Wünschen Sie die Erlösung Europas?
30. Dezember 2007, 13:47 Uhr
Nicht mal zu träumen wagt man sich im Ich, immer steht man bloss halb ausserhalb, das Ich aus dem Kreis der Schaulustigen oder irgendwelcher Sinnzusammenhänge anstarrend. Nur die Angst und die Euphorie oder nur die Verwunderung, die dieses Ich erleben muss, die fühlt man mit, die ist ein eigenes Etwas: ein atmosphärisches Gefühl zum Beispiel, also ein Nachgefühl, eine Erinnerung an diese Seltsamkeit, SICH-SELBER-ZU-SEIN, ein Hirn in einem Körper, ein Leben in einer Situation, die man, dann auf einmal wach und mit kratzigem Hals, noch eine Weile mit sich rumträgt.
Heute Nacht wieder einen dieser nervösen, düsteren Träume gehabt: Irgendwelche Kunst-Beauftragte bereiten ein Schauspiel vor in einem gewaltig grauen Theaterspielhaus, in Polen oder Lettland oder Weissrussland, ein grossartiges Ereignis, irgendwas Absurdes, vermutlich Havel, Mrozek oder Majakowski, und mir ist, träumend, sogar träumend ist mir halb schlecht, wenn ich an den langweiligen, aufgesetzten Kunst-Blödsinn denke, den diese professionellen polnischen oder lettischen oder weissrussischen Spass-Vernichter sich vermutlich ausgedacht haben, aber dann geht mir, träumend, ein Feuilletongedanke durch den Kopf, nämlich: “Bei den Polen ist das Theater sicher ganz anders.” Während ich also da in meinem Traum stehe und auf die Exotik des polnischen Theaters hoffe, während ich mir ausmale, dass es in Polen oder Weissrussland diese blöde angelernte Regie- und Schauspielkunst möglicherweise nicht gibt, so wie es, denke ich mir, in diesen Ländern vermutlich auch kein “funktionierendes Gesundheitssystem” gibt oder an jeder Ecke ein “funktionierendes Kulturzentrum” mit zwanzig Jungdramaturgen und Kunststudentinnen, die an irgendeinem Programmheft feilen, in dem die Popkultur und die Hochkultur und die Wissenschaft und der Punk und die kleingeschriebene Poesie und die immer gleiche französische Theorie Debord/Derrida/Deleuze wieder einmal eine ihrer biederen kleinscheisserischen Hochzeiten eingehen, so wie es (denke ich) DORT, im Polen/Weissrussland/Lettland meiner Träume auch eine “funktionierende Kanalisation” nicht gibt oder eine “funktionierende Demokratie” und den ganzen Quatsch, so gibt es DORT eben auch keine “funktionierende Theaterkunst”, Gott sei’s gedankt – und während ich all das so denke, mitten in meinem Traum stehend, von Feuilleton-Hoffnungen beruhigt, während ich da so stehe und meine kleine Tochter auf dem Arm halte: sehe ich, wie auf meine Frau, die etwas abseits steht und ein polnisches/weissrussisches/lettisches Bier trinkt, plötzlich ein osteuropäischer Intellektueller zutritt, vermutlich ein Schauspieler. Er grüsst sie sehr höflich, bleibt wippend, den Kopf etwas vorgestreckt und freundlich nickend stehen und fragt sie: Wie ihr das Stück denn gefallen habe – Did you enjoy our play?
Meine Frau sagt etwas, das ich nicht verstehen kann, es muss aber was Lustiges, was Kluges gewesen sein, denn beide lachen. Ich fühle einen ganz sanften Stich und will auf die beiden zugehen. Immerhin ist sie meine Frau, und wenn sie was Lustiges sagt, dann sollte zuallererst ICH darüber lachen. Und wieso eigentlich: Did you enjoy the play? Dieses play hat doch, denke ich mit etwas Verachtung, noch gar nicht stattgefunden. Dann bleibe ich aber doch stehen, denn ich habe keine Lust, mich in meinem schlechten Englisch abzumühen (obwohl natürlich, beruhige ich mich, das Englisch dieser Osteuropäer mit Sicherheit noch ein bisschen schlechter ist. Es sei denn, es handelt sich um Polen, die ja vor Amerika auf den Knien kriechen und deshalb, um die Befehle der ambassadors in Warschau/Krakau/Danzig auch richtig verstehen zu können, gutes Amerikanisch sprechen müssen.)
