Voltaire in Tunis


29. Dezember 2007, 09:58 Uhr

Gestern Abend dachte ich mir: Das Theater, wie lustig das doch ist! Heute früh lese ich, um mir die Zeit bis zu Ludwigs Umzug zu vertreiben, in Gides Kriegstagebüchern. Es ist erstaunlich, wie selbst Gides Sprache, der den Krieg verachtet und zur Entspannung Hölderlin im Originaltext liest, vom Faschismus durchdrungen ist. Die Zwangsvorstellungen von Dekadenz und Stärke, von der “Jugend” Deutschlands und der “Müdigkeit” Frankreichs. Trotzdem: Hitler darf nicht siegen! “Soll die ganze Arbeit eines Descartes, eines Montaignes von vorne angefangen werden?”

Dann bombardiert die Royal Air Force den Hafen von Tunis, ein starker Wind trägt die Bomben in die Stadtmitte, es gibt viele Tote, darunter sind fast keine deutschen Soldaten. Bei den Räumungsarbeiten stürzt eine Mauer zusammen und tötet noch einmal zehn, zwanzig Menschen. Gide seinerseits findet in den Trümmern einen Bücherkoffer: darunter der Dictionnaire Philosophique von Voltaire! “Der Artikel über Ravaillac, in Dialogform, ist besonders hervorzuheben.”

Bei Gide steht auch der perfideste Satz, den ich zum Holocaust jemals gelesen habe. Wie vieles aus diesen Tagebüchern stammt er aus einer ganz vergessenen Welt, aus diesem (wie der arme Gide sagen würde) “zermalmten” Europa der Vorkriegsjahrhunderte, in dem man über “das Jenseits” noch sprach wie über ein Spezialproblem der Hirnwissenschaft. Gide zitiert den Satz, ich weiss nicht, woher – ich las ihn gestern vor dem Einschlafen und zitiere ihn aus dem Kopf: “Warum sollten die nicht in dieser Welt brennen, die es in der nächsten ohnehin müssen?”

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