Wo liegt Amriswil? (Nachmittag eines Linksfaschisten)


25. September 2008, 13:19 Uhr

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Mein Grossvater, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Organisator von Lesungen tätig war, rief an einem Tag in den frühen 50ern Thomas Mann an, ob er bei ihm auftreten wolle. „Kommen Sie nach Amriswil“, sagte mein Grossvater zu Thomas Mann, „und lesen Sie was aus dem Doktor Faustus vor. Ich könnte Ihnen hundertfünfzig Franken plus Spesen anbieten.“ Denn aus Heimatliebe veranstaltete mein Grossvater die Lesungen nicht in Zürich oder immerhin in Frauenfeld, der Thurgauer Kantonshauptstadt, sondern in Amriswil, einem morbiden Fabrikdorf in der Nähe des Bodensees.
Thomas Mann antwortete: „Gern. Aber wo liegt Amriswil?“

Als ich heute früh am Concierge vorbeiging, um in mein Büro hochzufahren, las ich statt „Concierge“ das Wort „Connecticut“. „Wieso Connecticut?“, frage ich mich. Im Fahrstuhl fiel mir auf, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wo Connecticut eigentlich liegt. Während ich noch darüber nachdachte und den radikal konstruktivistischen Schluss zog, dass es ohnehin nicht feststellbar sei, ob Connecticut ausserhalb meines Kopfes existiere oder nur ein Phantasma meines Geistes sei (womit die genaue Lage keine Rolle mehr spielte), stieg eine Frau von vielleicht siebzig Jahren zu. Nach einer kurzen Begrüssung hielt sie zu meiner Überraschung eine längere Rede über den Herbst. Diese Jahreszeit, sagte sie mir, sei für sie „die schönste, die frischeste, aber auch die traurigste“, da ihr Mann in einem Herbst gestorben sei. Sie sprach mit einem angenehmen ostdeutschen Akzent, ziemlich laut, als stünden noch andere Leute dabei. Um sie zu trösten, sagte ich: „Auch mich, der keine Toten zu beklagen hat, macht der Herbst traurig. Immerhin gelegentlich.“
„Nein!“, rief die Frau, „wenn Ihre Liebsten noch leben, dann dürfen Sie nicht traurig sein!“
Ich lachte also und sagte, es sei nur ein Scherz gewesen. In der Höhe des zwölften Stockwerks entwich der Frau, die, wie sie mir erzählte, eigentlich nach unten hatte fahren wollen, ein kleiner schwefliger Furz. Ich fragte mich, wie er unter ihrem glockenförmigen Kleid hervor einen Weg hatte finden können. „Fürze sind findig“, reimte ich im Stillen.

In meinem Büro fiel mir ein, dass der Geruch nach Schwefel auch ein Hinweis auf einen epileptischen Anfall sein kann; deshalb die Behauptung von Besessenen, sie seien dem Teufel begegnet. Ich dachte ernsthaft darüber nach und entschied, die Frau im Fahrstuhl sei real gewesen und habe tatsächlich gefurzt. Eben machte ich mich über einen Band Luhmann her, da klingelte mein Telefon. Es war ein befreundeter Journalist. Er sei ein bisschen wütend, sagte er. Er fühle sich hintergangen, und dies auf eine Art und Weise, dass er sich nicht wehren könne. Seine Freundin habe ihn eben mit einem Kalabrien-Urlaub überrascht, und er hasse Kalabrien fast noch mehr als Sardinien. Sardinien, ja, Sardinien sei irgendwie geil, natürlich nur ausserhalb der Saison. „Leere. Weite. Steilküsten. Nihilismus. Mediterrane Klarheit“, erklärte er, „Camus.“ Aber Kalabrien sei ihm, wie jedem denkenden Menschen, zuwider.
„Kalabrien“, echote ich.
„Und? Was hast Du so vor?“, fragte er.
„Ich will die Macy Conferences von Kindern nachspielen lassen.“
„Die was?“
„Die Macy Conferences“, wiederholte ich geduldig. „Die Gründungskongresse der Kybernetik. Frühe 50er Jahre. Hochspannend.“
„Und worum gehts?“
„Um alles Mögliche. Wie lässt sich ein künstliches Bewusstsein bauen? Ist die Wirklichkeit wirklich? Was heisst Rückkoppelung für den Alltag? Können Maschinen lieben? Gibt es Individualität?“
„Verstehe.“
„Ja, diese ganze Thematik eben.“
„Und das willst Du von Kindern nachspielen lassen?“
„Von Erstklässlern, wenn möglich.“
„Wo findest Du die?“
„Wen?“
„Die Erstklässler.“
„Keine Ahnung. In Schultheatern. Es gibt so viele schauspielernde Kinder in Berlin.“

Ich erzählte weiter von der Sache. Irgendwann sagte mein Bekannter: „Das Projekt ist sicher ganz lustig.“ Aber ihm würde dieses Kybernetik-Revival je länger je mehr auf die Nerven gehen. Überhaupt habe er die Faxen langsam dicke. Vor drei Jahren seien der Neo-Situationismus und die Arbeitslosen dran gewesen, vorletztes Jahr der Operaismus und die Klimakatastrophe, letztes die Multitude und die Vergreisung Deutschlands, und jetzt also wieder mal die Kybernetik. „Immer die Kybernetik!“, schrie er. „Immer der Punk! Immer die 80er! Immer die Informationsgesellschaft! Immer die Realität! Immer das Imaginäre! Immer die Aussage! Immer die Verweigerung! Immer Osteuropa! Immer Afrika! Immer die Kommunikation! Immer das Geheimnis! Immer das Wissen! Immer die Intuition! Immer das Unfertige! Immer die Präzision! Immer der Kapitalismus! Immer der Untergang Amerikas!“ Er holte tief Luft und sagte: „Die wahren künstlerischen Themen sind meiner Ansicht nach: die Zukunft, das Wirtschaftssystem, die Macht und das Primitive. Darin fühle ich mich der klassischen Moderne verwandt.“
„Die Zukunft des Wirtschaftssystems?“, fragte ich dazwischen.
„Die Zukunft UND das Wirtschaftssystem.“
„Was willst Du über die Zukunft gross erzählen?“, blaffte ich. Die Art, wie er das UND betont hatte, machte mich aggressiv. „Die Zukunft ist – ich zitiere mal Heisenberg – die Zukunft ist eine black box. Ein schwarzer Kasten. Keine Ahnung, was drin ist. Ja? Die Zukunft ist die reine narzisstische Kraftmeierei. Da können wir gleich Neofuturisten werden und die Chaostheorie mit der Pfeife rauchen. Die Frage ist nur: Macht das künstlerisch Sinn? Will das überhaupt noch jemand sehen? Haben wir was damit zu tun? Und was die Wirtschaft angeht: Warum sollen wir zwei halbgebildete Würstchen so tun, als würden wir die Börse verstehen? Warum tun wir ständig so, als hätten wir Ahnung von irgendwas?“
„Naja, die Macy-Conferences verstehst Du vermutlich auch nicht so ganz“, konterte er, „ausser auf so eine verworrene, indirekte-“