Ich bleibe also – da ich den Moment jetzt endgültig verpasst habe – wie angewurzelt stehen, in eifersüchtige, immer antipolnischere Gedanken versenkt, und meine Tochter, die auf meinem Arm eingeschlafen ist, kraust kritisch die Stirn und zieht ihren Mund zu einer Art beleidigtem “Oh” zusammen, als die zwei Schauspieler – denn auf einmal sind es zwei! – bei meiner Frau in ein völlig übertriebenes, ja: weibisches Salon-Löwen-Lachen ausbrechen und sich in irgendeinem Slawisch kleine Satzfragmente zurufen, vermutlich Auszüge aus dem, was meine Frau gerade gesagt hat. Einige weitere osteuropäische Künstler, die zufällig vorbei schlendern und das Lachen gehört haben, gesellen sich dazu. Sie begrüssen meine Frau wie eine alte Bekannte – das erstaunt mich kaum mehr, macht mich nur noch verbitterter -, um mit ihr über dieses verdammte Stück zu sprechen, das, soweit ich weiss, noch gar nicht gespielt wurde.
Quälend langsam vergeht meine Traum-Zeit. Nun hat sich schon eine ganze Horde von Polen oder Weissrussen um meine Frau geschart – “Rundköpfe”, wie ich sie bei mir nenne -, ich sehe meine Frau nur noch für Sekundenbruchteile, spotartig, wenn die Körper dieser weibischen osteuropäischen Künstler zufällig eine Lücke lassen. Bei dem ganzen Lärm um ein nichtgespieltes Stück ist meine Tochter aufgewacht, und ich fahre ihr mit dem kleinen Finger über die Augenbrauen, damit sie wieder einschläft, während ich weiter Ausschau halte nach einem Gesichts- oder Haarfragment meiner Frau in den mal hier, mal dort sich auftuenden Zwischenräumen in der polnischen Kunstszene. Als meine Tochter kurz aufschreit und sich zwei osteuropäische Künstler nach mir umblicken, fühle ich Scham, vermischt mit etwas Wut: weil mein Kind schreit und weil sich niemand zu mir gesellen will. Ich bekomme ernsthafte Lust, ein wenig an der Bar herum zu zündeln, ziehe eine Brandlegung in Erwägung, erinnere mich dann aber, dass ich ja nur eine Hand frei habe – was höchstens für ein Degen- oder Pistolenduell ausreichen würde, bei dem ich wiederum einem Polen, der ja zwangsläufig adlig ist, weit unterlegen wäre. Als hätte ich bereits Blei im Körper, gehe ich langsam auf eine offen stehende Verandatür zu.
Draussen, wo ich die Taiga erwartet habe oder immerhin einen scharfen russischen Wind, liegt das Thurgau. In sanften Schwüngen fallen die Hügel ab bis zum Bodensee. Die Zweige der Obstbäume biegen sich in einem ganz nachlässigen Morgenwind, die Früchte sind von der ersten Sonne wie verzinkt. Meine Tochter schläft wieder. Ich höre einen Ast brechen, da reiten zwei Schulmädchen auf mich zu. Steif aufgerichtet sitzen sie in den Sätteln, kleine, ernsthafte Mädchen mit gesteppten Windjacken und riesigen Nasen. Bei mir bleiben sie stehen und blicken in die Landschaft hinaus.
“Was haben wir als erstes?”
“Reli.”
“Ach, Jesus Maria.”
Dann bückt sich die eine, die einen grossen Fleck am Hals hat und vermutlich Geige spielt, zu mir herunter: “Guten Tag.” Ich nicke ihr zu. Ihr Pferd schnaubt und schüttelt den Kopf. Nachdem sie es kurz gezüchtigt hat, blickt das Mädchen mich ironisch an und fragt:
“Wünschen Sie die Erlösung Europas?”
Da seufzt meine Tochter im Schlaf und lässt ein Fäustchen hochzucken, das langsam, ganz langsam wieder auf ihren Bauch hinunter sinkt. Mir wird so unendlich leicht ums Herz. Ich gucke zu dem Mädchen hoch und sage: “Nein, danke.”

Konstruktionsplan für ein absurdes polnisches Theaterstück
















