelesen im Bett, habe seit langen wieder einmal von Reiterhorden geträumt, von gewaltigen asiatischen Tempeln, bin dann aufgewacht in aller Früh, habe mich an den “Dunklen Kontinent” gesetzt und in vier Stunden zwei Szenen hingeschrieben. Meine Tochter lacht in der Küche, die Winterluft strömt mir wie eine Unabhängigkeits-Erklärung in den Kopf – ich bin glücklich.
Da man sich von einem Glück hinreissen lassen soll, will ich Sie mit einem Russen bekannt machen, der 35000 Gediche geschrieben hat und trotzdem gestorben ist: Dmitri Prigow, der “Patriarch des russischen Konzeptualismus”.
Ich weiss nicht sehr viel über Prigow, ausser den Stakkato-Fakten einiger dpa-Meldungen ist zu seinem Tod letztes Jahr nichts in unseren Zeitungen erschienen, aber sicher hat der kluge Boris Groys in einem verborgenen Kunstblatt einen Nachruf verfasst. Das einzige, was ich von Prigow besitze, ist ein bei Reclam Leipzig erschienener Sammelband mit dem Titel “Der Millizionär und die anderen” und zwei weitere wild lockende Titel: “Tränen heraldischer Seele” und “Der aufgelöste Prigow”.
Hier eines seiner Gedichte, von denen der Dichter, sagt die Legende, drei pro Tag geschrieben hat, ein halbes Jahrhundert lang:
Das Schnepfenfeld
Ich habe alle aufgestellt / Die einen ganz nach rechts gestellt / Die andern ganz nach links gestellt / Die übrigen erstmal zurückgestellt / Die Polen habe ich zurückgestellt / Die Franzosen habe ich zurückgestellt / Die Deutschen habe ich auch zurückgestellt / Hab meine Engel herbestellt / Und oben Raben hingestellt / Und andere Vögel hingestellt / Darunter dann ein Feld gestellt / Ein Feld zur Schlacht bereitgestellt / Ich habe Bäume draufgestellt / Hab Eichen, Fichten draufgestellt / Ich habe es mit Gras bedeckt / Mit kleinen Käfern vollgesteckt
Nun sei’s, wie ich’s mir vorgestellt! / Nun lebe man, wie ich’s bestellt! / Nun sterbe man, wie ich’s bestellt!
Drum siegen heute mal die Russen / Sind nämlich nette Jungs, die Russen / Und nette Mädchen auch, die Russen / Ertrugen Schlimmes, nicht von Russen / Drum siegen heute mal die Russen
Was soll noch werden, wenn schon jetzt / Die Erde bröcklig wird schon jetzt / Der Staub den Himmel schwärzt schon jetzt / Gesteine bersten in der Erde / Und Wasser rasen in der Erde / Und Tiere rasen in der Erde / Und Menschen laufen auf der Erde / Gehn vor und rückwärts auf der Erde / Und Vögel ziehn über die Erde / Die Raben ziehn über der Erde / Und doch sind die Tataren netter / Ich finde die Gesichter netter / Und finde Ihre Stimmen netter / Und finde Ihre Namen netter / Und find auch ihr Betragen netter / Die Russen find ich zwar adretter / Und doch sind die Tataren netter
Drum sollen die Tataren siegen / Von hier aus kann ich alles sehn / Ich sagte, die Tataren siegen / Und morgen wird man weitersehn
(1976)
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