„Aber die Erstklässler! Die Kinder!“, rief ich. „Das ist ja der Witz! Hör Dir mal diesen Satz an: Mein genetisches Erbe wurde ein für alle Mal durch die Begegnung einer Samen- mit einer Eizelle festgelegt. Jede meiner Zellen weiss, wie ich herzustellen bin; noch bevor sie eine Zelle meiner Leber oder meines Bluts ist, ist sie deshalb eine Zelle von mir. Ist das nicht grandios? Eine Zelle von mir. Ist das nicht schöner als Celan? Und jetzt stell Dir das mal aus dem Mund eines-“
„Weißt Du was? Ich finde das grausam egozentrisch. Die Kinder müssen sonst schon genug auswendig lernen.“
„Wieso? Wenn wir die Zeit haben, lasse ich sie noch ein kleines Interview zwischen Godard und Fritz Lang nachspielen.“

Wir redeten noch eine Weile so weiter, bis wir beide unabhängig voneinander merkten, dass es an der Zeit sei, damit aufzuhören. Wir verabschiedeten uns, indem wir uns versprachen, uns demnächst anzurufen, um uns zu verabreden, und ich las wieder Luhmann. „Man muss darauf gefasst sein“, schrieb Luhmann in seinem unnachahmlich verkrampften Stil, „dass es in absehbarer Zeit zu atomaren Explosionen kommen wird, die den Erdball verwüsten. Das wäre zweifellos ein markantes, einschneidendes, epochenwirksames Ereignis. Vorher und Nachher liesse sich deutlich unterscheiden.“

Als ich diese Sätze las und sich vor meinem inneren Auge Atompilze türmten, packte mich ein unwiderstehliches Verlangen nach den 80er Jahren. Ich hatte seit 1989 nicht mehr an die Atombombe gedacht, und da war ich gerade zwölf Jahre alt gewesen. Helligkeit, Wut und eine kraftvolle Traurigkeit um die Welt durchtosten mich. Datenströme rasten mein Rückgrat hinunter, verkrampften die Unterschenkelmuskeln und richteten die Zehenspitzen himmelwärts.

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Wie ein Süchtiger griff ich nach Meineckes Mode & Verzweiflung und las sein berühmtes Pamphlet, mit dem er – ohne es damals selber zu wissen – im Jahr 1981 das glorreiche kybernetische Jahrzehnt eröffnet hatte: „Nur die dümmsten und also die meisten unserer Generationsgenossen machen uns immer wieder den Vorwurf, Faschisten oder Kommunisten zu sein. Während diese dümmsten und dennoch bemerkenswerten Generationsgenossen ihr endgültiges Weltbild schnell erreicht haben, überprüfen wir Kybernetiker unsere Denk- und Handelsweisen durch ihre Anwendbarkeit auf die Moderne Welt, welche ja ihrerseits in permanentem Wandel ist; und so müssen wir unsere Wachsamkeit in Spiel und Revolte der ständig veränderten Situation anpassen: Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle. Es gilt, gerade die Sensibelsten Westeuropas für die Revolte zu gewinnen. Die Schwierigkeit ist nur, von den Sensibelsten das Härteste zu fordern.“

An dieser Stelle musste ich kurz auflachen. „Linksfaschist“, zischte ich. Und noch einmal: „Linksfaschist.“ Ich hatte dieses lustige Wort noch nie laut gesagt. Aber Meinecke hatte alles völlig richtig formuliert. Wieso sollten die Sensiblen nicht mal hart sein? Wieso sollten immer nur die Unsensiblen hart sein? Wem war eigentlich damit gedient? Ich erinnerte mich an einen kleinen Urlaub, den ich vor zehn Jahren in der Bretagne gemacht hatte, im westlichsten Dorf Europas: Le Conquêt. Dort warf ich mich mit einem Taucheranzug ins Meer, denn ich war irgendwie zur Überzeugung gekommen, dass Europa grosse Veränderungen bevorstanden. Stählern musste man werden. Bereit musste man sein. Tagsüber las ich, abends trank ich mit ein paar deutschfeindlichen Meeresbiologen Wein und Schnaps. Um sie zu provozieren, behauptete ich, mein Grossvater sei bei Stalingrad gefallen. Sie brausten auf, sie tobten, aber einer stellte sich auf meine Seite und sagte: „Sein Grossvater hatte nicht die Wahl.“ Ich nickte heftig, leibhaftig sah ich meinen imaginären Grossvater vor mir, wie er nach Osten marschierte. Mir traten die Tränen in die Augen, wie ich so allein im Gewühl dieser Meeresbiologen stand, ohne Grossvater. Unter perfekter Verwendung des Konjunktivs sagte ich: „Hitler hätte ihn erschiessen lassen, wenn er nicht nach Stalingrad gegangen wäre.“

Mein richtiger Grossvater war, als mein erfundener von einer russischen Kugel getroffen wurde, damit beschäftigt, vom Amriswiler Kirchturm aus die Bombardierung Friedrichshafens zu beobachten. Verbrannte Zeitungen wehten bis auf die Schweizer Seite, und die Menschen fuhren mit kleinen Booten auf den See hinaus, wo sie sich, sagte mein Grossvater, „noch in den Booten auf den Boden legten.“ Er erinnerte sich an all diese Kleinigkeiten, ganz plastisch, aber so, als hätten sie eine tiefere Bedeutung gehabt. Das war immer so bei ihm: Alles Äusserliche war für ihn ganz äusserlich und trotzdem ein Symptom von etwas völlig Innerlichem, Verborgenem. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der erzählen konnte wie er.

In seinen Tagebüchern widmete Thomas Mann dem Besuch in Amriswil (der übrigens ungefähr gleichzeitig zu den Macy Conferences stattfand und ein grosser Erfolg war) eine ganze Seite. Er lobt die Apfelplantagen und beklagt sich, dass das Amriswiler Publikum immer nur Auszüge aus den Buddenbrooks habe hören wollen und an der „modernen Wortkunst“ seines Faustus keinen Gefallen gefunden habe. „Sein ganzes Leben lang hat er aus den Buddenbrooks vorlesen müssen“, lachte mein Grossvater. Besonders aber freute ihn die Passage, in der Thomas Mann ihn und meine Grossmutter als „warmherziges, citierendes Schweizer Studentenpaar“ bezeichnete. Denn mein Grossvater hatte weder studiert noch war er ein geborener Schweizer, sondern hatte sich beides als Autodidakt angeeignet.

Als Thomas Manns Tagebücher irgendwann in den 80ern erschienen, schickte mein Grossvater uns eine Kopie der betreffenden Seite. Meine Mutter, der die Angebereien ihres Vaters schon seit ihrer frühesten Kindheit auf die Nerven gingen, sagte: „Dass er einen so kurzen Eintrag in einem so dicken Buch hat finden können – Respekt.“ Ich aber konnte es nicht fassen, dass der Name meiner Familie in einem Buch stand. So wie irgend ein anderes Wort („Haus“, „Paris“, „Sonne“), das jemand vor langer Zeit erfunden hatte.

Was bleibt noch zu sagen? In regelmässigem Rhythmus folgen Zeitalter der Ironie und der Melancholie aufeinander. Poesie und Prosa liefern sich pausenlos Gefechte um das Reich der reinen Anschauung. Die Wahrheit tritt nicht in unser Leben, um uns mit Küssen und Tränen zu wecken, aber wir alle sind unruhig, wir alle sind bereit. Manchmal denke ich: Die Welt ist nicht gross, sie ist ein kleines Zimmer, umgeben von Abgründen. Darin sitze ich und sehe aus vierzig Metern Höhe auf Berlin hinab

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3 Kommentare zu “Wo liegt Amriswil? (Nachmittag eines Linksfaschisten)”


  1. Dr. Tilo Schmidt

    Lieber Herr Rau,

    ich will ganz ehrlich sein: Ihr neuester Artikel betrübt und entsetzt mich! Hatte ich Ihre bisherigen futuristischen Pamphlete für reinen Spass gehalten, muss ich jetzt annehmen, dass es sich dabei tatsächlich um so etwas wie eine in sich geschlossene Lebenshaltung handelt. Warum dieses Lob der Härte und der Entschlossenheit? Warum diese schrecklichen Breker-Bilder? Warum diese Scherze über Stalingrad, alte Menschen, die atomare Bedrohung und den demokratischen Kunstdiskurs? Sind Sie wirklich so viel klüger als “die Dümmsten Ihrer Generationsgenossen”? Dass das alles von ätzender Satire durchtränkt ist, macht die Sache nur noch schlimmer, nur noch zweifelhafter und ja, leider muss ich es so sagen: nur noch abstossender. Wonach sehnen Sie sich eigentlich, Herr Rau? Es sollte Ihnen doch klar sein, dass gerade “die Sensibelsten”, also Menschen wie Sie (und ich zähle auch mich selber dazu), in einem kybernetischen Reich der “freiwilligen Selbstkontrolle” und der staatlich überwachten privaten “Regelkreise” keinen Platz mehr haben würden – und schon gar kein bequem eingerichtetes Zimmer, von dem man “aus vierzig Metern Höhe auf Berlin hinabsehen” kann (oder auf das brennende Friedrichshafen, je nach poetischer Gestimmtheit).

    Lieber Herr Rau, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Auch ich habe – wie Ihnen ja bekannt sein dürfte, denn Sie zitieren mich an mehreren Stellen wörtlich – in einigen meiner letzten Publikationen die Disziplin gelobt. Dies aber, und daran liegt mir sehr viel, in einem dezidiert Humboldtschen Sinne, im Sinne einer gelenkten, aber in ihren Grundzügen freien Erziehung zum selbständigen Denken. Die Art von systemischer Bewusstseinstechnologie, wie Sie sie hier feiern, kann meine Sache nicht sein und ich distanziere mich davon in aller Form. Es muss, gerade wenn man über eine gewisse Öffentlichkeit verfügt, klar zwischen Satire und Ernst getrennt werden. Luhmann ist ja, wie Sie und dieser mir unbekannte Herr Meinhof oder Meineke anzunehmen scheinen, keine Lebensschule, sondern eine, wie ich finde, interessante, aber in vielen Punkten ungenaue, selbstreferentielle und veraltete Illustration der wirtschaftlichen und technologischen Aufbruchstimmung der 80er Jahre – wie Sie ja selber an verschiedenen Stellen feststellen. Das alles liegt dreissig Jahre zurück, das alles ist langweilig, das alles gehört in andere Zusammenhänge. Das Leben ist komplizierter als alle Theorie, weshalb jede Lebens-Theorie zwangsläufig ins Unbelebte, Tote, rein Besserwisserische führt, eben in die “Reduzierung von Komplexität”, wie Ihr verehrter Herr Luhmann sagen würde. Als Kind von Eltern, die sich “in Booten auf den Boden legten”, wie Sie so schön schreiben, kann ich Sie nur bitten, den nötigen Respekt zu wahren vor Dingen, die Ihnen vielleicht nur wie die halb irreale Umwelt einer intellektuellen Landpartie vorkommen. Sie sind jung, Herr Rau. Aber das alles ist real, das alles ist wirklich und unabänderlich geschehen, an lebenden Menschen und in unserer Zeit. Daran ändert sich nichts, auch wenn sich die Geschichte auf dem Papier fiktionalisieren oder in reduktionistische theoretische Regelkreise integrieren lässt. Es ist mir klar, dass ich mich mit diesen Erörterungen als bemitleidenswerten Dummkopf ausweise, dessen “Weltbild immer schon fertig ist” und der sich dem wertfreien Fortschritt des Wissens und des Lebens starrköpfig in den Weg stellt. Aber eine Theorie ohne Ethik, d. h. ohne ständigen, reflektierten Praxisbezug, das ist eben nicht mehr als eine Theorie und sollte auch nicht für andere Zwecke benutzt werden. Es gibt, und das sage ich aus langer Lehrerfahrung, in der Praxis etwas letztlich theoretisch Unheilbares, einen Rest – aber darüber können wir einmal privat noch ausführlicher reden.

    Vielleicht sieht man sich am Literaturfestival? Ich werde die junge Autorin Aminatta Forna (Sierra Leone) im “Fokus Afrika” vorstellen. Wie ich höre, arbeiten Sie ebenfalls ab und zu über den von Ihnen so genannten “Dunklen Kontinent”. Und Ihr Macy-Conferences-Projekt interessiert mich ebenfalls sehr; auch für mich als Pädagoge stellt ja die Arbeit von z. B. Gregory Bateson eine wichtige Inspiration dar.

    Also, wie Ihr Journalistenfreund zu sagen pflegt: “Immer Afrika!”
    Und mit freundlichen Grüssen,

    Dr. Tilo Schmidt



  2. admin

    Lieber Herr Dr. Schmidt,

    Ihre Beiträge freuen mich immer besonders, denn Sie sind von grösster, also völlig subjektiver Objektivität. Ich kann Ihnen nur dadurch danken, indem ich immer neue Artikel schreibe, auf die Sie dann antworten können. Doch diesmal will ich auf Ihre Einwände gern konkreter eingehen.

    Ja, die Systemtheorie. Dass sie veraltet ist, glaube ich nicht. Sie ist ungefähr so veraltet wie es der Existenzialismus in den 50er Jahren war (also ebenfalls gut zwanzig Jahre nach seiner theoretischen Jugend), womit ich sagen will: Die Systemtheorie ist vielleicht nicht mehr allzu jugendlich, aber völlig aktuell und gerade erst dabei, sich in alle Bereiche der Populärkultur auszubreiten. Oft kommt ja eine Theorie mit Verspätung zu allgemeinem Bewusstsein, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie zuerst entstanden ist, bereits vergessen gegangen sind (im Fall der Systemtheorie sicher der wirtschaftliche Boom der 70er und 80er Jahre, die aufstrebende Computertechnologie, die sich durchsetzende Globalisierung, das sich endgültig abzeichnende Ende des Fordismus und das damit einhergehende theoretische Kränkeln des Marxismus – welcher im Übrigen noch eine viel längere Halbwertszeit hatte). Und sicher ist es kein Zufall, dass sich das momentane Revival des fröhlich-futuristischen anything goes der 80er Jahre und der Kybernetik – die beiden Cool Killer, die Totengräber der Kritischen Theorie und der Innerlichkeit, wie sie die Sechziger und die frühen Siebziger prägten – ungefähr gleichzeitig ereignen. Die politisch inkorrekten T-Shirts, die gegen das sozialdemokratische Establishment wetternden Kolumnen und die ironischen Retro-Punk-Bands sind zwar bereits wieder am Verschwinden, dafür feiert Luhmann und die Idee des ideologisch entspannten Selbstmanagments eine umso gewaltigere Renaissance. Als Wladimir Kaminer vor fünf Jahren in einem Interview gefragt wurde, ob ihn die Vorurteile gegen die Russen verletzen würden, sagte er: „Wieso? Vorurteile reduzieren die Komplexität der Welt.“ Das mag eine private Beobachtung sein, aber als ich damals das Interview las, dachte ich: „Okay, jetzt hats Luhmann also endgültig auf den Wühltisch geschafft“ – in den Alltagsdiskurs, ins normale Verständnis davon, was „die Welt zu bedeuten hat“ (auch wenn sie uns, wie der Krieg Ihren Eltern, persönlich widerfährt). Nach der Weimarer Republik und den 80ern erleben wir momentan ein weltweites Revival des zynischen Bewusstseins, oder um den Begriff zu vermeiden: einer kühlen, beobachtenden, unpersönlichen, ein bisschen besserwisserischen (aber in dieser Besserwisserei absolut wachen und leidenschaftlichen) Haltung gegenüber der Wirklichkeit. Warum?

    In einem Interview, das Jon Savage letzthin der taz gab, sagte er in Bezug auf den Atombombenabwurf 1945: „Alle Menschen wurden dadurch in Sekundenbruchteilen zu Existenzialisten, die nur für den Augenblick leben.“ Oder anders ausgedrückt: Der Abwurf der Atombombe verhalf einer Theorie, die zu dem Zeitpunkt gut zwanzig Jahre alt war, zum allgemeinen Durchbruch. Seltsam, denn ganz offensichtlich waren die 50er Jahre das absolute Gegenteil des gesellschaftlichen Klimas, in dem der Existenzialismus (oder von mir aus die Existenzialontologie) ursprünglich entstanden war: nämlich in der Gesellschaft der späten 20er Jahre, die als chaotisch, sinnlos und oberflächlich empfunden wurde und in die das „Dasein“ erst Ordnung, Motivation, Intention, Tiefe hineinbringen sollte. Heideggers und Sartres Pathos des Absurden, der klebrigen Sinnlosigkeit der Welt und des darin um Ordnung kämpfenden Egos antwortet auf eine gesellschaftliche Realität zu Beginn der 30er Jahre, die durch völlige soziale Entwurzelung, den Untergang der Demokratie und mehr oder weniger globale Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war – in der also alles auf eine Katastrophe zusteuerte. Doch seinen populärkulturellen „Siegeszug“ trat der Existenzialismus seltsamerweise erst NACH der Katastrophe an, also in einer Zeit, die an Ordentlichkeit, Vollbeschäftigung und Bürgerlichkeit weder vorher noch nachher jemals übertroffen wurde, in einer Zeit, in der die „Bedrohung“ bloss noch imaginär war, nämlich in Form eines völlig unsichtbaren und eigentlich metaphysischen Atomwaffenarsenals. Kurz zusammengefasst: Der Vorkriegs-Existenzialismus war eine Vorahnung (des Kriegs und des Holocausts), der Nachkriegs-Existenzialismus eine Erinnerung daran, eine Art Phantomschmerz, der sich aber selber als Vorahnung verstand (nämlich des „atomaren Holocausts“, wie man früher zu sagen pflegte). Daraus ergeben sich die seltsamen Widersprüche des deutschen „Wirschaftswunders“: Während seine Bürger emotional „nur für den Augenblick leben“, wird das erste wirklich funktionierende sozialstaatliche System entwickelt, das v. a. auf eine Tatsache baut: lange, sich statistisch kontinuierlich entfaltende Zeiträume, auf deren Grundlage sich eine „Partnerschaft“ zwischen Jetzt und der Zukunft aufbauen lässt – offensichtlich das völlige formale Gegenteil des existenzialistischen Lebensgefühls, das im Grund nur noch dafür da war, dem notwendigen Konsum der in Hülle und Fülle entstehenden Luxusgüter eine nervöse, verzweifelt hedonistische, eben „existenzialistische“ Bewusstseinsverfassung zur Seite zu stellen.

    Mit der Systemtheorie verhält es sich, behaupte ich, genauso: am Ende des Kalten Kriegs in einer Phase absoluter Prosperität und technologischer Hochstimmung entwickelt, in der die Kreation einer Künstlichen Intelligenz nur eine Frage der Zeit zu sein schien und die Neurologie sich zur Leitwissenschaft mauserte, kehrt sie seltsamerweise genau in einem historischen Moment wieder, in dem fast alles, aus dessen Erleben diese Theorie entstanden ist, sich ins Gegenteil verkehrt hat. Als Luhmann seine Wissenschaft der voneinander autarken autopoietischen Systeme entwickelte, schnitten sich die Prosperitätskurve des westlichen Sozialstaats und die Zerfallskurve der letzten Reste der verkrampft-bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft in einem noch nie dagewesenen Extrem reinster Antithetik. Ein wahrhaft dialektischer Moment: Ungeheuer viel intellektuelle und ökonomische Energie, völlig subjektiviert und aus allen traditionellen Bindungen befreit, steckte in einem ungeheuer leistungsstarken und perfekt verwalteten Sozialstaat, dessen Leben als „System“ unendlich schien und uns heute wie die vollendete Planwirtschaft erscheint.
    Das systemtheoretische Bewusstsein, in der kreativen Einsamkeit eines autopoietisch geschlossenen Ich-Systems befangen, vollführte so seine theoretischen und lebenstechnischen Akrobatensprünge auf einer nur scheinbar gefährlichen Höhe. Denn diese kühle, beboachtende Bewusstseinshöhe war ja nur die „Umwelt“ eines von Anfang an als quasi-ewig gedachten Netzes der objektiven Gegebenheiten: des Rechts, der Wirtschaft, der Politik undsoweiter. Dass den Hippies und Linksintellektuellen, die, wie Sie schreiben, nach wie vor auf einer Ethik bestanden (also auf einer Art Interdependenz, einer moralisch aufgetankten Kollegialität des Individuellen mit dem Allgemeinen, der verschiedenen Systeme und ihrer Umwelten), dass diesen Schlechtmachern und Langeweilern mit ironischen und herrlich destruktiven Worten ein Platzverweis erteilt wurde, liegt in der Notwendigkeit einer historischen Situation, in der jeder halbwegs geistig gesunde Mensch, der sich der „ständig veränderten Situation“ anzupassen wusste, als Künstler, Kunstverwalter oder Internettechniker Millionen scheffeln konnte. Hierhin gehören Meinecke, hierhin gehört das Pathos Luhmanns, das sich – als Produkt eines seiner Sache sicheren Verwaltungsfachmanns (der sich nicht zufällig auf die Erkenntnisse eines Verwaltungsfachmanns der 50er stützt: Parsons) – nur noch habituell, nur noch der Vollständigkeit halber im nihilistischen Licht der Atombombe sonnt. Die Kybernetik, vergessen wir das nicht, hat ihre grössten und deshalb auch vergessensten Erfolge als östliche Planwirtschaft gefeiert und nicht als Theorie des freien Unternehmers. Die Kybernetik ist die Theorie der splendid isolation, des sozial-ökonomischen Gleichgewichts und des angenehmen ideologischen Stillstands, der sich, unablässig die eigenen Probleme wälzend, als Rückkoppelung tarnt.

    Heute, da die Systemtheorie wiederkehrt, haben sich die sozialen Tatsachen in ihr Gegenteil verkehrt. Zu Luhmanns goldener Zeit eroberte (oder eher: sichtete, bzw. „beobachtete“) eine sozial- und rechtstaatlich absolut gesicherte und von Hippies bis zur Verzweiflung verhätschelte Avantgarde aus Punk-Clowns, Managern und Spasstheoretikern die Zukunft. Heute ist die sozialstaatliche Sicherheit bloss noch Erinnerung, die Hippies hätscheln niemanden mehr und es ist nun, da stimme ich Ihnen zu, nicht mehr bloss eine kleine Gruppe stählerner Breker-Intellektueller, die ohne Netz und doppelten Boden Luhmanns Two-Step-Samba tanzen („Draw a difference“, Ja oder Nein, los, entscheide dich!), sondern ganze Völker, ganze Erdkreise, bald die ganze Welt. Die grossen Systeme, in den 70ern und 80ern noch unablässig und aufdringlich kommunizierend, auf ein ständiges, geschwätziges, man kann es sich gar nicht mehr vorstellen: IDEOLOGISCHES Gleichgewicht bedacht, haben sich in tödliches Schweigen gehüllt.
    Wie anders war doch diese Welt zu Luhmanns Zeit, wie anders! Als Luhmann sich auf seinen Weg machte, befand sich Europa in einem erquickend angstdurchströmten, vom eigenen Wohlstand abgenervten Gleichgewicht. Heute, da wir seinen Lageplänen und Wegmarkierungen folgen (oder nicht), ist Luhmanns Geografie komisch irreal geworden, erzählt sie uns von einer anderen, vergessenen Welt, orientiert sie uns an Fixpunkten, die es, daran kann kein Zweifel bestehen, nicht mehr gibt. Kurzum, es ist ALLES anders geworden als in den späten 70er, frühen 80er Jahren, als Luhmann seine Theorie des entspannt erlebten Sozialstaats entwarf (und damit hellsichtig seinen Untergang und seine Auflösung beschrieb). So wie sich der Existenzialismus zu einer Zeit durchsetzte, als die Worte „Tod“ und „Nichts“ auf eine Weise verdrängt und sozialstaatlich verhindert wurden, wie zu keiner anderen Zeit, so setzt sich die Kybernetik zu einer Zeit durch, in der die Worte „System“ und „Management“, im Mittelpunkt der gewaltigsten managementverschuldeten Finanzkrise der Nachkriegszeit und des Totalzusammenbruchs aller sozialen Systeme, höchstens noch für ein trauriges Lächeln sorgen. Warum also – und ich verstehe diese Frage, denn ich stelle sie mir selber – warum also meine Feier der systemtheoretischen Lebensweise? Und damit komme ich abschliessend zum privaten Teil, der aber, wie bekannt, immer der allerobjektivste ist.

    Ich denke, dass bei meiner Begeisterung zwei Faktoren mitspielen.
    Einerseits funktioniert der Geist des Menschen antizyklisch. Sprich: Wenn das Konzept „Management“ sozial ausgedient hat, weil es keine zu managenden Arbeiter mehr gibt, von denen sich die „Manager“ überhaupt erst, primitiv strukturalistisch gesprochen, differenzieren und als solche legitimieren könnten; wenn also der postmoderne Alptraum des Strukturalismus stattgefunden hat und das „System“ (von dem aus überhaupt erst Differenzen gemacht und damit Polaritäten hergestellt werden können, in denen jeder spezielle Fall „Sinn“ bekommt) zusammengebrochen ist, dann kann jeder sich jeden Namen und jeden Titel verleihen, ohne damit „einen Unterschied“ (oder überhaupt etwas) zu machen. Die Schleusen der tautologischen Wissenschaft, die alles erklären kann, öffnen sich in dem Moment, in dem die Wissenschaft auf die „Tatsachen“, wie Hegel so schön gesagt hat, „keine Rücksicht“ mehr nehmen muss, da sich Theorie und Wirklichkeit bloss noch in paranoischem Kontakt befinden. Um so sicherer das zum „objektiven Geist“ gehörende Welt-System untergegangen ist, umso deutlicher empfinden wir uns als objektiv urteilende „Umwelt“ dieses Systems. Oder um es einfacher zu sagen: Wir alle sind „Manager“, aber wir sind Manager ohne Firma. Wir sind „unsere eigene Firma“, was zwar wie gesagt nur eine Tautologie ist, aber die Monadenhaftigkeit und existenzielle Poetisierung der Systemtheorie nach dem Ende ihrer sozialen Vorbedingungen gut beschreibt (so wie ein Aphasiker, dem das Sprachsystem entglitten ist, sagen würde, er sei „seine eigene Sprache“ oder ein Schizophrener, dem die Wirklichkeit verloren gegangen ist, er sei „seine eigene Wirklichkeit“).

    Wir haben also den seltsamen Fall, dass eine Theorie genau dann immer „stimmt“, wenn die Welt, die sie beschreiben will, in ihren produktiven Widersprüchen nicht mehr existiert. So wie in den 50ern jeder Existenzialist war, ist deshalb heute jeder Systemtheoretiker, womit ich auf das Antizyklische des poptheoretischen (Dirk Baecker sagt: „postheroischen“) Theoriesprungs, den die Systemtheorie in den letzten zehn Jahren vollzogen hat, zurückkomme: Gerade WEIL die Gesellschaft dem Spiel-und-Spass-Trieb des sozial vollabgesicherten, sich über die lächerlichen Vorurteile der Kritischen Theorie erhaben fühlenden Ich-Managers nichts mehr entgegenzusetzen hat, von dem er sich als „Umwelt“ fühlen könnte, fühlt er sich nun, da es die Welt, von der er sich hätte abheben können, nicht mehr gibt, UMSO MEHR als Umwelt (wenn auch von Nichts). Oder anders ausgedrückt: Die ganze Welt wurde, als er noch mit ihrer endgültigen Ordnung beschäftigt war, hinter Luhmanns Rücken zu einer seltsamen Sosse verrührt, in der das Luhmannsche Differentialsystem je länger je verrückter spielt. Boris Groys beispielsweise, der Luhmanns Kunsttheorie kürzlich aufgegriffen hat, sah sich gezwungen, den von Luhmann eher beiläufig erwähnten inneren Widerspruch, den jedes Kunstwerk neben den immanenten (programmatischen, stilistischen etc.) Fragen zu „bearbeiten“ hat (nämlich der, der aus seiner unumgehbaren Materialität entsteht), derart auszudehnen, dass in diese Materialität der Kunst alles (und all dies ununterscheidbar) aufgesogen wurde (Wirtschaft, Recht etc.), was Luhmann eigentlich säuberlich aus dem System der Kunst hatte als unabhängige Systeme heraushalten wollen. Es sieht so aus, als würde die momentan immer lauter werdende Rede von der „Dinglichkeit“, die die Systemtheorie mit einer eleganen epoche aus ihren Überlegungen eliminiert hat (nicht umsonst ist Luhmann Husserlianer), dieser schon bald, schon SEHR BALD den Todesstoss versetzen – und ich wäre nie glücklicher, als wenn ich selber dazu beitragen könnte.

    Aber wie dem auch sei: Bis es soweit ist, stemmt sich der systemtheoretische Geist wie einst der Hegelsche gegen die neuen sozialen Fakten und zieht gerade aus der Widersinnigkeit der Entwicklung, die auf die Dekomposition und Vermischung aller Systeme hinweist, die grösste theoretische Brillanz; denn indem er über die Fakten hinweggeht und sie also kaum oder nur wie Gott den Gläubigen im Vorbeigehen streift – wie ein Dichter sagt – „poliert“ der Geist die Welt (und sich selber). Die Dialektik oder die „Rückkopplung“ sind logisch derart machtvolle und flexible Instrumente, dass mit ihnen alles, was denkbar ist, auch erklärbar wird und eine Ordnung erhält, die umso sicherer ist, je mehr sie auf ihrer absoluten Vorläufigkeit beharrt. Vergessen wir nicht, dass der frühe, der sogenannt „romantische“ Marx der reinste Hegelianer war, den Deutschland jemals gesehen hat – und zwar bis zu dem Augenblick, als die Welt einfach „zu anders“ war, verglichen mit Hegels Theorie von ihr (die dann irgendwann „zu anders“ wurde für die eigene, Marxsche). Und vergessen wir nicht, dass gerade heute, da das Problem nicht ist, zwischen „Recht“ und „Kunst“ (z. B.) „Übergänge“ zu gewährleisten, sondern überhaupt erst zu entscheiden, ob ein Faktum nun zum Rechts- oder zum Kunstbereich gehört (und zwar ganz gleichgültig, woher man es „beobachtet“, denn diese Rede vom völlig unabhängigen „Beobachter“ ist ja von Anfang an nichts anderes als eine Kantische Haarspalterei gewesen, die schon Heisenberg durch die Einführung der experimentellen Situation überwunden hat); vergessen wir also nicht, dass gerade heute im Zeitalter des habituell schizophrenen Denkens („Ich mache Kunst, um Geld zu verdienen“; „Ich mache Politik, um schön zu sein“; „Ich mache Wissenschaft, um Macht zu bekommen.“; „Ich bin verliebt aus Wahrheitsbedürfnis“) die systemtheoretischen Unterscheidungsleistungen zwangsläufig immer feinsinniger, besessener und besserwisserischer werden – so wie ein Liebender sein Objekt gerade dann am heissesten liebt, wenn es bereits verloren ist, und seine Liebe nichts mehr weiter ist als eben „seine Liebe“.
    Insofern: Ja, niemals haben wir die Kybernetik heisser und unbedingter geliebt als heute! Niemals war uns wichtiger, dass wir als Künstler kein völlig autistisches Privatprojekt verfolgen, abgetrennt von allen anderen, sondern an der grossen und objektiven Sache „Kunst“ arbeiten! Niemals hatten wir mehr Verlangen nach einer Ideologie, die unser Leiden an der Unplanbarkeit, an der Vereinzelung und der Atomisierung unserer Begierden, die unser Kranken an unserer Hundert- und Tausendfältigkeit, die unser Auseinanderfliegen in jedem einzelnen gottverdammten Augenblick stählerner in das Ingenieursgewand eines systematisch und blind vorwärts schreitenden, quasibiologischen Experimentalsystems packt! Niemals war es uns wichtiger, das Konjunktivische unserer Existenz in die Infinitivsätze der Wissenschaft zu kleiden! Niemals bedurften wir der Kybernetik so sehr wie heute, niemals waren wir so sehr Hegelianer wie jetzt (denn, wie Luhmann, zu dessen menschlichen Qualitäten Ehrlichkeit zählte, an einer Stelle über seine Affinität zu Hegel sagt: „Der Begriff des Geistes hatte aber nur verdeckt, dass um 1800 für das Begreifen der modernen Gesellschaft noch keine Spezialtheorie zur Verfügung stand.“ Luhmann hat uns diese Theorie durch eine einfache Benennung gegeben, sie heisst Soziologie). Niemals waren wir mehr „Manager“ als heute, da nur noch der dumme Hunger unserer Seelen zu verwalten ist!

    Aber genug davon. Ich habe gesagt „einerseits“ und muss jetzt auch sagen „andererseits“. Ich tue es wie folgt, mit einem ganz kleinen Schlenker: Man hat immer wieder gesagt, dass das Entwickeln systematischer Grosstheorien eine typisch deutsche Eigenschaft ist. Die Deutschen hatten Kant, Hegel, Marx, Luhmann, alles manische Erfinder autopoietischer Theorie-Systeme, während z. B. die Franzosen nur Descartes hatten, dessen „System“ ausschliesslich dazu zu gebrauchen war, an allem und jedem zu zweifeln und sich am Ende selber dekomponierte, weil es an Gott aufgehängt war: ein Fehler, den ein Deutscher, vorausgesetzt er war nicht Jude, nie gemacht hat. (Marx ist ein leicht antideutscher Spezialfall, da er, wohl aufgrund zu langer Frankreichaufenthalte, das Spiel der Dialektik nicht IN der Theorie aufhob, sondern zwischen Theorie und Praxis verortete und damit das schönste deutsche System, das Hegelsche, zu einer empirisch verseuchten Wirtschafts-Philosophie verkommen liess. Wohl aus diesem Grund, einer „Verunreinigung“ des deutschen Denkens im Sinn Bruno Latours, hat Marx in keinem Land mehr und aus absurderen Gründen Prügel bezogen als in Deutschland. Dass ein gutes Drittel der Deutschen im Rahmen der DDR zu gut fünfzig Jahren marxistischer Praxis unter russischer Anleitung gezwungen wurden, darunter sämtliche Bewohner der Städte des deutschen Idealismus (Jena, Weimar, Berlin), gehört zu den seltsamsten und zugleich unergiebigsten Ironien der Weltgeschichte.)

    Luhmann aber ist zweifellos die Vollendung der deutschen Philosophie, die in dieser absoluten und endgültigen Deutschheit nicht einmal mehr deutsch sein muss. Deutschland ist in Luhmanns absoluter Philosophie, die durch und durch deutsch gedacht und geschrieben ist, selber derart kein Thema mehr, hier ist der deutsche Hang zum Expressiven, der sogar Hegels Prosa ab und zu hysterisiert, grosse Teile von Marx und fast den ganzen Nietzsche verwüstet, derart ins rein Bürokratische gewendet, dass es nicht einmal eine Begründung für dieses seltsame Schweigen über Deutschland geben muss oder es überhaupt nur ins Auge fallen würde. Luhmann gebührt das fast schon metaphysische Verdienst, den Kantischen Gedanken des Transzendentalen (also des einsamen, in sich abgeschlossenen, sich selber und „die Dinge“ beobachtenden Bewusstseins, den Luhmann leicht abgeändert von Husserl übernimmt) mit der Hegelschen Denkfigur der Dialektik (also der Rückkoppelung zwischen Geist und Umwelt) versöhnt zu haben und das Ganze noch, um auch den Positivismus ins Boot zu holen, mit der Biologie zu verbrüdern und in einen ausgetüftelten Jargon zwischen Kafkaesker Verwaltungstechnik, pragmatisch gewendeter Esoterik und Letzten Dingen (Atombombe etc.) zu kleiden. Deutscher als Luhmann zu denken und zu schreiben ist schlichtweg unmöglich, und es fragt sich deshalb, ob Luhmann, da es deutscher nicht geht, nicht bloss der Dichter der Wiedervereinigung und der – zweihundert schreckliche Jahre nach Hegel! – deutschen Enthistorisierung, sondern auch des endgültigen nationalstaatlichen Untergangs Deutschlands in Europa ist.
    Worauf ich damit hinauswill und damit endlich bei „andererseits“ wäre: Wie mein Grossvater, der in dem Text, über den wir hier so lange und ausführlich reden, von seinem Kirchturm sehnsüchtig ins brennende Deutschland hinüberschaut (und von seinem Enkel in eine deutsche Kriegsleiche verwandelt wird), wie der Semideutsche Meinecke, der halb aus Satire, halb aus ehrlicher Erregung den stählernen Jargon der technologisch aufgerüsteten Idealisten (die sich selber Futuristen, manchmal auch Faschisten oder Kommunisten nannten) imitiert – wie diese beiden Beobachter Deutschlands beobachte auch ich, mich dabei selber beobachtend, Deutschland, das nirgendwo begrifflich glänzender und, nach kurzem Realkontakt, schöner im reinen Begriff untergeht wie in Luhmanns Pathos des „Systems“ (welches, wie bei Fichte, endlich auch wieder eine subjektive Beobachtereinsamkeit und eine Naturwissenschaft sein darf)! Ich liebe Luhmann, weil ich Deutscher sein will, aber nur Schweizer-Deutscher bin! Ich liebe ihn, weil er gross denkt, wo ich klein bin! Ich folge seinen Worten, weil seine Worte in die totale theoretische Erfüllung führen, wie nur der deutsche Idealismus sie seinen Liebhabern gewährt!
    Kybernetik! Deutschschweiz! Glück!
    Dreieinig seid ihr, nicht zu trennen!

    Ich sage aber voraus: Luhmann wird an seinem Kantischen Anteil zugrunde gehen. Denn Hegel, und es ist ja fast alles Hegel an Luhmann, ist unverwüstlich. Man kann ihn nicht widerlegen. Man kann nur aufhören, ihn zu lesen.

    Ich hoffe, mit diesen knappen Überlegungen auf Ihre Einwände angemessen geantwortet zu haben, freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge und grüsse Sie freundlich!

    Der Herausgeber



  3. Dr. Des. Rolf Bossart

    Lieber Herr Rau

    Als ein klassischer Neolinker, der sich weigert, die platonische Ideenwelt, in der er zu Hause ist und derer er zur Wirklichkeitskontaminierung bedarf, nur als Scheinkontrast zur harten Realität zu verstehen, habe ich für Luhmann, der “seinen” ganzen Idealismus weg vom heissen Sonnenlicht in Platons Höhle, als doppelte Täuschung der dorten Gefesselten, hineingezogen hat, ohne Furcht vor und ohne Mitleid mit ihnen, weil ihrer gar nicht achtend, nur Verachtung übrig. Verachtung! keine “unergiebige Ironie”. Herr Rau, mit Brecht: trotzdem es mir nicht immer recht ist, was sie sagen, bin ich doch sehr einverstanden mit Ihnen. Das, was sie mit Liebe meinen ist Verachtung und das, was sie mit Liebe nicht meinen ist auch Verachtung. Aber es bleibt ihnen dann zu lieben noch immer, was sie weder meinen noch nicht meinen, eine Art negative Theologie der Liebe. Die einzige, die die Emotionen und die innere Haltung nicht verdirbt, bevor sie sie freisetzt, und freigesetzt ist bei ihnen eine ganze Menge und dafür, mein lieber Rau, liebe ich sie. Dr. Schmidt fragt sie wonach sie sich sehnen? Ich meine nach einer Welt, in der das Unbehagen an der Ethik jenem an der Wirklichkeit wieder den Vortritt gibt. Nach einer Welt in der die Enttäuschung über das moralische Ungenügen der Menschen und ihrer Systeme nicht mehr mit Aufklärung gleichgesetzt wird, sondern im Gegenteil mit Realitätsverlust. Der Witz dieser Art Metasysteme ist gerade, dass sie das, wo sie drüber stehen, den anderen unterziehen. Universalisierend heisst: es werden konkurrierende Systeme miteinander verträglich gemacht: “der Anspruch, den jedes System für sich erhebt, kann nur in der Weise erhalten bleiben in einem System, das diese Systeme miteinander vereibart, dass etwas gefunden wird, was die universalisierende Funktion für diese Vereinbarung übernimmt.” so Klaus Heinrich. Das heisst nichts Einzelnes wird systematisiert nichts Reales oder Konkretes, sondern nur Systeme. Wenn Luhmann derjenige ist, und alles deutet darauf hin, dem das endgültig und rein und machtvoll gelungen ist, dann hat sich der Deutsche Geist um das Beste was er hatte gebracht, die Bestätigung des Realen durch Flucht vor ihm. Erst wenn niemand mehr zu fliehen braucht, weil er das, was ihn betrifft, nicht mehr ernst nimmt, droht der Nihilismus. Dann erst werde ich mit Raus theoretischer Ambition nicht nur wie bereits gesagt, einverstanden sein, sondern sie auch selber anwenden können, die heute schon versuchsweise einen Weg aus dieser Aporie zu gehen wagt, so wie der junge Hegel nach Kant und wie der junge Marx nach Hegel. So der junge Rau nach luhmann? Ohne “unergiebige Ironie”, sondern im Interesse am Neuen.

    Und überhaput, dass alles so unglaublich schön geschrieben ist…



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